Bundesbildungsbericht 2012: Jeder fünfte Schüler hat keine Chance

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Schlechtes Zeugnis für die Bildungsrepublik: Ein neuer Bericht dokumentiert zwar einige Fortschritte an Schulen und Unis, doch viele Kinder können vom Aufstieg nur träumen. "Es bleibt ein stabiler Sockel der Abgehängten", warnen die Autoren der Studie.

"Sockel der Abgehängten": So steht es um das deutsche Bildungssystem Fotos
DPA

Am Donnerstagabend stimmte der Präsident der Kultusminister noch einmal das Loblied auf den Bildungsföderalismus an. Hamburgs Schulsenator Ties Rabe (SPD) und seine Länderkollegen trafen sich zum Jahresempfang - da verglich Rabe die ständige Konferenz der Kultusminister (KMK) launig mit Napoleons Armee: Weil der vom Feldherrnhügel nicht weit genug ins Schlachtfeld habe sehen können, habe jede Kompanie kämpfen dürfen, wie sie wollte.

Mit anderen Worten: Getrennt marschieren wir aufs gemeinsame Ziel zu - unterwegs macht jeder, was er für richtig hält.

Wenn dieser Vergleich nur annähernd stimmt, dann haben die Kultusminister eine Niederlage zu beklagen: Der Bundesbildungsbericht, den Bund und Länder bei unabhängigen Wissenschaftlern unter Leitung des Deutschen Instituts für Internationale Pädagogische Forschung (DIPF) in Auftrag gegeben haben, wurde am Freitag der Öffentlichkeit vorgestellt. Er dokumentiert zwar, dass es immer mehr Abiturienten und Studenten gibt und das Bildungssystem durchlässiger geworden ist - dass die Bildungschancen also steigen.

Aber es zeigt sich auch, dass eine Schicht von 15 bis 20 Prozent der Kinder und Jugendlichen von diesen Chancen dauerhaft ausgeschlossen bleibt. Sie können nicht richtig lesen oder Texte verstehen, brechen die Schule oder die Lehre ab und nehmen auch nicht an Weiterbildungskursen teil.

"Es gibt eine Gruppe, die unten hängt und da nicht mehr rauskommt", fasste Thomas Rauschenbach, Präsident des Deutschen Jugendinstituts zusammen. Sein Kollege Martin Baethge vom Sozialwissenschaftlichen Forschungsinstitut aus Göttingen ergänzte: "15 bis 20 Prozent der Jugendlichen befinden sich im Abstiegsstrudel".

Das werden die Kultusminister nicht gerne hören. Sie haben dafür gesorgt, dass künftig keine Pisa-Vergleiche zwischen den Bundesländern mehr möglich sind. Da gab es meist eher schlechte Nachrichten. Das Problem: Ihr eigener Bildungsbericht liest sich nicht positiver. Auch in Bundesländern, die sonst in Ranglisten sehr gut abschneiden, liegt einiges im Argen. Die schwierige Lage der Abgehängten macht sich in allen Bereichen des Bildungssystems bemerkbar:

  • Über drei Prozent der Schulanfänger sehen nie eine normale Schule von innen - sie werden direkt vom Kindergarten in Förderschulen gesteckt. In Bayern und Baden-Württemberg sind es sogar 4,5 Prozent.
  • Das sogenannte Übergangssystem von Warteschleifen und Ersatzmaßnahmen für ausbildungslose Jugendliche hat sich verfestigt; ein Drittel der rund eine Million Schulabgänger ohne Abitur bleibt dort hängen.
  • Das Durchschnittsalter beim Berufseinstieg steigt quer durch alle Branchen kontinuierlich an.
  • Es gibt eine Grafik mit sogenannten Risikolagen. Sie zeigt, wo Kinder welchen Risiken ausgesetzt sind - etwa aus einem bildungsfernen oder armen Elternhaus zu stammen. Selbst in Bayern sind 20 Prozent der unter 18-Jährigen von mindestens einem Risiko betroffen, in Nordrhein-Westfalen sind es 33 und in Berlin 44 Prozent.

Es gibt also zwei Geschichten des Bildungssystems zu erzählen. Die der bildungsbürgerlichen Schichten, die ihre Lektion aus dem Pisa-Schock gelernt haben. Sie schicken ihre Kinder zum Beispiel vermehrt auf Privatschulen. In manchen Gegenden in den Städten und in Ostdeutschland lernen bereits über zehn Prozent der Grundschüler auf Privatschulen.

Die zweite Geschichte ist die der sozial Benachteiligten. "Die Bildungschancen entwickeln sich immer mehr auseinander", sagte Andrä Wolter von der Humboldt-Uni.

Warum Migrantenkindern der Aufstieg oft nicht gelingt

Einige Kultusminister ärgerten sich am Donnerstag, dass die Pressevertreter diesmal vor ihnen den auf amtlichen Zahlen fußenden Bericht zu sehen bekamen. Kein Wunder, denn die Noten für die Schul- und Wissenschaftsminister fallen sehr durchwachsen aus. Der Leiter des Bildungsberichts, Horst Weishaupt vom DIPF, sagte, es gelinge nicht, "eine Schulstruktur anzubieten, die die Bedürfnisse der Lernenden trifft."

Als Beispiel nannte er die Nachteile für Migrantenkinder. Der Aufstiegswillen in dieser Schicht sei viel höher als bei Deutschstämmigen. Aber das Schulsystem zeige ihnen die kalte Schulter. Jugendforscher Rauschenbach sagte es so: "Die Kinder aus Migrantenfamilien kapieren gar nicht, was in unserem Bildungssystem alles möglich ist - wenn wir es ihnen nicht besser erklären."

Die Kultus- und Wissenschaftsbürokratie hinkt auf vielen Feldern den Bildungswünschen der Bürger hinterher. Nach den Berechnungen der Gutachter fehlen demnach 260.000 Plätze für den Rechtsanspruch auf einen Kitaplatz, der ab August 2013 besteht. Die Bundesregierung sprach zuletzt nur von 130.000 fehlenden Plätzen. Bei den Hochschulen taxieren die Autoren des Berichts bis 2015 sogar eine Lücke von 300.000 ausfinanzierten Studienplätzen. Der Hochschulpakt reiche nicht aus, sagten die Forscher übereinstimmend.

Die Kultusminister wollen keine Niederlage eingestehen. "Wir zeigen, was von uns erwartet wird", sagte der Präsident der KMK, Ties Rabe. "Wir handeln." Ob das genug ist für den Sockel der Abgehängten?

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insgesamt 279 Beiträge
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1. Bildungsrepublik
kdshp 22.06.2012
Zitat von sysopDPASchlechtes Zeugnis für die Bildungsrepublik: Ein neuer Bericht dokumentiert zwar einige Fortschritte an Schulen und Unis, doch viele Kinder können vom Aufstieg nur träumen. "Es bleibt ein stabiler Sockel der Abgehängten", warnen die Autoren der Studie. http://www.spiegel.de/schulspiegel/wissen/0,1518,840347,00.html
Hallo, wundert das wenn bei einer schwarz-gelben regierung?! Es war und ist doch absicht das die die wenig haben eben schauen müssen wo sie bleiben damit die die haben bekommen wie zb. die kinderkopfpämie, betreungsgeld.
2. Die Abgehängten
tatortreiniger 22.06.2012
Zitat von sysopDPASchlechtes Zeugnis für die Bildungsrepublik: Ein neuer Bericht dokumentiert zwar einige Fortschritte an Schulen und Unis, doch viele Kinder können vom Aufstieg nur träumen. "Es bleibt ein stabiler Sockel der Abgehängten", warnen die Autoren der Studie. http://www.spiegel.de/schulspiegel/wissen/0,1518,840347,00.html
Zitat: "...Es bleibt ein stabiler Sockel der Abgehängten..." Das sind dann eben die künftigen Niedriglohn-Jobber, ohne die unsere Land ja offenbar überhaupt nicht mehr konkurrenzfähig gegenüber Wirtschaftsgrößen wie Bulgarien oder Rumänien ist.
3.
Berg-neu 22.06.2012
Zitat von sysopDPASchlechtes Zeugnis für die Bildungsrepublik: Ein neuer Bericht dokumentiert zwar einige Fortschritte an Schulen und Unis, doch viele Kinder können vom Aufstieg nur träumen. "Es bleibt ein stabiler Sockel der Abgehängten", warnen die Autoren der Studie. http://www.spiegel.de/schulspiegel/wissen/0,1518,840347,00.html
Es ist ein ganz stinknormaler Zustand eines Volk, wenn ein Fünftel unterdurchschnittlich, drei Fünftel durchschnittlich und ein Fünftle überdurchschnittlich lebt. Und da auf ca erst ab ca 10 Mitarbeiter ein Leiter arbeitet, könnten immer die restlichen "nur träumen", Chef zu werden. Sie träumen das aber gar nicht - behaupte ich mal so. Fragen Sie mal rum, wer Schuldirektor, Geschäftsführer, Hauptkommissar, Oberstleutnant usw. werden möchte. :-)
4. Aber die brauchen wir doch mehr den je.....
alangasi 22.06.2012
... wo doch heute jeder Chef seien will.
5.
nick115 22.06.2012
1.) Ansatz: Bundeszuständigkeit für Bildung, weg vom Förderalismus 2.) Ansatz: Verpflichtende Deutschkurse für Migranten 3.) Ansatz: Nicht Förderung der Benachteiligten sondern Fördernung je nach Qualifikation! Sonst werden die Schlauen Dümmer, weils immer nur am Dümmsten ausgerichtet wird! 4.) Ansatz: Betreuungsgeld aufheben und die Finanzmittel in den Kitaausbau stecken
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