Eltern gegen das Turbo-Abi: Lasst meinem Kind mehr Zeit

Wann ist die Zeit reif für die Reifeprüfung? Beliebt war das Turbo-Abitur nie, jetzt zeigt eine neue Umfrage: Die meisten Eltern würden ihr Kind lieber neun als acht Jahre aufs Gymnasium schicken. Eine große Mehrheit fordert zudem, die Grundschulzeit zu verlängern.

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dapd

Abiturienten in Sachsen: Wie lange darf die Schule dauern?

Es ist eine der umstrittensten Bildungsreformen der vergangen Jahre: das Abitur nach der zwölften Klasse. Schneller und effizienter sollten die Schüler aufs Studium und aufs Berufsleben vorbereitet werden - doch es holperte heftig. Vor allem weil die Lehrpläne nicht entschlackt wurden, ballte sich in der Mittelstufe der Stoff. Schüler stöhnten, Lehrer schimpften - und jetzt zeigt eine neue Umfrage: Auch ein Großteil der Eltern hält wenig vom Turbo-Abi.

Hätten sie die Wahl, würden acht von zehn Eltern für ihr Kind eine neunjährige Gymnasialzeit (G9) wählen, wie aus einer repräsentativen Emnid-Umfrage hervorgeht. Anhänger von G8, also einem achtjährigen Gymnasium, sind demnach nur 17 Prozent. Ebenfalls 79 Prozent der Eltern sind dafür, generell zum neunjährigen Gymnasium und damit zum Abitur nach 13 Jahren zurückzukehren.

"Dieses klare Bekenntnis zum neunjährigen Gymnasium muss man als Ohrfeige für die Bildungspolitiker aller Parteien und die Kultusministerkonferenz werten", sagte der Bildungsforscher Klaus-Jürgen Tillmann von der Uni Bielefeld. Mehr als die Hälfte der Befragten (59 Prozent) ist dafür, dass bei einem achtjährigen Gymnasium zumindest die Lernpläne an die verkürzte Schulzeit angepasst werden. "Eine Reform, die auf Anpassung der Lernpläne und Reduzierung des Leistungsdrucks zielt, ist aus Sicht der Eltern unumgänglich", so Tillmann.

Bayerns versuchter Befreiungsschlag

Damit geht der Streit um das Turbo-Abi in eine neue Runde. Schon in den vergangenen Monaten war die Reform in vielen Bundesländern zerpflückt worden, denn bis auf Rheinland-Pfalz haben alle das G8 eingeführt oder zumindest beschlossen.

In Nordrhein-Westfalen haben SPD und Grüne einigen Modellschulen die Umkehr erlaubt, ähnlich lief es in Schleswig-Holstein. Auch in Baden-Württemberg setzt die grün-rote Regierung auf mehr Wahlfreiheit für die Schulen, die gerade erst unter Schmerzen das G8 durchgesetzt hatten.

In Bayern, einem G8-Frühstarter, versucht die Landesregierung kürzlich eine Art Befreiungsschlag: Das Kabinett beschloss Ende Juli, dass einzelne Schüler die Zeit bis zum Abitur bald freiwillig um ein Jahr verlängern können. Außerdem soll Stoff gestrichen werden, schlechte Schüler könnten zudem am Wochenende und während der Ferien nachlernen. Zugleich betonte ein Sprecher des zuständigen Kultusministeriums, es gehe lediglich um Förderinstrumente, nicht um ein zusätzliches Schuljahr.

Von dem Hin-und-Her beim Abitur dürften die meisten Eltern nicht begeistert sein. Auch in anderen bildungspolitischen Fragen zeigt die Emnid-Umfrage ihre Unzufriedenheit auf.

Drei Viertel der Eltern wollen längeres gemeinsames Lernen

So wünschen sich drei von vier befragten Eltern, dass Kinder länger als vier Jahre in der Grundschule gemeinsam lernen. Für eine sechsjährige Grundschule sprechen sich 60 Prozent der Eltern aus, weitere 15 Prozent wollen einen Übergang sogar erst nach der neunten Klasse. Die meisten Eltern (70 Prozent) wünschen sich zudem für ihr Kind eine Ganztagsschule. Nur noch rund ein Viertel (28 Prozent) der Befragten bevorzugt eine Halbtagsschule.

Der gemeinsame Unterricht von Kindern mit und ohne Behinderung (Inklusion) löst ein geteiltes Echo unter den Eltern hervor. Große Unterstützung findet dieser zwar bei körperlich beeinträchtigten Kindern (89 Prozent) und Kindern mit Lernschwierigkeiten (72 Prozent). Die Integration von Kindern mit geistigen Behinderungen und solchen mit Verhaltensauffälligkeiten wird dagegen nur von knapp der Hälfte (jeweils 46 Prozent) unterstützt.

Das eigene Engagement bewerten viele Eltern als hoch. Viele geben an, ihre Kinder zu unterstützen. 69 Prozent sagen, sie kontrollierten die Hausaufgaben. Bei der Vorbereitung von Klassenarbeiten und Referaten helfen nach eigener Auskunft 77 Prozent der Eltern ihren Kindern. Zugleich haben die Befragten häufig das Gefühl, Aufgaben der Schule zu übernehmen. Mehr als die Hälfte beklagt, dass die Schule ihren Aufgaben nur unzureichend nachkommt.

Für die Studie befragte Emnid bundesweit 3000 Eltern mit schulpflichtigen Kindern bis zu 16 Jahren. Auftraggeber war eine Spielwaren- und Kinderkleidungsfirma.

otr/AFP/dpa

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insgesamt 36 Beiträge
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1. Anspruchsdenken
Diskutierender 05.09.2012
Das kommt schlicht heraus, wenn zu viele Eltern ihr Kind aufs Gymnasium schicken wollen, obwohl ihre Kinder nicht dazu geeignet ist. Hinzu kommt beim G8 noch der Kardinalsfehler, dass die Lehrpläne nicht entrümpelt wurden. Warum funktioniert das G8 in Ostdeutschland nahezu reibungslos, während es die zitierten Probleme nur im Westen gibt. Ich wäre froh gewesen, wenn ich früher hätte studieren können, und auch früher mein eigenes Geld hätte verdienen können. Ein früheres Abitur hätte mir mehr Zeit für die Dinge gegeben, die ich für sinnvoll erachte, statt mich mit Fächern herumzuschlagen, die weder nützlich oder interessant sind bzw. im Fall des Sportunterrichts sogar schädlich waren. Ausserdem hätte ein früherer Berufseinstieg auch frühere Unabhängigkeit von den Eltern bedeutet. Was ist daran eigentlich so schlimm oder haben wir inzwischen so viele überfürsorgliche Eltern, die ihre Kinder selbst mit Mitte 20 nicht loslassen können? Ausserdem, wer früher Abitur macht, hat durchaus auch ein Jahr zusätzlich für Aktivitäten wie Weltreisen, Praktika oder ein freiwilliges soziales Jahr (ich selbst musste damals noch zur Bundeswehr).
2. eigentlich ist ...
zephyroz 05.09.2012
... das G8 eine gute Idee. Aber wie so häufig mit unserer Schulbürokratie wurde gut gedacht und schlecht gemacht. 1. Die Lehrpläne sind weder vernünftig überarbeitet, noch entrümpelt worden. 2. Die Schulen sind nicht richtig auf Ganztagesunterrricht eingerichtet 3. Es wurde viel zu schnell druchgezogen Und zu 1 noch konkret: Verzicht auf Religion (wenn überhaupt dann Ethik), Kunst oder Musik alternativ nur für die, die Interesse haben, dito Sport und Verzicht auf Geschichte im bisherigen Sinne Stattdessen wesentlich mehr Sozialkunde, Zeitgeschichte und Naturwissenschaften, sowie Platz für AGs
3. Bei dem Unterrichtsausfall?
abi68 05.09.2012
Zitat von sysopWann ist die Zeit reif für die Reifeprüfung? Beliebt war das Turbo-Abitur nie, jetzt zeigt eine neue Umfrage: Die meisten Eltern würden ihr Kind lieber neun als acht Jahre aufs Gymnasium schicken. Eine große Mehrheit fordert zudem, die Grundschulzeit zu verlängern. G8: Eltern lehnen Turbo-Abitur ab - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/schulspiegel/wissen/0,1518,854096,00.html)
Meine 2 Kinder mit Abi wären gerne nur 8 Jahre auf`s Gymnasium gegangen statt 9. Wie sie mir berichteten, waren sie effektiv nur 8 Jahre im Unterricht. Das zusätzliche Jahr war Unterrichtsausfall durch ständig kranke Lehrer. In den 60er und 70er Jahren haben viele Jahrgänge wegen der Kurzschuljahre mit 18 ihr Abi gemacht. Da gab es allerdings Unterrichtsausfall nur in extremen Ausnahmefällen. Ich war jedenfalls froh nach der Ausbildung mit 21 in einem gut bezahlten Beruf starten zu können.
4.
fagus 05.09.2012
Die Aufteilung nach der vierten Klasse ist der größte Blödsinn, den sich je jemand ausgedacht hat. In dem Alter kann aus einem Kind noch alles mögliche werden, je nachdem, wie es sich entwickelt. Dennoch wird vor der wichtigesten Veränderung im Leben - der Pubertät - sortiert und über das ganze Leben entschieden. Der Weg von der Hauptschule oder auch nur der Realschule zurück zum Abitur ist aufwändig und langwierig. Was wäre so schlimm daran, die Kinder bis zur achten oder neunten Klasse gemeinsam zu unterrichten. Zu DDR - Zeiten hat das bestens funktioniert, da gab es das Abitur Quasi als "Weiterbildung" im Wortsinne nach der Oberschule. Und auch in den skandinavischen Ländern scheint es wunderbar zu funktionieren. Aber dann müßte man ja vielleicht mal die eigentlichen Probleme des Schulsystems angehen: unfähige Lehrer, haarsträubende Ausfallzahlen, viel zu große Klassen, daraus folgende mangelnde Disziplin und Lernatmosphäre, reines Faktenlernen, schlechte Didaktik, der Zeit hoffnungslos hinterherhängende Technik, miese Gebäude, keine vernünftige Versorgung während des Schultages, viel zu wenig Sport- ,Kunst- und Musikunterricht, teures und didaktisch schlechtes Lehrmaterial. Die Liste lässt sich beliebig fortsetzen.
5. Teilweise einverstanden
widower+2 05.09.2012
Zitat von zephyroz... das G8 eine gute Idee. Aber wie so häufig mit unserer Schulbürokratie wurde gut gedacht und schlecht gemacht. 1. Die Lehrpläne sind weder vernünftig überarbeitet, noch entrümpelt worden. 2. Die Schulen sind nicht richtig auf Ganztagesunterrricht eingerichtet 3. Es wurde viel zu schnell druchgezogen Und zu 1 noch konkret: Verzicht auf Religion (wenn überhaupt dann Ethik), Kunst oder Musik alternativ nur für die, die Interesse haben, dito Sport und Verzicht auf Geschichte im bisherigen Sinne Stattdessen wesentlich mehr Sozialkunde, Zeitgeschichte und Naturwissenschaften, sowie Platz für AGs
Bis zum Ende von Punkt 3. kann ich Ihren Beitrag so unterschreiben. Bei Ihrer Konkretisierung zu Punkt 1. wird mir allerdings etwas übel. O.K., Religion sollte nur noch in einer Form unterrichtet werden, bei der Wissen über die verschiedenen Religionen unterrichtet wird, ohne das irgendeine Religion im Mittelpunkt steht (ich bin Atheist, aber das Wissen in Bezug auf die verschiedenen Religionsgemeinschaften gehört einfach zur Allgemeinbildung). Entrümpeln der Lehrpläne kann aber nicht heißen, Fächer wie Geschichte komplett abzuschaffen. Aber warum muss nahezu jeder Abiturient im Englisch-Unterricht Macbeth im Originaltext lesen? Ich musste das (ist lange her) in der 10. Klasse und in der Oberstufe im Leistungskurs gleich nochmal. Wie ich aus dem Bekannten- und Verwandtenkreis höre, müssen die armen Abiturienten von heute immer noch. Das ist nur ein Beispiel für das Fach Englisch, derartiges Gerümpel (nur in Bezug auf den Lehrplan an Schulen) findet man aber auch in den anderen Fächern zuhauf.
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