Dreiste Datenmassage: Finanzminister rechnen Bildungsausgaben schön

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Schwarz-Gelb preist Bildung als zentrales deutsches Zukunftsthema und will dafür mehr Geld ausgeben. In die Verhandlungen platzen die Länder-Finanzminister: Mit kühner Zahlenakrobatik definieren sie die Ausgaben neu - und mogeln sich so aus der Verantwortung. Bildungspolitiker sind fassungslos.

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dpa

Mathematik-Anfänger (in Dresden): Genau hinschauen lohnt sich

Mit kreativer Statistikinterpretation geben die Finanzminister der Länder Hoffnungen auf Milliardenhilfen für bessere Schulen und Hochschulen einen deftigen Dämpfer - exakt ein Jahr nach dem "Bildungsgipfel" in Dresden. Der Schwur der Regierungschefs von Bund und Ländern lautete: Bis 2015 sollen in Deutschland die Gesamtausgaben von Staat und Wirtschaft für Bildung und Forschung auf zehn Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) steigen. Das hatten auch die Unterhändler von Union und FDP bei den Koalitionsverhandlungen der letzten Tage bekräftigt.

Je nach Berechnung würde das Mehrausgaben von 20 bis 30 Milliarden Euro pro Jahr bedeuten; eine "Strategiegruppe" mit Vertretern der Länder und des Kanzleramtes veranschlagte die Mehrausgaben auf 26 Milliarden jährlich. Jetzt aber verblüffen die Finanzminister mit einer eigenwilligen Rechnung: Das Ziel sei doch bereits erreicht und werde sogar deutlich übertroffen.

Mehr Ausgaben für die Bildung, ohne mehr auszugeben? Um das verstehen zu können, muss man tief eintauchen in die spezielle Logik der Länderfinanzminister. Und bereit sein, mit ihnen Statistiken zu schwenken, zu schütteln und kräftig zu massieren.

Erste Lektion: Wir bedanken uns bei der Wirtschaftskrise. Denn das Zehn-Prozent-Ziel ist direkt gekoppelt an den stark schwankenden Wert des Bruttoinlandsprodukts. Wenn die Wirtschaft einbricht und die Wirtschaftskraft sinkt, beziehen sich die zehn Prozent eben auf eine deutlich kleinere Summe - und schon ist man erheblich näher am Ausgabenziel, ohne die Ausgaben zu erhöhen.

Steuererleichterungen werden zu Bildungsausgaben

Das würde allerdings noch nicht reichen für die plötzliche Erfolgsbilanz der Finanzminister. Zweite Lektion: Man braucht zusätzlich auch den starken Willen, "Bildungsausgaben" einmal ganz neu zu definieren - ist nicht alles Bildung, irgendwie? In einer Vorlage der Finanzministerkonferenz (FMK) gibt es dazu nach Informationen der Deutschen Presse-Agentur wegweisende Ideen:

  • Die Finanzminister möchten fortan in der Statistik unter "Bildungsausgaben" auch die kompletten Aufwendungen für das Kindergeld Volljähriger verbuchen - was bei internationalen Vergleichen nicht üblich ist. Allein der "höhere Betrag an berücksichtigtem Kindergeld" sei um 4,4 Milliarden Euro höher als beim Ansatz des Statistischen Bundesamtes, so die Finanzminister.
  • Ebenfalls als "Bildungsausgaben" wollen sie Steuererleichterungen deklarieren - etwa Ausbildungsfreibeträge bei der Einkommensteuer oder die Absetzbarkeit von Firmenforschung. Und obendrein sogar den ermäßigten Umsatzsteuersatz für "bestimmte Bildungsgüter (u.a. Bücher)", wie es in ihrem Papier heißt.
  • Auch die Pensionen von Lehrern und Professoren sollen künftig in der Statistik als Bildungsausgaben gelten, ebenso die Bereitstellung von Gebäuden und Grundstücken für Hochschulen.
  • Einbezogen werden zudem "in der Statistik nur unvollständig abgebildete Bereiche" wie "private Kindergärten, Horte, Ausgaben privater Haushalte, Weiterbildung, nicht quantifizierbare Steuervergünstigungen".

Rechnet man das alles zusammen, wachsen die Bildungs- und Forschungsausgaben über Nacht wundersam um rund neun Milliarden Euro - ohne dass real ein einziger Euro mehr fließt und sich das Bildungssystem tatsächlich verbessert. In ihrem "Beratungsergebnis" stellten die Finanzminister der Länder in ihrer Sitzung am 3. September ausdrücklich fest, auch der Bundesfinanzminister habe sein "Einvernehmen" zu den neuen Berechnungen erklärt. Ihre Botschaft an die schwarz-gelbe Koalition lautet nun: Fünfjahresplan übererfüllt, die Kassen sind leer, höhere Ausgaben für Bildung unnötig.

Finanz- und Bildungsminister auf Kollisionskurs

Damit lassen die Finanzminister auch das einzige greifbare Ergebnis des "Bildungsgipfels" absurd erscheinen. 2008 war Bundeskanzlerin Angela Merkel medienwirksam zu einer "Bildungsreise" quer durch die Länder aufgebrochen, hatte die "Bildungsrepublik Deutschland" ausgerufen und sodann mit den Regierungschefs der Länder ein paar Stunden gegipfelt. Es wurde eine Heißluftveranstaltung mit viel Getöse und wenig Getue, ein Symbol für die Verkrautung des Landes.

Jetzt erweitern die Länderfinanzminister fantasievoll ihren Bildungsbegriff und konterkarieren damit alle Absichtserklärungen der schwarz-gelben Koalition zu den "Zukunftsinvestitionen" in Bildung und Forschung. Die Vorlage der Finanzminister war von den Ministerpräsidenten der Länder angefordert worden. Sie wollen in der nächsten Woche in Mainz einen Zwischenbericht über die "Qualifizierungsinitiative für Deutschland" diskutieren, die Merkel beim Bildungsgipfel mit den Ländern vereinbart hatte.

Die Bildungsminister hatten ebenfalls einen "ersten Zwischenbericht" vorgelegt und ziehen darin eine überaus positive Bilanz. So seien die Ausgaben für Bildung und Forschung in fast allen Landeshaushalten wie auch beim Bund deutlich gestiegen. Es gebe mehr Ganztagsschulen und mehr Lehrer; bundesweit werde ein Trend zu kleineren Klassen deutlich. Der Bund listet in einer Zwischenbilanz Extra-Ausgaben auf, etwa für höheres Studenten- und Meister-Bafög, mehr Hilfen für bedürftige Kinder ("Schulstarterpaket") sowie Milliardeninvestitionen für Sanierung und Wärmeisolierung von Kindergärten, Sporthallen, Schulen und Hochschulen.

"Da helfen keine Taschenspielertricks"

Demnach werden die mit dem Schülerrückgang verbundenen Einsparungen in den Ländern ("demografische Rendite") größtenteils zu Qualitätsverbesserungen genutzt - so etwa zum Ausbau frühkindlicher Bildung, Finanzierung von Schulsozialarbeit oder Maßnahmen zur Vermeidung von Schulabbruch. Diese "demografische Rendite" indes wollen die Finanzminister lieber für die Landeskassen einsammeln. Statt an der Wirtschaftsleistung möchten sie die Bildungsausgaben künftig je Bildungsteilnehmer messen, also pro Kopf eines Schülers oder Studenten - Einsparungen würde ihnen das gewiss erleichtern.

Die Finanzminister sind mit der Gesamtsituation unzufrieden. Ihnen schmecken höhere Bildungsinvestitionen angesichts der Nöte der Länder überhaupt nicht, sie wollen andere Prioritäten setzen - zum großen Verdruss der Bildungsminister. So kritisierte Bayerns Wissenschaftsminister Wolfgang Heubisch (FDP) die Rechenspiele als "reine Kosmetik": "Wenn wir den Geist des Bildungsgipfels ernst nehmen, müssen wir dafür sorgen, dass mehr Geld bei Schulen, Hochschulen und in der Forschung ankommt. Alles andere ist unredlich."

Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) warnte vor "Zahlenakrobatik". Wer "bildungsferne Aspekte" mit einkalkuliere, nur um sich vermeintlich rasch dem Zehn-Prozent-Ziel zu nähern, täusche die Öffentlichkeit, sagte die Vize-Vorsitzende Ingrid Sehrbrock. Priska Hinz, bildungspolitische Sprecherin der Grünen, nannte die Position der Finanzminister "skandalös": "Damit die Qualität der Schulen besser wird, brauchen wir mehr Ganztagsschulen, Sozialpädagogen und Förderung für Migranten. Da helfen nur zusätzliche Investitionen und keine Taschenspielertricks."

Auch Petra Sitte von der Fraktion der Linken im Bundestag sprach von einer "Verdummung der Menschen" - "vielleicht werden künftig auch noch Betreuungszeiten von Oma und Opa als ehrenamtliche Leistung angerechnet".

Mit Material von dpa

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 73 Beiträge
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1. Bildungsgipfel
balduinbandwurm 22.10.2009
Ja als ich in Franken studierte und es um die Einführung von Studiengebühren ging sagte einst einer meiner lieben Kommilitonen folgenden Satz, den ich einfach nicht vergessen kann, da er nie an aktualität verloren hat: "Ich däd mr wünschen, dass die Boliddiker net arg zu viel Scheisse baun. Weil mir des am Ende alles fressen dref´n..." Aber wer kümmert sich schon um die kommende Generation, schließlich schreibt die ja sogar der BDI Chef ab: "Wegen der demografischen Entwicklung werden sich die Mehrheitsverhältnisse weiter hin zu den Empfängern staatlicher Transfers verlagern..." Das Schlimmste er befürchtet die würden wieder links wählen!
2. Ungeeignet für das angestrebte Ziel!
Benjowi 22.10.2009
Diese dämliche Art der virtuellen Ressourcenvermehrung lässt nur einen Schluss zu: Diese Art von Staatsorganisation ist für das ausgegebene Ziel schlicht und einfach nicht geeignet. Das Problem besteht ja anerkannterweise keineswegs im virtuellen, sondern im ganz realen Raum und heißt: Das Bildungssystem funktioniert ganz real eher schlecht -auch im Vergleich zu anderen Staaten. Und wenn die Systemantwort heißt, wir rechnen uns virtuell besser, ist real ja überhaupt nichts passiert-höchstens der dann entstehende Wirkungsgrad ist noch schlechter geworden, weil mit noch mehr angeblichen Ausgaben nach wie vor ein mittelmäßiges Ergebnis erzielt wird.
3. Hammer!!
MrBlue22 22.10.2009
Jetzt kommt es ja Schlag auf Schlag..Das ist ja so krass, dass ich schon fast darüber lachen muss. Nachtragshaushalt, Müllgebühren, Bildungsausgaben....Das geht hier ja fast im Stundentakt. Bin mal gespannt was als nächstes kommt. Sollte Schwarz-Gelb nicht den großen Aufbrauch hinbekommen, wird unsere Republik extrem nach Links rücken. Das ist meine Meinung. Aber dadurch wird alles nur noch schlimmer. Ich glaube Frau Merkel hat Ihren Laden nicht mehr im Griff. Sollte Schwarz-Gelb diese hisntorische Chance verpassen sieht es in der Tat schlimm aus.
4. Dreiste Datenmassage: Finanzminister rechnen Bildungsausgaben schön
Rainer Daeschler, 22.10.2009
Die Bildung ist der Regierenden Feind. Das Mehr in die Bildung gesteckt nur auf dem Papier erzeugt, ist somit durchaus von Nutzen. Das hält den Kreis derjenigen, die diese Zahlenkosmetik nachvollziehen können, klein und damit auch den Protest dagegen in Grenzen.
5. das spiel ist aus
erbseneintopf, 22.10.2009
Zitat von sysopSchwarz-Gelb preist Bildung als zentrales deutsches Zukunftsthema und will dafür mehr Geld ausgeben. In die Verhandlungen platzen die Länder-Finanzminister: Mit kühner Zahlenakrobatik definieren sie die Ausgaben neu - und mogeln sich so aus der Verantwortung. Bildungspolitiker sind fassungslos. http://www.spiegel.de/schulspiegel/wissen/0,1518,656664,00.html
wir sind pleite..das ist alles.. Ende
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