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Umstrittenes G8: Bayerische Turbo-Abiturienten scheitern am häufigsten

Von Tobias Lill, München

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Protest gegen das Turbo-Abi: Gute Nacht, G8?

Schüler, Eltern, Lehrer klagen über das Turbo-Abitur nach der zwölften Klasse, selbst Schulpolitiker wollen zurück zur traditionellen Reifeprüfung. Ist das G8 wirklich so schlecht wie sein Ruf? Bislang stiegen die Durchfallerquoten kaum - außer in Bayern.

In keinem anderen Bundesland sorgte die Einführung des verkürzten Gymnasiums für einen derart deutlichen Anstieg der Durchfallerzahlen unter den Abiturienten wie in Bayern. Das ergab eine Umfrage von SPIEGEL ONLINE bei den Kultusministerien der neun Länder, in denen seit 2009 Turbo-Abiturienten fertig werden.

Ein Vergleich der Durchfallquoten in den doppelten Abiturjahrgängen der Länder zeigt: Durchschnittlich scheiterten im ersten G8-Jahrgang in fast allen Ländern in etwa gleich viele oder sogar weniger Schüler an der Reifeprüfung als im gleichzeitig fertig gewordenen letzten G9-Zug. Die Befürchtungen der Kritiker des verkürzten Gymnasiums sind also zunächst nicht eingetreten.

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Grafik: SPIEGEL ONLINE/ Recherche: Tobias Lill und SPIEGEL ONLINE

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Die Ergebnisse im Überblick:

  • Einen deutlichen Anstieg an Abi-Durchfallern gab es nur in Bayern. Im Freistaat fiel 2011 ein Schüleranteil von 2,8 Prozent der Turboabiturienten durch. Damit ist die Quote dreieinhalb mal so hoch wie beim parallel geprüften letzten G9-Zug.
  • Einen minimalen Anstieg der Durchfallquote vermeldete Baden-Württemberg. Im Jahr 2012 fielen 1,6 Prozent der Gymnasiasten durch, die nur acht Jahre Zeit bis zum Abitur hatten. Bei den Jungen und Mädchen, denen neun Jahre zur Verfügung standen, waren es 1,5 Prozent.
  • Im Saarland und in Hamburg lagen die Durchfallquoten von G8- und G9-Schülern im direkten Vergleich jeweils auf dem gleichen Niveau.
  • In Niedersachsen und Bremen scheiterte beim doppelten Abiturjahrgang dagegen ein etwas geringerer Anteil an Schülern am acht- als am neunjährigen Gymnasium.
  • Aus Hessen liegen für den Abiturjahrgang 2012 laut einem Sprecher des Kultusministeriums bislang keine nach G8- und G9-Schülern getrennten Ergebnisse vor. Unter allen hessischen Schülern fielen mit 2,7 Prozent jedoch etwas weniger Schüler durch das Abitur als in den Vorjahren.
  • In Berlin und Brandenburg beginnt das Gymnasium normalerweise erst nach der sechsten Klasse. Die daran anschließende Gymnasialzeit wurde von sieben auf sechs Jahre reduziert. In der Hauptstadt rauschten daraufhin im vergangenen Jahr 3,3 Prozent der Abiturienten durch das verkürzte Abitur, eine etwas geringere Quote als die 3,9 Prozent der Langzeit-Abiturienten. Von den Brandenburger G6-Schülern lag der Anteil der Scheiternden im vergangenen Jahr mit 3,9 Prozent fast ein Prozentpunkt höher als im gleichzeitig fertig gewordenen G7-Jahrgang.

In den meisten Bundesländern lag die Durchfallquote des ersten G8-Jahrgangs in etwa auf dem Niveau der Vorjahre, mancherorts wie im Saarland (1 Prozent) sogar deutlich darunter. Anders in Bayern, wo der Negativ-Trend im vergangenen Jahr anhielt: Mit 3,7 Prozent rasselte im Freistaat ein mehr als dreimal so hoher Anteil durch die Reifeprüfung als im Durchschnitt der Jahre 2006 bis 2010. Außerdem musste gut jeder zwölfte bayerische Schüler 2012 an einer mündlichen Zusatzprüfung teilnehmen, um so vielleicht doch noch das Abitur zu bestehen. Ohne diese Möglichkeit hätten weit mehr Schüler nicht bestanden.

Kritiker des bayerischen G8 fühlen sich nun bestätigt. Die Reform sei "unausgegoren", schimpft Bayerns GEW-Vorsitzende Gele Neubäcker. Auch Bildungsforscher Klaus Hurrelmann von der Hertie School of Governance in Berlin überrascht der besonders deutliche Anstieg der Durchfallquoten im südlichsten Bundesland nicht: Die Reform sei in Bayern viel zu hastig umgesetzt worden: "Die Landesregierung inszenierte sie als Ausdruck der Modernisierung des ganzen Landes. Der Lehrplan wurde damals kaum verschlankt, ein pädagogisches Gesamtkonzept lag nicht vor." Als Folge müssten die Schüler "deutlich mehr Stoff in einer weit kürzeren Zeit pauken".

Henning Gießen, Sprecher des bayerischen Kultusministeriums, betont hingegen, dass sich das achtjährige Gymnasium im Freistaat "grundsätzlich bewährt" habe. Er verweist darauf, dass rund ein Drittel der knapp 36.000 Abiturientinnen bei den Prüfungen im vergangenen Jahr die Note "gut" oder "sehr gut" erreicht hätten. Tatsächlich war der bayerische Abitur-Notendurchschnitt 2012 ähnlich wie in den meisten anderen G8-Ländern etwas besser als noch zu Zeiten des neunjährigen Gymnasiums.

Nun versucht der Freistaat gegen die hohen Durchfallquoten vorzugehen: Ab dem kommenden Schuljahr ist unter anderem ein "Flexibilisierungsjahr" in der Mittelstufe möglich. Schüler können dann das Gymnasium wieder neun statt acht Jahre lang besuchen. Zudem hat das Kultusministerium den Gymnasien empfohlen, die Stundenzahlen in den Problemfächern Mathe und Deutsch zu erhöhen. Auch die gebundenen Ganztagsangebote sollen ausgebaut werden. Mit dieser Teilreform des G8 hofft der Freistaat, Druck aus dem Kessel zu nehmen. Schließlich ist der Frust bei bayerischen Eltern groß - viele klagen über enormen Schulstress, ihre Kinder hätten kaum noch Freizeit.

"Achtjähriges Gymnasium ist eine Fehlkonstruktion"

Doch auch in anderen Ländern rumort es. Und manche Bildungsexperten wie Heiner Barz von der Uni Düsseldorf glauben nicht, dass steigende Durchfallzahlen beim Abitur künftig ein auf Bayern und Brandenburg begrenztes Problem bleiben werden. "Ein achtjähriges Gymnasium ohne entschlackte Lehrpläne ist eine Fehlkonstruktion."

Die geringere Zahl von Durchfallern sei in einigen Ländern der besonders intensiven Prüfungsvorbereitung im ersten G8-Jahrgang geschuldet. Tatsächlich stieg zum Beispiel in Niedersachsen die Durchfallquote beim zweiten G8-Abitur im Vergleich zum Vorjahr deutlich an. Und auch in Hamburg und dem Saarland scheiterte in den Folgejahren wieder ein höherer Schüleranteil als beim ersten G8-Abitur.

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1.
Methados 21.06.2013
Zitat von sysopDPASchüler, Eltern, Lehrer klagen über das Turbo-Abitur nach der zwölften Klasse, selbst Schulpolitiker wollen zurück zur traditionellen Reifeprüfung. Ist das G8 wirklich so schlecht wie sein Ruf? Bislang stiegen die Durchfallerquoten kaum - außer in Bayern. http://www.spiegel.de/schulspiegel/wissen/g8-turbo-abiturienten-aus-bayern-scheitern-haeufiger-a-902581.html
das liegt wohl daran, dass in bayern noch gelernt wird mit dem ziel zu fordern und wissen wirklich zu vermitteln. das ist in der schnelleren zeit halt nur bedingt möglich. in NRW, wo das Abbi soviel wert ist wie ein bayrischer real abschluss, wo man hilfsmittel noch und nöcher benutzen kann (thema wohlfühl abitur), ist das problem natürlich nicht so spürbar. (dies schreibt ein NRWler und kein bayer!)
2. optional
kommentar4711 21.06.2013
Was sagt die Durchfallquote hier schon aus? Sie gibt weder Ausfschlüsse in Bezug auf die Belastung der Schüler in den 8 Jahren Gymnsium noch ob das Niveau der Prüfungen in den anderen Bundesländern außer Bayern gesunken ist. Themen wie verlorene Zeit für Freizeitaktivitäten (immer mehr Vereine mit akuten Nachwuchssorgen weil die Kinder keine Zeit mehr dafür haben). bleiben ebenso außen vor.
3. Scheitern der Abiturienten
tritop 21.06.2013
In allen Gesellschafts-, Wirtschafts- und Politikbereichen das gleiche: Schwächung; und die wenigsten merken es.
4. Niemanden
flinke_perioden_met_zon 21.06.2013
hier in BaWü, weder Eltern noch Lehrer, kenne ich persönlich, der dem G8 irgendetwas abgewinnen kann. Die Kinder haben hier so gut wie keine Kindheit mehr, wenn sie mal einen Tag Hitzefrei bekommen, dann frohlocken sie nicht und gehen ins Schwimmbad, sondern nutzen die Zeit zur Vorbereitung auf die nächsten Tests u. Klassenarbeiten. Wenn sie mal einen Nachmittag nichts tun, haben sie gleich ein schlechtes Gewissen. Wir gut hatten wir es damals! Und dann sollen 16-jährige auf Berufsbörsen gehen und sich daneben noch mit Creditpoints beschäftigen. Das ist vollkommen absurd! Es sind nur Theoretiker, Rentner, die schon immer alles besser wussten und Arbeitgeber, sofern sie keine Kinder haben, die das hohe Lied des G8 singen.
5.
thomas.b 21.06.2013
Nanu, bisher hat sich der Bayer ja immer gerühmt, der Fleißigste und Schlauste im ganzen Land zu sein - vor allem in der Debatte um den Länderfinanzausgleich. Tatsächlich sind es immer die Bedingungen, unter denen Menschen handeln - nicht der Mensch selbst. Schöne Erkenntnis.
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