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18. Februar 2013, 17:16 Uhr

Streit ums Sitzenbleiben

"Das ist pädagogischer Populismus"

Ärgerlich, teuer, nutzlos? Über den Sinn und Unsinn von Ehrenrunden wird seit langem gestritten. Jetzt plant Niedersachsen, künftig keinem Schüler mehr das Sitzenbleiben zuzumuten. Aus Bayern heißt es dazu: "Blanker Unsinn".

Ist Sitzenbleiben eine gute Sache - als Warnschuss, valides Druckmittel für Schüler mit mangelndem Ehrgeiz und Vorbereitung auf die Härten des Lebens? Oder einfach nur demotivierend, nutzlos und teuer?

Die Debatte darüber hat die rot-grüne Koalition in Niedersachsen mit dem Plan, das Sitzenbleiben stufenweise abzuschaffen, neu entfacht. Denn sie schreiben in ihrem Koalitionsvertrag als Ziel fest: "Sitzenbleiben und Abschulung durch individuelle Förderung überflüssig (zu) machen".

Der Plan lässt sich allerdings nicht sofort umsetzen, und er soll auch nicht für alle Schulen gelten, das stellte die designierte niedersächsische Kultusministerin Frauke Heiligenstadt (SPD) klar. "Wir haben ein perspektivisches Ziel formuliert, das nicht von heute auf morgen umgesetzt werden kann", sagte sie.

An integrierten Gesamtschulen gibt es in Niedersachen schon jetzt kein Sitzenbleiben - durchaus mit Erfolg: "Wir haben an den Schulen die niedrigste Schulabbrecher-Quote überhaupt", sagte Heiligenstadt. "Aber natürlich müssen die Schulen auch in die Lage versetzt werden, so arbeiten zu können."

Jetzt streiten die Bundesländer also leidenschaftlich über das Für und Wider. Unions- und konservative Lehrervertreter verwahren sich gegen jede Form der Abschaffung, Länder, die die sogenannte Ehrenrunde ablehnen oder schon abgeschafft haben, verteidigen die Idee:

Bundesweit wiederholen pro Jahr etwa zwei Prozent aller Schüler eine Klasse. Wobei Jungen häufiger sitzenbleiben als Mädchen: Im Schuljahr 2010/11 waren es 2,3 Prozent der Schüler gegenüber 1,6 Prozent der Schülerinnen. Insgesamt waren es in dem Schuljahr 163.400 Jungen und Mädchen.

Jährlich kostet Sitzenbleiben den Steuerzahler rund eine Milliarde Euro, das hatte der Bildungsforscher Klaus Klemm im Jahr 2009 für die Bertelsmann-Stiftung ausgerechnet. Er kalkulierte dabei die entstandenen Kosten aus zusätzlichen Personalausgaben für die Schulen und die Schulverwaltung, den laufenden Sachaufwand sowie die Investitionsausgaben.

Trotz hoher Kosten bleibe der Erfolg allerdings aus, urteilte Klemm damals in seiner Studie: Die empirische Forschung sehe höchstens im Wiederholerjahr eine Verbesserung der schulischen Leistung. Bereits im nächsten Schuljahr, in dem die Anforderungen neu und höher seien, würden die Leistungen wieder sinken. Auch der Pisa-Chef Andreas Schleicher hatte SPIEGEL ONLINE schon im Interview gesagt: "Sitzenbleiben bringt dem Schüler nichts und ist außerdem ineffizient."

fln/dpa

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