Schul-Klischees im Faktencheck: Lehrer haben es leicht - oder doch nicht?

Von Heike Sonnberger

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Klischee des Lehrerjobs: Helle Zimmer, brave Kinder und richtig viel Freizeit

Nachmittags schon Feierabend und drei Monate frei im Jahr: Viele Menschen glauben, dass Lehrer einen entspannten Job haben. Die Pädagogen sehen das anders. Wenn die Glocke beim Schulschluss schellt, fängt für viele der Stress erst an. Der Faktencheck zum Lehrerberuf.

Lehrer haben's gut: Sechs Wochen Sommerferien und nachmittags schon Feierabend. Wenn sie mal einen Fehler machen, stirbt ihnen kein Patient unter den Händen weg und niemand verliert astronomische Summen Geld. Und Kinder sind zwar manchmal anstrengend, aber eigentlich auch ganz süß.

So stellen sich das zumindest viele Deutsche vor, die selbst noch nicht unterrichtet haben. Das Bild des relaxten Lehrers existiert weiter in den Köpfen. So waren in einer Umfrage des Instituts für Demoskopie Allensbach fast drei von vier Menschen der Meinung, dass Lehrer viel Urlaub haben. Und etwa die Hälfte fand, dass Deutschlands Pädagogen von geregelten Arbeitszeiten profitieren und nur selten Überstunden schieben.

Ob sich bereits Lehreramts-Erstsemester bei der Studienwahl von dem Klischee "viel Freizeit" leiten lassen, haben die Forscher des Hochschul-Informations-System (HIS) zwar leider nicht erhoben. Die Forscher fanden allerdings heraus, dass Freizeit insgesamt bei jedem dritten Erstsemester mit ausschlaggebend bei der Studienwahl war. Das gängige Ferienklischee könnte also dazu beitragen, dass sich junge Menschen für den Lehrerberuf entscheiden.

Lehrer sehen das meist etwas anders. Rund jeder zweite Lehrer findet, dass das Schulleben in den vergangenen fünf bis zehn Jahren anstrengender geworden sei. Etwa vier von zehn Lehrern wollen in ihrem Berufsleben schon unerträgliche Belastungen erlebt haben. Laut der Studie im Auftrag der Vodafone Stiftung gilt das besonders für Haupt- und Realschulpädagogen.

Überschaubare Arbeitszeiten - das zeigen die Zahlen

Wenn man die aktuellen Pflichtstunden, die Gymnasiallehrer pro Woche höchstens unterrichten müssen, mit denen von vor zehn Jahren vergleicht, ist der Anstieg auf den ersten Blick nicht dramatisch. Nur in Schleswig-Holstein sind drei Stunden hinzugekommen, in allen anderen Ländern sind es weniger oder gar keine, in Sachsen wurde den Lehrern sogar eine Stunde erlassen.

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Außerdem müssen längst nicht alle Pädagogen den maximalen Stundensoll erfüllen. Hier sind einige Beispiele für Ermäßigungen: Im Saarland und in Hessen bekommt eine Stunde geschenkt, wer mindestens acht Stunden in der Oberstufe unterrichtet. In Bayern müssen Lehrer weniger arbeiten, die 50 Jahre oder älter sind. Bremer Gymnasiallehrer müssen nur 25 Stunden ran, wenn sie Vollzeit in der Oberstufe unterrichten. Hamburg hat die Pflichtstunden offiziell ganz abgeschafft und listet lieber durchschnittliche Unterrichtsstunden auf.

Viel Arbeit außerhalb der Schule - das sagen Experten

Bildungsforscher und Gewerkschaften sind sich einig, dass die tatsächliche Arbeitszeit der Lehrer oft weit über die Pflichtstunden hinausgeht. Bundesweite Statistiken dazu gibt es nicht. Die Frankfurter Bildungsforscherin Mareike Kunter schätzt, dass Aufgaben wie das Vorbereiten von Schulstunden, das Korrigieren von Klassenarbeiten, Elterngespräche, AGs und Verwaltung mehr als 40 Prozent der Arbeitszeit ausmachen. "Studien zeigen, dass Vollzeitlehrer zwischen 30 und 70 Stunden pro Woche arbeiten", sagt Kunter. Das hänge unter anderem von der Schulform, vom Fach und der Erfahrung des Lehrers ab.

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Halbwahrheiten rund um die Schule: Lehrer sind faul, Klassen sind groß
Seit der ersten Pisa-Studie 2000 seien außerdem neue Pflichten hinzugekommen, sagt Erziehungswissenschaftler Norbert Grewe von der Uni Hildesheim. Schulen seien seither oft damit beschäftigt, die Leistungen ihrer Schüler zu dokumentieren, Leitlinien zu entwerfen und Schulberichte zu schreiben. "Mit Pädagogik hat das nur noch wenig zu tun."

Viele Lehrer plage außerdem das Unvermögen, von ihrem Job mal abzuschalten, sagt Gesa Bruno-Latocha von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW). Lehrer dürfen sich selbst einteilen, wann und wo sie Diktate korrigieren und Zeugnisse schreiben. Die einen schätzen diese Freiheit. Aber für die, die nicht damit umgehen können, sei das belastend, sagt Bruno-Latocha. "Sie schleppen ständig Arbeit mit sich herum, auch am Wochenende und im Urlaub."

Lehrer haben zwar etwa ein Viertel des Jahres keinen Unterricht, aber nicht immer haben sie durchgehend frei. Manchmal fallen Konferenzen oder Fortbildungen in die Ferien. Außerdem gibt es sogenannte Präsenztage, an denen Lehrer in der Schule anwesend sein müssen. Sie liegen meist am Ende der Sommerferien, um das neue Schuljahr vorzubereiten. Trotzdem sind die freien Tage von Lehrern immer noch üppig bemessen - solange man davon nicht die Überstunden abzieht, die während der Schulzeit anfallen.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version dieses Artikels hieß es, jeder dritte Lehramtsstudent lasse sich von der Erwartung bei der Studienwahl leiten, er haben im Berufsleben "viel Freizeit". Der Wert bezog sich allerdings auf alle Studienanfänger, nicht nur auf diejenigen im Lehramtsstudium. Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen.

In einer fünfteiligen Serie geht SPIEGEL ONLINE gängigen Annahmen über den Lehrerberuf nach und deckt auf, was davon Fakt und was Mythos ist. Dies ist der erste Teil, in dieser und der nächsten Woche folgen Antworten auf die Fragen: Lohnt es sich wirklich Lehrer zu werden? Werden die Klassen immer größer? Fehlen überall Lehrer? Fallen dauernd Stunden aus?


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insgesamt 574 Beiträge
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1. Durch Klassenreisen
einuntoter 26.03.2013
kommen sicherlich auch noch viele Überstunden zusammen. Tauschen möchte ich mit den Lehrern nicht. Abgesehen davon, dass sie niemals außerhalb der Ferienzeiten Urlaub machen können...
2. Lehrer wissen alles
Mertrager 26.03.2013
Der Bedarf nach ausgedehnten Ferien ist wohl tatsächlich für einen Teil der Lehrerbelegschaft für die Ergreifung dieses Berufs ursächlich. Ich bin der erste Nicht-Lehrer einer Lehrerfamile und denke, ich weiß, wovon ich rede. Dabei ist das bei uns in der Familie durchaus unterschiedlich. Der ei e war die gesamte Ferienzeit mit Korrekturen und Planen befasst. Andere sind ständig auf Reisen. Das Problem ist, dasz Leute wegen der vielen Ferien den Beruf ergreifen, die persönlich dazu eher ungeeignet sind. Ungeeignete Lehrer hinterlassen beim Schüler ggf. Defizite, die manchmal nicht mehr kompensiert werden können. Ich durfte das beim Studium im Bereich Mathematik bemerken. Das Nichtabschalten können äußert sich mE. hauptsächlich darin, dasz Lehrer fortlaufend Ihre Umgebung "schulmeistern" müssen. Wird Jeder kennen. Ansonsten trifft das sog. Nichtabschaltenkönnen nicht jeden wirklich. Gerade Jene, die hauptsächlich wegen der Ferien diesen Beruf ergriffen haben, sind oftmals Kulturreisende mit Nebenberuf Lehrer. Und da klappt das Abschalten dann bei Einigen ganz gut.
3. Mathe- oder Deutschlehrer, Grundschule oder Abi ?
angestellter159 26.03.2013
wie sagte meine alte Mathelehrerin vor 30 jahren: "Matheleher haben im Studium viel gearbeitet, jetzt ist es gemütlicher, bei Deutschlehrern ist es andersherum". Allerdingsgehört für eine ehrliche Bestandsaufnahme immer auch das Einkommen. Jeder könnte dann selbst bewerten, wie Aufwand, Verantwortung und Entlohnung zusammenpasen. Speziell bei Beamten ist das etwas diffiziler.
4. Lehrer an Restschulen
Cotopaxi 26.03.2013
deren Hauptaufgabe daraus besteht die Gymnasien frei von den Lernunwilligen zu halten werden verheizt.
5. Lehrer
APPEASEMENT 26.03.2013
Zitat von sysopCorbisNachmittags schon Feierabend und drei Monate frei im Jahr: Viele Menschen glauben, dass Lehrer einen entspannten Job haben. Die Pädagogen sehen das anders. Wenn die Glocke beim Schulschluss schellt, fängt für viele der Stress erst an. Der Faktencheck zum Lehrer-Beruf. http://www.spiegel.de/schulspiegel/wissen/fakten-check-vie-viel-arbeiten-lehrer-und-wie-viel-freizeit-haben-sie-a-874089.html
orientieren sich leider nicht an den Bedürfnissen der mittleren Leistungsgruppe. Die guten Schüler überstehen auch schlechten Unterricht, die anderen leiden darunter. Lehrer machen es sich oft zu einfach, weil sie sich überfordert fühlen und den Eltern wird es dann überlassen, zuhause die Defizite der Schulausbildung nachzuholen. Leistung eines Trabbi zu Kosten eines BMW. Lehrer sind Dienstleister die sich auch mal Kundenorientiert verhalten sollten. Anspruch in Arbeiten deckt sich leider oft nicht mit der Qualität der Unterrichts und der Vorbereitung. Man sollte den Lehrer viel mehr auf die Finger sehen und anonyme Bewertungsmöglichkeiten durch die Eltern einführen (Kundenfeedback). Der Beamtenstatus sollte sowieso abgeschafft werden. Schlechte Lehrer sollten genauso wie schlechte Angestellt entlassen werden können.
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