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Designerin baut Schulen um: Pimp my school

Von Helge Stroemer

PVC-Böden, bröckelnder Putz, vergilbte Gardinen: In vielen Schulen herrscht Tristesse. Die Designerin Wiebke Buntemeyer hat daraus ein Geschäft gemacht - sie verschönert Schulen von außen und innen. Ihre Arbeit ist gefragt, denn auch bei der Finanzierung geht sie neue Wege.

Schularchitektin: Pimp my school Fotos
Wiebke Buntemeyer

"Die Schule müsste der schönste Ort in jeder Stadt und in jedem Dorf sein, so schön, dass die Strafe für undisziplinierte Kinder darin bestünde, am nächsten Tag nicht in die Schule gehen zu dürfen."

Das schrieb Oscar Wilde - und was fällt auf? Es klingt so einleuchtend wie romantisch verklärt. Deutsche Schulen sind von Schönheit meist weit entfernt.

Auf dem Boden PVC, an den Wänden bröckelnder Putz, freudlose Farben außen wie innen: In vielen Schulen sieht es traurig aus. Wiebke Buntemeyer, 39, hat das erkannt. Die Interieur- und Grafikdesignerin gründete 2008 die Hamburger Schülerwerft, ihre Mission: Schulen und Kindergärten schöner machen. Buntemeyer erarbeitet Entwürfe, sie sucht nach dem besten Wandstrich und entwickelt Möbel, sie vermittelt Handwerkerleistungen, organisiert günstige Konditionen beim Baumarkt und erstellt ein Finanzierungskonzept.

"Die Probleme wiederholen sich und der Bedarf ist groß", sagt Buntemeyer. Sie nahm inzwischen mit 500 Schulleitern in Norddeutschland Kontakt auf, das Interesse ist da, schließlich ändern sich die Aufgaben der Schule und damit die Anforderungen an die Gebäude: Viele Schulen werden aufgrund des Geburtenrückgangs zusammengelegt, die heterogenen Klassen müssen immer mehr in Gruppen arbeiten. Und: Die Ganztagsschulen werden ausgebaut, dafür braucht es Räume, in denen sich die Schüler auch außerhalb des Unterrichts gerne aufhalten, die nicht den Charme von Wartehallen haben.

An solchen Räumen mangelt es in vielen Schulen. "Teilweise habe ich gesehen, dass die Schüler stundenlang auf der Erde sitzen", sagt Buntemeyer.

"Fühlen sich Schüler wohl, engagieren sie sich mehr für die Schule"

Die Realschule Am Kattenberg in Buchholz in der Nordheide arbeitet seit zwei Jahren mit der Hamburger Schülerwerft zusammen. Der Altbau der Schule ist 23 Jahre alt. "Früher hat man sich keine Gedanken über Gruppenarbeit gemacht", sagt die Schulleiterin Mara-Angelika Nöhmer.

Buntemeyer entwickelte Stühle und Tische, die außerhalb von Klassenzimmern genutzt werden können. Die Designerin hat sich ein ausgeklügeltes System ausgedacht: Der Tisch wirkt zunächst wie ein an der Wand hängendes gerahmtes Bild mit einer Acrylscheibe in der Mitte und einem breiten Rand. Klappt man das Bild runter, wird die Rückseite zur Arbeitsfläche, der Rahmen verwandelt sich in Tischbeine. Fertig ist der Wandklapptisch mit einer Breite von 80 und einer Länge von 160 Zentimetern.

Buntemeyer baute aber auch ganz normale Bilderrahmen, die in Fluren aufgehängt werden sollen. "Für eine Schule ist es ganz wichtig, dass die Schüler ihre Arbeiten sehen. Die ganze Schule interessiert sich dafür, was die anderen machen. Das führt uns zusammen." Und die Schulleiterin ist sich sicher: "Wenn Schüler sich in der Schule wohl fühlen, dann engagieren sie sich für sie und leisten mehr."

Schulsanierungen werden oft durch die klammen Haushalte der Kommunen gebremst, doch das hat Buntemeyer im Blick: Für die Klapptische fädelte sie eine Kooperation ein mit der nahe gelegenen Berufsbildenden Schule: Die Schüler bauten alle Holzteile - so fielen die Stundensätze für Tischler weg.

Alles, was Buntemeyer an Mobiliar entwirft und bauen lässt, besteht aus nicht brennbaren Materialien und Sicherheitsglas. Die Oberflächen müssen gerundet und die Farben pflegeleicht sein. "Da kann auch mal eine Kakaotüte gegen die Wand fliegen. Das muss man abwischen können", sagt Buntemeyer. Trotzdem besteht ihr Anspruch darin, nicht irgendeine Farbe an die Wand zu pinseln. "Ich möchte neue Sachen in Schulen bringen, die es so noch nicht gibt."

Eine Tapetenkollektion für triste Schulwände

Der Verband der Deutschen Tapetenindustrie stellt ihr eine eigene Kollektion zur Verfügung. In einem Showroom in Hamburg können sich Schulleiter ihren neuen Wandschmuck aussuchen. Es sind farbenfrohe Muster und Tapeten im Retro-Look der siebziger Jahre dabei, genauso wie Blumen- oder schlichte Muster. Alles in schultauglicher, robuster Ausführung.

Aber jede Verschönerung hat ihren Preis. 10.000 Euro kostete sie in der Realschule in Buchholz. "Die Umgestaltung finanziert sich überwiegend aus vielen kleinen Beträgen", sagt Schulleiterin Nöhmer. Der Schulträger, in diesem Fall der Landkreis Harburg, übernahm 2000 Euro der Kosten. Elternbeiträge für den Schulverein wurden eingesetzt, der Lions Club spendete, die Schule nahm mit einer Tombola und einem Schulball Geld ein. Dazu kamen Spenden von Abschlussjahrgängen und von Firmen, mit denen die Schule in der Berufsorientierung kooperiert.

Es gibt Banken, die sich bei vergleichbaren Projekten an den Kosten beteiligen. Als Gegenleistung schalten sie beispielsweise Werbeanzeigen in Schülerzeitungen. Doch derartiges Sponsoring hat an Schulen Grenzen. "Das Sponsoring ist eingeschränkt worden und findet nur noch in kleinem Maße statt", so Schulleiterin Nöhmer. "Es gibt einen Erlass für Schulen, der das Sponsoring regelt."

Für Buntemeyer läuft das Geschäft gut, sie kann inzwischen von der Hamburger Schülerwerft leben. Derzeit arbeitet sie an rund 25 Projekten. Von Oscar Wildes Wunsch, dass die Schule der schönste Ort in jeder Stadt und in jedem Dorf sein müsste, ist Deutschland noch weit entfernt. Aber einen Anfang hat Buntemeyer gemacht.

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insgesamt 29 Beiträge
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1. Diese Dame ist ihr Geld wert!
vantast64 06.06.2011
So viel kreative Vernunft wünscht man sich auch in die Schulministerien hinein, dort sieht es auch trostlos aus. Es wäre gut, wenn sie dort auch einflußreich wirken könnte, aber leider verhindern allein die Beamtengesetze Kreativität und Vernunft. Z.B.: warum müssen Kinder zu nachtschlafender Zeit zur Schule, wo doch nachgewiesen ist, daß man frühmorgends kaum lernen kann?
2. Nieten auf Schulleiterposten
autocrator 06.06.2011
Ich war ehrlich verstört, als ich den Artikel zuende gelesen habe: "Pimp my School" – ich dachte, Wunder was für neue Ideen und Konzepte Frau Buntemeyer da verfolgt ... heraus kam: Dinge, die sich ein halbwegs normal denkender Mensch durchaus auch selbst ausdenken kann. Aktivierung der Schüler, Zusammenarbeit mit anderen Schulen, Sponsoring gegen Werbung in der Schülerzeitung, Tombola und Spendensammlung, Sonderkonditionen mit Baumärkten ... Ja hurrah! Das haben wir Schüler der Abi-Abschlussklasse 1988 alles ebenfalls unternommen für die an unserer Schule damals üblichen Abi-Schulhausverschönerungsprojekte. Und auf all diese 08/15-Ideen kommt eine Schulleiterin Nöhmer, kommen die ganzen Schuldirektoren nicht??? - Was machen die eigentlichden ganzen lieben langen Tag??? (Ich weiss es, aus Erzählungen befreundeter Lehrer ... da graut es einen!) 10.000,- € zu organisieren ist für einen Schulleiter, der mit Grundgehalt, Familienzuschlag, Zulagen & Sonderzahlungen (simpel beim Schulministerium NRW online zu recherchieren) dieses Geld simpel in 2 Monaten verdient, ein Problem??? - Nicht vergessen: in den 10.000,-€ ist auch das Gehalt der Frau Buntemeyer eingerechnet! Die macht ihren Job ja auch nicht für lau aus reiner Nächstenliebe! So ehrenwert das Engagement von Frau Buntemeyer ist: Aber sie lebt davon, dass andere, deren Aufgabe es wäre sich um solche Dinge zu kümmern, ihren Job nicht machen! Die Gesellschaft bezahlt also doppelt: Die Nieten auf den Schulleiterposten, UND Frau Buntemeyer! Sorry, uns geht es offensichtlich zu gut. Und besonders gut scheint es Schulleitern zu gehen.
3. och
janne2109 06.06.2011
einige Schüler wären erfreut über diese Ideen. Andere Lassen ihren Frust an den Wänden der Schulen aus. Also wie wäre es denn recht? Das Gehalt von Lehrern hier einzubringen ist allerdings fehl am Platze.
4. Mehr Unbekannte in der Gleichung
mirna2009 06.06.2011
Zitat von autocratorIch war ehrlich verstört, als ich den Artikel zuende gelesen habe: "Pimp my School" – ich dachte, Wunder was für neue Ideen und Konzepte Frau Buntemeyer da verfolgt ... heraus kam: Dinge, die sich ein halbwegs normal denkender Mensch durchaus auch selbst ausdenken kann. Aktivierung der Schüler, Zusammenarbeit mit anderen Schulen, Sponsoring gegen Werbung in der Schülerzeitung, Tombola und Spendensammlung, Sonderkonditionen mit Baumärkten ... Ja hurrah! Das haben wir Schüler der Abi-Abschlussklasse 1988 alles ebenfalls unternommen für die an unserer Schule damals üblichen Abi-Schulhausverschönerungsprojekte. Und auf all diese 08/15-Ideen kommt eine Schulleiterin Nöhmer, kommen die ganzen Schuldirektoren nicht??? - Was machen die eigentlichden ganzen lieben langen Tag??? (Ich weiss es, aus Erzählungen befreundeter Lehrer ... da graut es einen!) 10.000,- € zu organisieren ist für einen Schulleiter, der mit Grundgehalt, Familienzuschlag, Zulagen & Sonderzahlungen (simpel beim Schulministerium NRW online zu recherchieren) dieses Geld simpel in 2 Monaten verdient, ein Problem??? - Nicht vergessen: in den 10.000,-€ ist auch das Gehalt der Frau Buntemeyer eingerechnet! Die macht ihren Job ja auch nicht für lau aus reiner Nächstenliebe! So ehrenwert das Engagement von Frau Buntemeyer ist: Aber sie lebt davon, dass andere, deren Aufgabe es wäre sich um solche Dinge zu kümmern, ihren Job nicht machen! Die Gesellschaft bezahlt also doppelt: Die Nieten auf den Schulleiterposten, UND Frau Buntemeyer! Sorry, uns geht es offensichtlich zu gut. Und besonders gut scheint es Schulleitern zu gehen.
Sorry, sind SIE Lehrer? Ich finde es immer wieder interessant, wer sich alles ein Urteil darüber anmaßt, was in einer Schule so passieren sollte und wer offensichtlich die Unfähigkeit gepachtet hat. Nun mal zum Thema: Es sind ja nicht nur die klammen Kassen der Kommunen oder die chronisch unterbeschäftigten und unterbelichteten Schulleiter, sondern irgendwo in der Gleichung treten sowohl Lehrer aber auch die Schüler hinzu. An der Schule, an der ich unterrichte, gibt es ein riesiges Sanierungsprogramm, das über Jahre dauerte und nun fast abgeschlossen ist. Heraus kamen ein toll renoviertes Schulhaus, jede Menge Whiteboardklassen mit ActiveBoards, eine bunte Mensa, Kletterwände für die Pause und und und. Und jetzt, da dies alles den Schülern zur Verfügung steht und sie sich in diesem Lebensraum Schule kreativ weiter entwickeln könnten, was glauben Sie, was passiert? Beschmierte Whiteboards, durchgeschnittene Computerkabel, eingetretene Toilettentür in der Mensa... Das kann auch ein Boris Becker nicht gerade biegen, der mal populistisch und medienwirksam auf Stippvisite an einer Schule vorbeischaut. Mir persönlich fällt dazu nur noch wenig zu ein. Bevor man also wieder einen Rundumschlag macht, Schulleitern und damit auch den einfachen Lehrern Ideenlosigkeit und Inkompetenz vorwirft, sollte man alle Seiten einer Gleichung betrachten.
5. ...
Frederik72 06.06.2011
Zitat von autocratorIch war ehrlich verstört, als ich den Artikel zuende gelesen habe: "Pimp my School" – ich dachte, Wunder was für neue Ideen und Konzepte Frau Buntemeyer da verfolgt ... heraus kam: Dinge, die sich ein halbwegs normal denkender Mensch durchaus auch selbst ausdenken kann. Aktivierung der Schüler, Zusammenarbeit mit anderen Schulen, Sponsoring gegen Werbung in der Schülerzeitung, Tombola und Spendensammlung, Sonderkonditionen mit Baumärkten ... Ja hurrah! Das haben wir Schüler der Abi-Abschlussklasse 1988 alles ebenfalls unternommen für die an unserer Schule damals üblichen Abi-Schulhausverschönerungsprojekte. Und auf all diese 08/15-Ideen kommt eine Schulleiterin Nöhmer, kommen die ganzen Schuldirektoren nicht??? - Was machen die eigentlichden ganzen lieben langen Tag??? (Ich weiss es, aus Erzählungen befreundeter Lehrer ... da graut es einen!) 10.000,- € zu organisieren ist für einen Schulleiter, der mit Grundgehalt, Familienzuschlag, Zulagen & Sonderzahlungen (simpel beim Schulministerium NRW online zu recherchieren) dieses Geld simpel in 2 Monaten verdient, ein Problem??? - Nicht vergessen: in den 10.000,-€ ist auch das Gehalt der Frau Buntemeyer eingerechnet! Die macht ihren Job ja auch nicht für lau aus reiner Nächstenliebe! So ehrenwert das Engagement von Frau Buntemeyer ist: Aber sie lebt davon, dass andere, deren Aufgabe es wäre sich um solche Dinge zu kümmern, ihren Job nicht machen! Die Gesellschaft bezahlt also doppelt: Die Nieten auf den Schulleiterposten, UND Frau Buntemeyer! Sorry, uns geht es offensichtlich zu gut. Und besonders gut scheint es Schulleitern zu gehen.
Und weil es denen so gut geht will den Job keiner machen, oder ? Bei uns wird z.B. seit über nem Jahr ein Schuleiter gesucht. Keiner will es machen. Muss ja echt ein Traumberuf sein.
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