Streit ums Sitzenbleiben: "Das ist pädagogischer Populismus"

Strebsame Schüler: Eine Ehrenrunde soll motivieren - aber gelingt das auch? Zur Großansicht
dapd

Strebsame Schüler: Eine Ehrenrunde soll motivieren - aber gelingt das auch?

Ärgerlich, teuer, nutzlos? Über den Sinn und Unsinn von Ehrenrunden wird seit langem gestritten. Jetzt plant Niedersachsen, künftig keinem Schüler mehr das Sitzenbleiben zuzumuten. Aus Bayern heißt es dazu: "Blanker Unsinn".

Ist Sitzenbleiben eine gute Sache - als Warnschuss, valides Druckmittel für Schüler mit mangelndem Ehrgeiz und Vorbereitung auf die Härten des Lebens? Oder einfach nur demotivierend, nutzlos und teuer?

Die Debatte darüber hat die rot-grüne Koalition in Niedersachsen mit dem Plan, das Sitzenbleiben stufenweise abzuschaffen, neu entfacht. Denn sie schreiben in ihrem Koalitionsvertrag als Ziel fest: "Sitzenbleiben und Abschulung durch individuelle Förderung überflüssig (zu) machen".

Der Plan lässt sich allerdings nicht sofort umsetzen, und er soll auch nicht für alle Schulen gelten, das stellte die designierte niedersächsische Kultusministerin Frauke Heiligenstadt (SPD) klar. "Wir haben ein perspektivisches Ziel formuliert, das nicht von heute auf morgen umgesetzt werden kann", sagte sie.

An integrierten Gesamtschulen gibt es in Niedersachen schon jetzt kein Sitzenbleiben - durchaus mit Erfolg: "Wir haben an den Schulen die niedrigste Schulabbrecher-Quote überhaupt", sagte Heiligenstadt. "Aber natürlich müssen die Schulen auch in die Lage versetzt werden, so arbeiten zu können."

Jetzt streiten die Bundesländer also leidenschaftlich über das Für und Wider. Unions- und konservative Lehrervertreter verwahren sich gegen jede Form der Abschaffung, Länder, die die sogenannte Ehrenrunde ablehnen oder schon abgeschafft haben, verteidigen die Idee:

  • Bayerns Kultusminister Ludwig Spaenle (CSU) sagt, das Sitzenbleiben abzuschaffen sei "blanker Unsinn und "bildungspolitischer und pädagogischer Populismus". Ohne Not werde ein pädagogisches Instrument, das "den Schülern die Möglichkeit bietet, Versäumtes nachzuarbeiten", abgeschafft, sagte Spaenle der "Süddeutschen Zeitung".

  • Auch Josef Kraus, früher Gymnasiallehrer in Niederbayern und Chef des konservativen Deutschen Lehrerverbands, spricht sich in der Zeitung fürs Sitzenbleiben aus: "Es gibt keine pädagogische Begründung für die Abschaffung, außer man ist ein naiver Utopist." Er fürchtet, Schüler könnten sich zurücklehnen und Leistungsansprüche sinken. Das bedeute, eine "Abitur-Vollkasko-Garantie" anzubieten.

  • In Hamburg hingegen ist Sitzenbleiben zurzeit in den Klassen 1 bis 9 abgeschafft, bis 2017 soll das für alle Klassen gelten. Wer in Hamburg in einem Kernfach eine 5 in einem Zeugnis hat, muss in eine kostenlose schulische Nachhilfemaßnahme.
  • Das rot-grün regierte Rheinland-Pfalz will in einem Modellversuch den Verzicht aufs Sitzenbleiben testen - denn so stehe es im Koalitionsvertrag, sagte der Sprecher des Bildungsministeriums, Wolf-Jürgen Karle.
  • In Berlin, wo SPD und CDU gemeinsam regieren, müssen nur Gymnasiasten und - im Ausnahmefall - Grundschüler eine Ehrenrunde befürchten. Für alle anderen Schulformen ist das Sitzenbleiben abgeschafft.
  • In Baden-Württemberg hat die grün-rote Landesregierung kürzlich die Gemeinschaftsschule eingeführt, hier können Kinder schon heute nicht mehr durchfallen. Kultusminister Andreas Stoch (SPD) sagte, das wolle er Schritt für Schritt auch an den anderen Schulen durchsetzen. Die Angst vor dem Sitzenbleiben sei "keine sinnvolle Lernmotivation für die Schülerinnen und Schüler".

Bundesweit wiederholen pro Jahr etwa zwei Prozent aller Schüler eine Klasse. Wobei Jungen häufiger sitzenbleiben als Mädchen: Im Schuljahr 2010/11 waren es 2,3 Prozent der Schüler gegenüber 1,6 Prozent der Schülerinnen. Insgesamt waren es in dem Schuljahr 163.400 Jungen und Mädchen.

Jährlich kostet Sitzenbleiben den Steuerzahler rund eine Milliarde Euro, das hatte der Bildungsforscher Klaus Klemm im Jahr 2009 für die Bertelsmann-Stiftung ausgerechnet. Er kalkulierte dabei die entstandenen Kosten aus zusätzlichen Personalausgaben für die Schulen und die Schulverwaltung, den laufenden Sachaufwand sowie die Investitionsausgaben.

Trotz hoher Kosten bleibe der Erfolg allerdings aus, urteilte Klemm damals in seiner Studie: Die empirische Forschung sehe höchstens im Wiederholerjahr eine Verbesserung der schulischen Leistung. Bereits im nächsten Schuljahr, in dem die Anforderungen neu und höher seien, würden die Leistungen wieder sinken. Auch der Pisa-Chef Andreas Schleicher hatte SPIEGEL ONLINE schon im Interview gesagt: "Sitzenbleiben bringt dem Schüler nichts und ist außerdem ineffizient."

fln/dpa

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
Forum - Sitzenbleiben - teurer Unsinn oder notwendige Ehrenrunde?
insgesamt 820 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1.
Neurovore 03.09.2009
Zitat von sysopWenn Schüler eine Klasse wiederholen müssen, ist das ärgerlich - doch nicht nur für sie: Rund eine Milliarde Euro kostet das Sitzenbleiben die Bundesländer pro Jahr, so eine neue Studie. Doch die Ehrenrunden sind laut Bildungsforscher Klemm nicht nur teuer, sondern auch wenig sinnvoll. Ihre Meinung: Sitzenbleiben abschaffen?
Jau, das Stöcken so weit senken, daß da jeder rüberspringen kann. Notfalls in der Erde verbuddeln... Oder direkt bei der Erstvergabe des Personalausweises noch ein Abiturnachweis und ein Diplo....einen Bachelor/Master dranhängen. Damit spart man noch mehr Kosten im Bildungswesen . Was ja erklärtes Ziel ist. Kompetenz durch Insolvenz!
2. Schon wieder ein Experte!
discipulus 03.09.2009
Zitat von sysopWenn Schüler eine Klasse wiederholen müssen, ... sondern auch wenig sinnvoll. Ihre Meinung: Sitzenbleiben abschaffen?
Bildungs"forscher" Klemm kneift und bleibt auf halbem Wege stecken; Abschaffung der Notenstufen 5 ("mangelhaft") und 6 ("ungenügend") muss das Ziel sein!
3.
discipulus 03.09.2009
Zitat von sysop... laut Bildungsforscher Klemm ...
Nach anderen Quellen auch als Bildungsökonom bezeichnet. Zum Hintergrund: http://bildungsklick.de/a/69746/sitzenbleiben-teuer-und-unwirksam/
4.
discipulus 03.09.2009
Zitat von Neurovore... Kompetenz durch Insolvenz!
Kompetenz durch Insuffizienz und Impertinenz: Schleicher-Abschluss für Alle, Doktortitel in die Geburtsurkunde!
5. Thema nicht neu!
Huhutzi 03.09.2009
Hatten wir das Thema nicht schon mal? Und war es nicht genau dort, wo ich damals diesen Artikel fand, der bestreitet, dass Sitzenbleiben Mehrkosten verursacht. "Die seltsame Ökonomie der Schule". Falls jemand nach der Lektüre von http://www.readers-edition.de/2007/08/04/die-seltsame-oekonomie-der-schule/ meint, dass diese Betrachtung Denkfehler enthält, würde ich mich gern darüber aufklären lassen... Gruß, utzi
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik SchulSPIEGEL
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Wissen
RSS
alles zum Thema Grundschule
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Zur Startseite
Fotostrecke
Schultypologie: Die lieben Mitschüler
Ländervergleich: Was Sitzenbleiben pro Schüler kostet Zur Großansicht
Bertelsmann Stiftung

Ländervergleich: Was Sitzenbleiben pro Schüler kostet


Fotostrecke
Pisa-Quartett: Die Stärken und Schwächen der 16 Länder


Social Networks

Entdecken Sie außerdem SchulSPIEGEL auf...