Fremdsprachen: "Globales Englisch ist eine Grundfähigkeit wie Autofahren"

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Wem gehört die englische Sprache? Nicht allein den Muttersprachlern, sagt Barbara Seidlhofer. Die Wiener Linguistin erklärt im SPIEGEL-Interview, warum Fehler in Fremdsprachen nicht schlimm sind und simples Englisch kein unkultiviertes Kauderwelsch bedeutet.

SPIEGEL: Wollten Sie selbst als Schülerin und Studentin nicht auch den englischen Muttersprachlern möglichst nacheifern mit einer möglichst authentischen Aussprache?

Barbara Seidlhofer leitet an der Universität Wien das Forschungsprojekt The Vienna-Oxford International Corpus of English (Voice)
Universität Wien

Barbara Seidlhofer leitet an der Universität Wien das Forschungsprojekt The Vienna-Oxford International Corpus of English (Voice)

Seidlhofer: Ja, absolut! Wie wohl die meisten Anglistik-Studierenden war ich extrem anglophil seit meiner Schulzeit, konnte sämtliche Monty-Python-Sketches auswendig, hatte britische Boyfriends. Und mein größter Triumph war es, als mich der "Papst" der englischen Grammatik, Sir Randolph Quirk, als ich ihm einen Fan-Besuch am University College London abstattete, drei Minuten lang für einen Native Speaker hielt.

SPIEGEL: Wie kam es, dass sich diese Einstellung geändert hat bei Ihnen?

Seidlhofer: Spontan fallen mir da zwei Antworten ein: Die eine reicht zurück zu meiner ersten Reise nach Südkreta - damals war ich 20 und die Südküste noch fast touristenfrei. Es war eine meiner ersten längeren Auslandsreisen, ich studierte Englisch und dachte "Super, da kannst du dein bestes Englisch gleich zum Einsatz bringen". Das tat ich dann auch, aber die Kreter verstanden mich einfach nicht, bis ich lernte, mehrere Gänge zurückzuschalten und mehr "international" als "Britisch" zu sprechen. Diese Strategie wandte ich in den Folgejahren dann auch erfolgreich bei meinen anderen Reisen an. Denn das war, in der Kommunikation zwischen sogenannten non-native speakers, dann wirklich das, was Sie vorhin "authentisch" genannt haben: authentisch für die jeweiligen Sprecher und angepasst an die Situation.

Die zweite Antwort ist die "akademischere": Während meiner Studienzeit in London, wo ich mein Doktorat machte, beschäftigte ich mich, gemeinsam mit einigen ebenfalls aufmüpfigen Studienkollegen, mit der ungerechten und ungerechtfertigten Minderschätzung von sogenannten non-native teachers. Ich produzierte dazu einige Artikel und Vorträge, und ab etwa Mitte der neunziger Jahre war das ein hot topic. Von diesem Thema war es dann kein großer Schritt zu der Frage: "Whose language is it anyway?", daher auch "Who needs native speakers / native speaker teachers anyway?", und zur Erkenntnis, dass wir non-natives ja ohnehin in der Überzahl waren.

SPIEGEL: Warum ist die Welt der Linguisten in derartig erbitterte Lager gespalten: die Puristen und Sprachpfleger auf der einen Seite, die Universalisten und Anhänger einer Lingua Franca auf der anderen?

Seidlhofer: Interessanterweise werden bei diesem Thema auch viele der hartgesottensten Sprachwissenschaftler sehr emotional. An unserem Institut, das wie viele europäische Philologie-Institute primär in Literaturwissenschaft und Sprachwissenschaft "geteilt" ist, empfinden viele Literaturwissenschaftler, dass ich ein unkultiviertes Kauderwelsch propagiere, und regen sich darüber auch in österreichischen Tageszeitungen auf, ohne sich jedoch mit den soziolinguistischen Argumenten vertraut gemacht zu haben. Die Sprachwissenschaftler dagegen freuen sich eher, dass das Thema Hochkonjunktur hat und somit auch Drittmittel für Forschungsprojekte wie "Voice" oder "Dylan" einbringt wie kaum ein anderes Thema derzeit. Von diesen Kollegen und Kolleginnen gibt es die ganze Bandbreite an Reaktionen von Enthusiasmus, Zurückhaltung und Skepsis.

Was ich auf internationaler Ebene besonders interessant finde, ist die Reaktion der Soziolinguisten, zu deren wichtigsten Grundsätzen es ja gehört, dass keine Sprache oder Sprachform je "besser" oder "schöner", "schlechter" oder "hässlicher" ist als andere, sondern dass es darum geht, sich je nach Gesprächssituation angemessen zu verhalten. Aber während diese Soziolinguisten dafür kämpfen, die Sprachen- und Dialektvielfalt zu bewahren und darauf hinweisen, dass sich jegliche natürliche Sprache dauernd verändert, setzt diese Haltung bei ihnen aus, sobald es um das Thema Englisch als Lingua Franca geht. Denn die Vorstellung, dass jegliche legitime Sprache oder Varietät immer nur die von Muttersprachlern sein kann, ist ganz fest in unseren Köpfen verankert.

SPIEGEL: Könnte der Englischunterricht verbessert werden durch Erkenntnisse aus Ihrer Erforschung des globalen Englisch?

Seidlhofer: Sicherlich - jedoch nicht in einer direkten Übertragung oder Anwendung von Forschungsergebnissen in dem Sinn, dass man die Kinder dann mit "fehlerhafte Grammatik" oder einem reduzierten Aussprache-Inventar unterrichtet. Aber für die Lehrenden kann es eine wichtige Hilfestellung sein, zum Beispiel zu wissen, welche englischen Laute für die internationale Verständlichkeit besonders wichtig sind - nämlich die Konsonanten außer den 'th'-Lauten. So könnten dann im Unterricht klare Prioritäten gesetzt und Zeit gespart werden bei jenen Dingen, die hierfür erwiesenermaßen nicht wesentlich sind. Natürlich ist es jenen, die sich einem Native-Speaker-Modell nähern wollen, unbenommen, dies trotzdem zu erlernen, aber das passiert meist ohnehin außerhalb der Schulklasse.

Wichtiger als diese Einzelbefunde ist aber folgendes: Was wir versuchen, durch unsere deskriptive Forschung zu verstehen, sind die allgemeineren Prozesse, die in der Lingua-Franca-Kommunikation ablaufen, nicht nur simpel die Tatsache, dass die Leute auch sehr gut ohne "third person -s" oder ohne th-Laute auskommen. Eher solche Dinge: Wie stellen sich Sprecher auf das sprachliche Niveau ihrer Gesprächspartner ein - in sozialpsychologischer Terminologie: die wichtige Rolle der Akkommodation? Welche Kommunikationsstrategien werden verwendet, um Verstehen oder Nicht-Verstehen anzuzeigen und zu checken? Hilft paraphrasieren, nachfragen, wiederholen? Wie geben Sprecher einander Orientierungshilfen, etwa indem sie zuerst allgemein erklären, worum es im Gespräch überhaupt geht, bevor sie in medias res gehen? Ich denke, es wäre eine gute Investition, den Englisch- und den Fremdsprachenunterricht überhaupt - oder noch besser: Sprachbewusstseins-Unterricht im Sinne von Language Awareness - nach diesen Kriterien zu überdenken.

SPIEGEL: Würde ein solcher Unterricht an der Schule nicht ein Aufweichen der Qualitätsstandards bedeuten?

Seidlhofer: Das hängt davon ab, was man unter Qualität versteht: Wenn damit die Beherrschung von idiomatischen Redewendungen und Intonationsmustern gemeint ist, die nur manche Muttersprachler je untereinander verwenden, dann ja. Aber für meine Begriffe ist es im Fall von Englisch genau umgekehrt: Qualität im Englischunterricht sollte doch wohl der Tatsache Rechnung tragen, dass weitaus die Mehrheit seiner Benützer Englisch als Lingua Franca braucht. Der springende Punkt ist, dass wir für Englisch in seiner heutigen globalen Rolle ein neues Konzept zulassen müssen, das sich von anderen Fremdsprachen grundlegend unterscheidet, mit ganz anderen Schwerpunkten im Unterricht. Das wäre dann ein Aufwerten, kein Aufweichen.

SPIEGEL: Gibt es Beispiele, wo die Lehrpläne an Schulen oder Hochschulen tatsächlich nach dem Lingua Franca-Modell umgebaut werden?

Seidlhofer: Mir sind keine bekannt, schon überhaupt nicht in der Radikalität, die ich für angebracht halte. Was aber passiert, weil interkulturelle Kommunikation "in" ist, ist, dass das Etikett "English as an international language" beziehungsweise "English as a lingua franca" sich zunehmender Beliebtheit erfreut, aber gänzlich ohne prinzipielles Überdenken der Grundlagen - eben als "Etikettenschwindel". Interessanterweise ist hier auch der nun, zumindest in Europa, so gut wie flächendeckend eingeführte Gemeinsame Europäische Referenzrahmen für Sprachen ein Hindernis, denn auch hier wird Englisch mit allen anderen Sprachen über einen Leisten gebogen. Dabei wäre die einzige Hoffnung für eine zumindest annähernde Verwirklichung des vielstrapazierten europäischen Ideals der Vielsprachigkeit, dass man Englisch aus der Hierarchie der angebotenen Fremdsprachen herausnimmt und quasi degradiert zu einer Grundfähigkeit, wie es einfache Computerkenntnisse oder der Führerschein sind.

Das Interview führt Hilmar Schmundt

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Forum - Globales Einfach-Englisch: Der richtige Einstieg in die Sprache?
insgesamt 358 Beiträge
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1.
Peter-Freimann 31.03.2008
Zitat von sysopIn Bayern wird derzeit eine neue Art der Fremdsprachenvermittlung erprobt. Statt Schulbuch-Englisch lernen die Zweitklässler eine stark vereinfachte Art der englichen Grammatik mit kleinem Wortschatz. Das Ziel ist es, sich überhaupt verständlich machen zu können sowie die Angst vor dem Sprechen zu überwinden. Was denken Sie, macht dieser neue Zugang zum Lernen einer Sprache Sinn?
Schon interessant, während erwogen wird, dass türkischstämmige Kinder vielleicht erst Ihre Muttersprache erlernen sollten, will man bei einem zunehmenden Schwund des deutschen Sprachschatzes unter den Kindern und Jugendlichen, bei zunehmenden Problemen der Interpretation deutschsprachiger Texte, vom Mängeln in der Orthographie gar nicht zu reden, den Kindern ausgerechnet mit Pamper-English auf die Sprünge helfen. Es ist schon interessant, wie ausgerechnet die traditionell tüchtigen, bodenständigen und nüchternen Bayern im Zuge allgemeiner Dekadenz und allgemeinen Verfalls kräftig aufholen. Erinnert mich an die Sprachdidaktik eines "Opa Günta", der wohl auch mehr im Süden sein Unwesen treibt, wo es darum geht, Kinder vom Erlernen der Orthographie durch Opa Günnis grenzdebile Tollerei abzuhalten. Nun ja, man darf gespannt sein, was sich unsere "Sinnmacher" noch so alles ausdenken, man kann davon ausgehen, dass es nichts Sinnvolles sein wird.
2.
phi 31.03.2008
Zitat von sysopIn Bayern wird derzeit eine neue Art der Fremdsprachenvermittlung erprobt. Statt Schulbuch-Englisch lernen die Zweitklässler eine stark vereinfachte Art der englichen Grammatik mit kleinem Wortschatz. Das Ziel ist es, sich überhaupt verständlich machen zu können sowie die Angst vor dem Sprechen zu überwinden. Was denken Sie, macht dieser neue Zugang zum Lernen einer Sprache Sinn?
Gibt es dazu einen Artikel? So auf Anhieb verstehe ich die Aufregung nicht. Jeder Anfänger lernt zuerst eine vereinfachte Form der Sprache mit einem minimalen Wortschatz.
3.
Kristian Viesmann 31.03.2008
Zitat von phiGibt es dazu einen Artikel? So auf Anhieb verstehe ich die Aufregung nicht. Jeder Anfänger lernt zuerst eine vereinfachte Form der Sprache mit einem minimalen Wortschatz.
Sie sagen es. Das is Alter Wein in neuen Schläuchen. Nur das diesmal ein paar Löcher drin sind ;).
4. no woman no cry
el fispresli 31.03.2008
Zitat von sysopIn Bayern wird derzeit eine neue Art der Fremdsprachenvermittlung erprobt. Statt Schulbuch-Englisch lernen die Zweitklässler eine stark vereinfachte Art der englichen Grammatik mit kleinem Wortschatz. Das Ziel ist es, sich überhaupt verständlich machen zu können sowie die Angst vor dem Sprechen zu überwinden. Was denken Sie, macht dieser neue Zugang zum Lernen einer Sprache Sinn?
Das gibts schon: pidgin - english! Bob Marley: "no woman no cry"
5.
-akw- 31.03.2008
Zitat von phiGibt es dazu einen Artikel? So auf Anhieb verstehe ich die Aufregung nicht. Jeder Anfänger lernt zuerst eine vereinfachte Form der Sprache mit einem minimalen Wortschatz.
Das hab ich mich auch gefragt. Wenn dieser Unterricht aber so aussieht, dass der Lehrer dieses Pidgin English vor den Schülern spricht, finde ich es nicht gut. Was soll das bringen? Gerade Zweitklässler dürften sowieso erheblich weniger Probleme mit der Erlernen einer Fremdsprache haben also z.B. Fünftklässler.
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