Deutsches Schulsystem: "Wer das Gymnasium abschaffen will, wird abgewählt"
Ein Bildungsforscher wird deutlich: Wilfried Bos, Leiter der Iglu-Tests, hält das deutsche Schulsystem für antiquiert und ungerecht. Im Interview erklärt er, warum Reformer sich am Gymnasium die Zähne ausbeißen - und warum Professoren immer einen Weg finden, ihren Kindern zum Abitur zu verhelfen.
SPIEGEL ONLINE: Herr Bos, aus Ihnen werden wir nicht recht schlau.
Wilfried Bos: Jetzt bin ich gespannt.
SPIEGEL ONLINE: Als Sie 2004 die Ergebnisse des letzten Iglu-Ländervergleichs verkündeten, haben Sie geschimpft, wie ungerecht es beim Wechsel von der Grundschule an die Oberschule zugehe. "Skandalös" nannten Sie die soziale Auslese: Professorensohn aufs Gymnasium, Arbeitertochter auf die Hauptschule. Nun, beim aktuellen Ländervergleich, klangen Sie ganz zahm - als laufe alles rund.
Erstklässler: Früh trennen sich ihre Wege Richtung Abi oder Hauptschule
Bos: Augenblick! Erstens haben die Bundesländer bei der Iglu-Studie tatsächlich sehr gut abgeschnitten. Die deutschen Grundschulen sind gut aufgestellt, auch im internationalen Vergleich. Selbst die Stadtstaaten Berlin, Hamburg, Bremen, die im Bundesvergleich nicht so gut dastehen, liegen im EU- und OECD-Durchschnitt. Ich glaube nicht, dass London, Marseille oder Barcelona ähnlich gute Punktwerte erreicht hätten, wenn man sie einzeln gemessen hätte.
SPIEGEL ONLINE: Und zweitens?
Bos: Wir haben auch diesmal auf die Benachteiligung aufmerksam gemacht, unter der beispielsweise Migrantenkinder oder Kinder aus bildungsfernen Schichten leiden.
SPIEGEL ONLINE: Aber kontroverse Themen wie Schulübergang und Bildungsempfehlungen haben Sie umschifft.
Bos: Das gehörte nicht zu unserem Auftrag. Die Kultusminister haben einen Vergleich der Bundesländer bestellt mit den Daten, die wir erhoben und geliefert haben. Wenn das Bundesbildungsministerium und die Kultusministerkonferenz die Veranstaltung ausrichten, auf der wir die Ergebnisse veröffentlichen, dann können die auch festlegen, was in der Öffentlichkeit diskutiert wird.
SPIEGEL ONLINE: Wer die Kapelle bezahlt, bestimmt die Musik. Haben Sie einen Maulkorb bekommen?
Bos: Nein, wir wurden nur gebeten, bestimmte Themen jetzt zu veröffentlichen und andere später.
SPIEGEL ONLINE: Einige Ihrer Kollegen sagen, die heiklen Themen sollten in Expertengremien im Hinterzimmer abgeschoben werden.
Bos: Um das ganz klar zu sagen: Es gab und gibt keinerlei Verbot, diese Daten und Ergebnisse zu publizieren, von niemandem. Und ich werde sie auch veröffentlichen - nur eben zu einem anderen Termin. Das wird nicht unbemerkt bleiben.
SPIEGEL ONLINE: Wollten sich die Kultusminister einfach ihre Feierlaune nicht vermiesen lassen?
Bos: Das kann ich nur vermuten. Aber vielleicht war es tatsächlich richtig, damit die gute Nachricht nicht von Skandalisierungen überlagert wird.
SPIEGEL ONLINE: Wie skandalträchtig sind denn die Ergebnisse, die noch kommen?
Bos: Natürlich unterscheiden sich die Bundesländer, was den Einfluss sozioökonomischer Faktoren auf den Bildungserfolg angeht.
SPIEGEL ONLINE: Die soziale Auslese findet nach wie vor statt?
Bos: Ja sicher. Es liegt ja derselbe Datensatz wie beim internationalen Vergleich zugrunde. Aber jetzt schauen wir uns an, wie sich die Bundesländer unterscheiden.
SPIEGEL ONLINE: Und?
Bos: Wir sind noch bei der Auswertung. Aber wie sich bisher gezeigt hat, ist der Einfluss des Eltern-Status auf den Bildungserfolg der Kinder nirgendwo so groß wie in Berlin, Rumänien und Hamburg - und am geringsten in Bayern.
SPIEGEL ONLINE: Ausgerechnet da, wo Kinder schon nach der vierten Klasse aufgeteilt werden und es am meisten Hauptschüler gibt?
Bos: Ja. Man denkt zwar, es müsste anders sein, aber man kann die Daten nicht ignorieren. Warum Bayern das besser hinbekommt, weiß ich auch nicht.
SPIEGEL ONLINE: Bei Iglu sind deutsche Schüler gut, bei Pisa eher schlecht. Was läuft schief zwischen der vierten und der neunten Klasse?
- 1. Teil: "Wer das Gymnasium abschaffen will, wird abgewählt"
- 2. Teil: Warum Lehrerempfehlungen ungerecht sind - aber Entscheidungen von Eltern noch mehr
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