Englisch für Ostdeutsche: Weiterbildung made in Wust

Als Oxford-Absolventin Maria von Katte nach dem Mauerfall den deutschen Osten bereist, erkannte sie den Mangel: Die Menschen können kaum Englisch. Also lockt sie Muttersprachler in ein Dorf und erfand die Wuster Sommerschule - Lovestorys inklusive.

Die Zelte am Sportplatz von Wust in Sachsen-Anhalt verraten: Es ist wieder Sommerschule. 90 von gut 100 Lernwilligen haben dort Quartier bezogen, pauken am Vormittag drei Stunden Englisch, und am Nachmittag zeichnen oder töpfern sie, informieren sich über US-amerikanische Politik unter Obama oder spielen Theater.

Am Abend treffen sie sich mit den Dorfbewohnern in der Kirche zum Konzert, hören Vorträge über Gott und die Welt, und danach sitzen sie bis in die Nacht am Sportplatz zusammen. Für die Wuster ist die Sommerschule der Höhepunkt des Jahres. Die Einwohner des 550-Seelen-Dorfs im Elbe-Havel-Land stellen Quartier und freuen sich auf das Kulturprogramm.

Anfängliche Berührungsangst ist kollektiver Begeisterung gewichen. "In diesem Jahr hat sich eine Dame sogar beschwert, dass sie keinen Gast abbekommen hat", gesteht Reiner Möckelmann. Der Generalkonsul a. D. steht dem Verein vor, der die Sommerschule organisiert. "Es ist einmalig", beschreibt Möckelmann. "Nirgendwo sonst lernt man in den Ferien Englisch in kleinen Gruppen bei Muttersprachlern und hat nebenbei ein so umfangreiches Kulturprogramm."

Englisch unterm Apfelbaum

Angefangen hat es 1990. Damals besuchte die Wolfenbüttelerin Maria von Katte nach dem Mauerfall das Land ihrer Vorfahren, den Kattenwinkel. Die wissenschaftliche Mitarbeiterin der Herzog-August-Bibliothek sah hier, wo bis Dato Russisch als erste Fremdsprache auf dem Stundenplan stand, Nachholbedarf in Sachen Englisch. Selbst ostdeutsche Englischlehrer kannten die Sprache nur aus Büchern. Maria von Katte, die in Oxford studiert hatte, kam eine Idee: Man könnte doch gemeinsam mit englischen und amerikanischen Freunden unterm Apfelbaum plaudern und dabei ostdeutschen Schülern Englisch beibringen.

Die Idee wurde begeistert aufgenommen, und Maria von Katte versprach, einen Studenten aus England anzuheuern. Doch plötzlich meldeten auch 80 Englischlehrer Bedarf an, im Sommer die Schulbank zu drücken. Als 1991 die erste Sommerschule stattfand, agierten Germanistikstudenten aus Großbritannien und den USA als Dozenten.

Die Schüler kommen aus ganz Deutschland und manche sogar aus dem Ausland. Die meisten kommen immer wieder, einige schicken ihre Kinder und gar schon Enkel. Während anfangs vom Zehnjährigen bis zur Rentnerin alle Altersstufen gleichermaßen vertreten waren, büffeln heute meistens Studenten oder Schüler in Wust.

Die Sommerschule ist auch Partnerbörse

Oder Englischlehrer wie Karin Mechow. Sie hat seit 1991 kaum eine Sommerschule verpasst. Die 56-Jährige aus Iden bei Stendal nahm damals Unterricht für Anfänger. "Für mich war es die erste Möglichkeit, mal mit Amerikanern und Engländern in Kontakt zu treten und außerdem Englisch zu lernen", erinnert sie sich. Sie studierte später Englisch und unterrichtet die Sprache heute selbst.

"Das Besondere an Wust ist die Gemeinsamkeit", schwärmt sie. Manche Leute treffe sie immer wieder, wie ihre Lehrerkollegin Andrea Meyer aus Berlin. "Wir sehen uns nur in Wust, aber dann ist es, als sei kein Tag vergangen." Jetzt zaubert sie gemeinsam mit Karin Gruchenberg im Kunst-Workshop ein Stillleben aufs Papier. Die Verwaltungsangestellte aus Brettin ist über ihre Tochter Saskia auf Wust gestoßen. Der hatte die Englischlehrerin vor elf Jahren empfohlen, sich doch mal in Wust anzumelden.

"Auf der Rückfahrt switchte sie dann immer zwischen Englisch und Deutsch und hat das gar nicht gemerkt", erzählt Karin Gruchenberg. "Da habe ich gedacht, das muss ja toll gewesen sein." Im Jahr drauf fuhr die ganze Familie und ist seither in wechselnder Besetzung immer in Wust. "Es ist die Mischung aus Unterricht, Workshops und Kultur, was Wust ausmacht", sagt die 53-Jährige. Und dass man sich schnell näher kommt. "Mein Sohn hat hier seine Freundin kennengelernt. Sie war in meiner Gruppe."

"Alles ist in Wust. Alles außer Schlaf"

Das private Glück hat auch Cora Lee Kluge in Wust gefunden. Für sie ist Wust gar der Mittelpunkt der Welt. Die Germanistikprofessorin aus Madison im US-Staat Wisconsin ist seit 1997, seit sie von Maria von Katte gebeten wurde, Chefdozentin in Wust. Sie bringt jedes Jahr Studenten mit, die als Dozenten agieren und nachmittags die Workshops durchführen.

In Wust traf Cora Lee den pensionierten Bundeswehroffizier Ernst-Christian Kluge, der die Logistik der Sommerschule schmeißt, die Kasse verwaltet und für Sicherheit sorgt. Längst sind beide verheiratet. "Wir wären uns sonst nie begegnet", sagt die Professorin und fügt hinzu: "Alles ist in Wust. Alles außer Schlaf." Wenn sie nach dem Sommer dann wieder an die Universität in Madison zurückkehre, sage sie sich immer, dort sei die Arbeit doch gar nicht so schlimm.

Wust sei zwar Urlaub, aber sehr intensiv. "Man kann in 52 Wochen viel bewegen", sagt sie. "Aber die Tage in Wust, die bleiben in Erinnerung." Die Engländerin Jess Nye ist eine der 17 Dozentinnen. Sie lehrt im dritten Jahr ihre Muttersprache und wird in Magdeburg bleiben. Dort studiert ihr zukünftiger Mann, den sie natürlich in Wust kennengelernt hat.

Jess erzählt ihre Erlebnisse in der Sommerschule in einem Internet-Tagebuch. "Es gibt so viele ehemalige Schüler und Studenten, die nicht hier sein können", sagt sie. "Sie wollen aber wissen, was los ist." Einmal Wust, immer Wust. Wer infiziert wurde, kommt nur schwer wieder los. "Wir sind Wustis", sagt die Germanistin, die vor drei Wochen in Cambridge ihren Abschluss gemacht hat. "Und natürlich werden wir auch in Wust heiraten."

Von Annette Schneider-Solis, AP

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Forum - Wie sinnvoll ist früher Englischunterricht?
insgesamt 532 Beiträge
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1.
woanders 20.01.2009
Je früher desto besser. Allerdings mit 2 Wochenstunden a 45 Min dem Auswendiglernen von ein paar Trällerliedchen und Lehren, die in einem paar Tage Seminar ausgebildet werden ist das selbstverständlich sinnlos.
2. Englisch
e-ding 20.01.2009
Na wollen wir unsere Kleinen mal nicht überfordern. Fremdsprachen? Um Gottes Willen! Zensuren in der ersten Klasse? Blos nicht! Kopfnoten? Alles Teufelswerk! Fächer wie "Gesunde Ernährung" oder diverse Malkurse sind doch das gelbe vom Ei. Damit bleibt Deutschland garantiert Innovations - und Ideenschmiede. Wenn das Lernen einer Fremdsprache so früh ineffizient sein soll, dann verzichten wir doch auch komplett auf Mathe und Deutsch oder besser, schulen unsere Kinder erst mit 10 Jahren ein. Weshalb klappt das denn in anderen Länder eigentlich schon früher?
3.
rkinfo 20.01.2009
Zitat von woandersJe früher desto besser. Allerdings mit 2 Wochenstunden a 45 Min dem Auswendiglernen von ein paar Trällerliedchen und Lehren, die in einem paar Tage Seminar ausgebildet werden ist das selbstverständlich sinnlos.
Um 'cat', 'dog' oder 'computer' zu lehren benötigt es kein Englisch-Studium, oder ? Die 2 Jahre à 2h/ Woche sind natürlich schon rechnerisch und mit Bezug auf die Aufnahmefähigkeit der jüngeren Schüler nur das geschilderte 1/2 Jahr wert. Aber wir haben verkürztes Abitur und teils verlieren Schüler auch später aus div. Gründen Unterrichtsstoff. Bleibt auch die Frage, ob sich gerade die gut ausgebildeten Englischlehrer das 1/2 Jahr Primitiv-Unterricht zu Vokabeln aus eigenen Interesse schenken sollten. Im Prinzip kann dann im Lehrplan 5. Klasse Englisch der Stoff von bisher 1,5 Schuljahren gerafft präsentiert werden, was in späteren Jahren noch Chancen auf Vertiefung ermöglicht. Man sollte die simplen Bereiche des Sprachen erlernen möglich nach vorne schieben, damit später Zeit für Anspruchsvolleres bleibt.
4.
MarkH, 20.01.2009
Zitat von sysopEnglisch ist wichtigste Fremdsprache - doch wann soll für Schüler der Unterricht beginnen? Möglichst früh? Ab welcher Altersstufe ist für Sie der Englischunterricht sinnvoll?
In jedem Schwellenland der Welt wachsen Kinder heute frühzeutig mit Englisch auf. Das macht defintiv Sinn. Von meiner Seite hinzuzufügen bleibt, dass man Latein besser ganz verbannen sollte. Evt noch als Workshop oder für Hobbyisten anbieten sollte.. oder als Pflichtkurs für angehende Apotheker.
5.
mobileresident 20.01.2009
Zitat von sysopEnglisch ist wichtigste Fremdsprache - doch wann soll für Schüler der Unterricht beginnen? Möglichst früh? Ab welcher Altersstufe ist für Sie der Englischunterricht sinnvoll?
Ich bin kein Deutscher, bin aber als 12jaehriger in Deutschland zur Schule gegangen. wir mussten damals English, Franzoesisch/Latein lernen. Ich habe mich fuer Franzoesisch entschieden. Dann gings los. Die Lehrer waren Deutsch. So fings an, die Kenntnisse des english Lehrers waren, milde ausgedrueckt, rudimentaer. Als Amerikaner (und unser English ist weiss Gott nicht gerade...nun..."correct") habe ich nur die Haelfte von dem was uns dieser Lehrer beibrachte, verstanden. "Fuers Leben" also fuer den praktische Einsatz im Ausland, duerfte niemand der Klassenkameraden etwas mitgenommen haben. Franzoesisch sprach ich fliessend, von meiner Schulzeit vorher in den USA. Dort kam unsere Franzoesisch Lehrerin am ersten Tag in die Klasse und sprach nur Franzoesisch. Sie WAR Franzoesin. Niemand hat irgendetwas verstanden, aber mit dem Wissen, das man das Jahr wiederholen durfte, wenn man Franzoesisch am Ende NICHT bestand, hat man SEHR SCHNELL gelernt. In Deutschland hatten wir eine junge Deutsche, welche offenbar in Frankreich gelebt hatte, als Lehrerin. Aber auch hier lief der Unterricht auf Deutsch ab.sie nutzte Asterix und Obelix Hefte zur Begeisterung der Schueler.Aber richtig lernen konnte man da auch nicht. Ich meine, wenn zB das Fernsehen nicht alles und jedes eindeutschen wuerde oder es wenigstens die Moeglichkeit gebe, den original Ton zu hoeren, wuerde die enlishe Sprache sehr viel einfacher und sehr viel schneller zu lernen sein. Ich kenne keinen 15 jaehrigen Hollaender oder Skandinavier (dort laufen im fernseher Untertitel) der sich nicht fast akzentfrei und correct mit mir unterhalten koennte, auf English. mr
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