Von Jonas Nonnenmann
Wolfgang Schöberle, Leiter des Stuttgarter Seminars für Lehrerbildung, sagte SPIEGEL ONLINE, Thomas Gurrath habe "ein faires Angebot" bekommen. Im Entlassungschreiben des Regierungspräsidiums an Gurrath von Ende März liest sich das Angebot zu einer späteren Wiederaufnahme seines Berufs so:
"Auf Ihren Vorschlag hin, werden Sie wieder den Mädchennamen Ihrer Mutter annehmen." Damit solle vermieden werden, dass Schüler oder Eltern im Internet seine Videos finden. Gurrath sagt, er habe in einer Besprechung zum Spaß erwähnt, er könne ja seine Namen ändern. Außerdem soll Gurrath dem Death Metal glaubhaft abschwören: "Sie haben (...) den Nachweis zu erbringen, dass Sie sich von ihrer bisherigen Musikrichtung, insbesondere von gewaltverherrlichenden Liedtexten und pornographischen bzw. gewaltverherrlichenden Darstellungsformen über einen bereits längeren Zeitraum (mindestens 3 Jahre) distanziert haben". Das Papier vom Amt, das ihm sagt, er müssen ein anderer werden, macht Gurrath wütend. "Diese Auflagen sind eine Frechheit. Die verlangen von mir, mich selbst zu verleugnen." Sein Anwalt prüfe die Möglichkeit einer Klage.
Der Auftritt rückt näher. Gurrath steht im Backstage-Raum, das Gesicht verzerrt, die Stimme verwandelt in eine Mischung aus Grölen und Knurren, das sogenannten "Growlen". "Cu-unt Killer", growlt er, dreht sich dann zu Rafid um. Der grinst. "Wie schaffst Du es nur, dabei ernst zu bleiben?" Gurrath zuckt die Achseln, fängt an zu lachen. "Mann, ich habe mir gerade vorgestellt, dass Alice Schwarzer zuhört. Die fände das bestimmt scheiße."
"Wo sind die nackten Frauen?"
Die meisten von Gurraths Texten sind von Warhammer inspiriert, einem futuristischen Rollenspiel. Mehrere Spieler treten mit Miniaturfiguren an einem Tisch gegeneinander an und versuchen, den Gegner zu vernichten. Seit der zweiten Klasse verschlingt Thomas bändeweise Bücher zum Spiel, und für ein Cover hat er bei Warhammer-Zeichner Adrian Smith ein Ölgemälde bestellt. Das Original hängt in seinem Zimmer in Stuttgart. Es zeigt kämpfende Monster, Gurrath findet es schön.
Während Andi auf eine winzige Trommel drischt, tauscht Gurrath seine Turnschuhe gegen Stahlkappen-Stiefel. Rafid sucht das Kunstblut. "Du musst höllisch aufpassen, dass du die Blutwichse nicht in die Augen bekommst", sagt er. Wie ein Kind die Sonnenmilch im Gesicht verteilt, verstreicht er sich das glänzende Zeug über Bart, Glatze und Brust. Plötzlich taucht der Gitarrist der französischen Vorband auf, mit nasser Rastafrisur und einem Handtuch um den Hals. Als er das Kunstblut sieht, grinst er.
"Wo sind die nackten Frauen?", fragt der Rasta und spielt auf ein Debauchery-Video an, das blutverschmierte Frauen beim Sex zeigt. "Du darfst dich gerne ausziehen", antwortet ein anderer, "they will love it!"
Um seinen Hang zum Gewalt-Metal zu erklären, beruft Gurrath sich auf Aristoteles. "Aggressionen liegen in der Natur des Menschen", sagt er, "es geht darum, sie abzubauen." Die Zuhörer hätten bei seinen Konzerten die Möglichkeit, Dampf rauszulassen. "Viele haben tausend Verpflichtungen, vielleicht noch einen Job, den sie nicht mögen. Auf dem Konzert kann man ein paar Bier trinken, abgehen, und dann ist wieder gut."
Neues Lied: "School's out"
Steht er deshalb auf der Bühne? "Kann schon sein, dass ich mich unterbewusst abreagiere", sagt er. Um Provokation gehe es ihm nicht, die blutverschmierten Frauen, die Monster finde er ästhetisch. Gurrath gibt zu, dass seine Texte zum Teil primitiv sind. Das sei aber gewollt, als Satire. In seinem neuesten Song covert er Alice Coopers Klassiker "Schools's out".
"Ich glaube, dass virtuelle Gewalt zu echter Gewalt führen kann", sagt Wolfgang Schöberle vom Stuttgarter Lehrerseminar, "allerdings nur, wenn verschiedene Bedingungen zusammenkommen." Schöberles Stimme wird leiser: "Das Thema ist sehr sensibel - auch wegen Winnenden."
Winnenden, das ist die moralische Keule. In einem Artikel über Gurraths Rücktritt in der "Stuttgarter Zeitung" erinnerte die Autorin an den Jahrestag des Amoklaufs, an dem der 17-jährige Tim K. 15 Menschen tötete. Der Text beschreibt ausführlich Gurraths Musik, in der "Mord und Vergewaltigung angepriesen werden", dann erwähnt er den bevorstehenden Jahrestag von Winnenden und kommt schließlich auf "Killerspiele", also Computerspiele, in denen virtuelle Gegner erschossen oder erschlagen werden, und die bei einer Probestunde Gurraths im Fach Ethik Thema waren.
Gurraths Fans könnten seine Schüler sein
Auch die Ethik-Fachleiterin, zuständig für die Bewertung von Gurraths Unterricht, reibt sich an dieser einen Schulstunde zum Thema "Machen so genannte 'Killerspiele' gewalttätig?". Dabei sei "der Eindruck einer Beliebigkeit und Gleichwertigkeit aller vorgestellten Theorien zum genannten Thema" entstanden, kritisierte sie in einer Mail an Lehrerseminarleiter Schöberle und bezog sich auch auf Gurraths Nebenjob als Metal-Musiker. In derselben Mail, die SPIEGEL ONLINE vorliegt, empfahl die Fachleiterin eine Beendigung des Referendariats. Ein paar Tage danach reichte Gurrath selbst seinen Rücktritt ein. Begründung: "Ich wollte mich nicht länger wie ein Aussätziger behandeln lassen."
Die Jugendlichen in Dijon machen sich zum Tanz bereit. Die Luft ist schwer, es riecht nach frischem Schweiß. "Are you ready for killing?", ruft Gurrath seinem Publikum zu, das Gesicht eine Fratze, die Tattoos wirken wie ein Ellenbogenpanzer.
Gurrath genießt einen Moment die Spannung, dann drischt Andi aufs Schlagzeug. Rafid bewegt seinen Oberkörper rauf und runter, rauf und runter, als hätte er jede Menge Haare, die es zu schütteln gilt.
Im Publikum bilden die jüngsten Zuhörer einen Halbkreis, manche kaum 18 Jahre alt. Mal rempeln sie sich spielerisch an, mal rennen sie im Kreis - eine echte Choreografie, aber im nächsten Moment bricht wieder Chaos aus. Wie ein Haufen wild gewordener Welpen sehen die jungen Franzosen aus, mit ihren schwarzen T-Shirts und dem Einsatz, mit dem sie dabei sind. Sie könnten Gurraths Schüler sein.
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