Deutschlands beste Schule: "Kinder können nicht im Gleichschritt lernen"

Die Sophie-Scholl-Schule in Hindelang hat von Kanzlerin Merkel den Deutschen Schulpreis erhalten. Dort lernen rund 240 wechselnde Kinder - nur für ihre Zeit in einer Reha-Klinik. Im Interview erklärt Schulleiterin Angela Dombrowski, wie sie Schüler fordert, damit sie "einen Kopf größer nach Hause gehen".

Deutschlands beste Schule: "Die Schüler sollen einen Kopf größer nach Hause gehen" Fotos
Sophie-Scholl-Schule

SPIEGEL ONLINE: Frau Dombrowski, Sie haben am Mittwoch den Deutschen Schulpreis bekommen, der Jury-Leiter nennt die Sophie-Scholl-Schule ein "Juwel". Hoch droben am Berg im bayerischen Oberjoch bei Hindelang lernen Kinder und Jugendliche. Können sich die Schulen in Dresden oder Berlin-Wedding davon überhaupt etwas abgucken?

Angela Dombrowski: Ja, wie man guten Unterricht gestaltet. Wir gehen auf jeden Schüler ein.

SPIEGEL ONLINE: Das sagen inzwischen viele. Aber was bitte heißt das konkret?

Dombrowski: Die Lehrkraft nimmt sich zurück, ihr Redeanteil sinkt - im Gegenzug steigt die Aktivität der Schüler. Das heißt, wir gestalten persönliche Lernarrangements für jeden Einzelnen. Dazu stellen wir Lernmaterialien für die Schüler bereit, die selbständiges Arbeiten ermöglichen. Wir fokussieren also das Lernen auf jeden einzelnen Schüler. Der Schüler erlebt: "Ich bin mein eigener Chef!"

SPIEGEL ONLINE: Und das verstehen die Schüler, die ja nur vier bis sechs Wochen bei Ihnen in der Rehabilitationsklinik Santa Maria sind?

Dombrowski: Manche beschweren sich auch.

SPIEGEL ONLINE: Wieso das?

Dombrowski: Es gibt Schüler, die sich über uns Lehrer aufregen. Dass wir nur die Schüler arbeiten lassen. Und dass sie an der Sophie-Scholl-Schule alles selber machen müssten.

SPIEGEL ONLINE: Stimmt der Vorwurf?

Dombrowski: Natürlich, wir machen viele Projekte und fordern die Schüler heraus. Am Ende erleben es fast alle als besonders wertvoll, sich auf die neue, bislang ungewohnte Form des Lernens eingelassen zu haben. Immer nehmen sie ein Stück Oberjocher Schule mit nach Hause.

SPIEGEL ONLINE: Überfordert das nicht manche Schüler?

Dombrowski: Es gibt Schüler, die in solchen Projekten voll in ihrem Element sind. Wenn das nicht der Fall ist, sind wir Lehrer dafür da, sie stärker zu begleiten. Nicht wenige Kinder kehren nach dem Reha- und Schulaufenthalt in ihre Klassen zu Hause zurück - und sind dann viel weiter als die Mitschüler daheim. Wir achten sehr bewusst darauf, dass es beim Lernen so viel Freiheit wie möglich gibt und so viel Struktur wie nötig.

SPIEGEL ONLINE: Das müssen Sie erklären!

Dombrowski: Unsere Projekte haben eine klare Struktur, wir stecken viel Ressourcen in die Gestaltung und Organisation. Den Schülern ist ihr Ziel klar, und wir begleiten sie dabei, den Lernprozess fortlaufend zu reflektieren. Die meisten sind ja nur ein paar Wochen bei uns. Wir wollen, dass sie zu guten Arbeitsergebnissen kommen, das heißt gestärkt und vielleicht einen Kopf größer nach Hause gehen.

SPIEGEL ONLINE: Wie soll das gehen? Sie haben Schüler aus ganz Deutschland, mit Krankheiten wie Asthma, Neurodermitis oder Adipositas.

Dombrowski: Wir Lehrer denken viel über unsere Schüler nach. Am Ende jeder Woche gibt es Feedback und Gespräche, in denen wir mit jedem Schüler die Fortschritte und Probleme besprechen. Dazu die Frage: "Können wir Lehrer dir besser helfen?" Die Kinder und Jugendlichen merken, dass wir sie ernst nehmen. Natürlich kommen manche Schüler auch mit einer dicken Akte zu uns. In der ersten Woche müssen wir uns oft fragen: "Wie komme ich an diesen Schüler heran? Was macht ihn aus, wie findet er wieder einen Weg zum Lernen, dazu, Neues entdecken zu wollen?"

SPIEGEL ONLINE: Aber wie sortieren Sie Ihre Schüler? Was für eine Schule ist das - Grundschule, Hauptschule oder Gymnasium?

Dombrowski: Wir sind alles und richten uns nach den Schülern. Wir können und wollen sie uns nicht aussuchen. Es sind Schüler von der 1. bis zur 13. Klasse, aus allen Schulformen. Sie kommen aus den verschiedensten Schulsystemen und mit den unterschiedlichsten Krankheiten...

SPIEGEL ONLINE: ...und mit ganz verschiedenen Schulbüchern. Wie geht das zusammen?

Dombrowski: Das Schulbuch steht bei uns nicht im Zentrum des Lernens. Wir stellen viele Lernmaterialien selbst her. Und wir nehmen die Heterogenität der Schüler wirklich bewusst an. Das verwirklichen wir durch offene Unterrichtsformen, zum Beispiel Wochenplanarbeit, Werkstätten, Projekte. Wir können uns nicht nach den Schulformen richten, sondern orientieren uns am einzelnen Schüler. An erster Stelle stehen die Selbständigkeit der einzelnen Schüler, ihre Freude am Lernen - und ihre Verantwortung.

SPIEGEL ONLINE: Wie hat sich die Schule dahin entwickelt?

Dombrowski: Sie war nicht immer so. Als ich und meine Konrektorin Andrea Rahm vor gut zehn Jahren hier anfingen, gab es Kolleginnen, die lange klassisch gearbeitet haben. Es war ein langer Weg, neue Formen des Lernens miteinander zu entwickeln und zu etablieren. Denn jede Lerngruppe ist heterogen, ob sie nun drei oder 30 Kinder hat. Die können nicht im Gleichschritt lernen. Man kann nur dann Erfolg haben, wenn man das als Tatsache annimmt, nicht als Bedrohung.

SPIEGEL ONLINE: Wie reagieren die Heimatschulen?

Dombrowski: Ganz unterschiedlich. Mitunter gefällt es Lehrern nicht, wenn die Schüler bei der Rückkehr einen Buchstaben voraus sind. Einmal musste ein Schüler alles aus seinem Heft wieder ausradieren, was er in Oberjoch "zu früh" gelernt hatte. Wir bereiten die Eltern auf mögliche Gespräche zu Hause vor.

SPIEGEL ONLINE: Was kann da Schlimmes passieren?

Dombrowski: Manche Lehrer der Heimatschulen, auch manche Eltern tun sich schwer damit, wenn die Kinder ihr Lernen selbst in die Hand nehmen. Sie fragen: Was passiert, wenn mein Sohn wieder zurück in seine Klasse kommt? Kann er sich einordnen? Da können durchaus Ängste und Irritationen entstehen.

SPIEGEL ONLINE: Ist es ein Vorteil, dass Sie eine private Schule sind?

Dombrowski: Wir sind eine private Schule mit staatlicher Anerkennung und haben ein sehr gemischtes Kollegium aus Lehrkräften aller Schularten. Manche sind verbeamtet, andere privat angestellt. Wir sind ein Team. Die Zeiten, da durchs Lehrerzimmer eine imaginäre Trennlinie zwischen den Pädagogen ging, sind vorbei. Uns ist wichtig, dass jeder Lehrer die Schule mitgestalten kann und gern an diesem Ort ist.

Das Interview führte Christian Füller

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
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1. Alles schläft, nur einer spricht, das nennt der Lehrer Unterricht der Unterschicht.
stanis laus 09.06.2010
"Die Lehrkraft nimmt sich zurück, ihr Redeanteil sinkt - im Gegenzug steigt die Aktivität der Schüler." Ach, hat sich also langsam in der Kinder-Pädagogik auch rumgesprochen. Der Fortschritt ist eine Schnecke, die betrunken im Kreise kriecht. Der nächste pädogogische Ansatz kommt bestimmt. Pädagogisch klingt immer fatal nach demagogisch. Es geht ja immer nur um Kinder, an denen man rumexperimentiert. Learning by doing ist übrigens uralt. Und richtig. Weil: es gibt nichts Gutes, ausser man tut es. Selbst.
2. Jawoll jawoll jawoll
jeez 09.06.2010
Deutschland war schon immer gut im hinterher-hinken.
3. Ach - auch schon gemerkt
schrulle65 09.06.2010
Na supi, das sind ja wirklich Schnellmerker - unsere Politiker. Nur Schade, dass gerade diese Art von Schulen, also auch Schulen die über Trägervereine, Fördervereine und viel Elterninitiative finanziert und geführt werden kaum von den Städten wahrgenommen werden. Erst recht nicht wenn es um Zuschüsse geht. Ich bin stolz das meine Tochter auf eine solche Grundschule geht, dort lernt was soziale Kompetenz heißt, sich einmischt und einbringt und sich nicht bei Konflikten hinter Mathe- und Deutschbücher verkriecht.
4. Schulsystem verklagen
erzengel_gabriel 09.06.2010
Im Interview folgende Aussage: "Wir Lehrer denken viel über unsere Schüler nach. Am Ende jeder Woche gibt es Feedback und Gespräche, in denen wir mit jedem Schüler die Fortschritte und Probleme besprechen. Dazu die Frage: "Können wir Lehrer dir besser helfen?" Die Kinder und Jugendlichen merken, dass wir sie ernst nehmen." Klar, dass es so etwas auf unserem "stinknormalen" Gymnasium nicht gibt, eher würde sich die Schule in die Lüfte erheben, als dass so etwas Einzug hielte. Was kann ich eigentlich als Elternteil machen? Auf dem Wege der Elternpflegschaft Einfluss nehmen? Lächerlich (wohlgemerkt, an dieser Schule)! An die Medien gehen? Ich möchte, dass sich etwas in der Einstellung der (Lehrer) gegenüber ihrem Job und den ihnen anvertrauten Kindern was ändert. Kann ich nicht Klage erheben, kann ich nicht vor ein Gericht ziehen und sagen, ich möchte Respekt einklagen, positive Zuwendung, Persönlichkeitsstärkung, Spaß, Mitbestimmung? Warum sind die Lehrer an unserem Gymnasium fast alle (!) autoritär, energielos, zynisch, duckmäuserisch, intransparent, halbgöttisch? Ich zahle doch Steuern, wer kontrolliert unabhängig, was die Lehrer machen und welchen Erfolg sie erzielen? Wie kann es sein, dass diese ausgezeichnete Schule ihr Paralleluniversum entfalten darf und auf anderen Schulen das 19. Jahrhundert noch nicht beendet wurde. Es gibt soviele Lehrer hier im Forum und nicht wenige spielen sich als Weltverbesserer und Besserwisser auf und sind doch nur ganz arme Würstchen, die Kindern wehtun.
5. Das Montessori
tappi 09.06.2010
Prinzip ist aus dem letzten Jahrhundert und endlich wird es auch umgesetzt. Ich bin froh das mein Sohn hier in NRW auch so lernen lernt.
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Zur Person
Sophie-Scholl-Schule
Angela Dombrowski, 44, ist die Leiterin der besten deutschen Schule 2010, der Sophie-Scholl-Schule in Hindelang in Bayern. Sie gehört zum Sanatorium "Santa Maria", einer Kinderheilanstalt für Lugenkrankheiten und Adipositas. Alle vier bis sechs Wochen wechseln die 240 Schüler. Die Schulpreis-Jury nennt die Sophie-Scholl-Schule ein Juwel.

Das bewertet der Deutsche Schulpreis
Leistung
Es reicht nicht, wenn sich das Konzept der Schule toll anhört. Die Jurosren achten auf die Leistungen der Schüler: das Abschneiden bei Vergleichsarbeiten und Fortschritte der Schüler auf der Basis ihrer Ausgangsposition - in den Kernfächern wie auch in Musik, Kunst, Sport. Die Teilnahme an Wettbewerben wie "Jugend forscht" wirkt sich ebenfalls positiv aus.
Umgang mit Vielfalt
Die Juroren beurteilen, wie Lehrer und Schüler mit sozialen Unterschieden umgehen, unabhängig von der Schulform. Gehen Lehrer darauf ein, dass ein Schüler besondere Sprachprobleme hat? Dass seine Eltern ihm nie vorlesen? Ist die Zeit und der Raum da, um auf einzelne Schüler Rücksicht zu nehmen?
Unterrichtsqualität
Welche Schule lässt sich mehr einfallen als das Prinzip Frontalunterricht? Auch wenn es manchmal sinnvoll ist, wenn der Lehrer vorn steht und die Schüler zuhören, oft behindert es selbstständiges Lernen. An vielen Schulen erarbeiten Schüler und Lehrer gemeinsam Wochenpläne, sprechen Arbeitsaufträge ab, organisieren fächerübergreifende Projekte. Die Juroren bewerten es besonders positiv, wenn die Schulen ihre Schüler an ungewöhnlichen Orten lernen lassen: im Wald, im Hafen, auf Baustellen, in Ateliers oder Bibliotheken.
Verantwortung
Schulen müssen immer häufiger ausgleichen, was zu Hause nicht geleistet wird - sie erziehen ihre Schüler. Aber wie und wozu? Die Juroren finden wichtig, dass das Lösen von Konflikten geübt und vermittelt wird, dass Schüler eingebunden werden in Entscheidungen, die ihre Schule betreffen.
Schulleben
Wie gern gehen Schüler und Lehrer, aber auch die Eltern zur Schule? Mit welchen Veranstaltungen bemüht sich eine Schule um eine tolle Atmosphäre? Wird da lediglich einmal in der Weihnachtszeit gesungen, oder gibt es gut besuchte Schülerkonzerte, Musikabende, Theaterstücke und Sommerfeste?
Lernende Institution
In guten Schulen arbeiten die Lehrer eng zusammen. Sie schließen nicht die Tür des Klassenraums ab, sondern besuchen sich in ihrem Unterricht und lernen voneinander. Sie bilden sich laufend fort - und sie bewerten die Leistung ihrer Schule. Die Juroren bewerten positiv, wenn Lehrer offen sind für Rat und Kritik.

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