Death Metal: Herr Blutgott aus dem Lehrerzimmer

Von Jonas Nonnenmann

Thomas Gurrath liebt die Extreme: Er legt mit seiner Death-Metal-Band kunstbluttriefende Auftritte und Videos hin. Gleichzeitig möchte er Ethik-Lehrer sein - doch in Baden-Württemberg wurde ihm der Ausstieg nahegelegt.

Blutfest in Frankreich: Ein verhinderter Lehrer und Death Metaler Fotos
Jonas Nonnenmann

Drei Stunden vor seiner Verwandlung in den "Blutgott", wie er sein Bühnen-Ego nennt, sitzt Thomas Gurrath in der französischen Abendsonne Dijons. Sanftes Gesicht, Chucks, schwarzes T-Shirt. Aus den Ärmeln kriechen Tattoos. Später wird er mit dem üblichen Programm auftreten: etwas Geschrei, etwas Blut, etwas Motorsägen-Geheule. Alles nur Show.

Bis zum Frühjahr war Gurrath Lehramtsreferendar und unterrichtete Ethik und Geschichte am Stuttgarter Hegel-Gymnasium. Am 28. März 2010 stellte er einen Antrag auf Entlassung. Nicht freiwillig, wie er sagt. "Ich wurde genötigt, zu kündigen. Von Leuten, die am liebsten meine Musik verbieten und verbrennen würden."

Gurrath sitzt inmitten seiner Band Debauchery , "Ausschweifung" heißt das auf Deutsch. Andi, der Schlagzeuger, hockt breitbeinig mit verschränkten Armen da. Bassist Rafid, 29, philosophiert: "Wir leben doch schon lange in keiner Demokratie mehr. Platon war auch schon Totalitarist. Aber immerhin: In der Politeia darf jeder den Beruf machen, der ihm gefällt..."

"Also, ich würde dann nur noch Metal spielen", sagt Andi.

"Wird nur schwierig, den zu finden, der sich als Müllmann verwirklicht", sagt Gurrath.

Vegetarier, Tierrechtler, Death Metaler

Gurrath ist der Einzige in der Band, der von Debauchery leben kann. Eine schwäbische Ein-Mann-Maschine, die zum Ölen ab und zu einen Whisky-Cola braucht und etwas Gemüse. Fleisch rührt er nicht an, manchmal verteilt er Flyer für die Tierschutzorganisation Peta. Am Buffet kaut er an einem Haufen geriebener Karotten.

Normalerweise hat er kaum Zeit zum Essen, weil er ständig für seine zwei Bands arbeitet, sagt Gurrath. Etwa zwölf Stunden pro Tag, sechs Tage die Woche organisiert er Konzerte, verschickt Fanartikel, schreibt Songs. Er hat noch ein Hardrock-Projekt neben Debauchery. Die Musiker bezahlt er pro Auftritt, manchmal wechseln sie. Viel verdient er damit nicht, sagt er, aber für Essen und Wohnung reicht es.

Rafid bewundert den Debauchery-Frontmann: "Während die anderen reden, packt Thomas die Dinge an." Die beiden kennen sich schon lange, sie fuhren im selben Schulbus, Rafid im Manowar-Shirt, Gurrath trug AC/DC, immer ein paar Nummern zu groß. Bis heute vergöttert Gurrath die australischen Hardrocker. Und wie seine Vorbilder früher, muss auch er hin und wieder als Verderber der Jugend herhalten.

Darf ein Lehrer mit einer blutigen Kettensäge posieren?

"Dieser Mann hat Geistigen Hirnschaden, warum läuft der noch frei herum...er ist für die Menschheit eine große Gefahr.....Total wegspeeren auch seine Fans....", kommentierte luise 12 am 7. Mai 2010 in einem "Bild"-Forum, und Nutzer 270507 legte nach: "Wer solche Fantasien hat ist krank. Wer sagt mir denn, dass er sie nicht einmal in der Realität ausleben will. An unseren Kindern vielleicht?"

Weil Gurrath nach Urlaub für eine Tournee fragte, googelte ein Mitarbeiter der Stuttgarter Schulbehörde seinen Namen. Der Beamte landete auf der Debauchery-Seite, darauf Gurrath mit Kettensäge blutverschmiert vor einer halbnackten Frau.

Barbara Graf, 56, leitet die Schule an der Gurrath Referendar war. Sie erfuhr durch das Regierungspräsidium von Gurraths Nebenjob und war schockiert. Ein Musikvideo fand sie besonders erschreckend, in dem eine Frau von Monstern verfolgt wird, die ihr am Ende die Beine abhacken. Kill Maim Burn heißt es, "töten, verstümmeln, verbrennen". Ein billig gemachter Streifen, ein bisschen wie eine brutale Version von Michael Jacksons Thriller-Video, nur viel schlechter.

Graf, Schulleiterin der Hegelschule, sagt, in dem Video würden "Gewalt und der Missbrauch von Frauen verherrlicht". Außerdem zeigten Amokläufe, dass manche Jugendliche heute weniger zwischen Fiktion und Realität unterscheiden könnten als früher. "Deshalb ist es wichtig, dass wir Lehrer unseren Erziehungsauftrag besonders bewusst wahrnehmen", so Graf.

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insgesamt 298 Beiträge
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1. .
Arthi 10.08.2010
Zitat von sysopThomas Gurrath liebt die Extreme: Er legt mit seiner Death-Metal-Band kunstbluttriefende Auftritte und Videos hin. Gleichzeitig möchte er Ethik-Lehrer sein - doch in Baden-Württemberg wurde ihm der Ausstieg nahe gelegt. http://www.spiegel.de/schulspiegel/wissen/0,1518,702967,00.html
..bestimmt spielt er auch "Killerspiele". Vielleicht ist er sogar noch im Schützenverein...oder sogar Sportschütze...
2. ...
TBF 10.08.2010
augenscheinlich hat man hier in deutschland ja genug pädagogen, um so engagierte lehrer, die anscheinend auch auf Thematiken eingehen, die den jugendliche am herzen liegen(wie etwa killerspiele), rauszuschmeißen. Wenn der Beschluss dann von einem Gericht zersägt wird, wills wieder keiner gewesen sein.
3. !!!
MadMad 10.08.2010
Zitat von sysopThomas Gurrath liebt die Extreme: Er legt mit seiner Death-Metal-Band kunstbluttriefende Auftritte und Videos hin. Gleichzeitig möchte er Ethik-Lehrer sein - doch in Baden-Württemberg wurde ihm der Ausstieg nahe gelegt. http://www.spiegel.de/schulspiegel/wissen/0,1518,702967,00.html
Was heisst hier Demokratie ? Wenn mein Kind einen Lehrer wie ihn hätte, wäre ich ehrlich auch besorgt. Muss denn jeder seine Neigungen so frei ausleben ? Kann man nicht auch mal Rücksicht auf die Belange und Ängste der anderen nehmen ?
4. soviel zum thema...
Nitara 10.08.2010
....trennung von beruflichem und privatem. Als ob der kerl nackte weiber und kettensägen mit in die schule nehmen würde, sowas beklopptes. Wer weiß, vielleicht hat ja einer der lehrer oder sogar der rektor auch seltsame sexuelle vorlieben- heißt das denn gleich, dass er in lack und leder zur schule kommt? Oder vielleicht gibts an der Schule noch andere lehrer, die Horrorfilme oder metal mögen und sich nicht trauen sich zu "outen"? Wieso fragt da eigentlich keiner nach? Wundervolles Land. Keiner der Amokläufer war im Übrigen Metaller. Und Gurrath war/ist unter seinen Schülern beliebt als recht cooler, offener Lehrer mit dem man im Unterricht auch Probleme besprechen kann. Aber die kids fragt ja keiner. Der Kerl ist den Kindern näher als unsere Anzugpinguine. Ich bin mir ziemlich sicher, dass er einen "potentiellen Amokläufer" oder einfach Kinder mit Problemen in der Klasse eher erkennen würde als ein alter Knacker, der seit 40 jahren frustriert seinen Job macht und nurnoch auf seine rente wartet- und sich schon garnicht mehr mit der Jugend von heute identifizieren kann bzw. über denren Probleme so bescheid weiß...
5. Mein Profil
air plane 10.08.2010
... es verbietet im ja keiner seine musikantentätigkeit. bevor man jetzt wieder über den sch ...-staat meckert: nochmal: kein verbot, jeder kann sich austoben, wie er mag. dass er aber so als lehrer nix werden kann, muss ihm vorher klar gewesen sein. eine prostituierte kann ja auch nicht päbstin werden, ein blinder kein fotograf und ein beinamputierter nicht mittelsürmer in der nationalelf. sich darüber zu beschweren ist einfach lächerlich.
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Death Metal
Was ist Death Metal?
Death Metal ist eine extreme Form des Metal, in der sich langsame Riffs mit extrem schnellem "Geknüppel" abwechseln. Die Stimme des Sängers ist oft bis zur Unkenntlichkeit verzerrt, die Texte sind kaum verständlich.
Entstehung
Die Musikrichtung entstand Mitte der Achtziger Jahre, inspiriert von Bands wie Motörhead und Metallica. Als Vorreiter gilt u.a. die Metal-Formation "Death", deren Sänger Chuck Schuldiner als „Godfather of Death Metal“ verehrt wird.

Instrumente und Gesang
Typisch für Death Metal sind schnelle Melodien, gespielt mit tiefer gestimmten Instrumenten. Der tiefe gutturale Gesang heißt in der Szene "Growling" (Knurren) oder "Grunt" (Grunzen). Die Instrumente sind im Verhältnis zum Gesang lauter als bei anderen Spielarten des Metal.

Philosophie
In den Texten geht es häufig um Krieg und Leid. Die Gewalt ist oft extrem überspitzt dargestellt mit dem Ziel, zu provozieren oder als Ausdruck von Abscheu gegenüber einer heuchlerisch-guten Welt. Selten verwenden Death-Metal-Bands vor diesem Hintergrund auch satanistische oder nihilistische Symbole.

Quelle: Wikipedia

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