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Freispruch für Lehrerin: Schüler an Kleiderhaken gehängt?

Von Elke Spanner

Sportlehrerin Greta Z. soll zwei Hamburger Schüler an die Garderobe geknüpft haben. Das behaupten die beiden Sechstklässler. Staatsanwälte nennen es Körperverletzung, die Pädagogin Eltern-Intrige, empörte Kollegen Mobbing. Nun musste das Amtsgericht entscheiden.

Bis heute sitzen sich Lehrerin und Schüler täglich im Unterricht gegenüber, und alle beteuern, dass die Atmosphäre in der Klasse angenehm sei. Auch nach dem Vorfall, der aus ihnen gegnerische Parteien machte, ging es im Lehrplan weiter wie zuvor. Greta Z.*, die Lehrerin, will es sogar witzig gefunden haben, als Marco* und Carsten* sich im September 2005 im Sportunterricht zusammen in ein buntes Parteiband zwängten, weil sie nicht in gegnerischen Fußballteams spielen wollten. Doch dann kam es zu einer Situation, die eine Seite heute im Gerichtssaal als Gewalt, die andere als alltäglich beschrieb.

Lehrerin und Schüler blickten sich im Hamburger Amtsgericht als Prozessgegner in die Augen; die 7. Klasse einer Gesamtschule in Hamburg-Wellingsbüttel ist gespalten. Greta Z., seit 30 Jahren Lehrerin mit tadellosem Ruf, soll Marco und Carsten damals im Sportunterricht in die Umkleidekabine geschleift und an Kleiderhaken aufgehängt haben. Körperverletzung im Amt und Freiheitsberaubung, sagte die Staatsanwaltschaft dazu und forderte 4500 Euro Strafe.

Doch der Amtsrichter sah keine hinreichenden Beweise dafür, dass die Pädagogin die Schüler tatsächlich an die Garderobe geknüpft hatte. Greta Z. schilderte die Situation als harmlose Auseinandersetzung. Sie sei mit den Schülern in der Umkleidekabine gewesen und habe dann nur im Spaß gedroht: "Hier könnte ich euch jetzt aufhängen." Das Gericht beurteilte die Version zwar als lückenhaft, sprach die 55-Jährige aber schließlich frei. Es bestünden zu viele Zweifel an der Geschichte, die Marco und Carsten zu Protokoll gegeben hatten.

Lehrer vermuten gezieltes Mobbing

Strittig blieb zum Beispiel, ob der Unterricht in der neuen oder der alten Turnhalle der Schule stattgefunden hatte. Zweifel blieben auch, ob unter dem Kleiderhaken, an dem die Jungen angeblich gehangen hatten, eine Bank stand oder nicht. "Es gibt zu viele Umgereimtheiten", meinte der Richter und folgte mit dem Freispruch dem Antrag der Verteidigung.

Die 55-jährige Greta Z. ist eine resolute Frau mit weichem Gesicht. Sie lächelt viel, aber ihr prüfender Blick während der Aussage der Schüler verriet auch Unnachgiebigkeit. Das Lehrerkollegium stand hinter ihr; wer konnte, hat sie zum Prozess begleitet. Gleich nachdem die Vorwürfe bekannt wurden, hatten sich die übrigen Lehrer in einem Brief an die Eltern mit Greta Z. solidarisiert, einer Kollegin, die "bei jedem Konflikt auf Seiten der Kinder steht". So drückte es eine Sportlehrerin aus, die namentlich nicht genannt werden will, "sonst habe ich morgen auch noch eine Anzeige am Hals". Die Lehrerschaft ist aufgebracht und bezeichnet die Vorwürfe gegen Greta Z. als "Mobbingkampagne". Dahinter vermuten sie einige Eltern, die Jahre zuvor schon einmal versucht hätten, "eine Lehrerin abzuschießen".

Marco und Carsten, 12 und 13 Jahre alt und beste Freunde, erzählten ihre Geschichte vor Gericht nicht überzeugend: Greta Z. habe gereizt auf ihre Albernheiten mit dem Sportband reagiert, die Jungen in die Kabine geschleift und, das Parteiband noch um Arme und Hals, an den Kleiderhaken aufgeknüpft. Eine Minute lang. "Ich musste mich auf die Zehenspitzen stellen, um noch Luft zu bekommen", schildert Carsten seine Erinnerungen. Die Sportlehrerin habe die Tür zur Umkleide während des Vorfalls von innen abgesperrt.

Schweigen beim Elternsprechtag

Carsten sagte, er habe anschließend rote Striemen unterm Arm gehabt. Doch seinen Eltern und Freunden erzählte er nichts. Wenige Wochen später war Elternsprechtag an der Hamburger Gesamtschule. Auch die Mütter von Marco und Carsten waren mit ihren Kindern dort; niemand verlor ein Wort über den angeblichen Vorfall. Erst ein Jahr später tauchte plötzlich das Gerücht auf dem Schulhof auf, die Lehrerin habe den Kindern Gewalt angetan. Die Eltern eines der beiden Schüler erstatteten Anzeige bei der Polizei.

"Das Ganze wurde von ein paar Eltern aufgebauscht", fand auch der Elternvertreter der betroffenen Klasse. Trotz allem wollen die Lehrer der Gesamtschule Marco und Carsten keine böse Absicht unterstellen. "Ich glaube nicht, dass sie bewusst etwas Falsches erzählen", sagte eine Mathematik-Lehrerin am Rande des Prozesses, "wie man eine bestimmte Situation erlebt, ist eine Wahrnehmungsfrage."

Unter ihren Klassenkameraden haben Marco und Carsten mit ihrem Auftritt keine Sympathiepunkte gesammelt. Denn die beiden sind an der Schule als Störer bekannt. Oft war es witzig, die Klasse hatte ihren Spaß. Doch nun sind sie keine Clowns mehr, über die man lachen kann. Dass sie eine geachtete Lehrerin vor Gericht bringen, geht vielen zu weit. Früher hätten sie sich ganz gut verstanden, sagt Klassensprecherin Christine*. Heute aber hätten sie nicht mehr viel miteinander zu tun: "Sie sind mir fremd geworden."

*Namen geändert

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