Chinesische Schüler: Abi für Asien

Von Annick Eimer

Das deutsche Bildungssystem ist marode, das Abitur kaum was wert? Denkste: In Waldenburg lernen seit Jahren Schüler aus China. Ihre Eltern schicken sie ausgerechnet in die sächsische Provinz, denn in China steht Waldenburg für die hohe Bildung.

Bildungsreisende aus Fernost: Die jungen Chinesen von Waldenburg Fotos
Annick Eimer

Ein Schloss, ein paar schöne alte Häuser, Plattenbauten, dazwischen fließt die Zwickauer Mulde, über alten Bahngleisen wächst Gras, im Juni findet jedes Jahr ein Töpfermarkt statt: Willkommen in Waldenburg, einem Provinznest irgendwo in Sachsen. Rund 4600 Menschen leben hier, es waren einmal mehr und werden immer weniger. Arbeitsplätze sind rar, die Jugendlichen suchen das Weite.

Wan Yu ist 17 - und hat etwas in Waldenburg gefunden: Ruhe.

"Man kann hier gut lernen", sagt sie. Wan Yu ist eine von derzeit rund 80 chinesischen Schülern, die derzeit in Waldenburg die Schule besuchen. Sie trägt Jeans, Bluse, hohe Stiefel, eine Perlenkette am Handgelenk und fühlt sich wohl hier.

Waldenburg ist unter wohlhabenden Familien in Chinas Metropolen ein Begriff. Wan Yu kommt aus Guilin, einer Millionenstadt im Südosten Chinas. Ihre Mutter führt ein Restaurant, ihr Vater ist Ingenieur in einem Öl-Konzern. Wan Yu lebt schon seit über zwei Jahren im Internat des privaten Europäischen Gymnasiums.

Bis heute hat das deutsche Schulsystem einen guten Ruf in China

Heimweh hat sie nicht, sie ist es gewohnt, fernab von zu Hause zu sein. Seit sie zwölf ist, hat sie in einem chinesischen Internat gelebt und sagt, ihre Eltern hätten wenig Zeit, die Ausbildung sei dort besser gewesen. Was sie nach Waldenburg verschlagen hat? "Ich will das deutsche Abitur machen und hier studieren."

Ausgerechnet Deutschland. Während hierzulande seit Pisa eine Reform nach der anderen angestoßen wird, genießt das deutsche Abitur in China großes Ansehen. "Das ist historisch begründet", erklärt Nathalie van Looy von der FU Berlin, die über das chinesische Bildungssystem geforscht hat. Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts studierten Chinesen ausländische Bildungsmodelle. Damals gab es in China noch keine einheitliche Schulbildung. Das preußische Modell fand den größten Anklang.

Der gute Ruf hat sich bis heute gehalten. Vor acht Jahren kamen die ersten Schüler im Rahmen eines Austauschprogramms, das die sächsische Landesregierung initiiert hatte. Sie sollten eigentlich nach einem Jahr zurück nach Hause, blieben dann aber bis zum Abitur. Seitdem kommen jährlich neue Chinesen.

"Wir haben uns in Fernost einen Namen gemacht", sagt Stefan Grünwald. Der Studienkoordinator des Euro-Gymnasiums betreut die chinesischen Schüler. Rund 40 haben bisher ihr Abitur bestanden. Nur ein paar Schüler warfen frühzeitig das Handtuch.

In China ist es ungleich schwerer, an eine Spitzenuni zu kommen

Die Waldenburger Chinesen wollen allesamt in Deutschland studieren. Das deutsche Abitur macht aus den Ausländern sogenannte "Bildungsinländer". Sie dürfen sich wie jeder deutsche Abiturient um einen Studienplatz bewerben.

Wan Yu interessiert sich für regenerative Energien. Sie möchte am liebsten nach Aachen, an die RWTH. Der Name der Uni fällt häufig in den Räumen des Euro-Gymnasiums. Fast alle möchten dort etwas Technisches studieren: Maschinenbau, Elektrotechnik, Biotechnologie. Und fast alle nehmen Mathe oder Physik als Leistungskurs.

"Der Arbeitsmarkt in China hat sich verändert", erklärt Bildungsexpertin van Looy. "Der Bedarf an Ingenieuren ist in China enorm gewachsen, entsprechend sind die Fachkräfte auch gut bezahlt."

In China ist es ungleich schwerer, einen Platz an einer guten Universität zu ergattern. Immer mehr junge Chinesen wollen studieren, sie konkurrieren um die wenigen Studienplätze an renommierten Universitäten. Für die Vergabe dieser Plätze zählt allein die landesweit einheitliche Zulassungsprüfung, die sich über drei Tage erstreckt. Nur mit Spitzenleistungen schafft man es es ins Studium. Durchzufallen ist eine Katastrophe.

Da scheint der deutsche Weg zum Uni-Abschluss fast leicht. Doch auch hier müssen sich die jungen Chinesen ins Zeug legen: Für den begehrten Studienplatz brauchen sie eine gute Abschlussnote, damit sie den Numerus clausus knacken. "Nicht leicht", sagt Wan Yu. Ihr bereitet vor allem die fremde Sprache Schwierigkeiten - denn die hat es in sich.

"Hier hat man viel mehr Freizeit als in China"

Deutschstunde in der 12. Klasse. Gelesen wird die Novelle "Tonio Kröger" von Thomas Mann. Auf der Tafel steht links "Vater", rechts "Mutter". Die Schüler sollen Adjektive sammeln, um die Eltern des Protagonisten zu beschreiben. "Liederlich" ruft Wan Yu und liest: "Die heitere Leichtfertigkeit seiner Mutter findet Tonio liederlich." Richtig, sagt Deutschlehrerin Anja Göckerltz - und blickt in fragende Gesichter. Wan Yus Tischnachbarin kramt einen kleinen Übersetzungscomputer hervor. Der kennt "liederlich" nicht. "Unordentlich", sagt Göckerltz. Nach kurzer Pause fügt sie hinzu: "Na ja, so ungefähr."

Das seien die typischen Schwierigkeiten, erzählt die Lehrerin nach dem Unterricht. "Gestern sind wir beim Zigeunerwagen hängen geblieben."

Im Vergleich zu China sei die Schule in Deutschland locker, sagt Wan Yus Mitschüler Hongbo. Auch er stammt aus einer Großstadt, seine Mutter ist Ärztin, sein Vater Ingenieur. Er erzählt von seinem Schulalltag in China: Aufstehen um halb sieben, Frühsport, gemeinsames Frühstück, Lesestunde. Der Unterricht beginnt um neun, endet um 18 Uhr, und dann heißt es Hausaufgaben machen und lernen. Meist seien auch noch die Wochenenden fürs Pauken draufgegangen. In Waldenburg ist schon um 16 Uhr Feierabend, dann sind sogar schon die Hausaufgaben gemacht. "Hier hat man viel mehr Freizeit als in China", sagt Hongbo.

Wie ein Märchen klingt dagegen der Weg zum deutschen Abitur. Die Noten der letzten zwei Jahre zählen, Prüfungsfächer kann man nach Neigung frei wählen. Dass in Deutschland sogar die Leistungen in Sport und Ethik angerechnet werden zählen, lässt Hongbo schmunzeln.

Rund 1100 Euro pro Monat müssen Hongbos Eltern für Ausbildung, Unterkunft und Verpflegung ihres Sohnes in Waldenburg hinlegen - das entspricht dem durchschnittlichem Jahreseinkommen eines Chinesen.

Der eigene Reiskocher muss sein

Viel Komfort gibt es für das Geld nicht: Gewohnt wird in der DDR-Platte auf dem Schulgelände, das Essen wird von einem Waldenburger Catering-Service geliefert. Mit der Wohnsituation ist Hongbo trotzdem zufrieden: "In China waren wir sechs in einem Raum." In Waldenburg logieren die Schüler in Einzelzimmern.

Etwas schwieriger ist es mit dem Essen. Auf dem Speiseplan stehen heute: Gulasch, Schweinebraten mit Knödeln und eine klare Suppe mit Gemüse und Geflügelstückchen. Die Suppe ist das Zugeständnis an die ausländischen Gäste. "Deutsches Essen schmeckt mir gut", sagt Hongbo. Trotzdem: Alle chinesischen Schüler haben auf ihrem Zimmer einen Reiskocher. Soviel Heimat muss sein.

Hongbo ist an den Wochenenden viel unterwegs. Mal geht er im 30 Kilometer entfernten Zwickau in die Disco, mal erkundet er gemeinsam mit seiner chinesischen Freundin, die er in Waldenburg kennengelernt hat, deutsche Großstädte. Wan Yu mag es ruhiger. Sie hat eine Waldenburger Familie kennengelernt, bei der sie häufig am Wochenende eingeladen ist.

Im stillen Waldenburg ist man froh über die Schüler aus Fernost. Zwei Jahrgänge in Folge wurde keine fünfte Klasse in der Mittelschule eingeschult, es mangelte schlicht an Schülern. Und die Chinesen sind zum Wirtschaftsfaktor geworden. "Als sie in den Ferien bei ihren Familien in China waren", erzählt Grünewald, "hat sich der Supermarkt-Leiter bei mir erkundigt, wann sie endlich zurückkommen."

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 21 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Nein, keinen Titel....
Hador, 05.07.2010
Das ist nichts Neues: China und andere Länder sind auch seit Jahren daran das deutsche System der dualen Ausbildung zu kopieren wo es nur geht. Während bei uns von allen auf genau dieses System seit Jahren geschimpft wird.
2. .
kabian 05.07.2010
Zitat von HadorDas ist nichts Neues: China und andere Länder sind auch seit Jahren daran das deutsche System der dualen Ausbildung zu kopieren wo es nur geht. Während bei uns von allen auf genau dieses System seit Jahren geschimpft wird.
Für viele Länder ist unser Schulsystem sicherlich kopierenswert. Aber anstatt 30ig jährigen Stillstand brauchen wir endlich wieder Inovationen im Schulwesen. Schlechte Lehrer müssen auch rausgeworfen werden können und Kinder sollten an ihren Leistungen und Freude am lernen gemessen werden. Nicht am Geldbeutel der Eltern oder ihren Beziehungen.
3. Waldenburg
kafri2010 05.07.2010
Ich fass es nicht, dass es mein altes Gymnasium auf Spiegel Online geschafft hat;). Naja, so sehr im Nirgendwo liegt es nun auch nicht. Ich wünsche auf alle Fälle weiterhin viel Erfolg für das Programm und die Schule im Allgemeinen.
4. ....
e-ding 05.07.2010
Klug wäre es, wenn man Wan Yu und ihre Freunde, nach dem Studium, zum Bleiben animieren könnte. Leider scheint Deutschland aber kein bevorzugtes Einwanderungsland für gut ausgebildete Menschen zu sein. Schade!
5. Nein, keinen Titel....
Hador, 05.07.2010
Zitat von kabianFür viele Länder ist unser Schulsystem sicherlich kopierenswert. Aber anstatt 30ig jährigen Stillstand brauchen wir endlich wieder Inovationen im Schulwesen. Schlechte Lehrer müssen auch rausgeworfen werden können und Kinder sollten an ihren Leistungen und Freude am lernen gemessen werden. Nicht am Geldbeutel der Eltern oder ihren Beziehungen.
Ich wollte damit auch nicht sagen, dass bei uns alles perfekt ist. Natürlich muss sich auch bei uns einiges tun. Aber es ist halt auf der anderen Seite auch nicht alles so schlecht wie es hierzulande oft gemacht wird. Gerade im Schulsystem dient die Reformwut der Politik oft nur dazu das eigentliche Problem, die viel zu geringen Bildungsausgaben, zu kaschieren. Würde man ganz pauschal im momentan bereits vorhandenen System schlicht mehr investieren (z.B. zumindest mal so, dass man auch mal anderswo als bei den Gymnasien im OECD-Durchschnitt liegt), dann würden sich IMO viele Probleme schon in einem ganz anderen Licht zeigen. Das andere, Reformen des Lehrplans und des Schulsystem als Ganzes wären dann zusätzliche Punkte mit denen man das Ganze noch verbessern könnte. Übrigens was das Entlassen von Lehrern angeht: Bereits heute werden in vielen Bundesländern viele Lehrer nur noch als Angestellte eingestellt und nicht mehr als Beamte. Insofern bekommen sie schon was sie wollen. Dadurch alleine wirds aber auch nicht besser und schon gar nicht wenn man, wie leider auch Gang und Gäbe den angestellten Lehreren weniger Gehalt zahlt als den Verbeamteten.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik SchulSPIEGEL
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Wissen
RSS
alles zum Thema Schulen
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 21 Kommentare
Illustration Michael Pleesz für den SPIEGEL
Heft 27/2010:
Schluss mit dem Schul-Chaos!
Ein Plädoyer für ein einheitliches Schulsystem

Inhaltsverzeichnis

Titelthema -: diskutieren Sie mit

Hier geht es zum E-Paper

Hier kaufen Sie das Heft

Hier finden Sie Ihre Abo-Angebote und Prämien

Fotostrecke
Als Lehrer in China: Überraschung - endlich Deutschstunden

Fotostrecke
"Gaokao": Härtetest für zehn Millionen junge Chinesen

Fotostrecke
Uni-Roadshow: Wie deutsche Hochschulen Chinesen ködern


Social Networks