SPIEGEL ONLINE: Frau Dombrowski, Sie haben am Mittwoch den Deutschen Schulpreis bekommen, der Jury-Leiter nennt die Sophie-Scholl-Schule ein "Juwel". Hoch droben am Berg im bayerischen Oberjoch bei Hindelang lernen Kinder und Jugendliche. Können sich die Schulen in Dresden oder Berlin-Wedding davon überhaupt etwas abgucken?
Angela Dombrowski: Ja, wie man guten Unterricht gestaltet. Wir gehen auf jeden Schüler ein.
SPIEGEL ONLINE: Das sagen inzwischen viele. Aber was bitte heißt das konkret?
Dombrowski: Die Lehrkraft nimmt sich zurück, ihr Redeanteil sinkt - im Gegenzug steigt die Aktivität der Schüler. Das heißt, wir gestalten persönliche Lernarrangements für jeden Einzelnen. Dazu stellen wir Lernmaterialien für die Schüler bereit, die selbständiges Arbeiten ermöglichen. Wir fokussieren also das Lernen auf jeden einzelnen Schüler. Der Schüler erlebt: "Ich bin mein eigener Chef!"
SPIEGEL ONLINE: Und das verstehen die Schüler, die ja nur vier bis sechs Wochen bei Ihnen in der Rehabilitationsklinik Santa Maria sind?
Dombrowski: Manche beschweren sich auch.
SPIEGEL ONLINE: Wieso das?
Dombrowski: Es gibt Schüler, die sich über uns Lehrer aufregen. Dass wir nur die Schüler arbeiten lassen. Und dass sie an der Sophie-Scholl-Schule alles selber machen müssten.
SPIEGEL ONLINE: Stimmt der Vorwurf?
Dombrowski: Natürlich, wir machen viele Projekte und fordern die Schüler heraus. Am Ende erleben es fast alle als besonders wertvoll, sich auf die neue, bislang ungewohnte Form des Lernens eingelassen zu haben. Immer nehmen sie ein Stück Oberjocher Schule mit nach Hause.
SPIEGEL ONLINE: Überfordert das nicht manche Schüler?
Dombrowski: Es gibt Schüler, die in solchen Projekten voll in ihrem Element sind. Wenn das nicht der Fall ist, sind wir Lehrer dafür da, sie stärker zu begleiten. Nicht wenige Kinder kehren nach dem Reha- und Schulaufenthalt in ihre Klassen zu Hause zurück - und sind dann viel weiter als die Mitschüler daheim. Wir achten sehr bewusst darauf, dass es beim Lernen so viel Freiheit wie möglich gibt und so viel Struktur wie nötig.
SPIEGEL ONLINE: Das müssen Sie erklären!
Dombrowski: Unsere Projekte haben eine klare Struktur, wir stecken viel Ressourcen in die Gestaltung und Organisation. Den Schülern ist ihr Ziel klar, und wir begleiten sie dabei, den Lernprozess fortlaufend zu reflektieren. Die meisten sind ja nur ein paar Wochen bei uns. Wir wollen, dass sie zu guten Arbeitsergebnissen kommen, das heißt gestärkt und vielleicht einen Kopf größer nach Hause gehen.
SPIEGEL ONLINE: Wie soll das gehen? Sie haben Schüler aus ganz Deutschland, mit Krankheiten wie Asthma, Neurodermitis oder Adipositas.
Dombrowski: Wir Lehrer denken viel über unsere Schüler nach. Am Ende jeder Woche gibt es Feedback und Gespräche, in denen wir mit jedem Schüler die Fortschritte und Probleme besprechen. Dazu die Frage: "Können wir Lehrer dir besser helfen?" Die Kinder und Jugendlichen merken, dass wir sie ernst nehmen. Natürlich kommen manche Schüler auch mit einer dicken Akte zu uns. In der ersten Woche müssen wir uns oft fragen: "Wie komme ich an diesen Schüler heran? Was macht ihn aus, wie findet er wieder einen Weg zum Lernen, dazu, Neues entdecken zu wollen?"
SPIEGEL ONLINE: Aber wie sortieren Sie Ihre Schüler? Was für eine Schule ist das - Grundschule, Hauptschule oder Gymnasium?
Dombrowski: Wir sind alles und richten uns nach den Schülern. Wir können und wollen sie uns nicht aussuchen. Es sind Schüler von der 1. bis zur 13. Klasse, aus allen Schulformen. Sie kommen aus den verschiedensten Schulsystemen und mit den unterschiedlichsten Krankheiten...
SPIEGEL ONLINE: ...und mit ganz verschiedenen Schulbüchern. Wie geht das zusammen?
Dombrowski: Das Schulbuch steht bei uns nicht im Zentrum des Lernens. Wir stellen viele Lernmaterialien selbst her. Und wir nehmen die Heterogenität der Schüler wirklich bewusst an. Das verwirklichen wir durch offene Unterrichtsformen, zum Beispiel Wochenplanarbeit, Werkstätten, Projekte. Wir können uns nicht nach den Schulformen richten, sondern orientieren uns am einzelnen Schüler. An erster Stelle stehen die Selbständigkeit der einzelnen Schüler, ihre Freude am Lernen - und ihre Verantwortung.
SPIEGEL ONLINE: Wie hat sich die Schule dahin entwickelt?
Dombrowski: Sie war nicht immer so. Als ich und meine Konrektorin Andrea Rahm vor gut zehn Jahren hier anfingen, gab es Kolleginnen, die lange klassisch gearbeitet haben. Es war ein langer Weg, neue Formen des Lernens miteinander zu entwickeln und zu etablieren. Denn jede Lerngruppe ist heterogen, ob sie nun drei oder 30 Kinder hat. Die können nicht im Gleichschritt lernen. Man kann nur dann Erfolg haben, wenn man das als Tatsache annimmt, nicht als Bedrohung.
SPIEGEL ONLINE: Wie reagieren die Heimatschulen?
Dombrowski: Ganz unterschiedlich. Mitunter gefällt es Lehrern nicht, wenn die Schüler bei der Rückkehr einen Buchstaben voraus sind. Einmal musste ein Schüler alles aus seinem Heft wieder ausradieren, was er in Oberjoch "zu früh" gelernt hatte. Wir bereiten die Eltern auf mögliche Gespräche zu Hause vor.
SPIEGEL ONLINE: Was kann da Schlimmes passieren?
Dombrowski: Manche Lehrer der Heimatschulen, auch manche Eltern tun sich schwer damit, wenn die Kinder ihr Lernen selbst in die Hand nehmen. Sie fragen: Was passiert, wenn mein Sohn wieder zurück in seine Klasse kommt? Kann er sich einordnen? Da können durchaus Ängste und Irritationen entstehen.
SPIEGEL ONLINE: Ist es ein Vorteil, dass Sie eine private Schule sind?
Dombrowski: Wir sind eine private Schule mit staatlicher Anerkennung und haben ein sehr gemischtes Kollegium aus Lehrkräften aller Schularten. Manche sind verbeamtet, andere privat angestellt. Wir sind ein Team. Die Zeiten, da durchs Lehrerzimmer eine imaginäre Trennlinie zwischen den Pädagogen ging, sind vorbei. Uns ist wichtig, dass jeder Lehrer die Schule mitgestalten kann und gern an diesem Ort ist.
Das Interview führte Christian Füller
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