Intelligenz von Schülern: "Die meisten Gymnasiasten sind intellektuell nicht auf der Höhe"

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Abiturienten (Archiv): "Die meisten Menschen sind durchschnittlich intelligent"

Nur ein Fünftel aller Schüler sollte das Gymnasium besuchen dürfen, findet die Lernforscherin Elsbeth Stern - idealerweise die Schlauesten. Im Interview erklärt sie, warum die meisten Gymnasiasten nur mittelmäßig begabt sind und wie man unentdeckte Talente fördern sollte.

SPIEGEL: Frau Stern, viele Eltern haben den Eindruck, die Schule über- oder unterfordere ihre Kinder. Wie sollte unser Schulsystem organisiert sein, damit Kinder möglichst begabungsgerecht lernen?

Stern: Der Glaube, dass Kinder je nach Intelligenz in eine Schublade, also in einen bestimmten Schultyp, passen, führt in die Irre. Das mehrgliedrige Schulsystem schafft nur künstliche Grenzen und wird den bestehenden Unterschieden nicht wirklich gerecht.

SPIEGEL: Also befürworten Sie das, was Kritiker "Einheitsschule" nennen?

Stern: Ich mag den Begriff nicht, weil er in eine Ideologiedebatte führt. Aber, ja: Länder wie Japan oder Finnland machen uns vor, dass Kinder bis zum Alter von 15 Jahren durchaus gemeinsam eine Schule besuchen können. Danach wird es schwierig, dann kommen Inhalte wie Differential- und Integralrechnung, die nicht für jedes Intelligenzniveau geeignet sind. Aber bis dahin brauchen wir keine institutionelle Aufteilung. (Hier geht's zum IQ-Test.)

SPIEGEL: Ein Lehrplan für alle bis zur Oberstufe?

Stern: Die Kinder müssen ja nicht die ganze Zeit in einer Klasse zusammensitzen. Die Intelligenzforschung zeigt, dass Kinder unterschiedliche Voraussetzungen mitbringen und unterschiedlich schnell lernen. Diese Unterschiede sollten wir akzeptieren und noch viel früher mit einem individualisierten Programm beginnen. Etwa durch Extraaufgaben schon in der Grundschule für Kinder, die schon gut lesen und rechnen können. Während die einen noch das Einmaleins üben, machen sich die anderen schon Gedanken über den Aufbau des Zahlenraums.

SPIEGEL: Eltern tun sich schwer, solche Leistungsunterschiede hinzunehmen, besonders wenn das eigene Kind nicht zu den Besten gehört.

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Umfrage: Schüler fühlen sich in der Schule wohl
Stern: Wir haben auch akzeptiert, dass die Erde keine Scheibe ist. Es gibt nun einmal erhebliche Unterschiede bei Intelligenz und Lernfähigkeit, viele davon sind genetisch vorbestimmt. Aber ich kann die Eltern beruhigen: Die meisten Menschen sind durchschnittlich intelligent. 70 Prozent liegen in der Nähe des Mittelwertes, 15 Prozent sind deutlich überdurchschnittlich und 15 Prozent fallen ab. Einen IQ von 130 oder höher haben nur zwei Prozent, das sind dann die sogenannten Hochbegabten.

SPIEGEL: Warum halten viele Mütter und Väter die eigenen Kinder für hochbegabt?

Stern: Vielleicht weil sie sich das so wünschen? Die Psychologen sollten den Eltern reinen Wein einschenken. Es ist unseriös, Kindern eine Hochbegabtendiagnose auszustellen, die jünger als zehn Jahre sind.

SPIEGEL: Was ist mit den schwächeren Schülern?

Stern: Ich weiß, dass akademisch gebildete Eltern bisweilen nur schwer akzeptieren, dass ihr Kind in der Schule nicht so gut mitkommt. Die Kinder selbst hingegen schätzen meist realistisch ein, wie schnell sie lernen.

SPIEGEL: Können stärkere Schüler die schwächeren mitziehen, zum Beispiel in einer auf sechs Jahre verlängerten Grundschule?

Stern: Im Prinzip ja. Allerdings ist das politisch nur schwer durchsetzbar, solange begabte Kinder in der fünften und sechsten Klasse keine besonderen Angebote bekommen.

SPIEGEL: In Bundesländern wie Hamburg besucht inzwischen mehr als die Hälfte eines Altersjahrgangs das Gymnasium. Mit welchen Auswirkungen?

Stern: Das Gymnasium als Massenschule hat folgenden Nachteil: Die meisten Gymnasiasten sind nur mittelmäßig begabt und intellektuell nicht ganz auf der Höhe. Das ergibt sich zwangsläufig aus der Normalverteilung der Intelligenz. Sie können nicht so gut logisch denken oder sich in abstrakte Themen einarbeiten. Stattdessen sollen die Gymnasiasten nun irgendwelche Berufspraktika machen. Da pervertiert sich das deutsche Schulsystem wieder einmal selbst.

SPIEGEL: Welche Gymnasialquote empfehlen Sie?

Stern: 20 bis 25 Prozent, wenn man das Gymnasium als Vorbereitung für ein Studium versteht. Ich bin auch dafür, dass die Studierquote nicht 20 Prozent eines Altersjahrgangs überschreitet. Die Universität ist eine Forschungsanstalt. Wir Professoren haben nicht die Aufgabe, Leute zu fördern, die nicht wirklich etwas mit Wissenschaft am Hut haben. Für die Mehrheit sollte es gute Fachhochschulen und eine funktionierende Berufsbildung geben. In diese Sektoren sollte die Politik massiv investieren.

SPIEGEL: Stattdessen setzt sie auf mehr Akademiker.

Stern: Das ist nicht sinnvoll. Wir müssen dafür sorgen, dass alle Menschen eine anspruchsvolle Ausbildung bekommen, die ihnen das ermöglicht, wozu sie in der Lage sind. Die Schweiz beispielsweise fährt mit einer relativ niedrigen Studierquote von rund 20 Prozent sehr gut, weil die Berufsausbildung hoch gehalten wird. Die Frage ist, ob es die richtigen 20 Prozent sind, auch in der Schweiz spielt die soziale Herkunft eine große Rolle.

SPIEGEL: Wie bekommen unentdeckte Talente eine Chance, sich richtig zu entfalten?

Stern: Ich würde dafür gezielt Intelligenztests einsetzen. Nicht als Massenprüfung, sondern um Kinder mit viel Potential zu identifizieren. Wenn beispielsweise ein Kind in der Grundschule sehr gut in Mathematik ist, aber schlecht lesen und schreiben kann, dann könnte das so ein Indiz sein. Dann muss es beim Lesen die Unterstützung bekommen, die möglicherweise zu Hause fehlt. Selbst bei einer Gymnasialquote von 50 Prozent kann noch unentdecktes Potential schlummern.

SPIEGEL: Das Gymnasium also nur für die Schlauen, die anderen bleiben dumm?

Stern: Nein, ich bin für eine anspruchsvolle Gemeinschaftsschule bis zum Alter von 15 Jahren mit einer anschließenden gymnasialen Oberstufe. Insgesamt sind ja die Anforderungen in allen Berufen gestiegen. An Universitäten verlangt man auch von den Pförtnern, dass sie Englisch können, um ausländische Gäste angemessen zu begrüßen. Aber dazu müssen die nicht Shakespeare gelesen haben.

SPIEGEL: Birgt es nicht Gefahren, wenn Sie der Intelligenz so viel Bedeutung in Schul- und Berufsleben einräumen?

Stern: Mir wurde Sozialdarwinismus vorgeworfen, und es wurde so getan, als würde ich mich für die Berücksichtigung eines abstrusen Merkmals einsetzen. Aber Intelligenz ist nun einmal das psychologische Merkmal mit der größten Stabilität, das wir besser als vieles andere messen können. Intelligenz bringt viele andere positive Eigenschaften mit sich. Ich habe beispielsweise dafür geworben, in den Auswahlverfahren der Studienstiftung in Deutschland und der Schweiz Intelligenztests einzusetzen. Die meisten üblichen Auswahlverfahren schauen darauf, wie gut sich jemand verkaufen kann.

SPIEGEL: Streben Sie eine Herrschaft der Intelligenten an?

Stern: Nicht Herrschaft, sondern Verantwortung. Viele anspruchsvolle Aufgaben zeichnen sich dadurch aus, dass die Erwartungen groß sind, aber niemand einem sagt, wie sie zu erfüllen sind. Das trifft auf die Leiterin eines Kindergartens ebenso zu wie auf den Aufsichtsratschef eines großen Unternehmens. Für diese Art von Aufgaben sind intelligente Menschen eher geeignet. Wer intelligenzmäßig überfordert ist, greift schnell zu autoritären Mitteln, und die bringen nichts. Intelligenz ist aber kein Garant für einen guten Charakter.

Das Interview führte Jan Friedmann

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insgesamt 527 Beiträge
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1. Volle Zustimmung!
jaidru 08.05.2013
Endlich einmal jemand, der das Kind beim Namen nennt. Es ist eine absolute Fehlentwicklung, wenn 70% eines Geburtenjahrgangs auf das Gymnasium geht. Wir bekommen an den Universitäten seit einigen Jahren einen großen Teil studierunfähiger Abiturienten. Man sollte die Anforderungen an die Hochschulzulassung deutlich anheben und im Gegenzug dafür sorgen, dass für Ausbildungsberufe ein Realschulabschluss, meinetwegen mit Fachhochschulreife, wieder die Regel wird.
2. Aha, schön das es die gibt
Erich91 08.05.2013
Zitat von sysopNur ein Fünftel aller Schüler sollte das Gymnasium besuchen dürfen, findet die Lernforscherin Elsbeth Stern - idealerweise die Schlauesten. Im Interview erklärt sie, warum die meisten Gymnasiasten nur mittelmäßig begabt sind und wie man unentdeckte Talente fördern sollte. Elsbeth Stern: Nur ein Fünftel der Schüler soll aufs Gymnasium - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/schulspiegel/wissen/elsbeth-stern-nur-ein-fuenftel-der-schueler-soll-aufs-gymnasium-a-898282.html)
die Lernforscherin, wenigstens ihr Gehalt scheint gesichert zu sein, obwohl sie sich durchaus mit einer sinnlosen Tätigkeit befasst.
3. Aw:
Moxie 08.05.2013
---Zitat--- Die Frage ist, ob es die richtigen 20 Prozent sind, auch in der Schweiz spielt die soziale Hertkunft Faktor eine große Rolle. ---Zitatende--- ---Zitat--- Selbst bei einer Gymnasialquote von 50 Prozent ist kann noch unentdecktes Potenzial schlummern ---Zitatende--- Frau Professor scheint sich ja etwas eigenartig auszudrücken. Gut, dass der Journalist es getreulich aufgezeichnet hat.
4.
Andr.e 08.05.2013
Zitat von sysopNur ein Fünftel aller Schüler sollte das Gymnasium besuchen dürfen, findet die Lernforscherin Elsbeth Stern - idealerweise die Schlauesten. Im Interview erklärt sie, warum die meisten Gymnasiasten nur mittelmäßig begabt sind und wie man unentdeckte Talente fördern sollte. Elsbeth Stern: Nur ein Fünftel der Schüler soll aufs Gymnasium - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/schulspiegel/wissen/elsbeth-stern-nur-ein-fuenftel-der-schueler-soll-aufs-gymnasium-a-898282.html)
Legt man das vorliegende Frage-Antwort-Spielchen hier zugrunde, hätte Sie Ihre eigenen Kriterien aber nicht auf sich anwenden sollen...
5. Argumente sind überholt
Herr Bayer 08.05.2013
die Motivation ist der wichtigste Erfolgsfaktor für Mathematik. Ein IQ von 120 mag hilfreich sein, ein geringerer IQ kann aber durch Disziplin kompensiert werden.
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  • ETH Zürich
    Elsbeth Stern, 55, ist Professorin für Psychologie an der ETH Zürich, wo sie den Arbeitsbereich Lehr- und Lernforschung leitet. Gerade ist ihr neuestes Buch erschienen: Elsbeth Stern, Aljoscha Neubauer: Intelligenz. Große Unterschiede und ihre Folgen. DVA, München, 304 Seiten, 19,99 Euro.

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