Hamburger Elterninitative: Unser Gymnasium soll länger dauern

Von Jan Friedmann

Protest gegen das Turbo-Abi: Gute Nacht, G8? Zur Großansicht
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Protest gegen das Turbo-Abi: Gute Nacht, G8?

In Hamburg sammeln Eltern Unterschriften gegen das Turbo-Abi in acht Jahren. Ihre Initiative belegt die neue Macht der Mütter und Väter in der Schulpolitik. Gerade die Regierenden der Hansestadt wissen, dass mit rebellischen Eltern immer zu rechnen ist.

Ob aus einer Bürgerbewegung eine politische Macht entsteht, zeigt sich immer erst im Nachhinein. Die Versammlung von rund 50 Müttern und Vätern in der Aula der privaten Hamburger Brecht-Schule könnte deshalb eine Randnotiz bleiben oder aber den Auftakt zu einer monatelangen Konfrontation bilden.

Seit Dienstagabend steht jedenfalls fest: Es soll in Hamburg zu einer Machtprobe zwischen Eltern und Politik über die achtjährige Gymnasialzeit kommen. Bei ihrer Zusammenkunft beschlossen die Eltern, eine sogenannte Volksinitiative gegen das ungeliebte G8 zu starten und umgehend anzumelden.

Sie ist die erste Stufe eines Verfahrens, mit dem die Bürger den Regierenden ihren Willen aufzwingen können - die Wahlfreiheit zwischen G8 und G9 an den Gymnasien der Hansestadt.

Bislang halten dort Schulsenator Ties Rabe, sein SPD-Senat und auch die anderen in der Bürgerschaft vertretenen Fraktionen am auf acht Jahre verkürzten Gymnasium fest. Anders als die Regierungen in anderen Bundesländern wie Hessen, Baden-Württemberg oder Schleswig-Holstein wollen sie den Gymnasien keine neunjährigen Züge gestatten.

"G9 jetzt" will das Gymnasiastenleben entschleunigen

Für die Standhaftigkeit gibt es gute Gründe: Nach Jahren anstrengender Strukturreformen bräuchten die Schulen eigentlich dringend Ruhe. Zudem muss die Politik angesichts einer immer weiter steigenden Gymnasialquote die Stadtteilschulen stärken. Nach der Schulreform von 2010 sind Stadtteilschulen der zweite Schultyp neben dem Gymnasium. Dort ist möglich, was "G9 jetzt" für Gymnasien erreichen will: ein Abitur in neun Jahren abzulegen.

Die Eltern haben anderes im Sinn: Sie wollen raus aus einer, wie sie es sehen, vermurksten Reform. In einer Umfrage für das "Hamburger Abendblatt" lehnten zuletzt zwei Drittel der Hamburger die verkürzte Gymnasialzeit ab, ähnlich sieht es deutschlandweit aus. Das verschafft der Initiative "G9 jetzt" zahlreiche potentielle Unterstützer. Ihnen gehe es um "die Qualität von Kindheit und Jugend", sagt die Initiatorin, die promovierte Ethnologin und Bildungsbloggerin Mareile Kirsch. Und wer würde dafür nicht unterschreiben?

Auf dem Podium neben Kirsch sitzen sieben weitere Mütter und Väter. Sie erzählen nacheinander, warum sie G9 zurückhaben wollen. Die Berichte ähneln sich, sie handeln von Hausaufgabenstress am Küchentisch, Kopf- und Bauchschmerzen, zu wenig Zeit für Sportverein oder Musikunterricht und zu langen Arbeitstagen der Töchter und Söhne. Kirschs Ziel heißt deshalb: "Druck auf die Politik" ausüben.

Die Landesregierung muss die Eltern durchaus fürchten

Wie das geht, wissen die Initiatoren ziemlich genau. Einige von Kirschs Mitstreitern gehörten bereits zu den Schulkämpfern der Initiative "Wir wollen lernen!", und die hatte der damaligen Bildungssenatorin Christa Goetsch (GAL) im Sommer 2010 eine empfindliche Niederlage beigebracht. Goetschs Vision von der sechsjährigen Grundschule, in der alle Schüler länger gemeinsam lernen, scheiterte in einem Volksentscheid. Mehr als eine Viertelmillion Hamburger hatte sich damals gegen die Idee gestellt. Allen Beteiligten ist diese Kraftprobe zwischen Gymnasial-Eltern und Politik noch in Erinnerung. Auch weil die Hamburger Bildungsrebellen die Reform entkernten, trat damals Bürgermeister Ole von Beust (CDU) zurück. Die schwarz-grüne Landesregierung fiel anschließend beim Wähler durch.

In den kommenden Wochen werden die Eltern wieder um Unterstützer werben, sie werden Stadtteilgruppen gründen, die Wochenmärkte und Einkaufszentren beackern und dort Unterschriften sammeln. Ihr Logo ist ein blauer Kreis mit der weißen Aufschrift "G9", auf einem Handzettel-Vordruck führen sie neun Argumente für eine längere Gymnasialzeit auf.

Bis zum 20. Juni wollen sie die in der ersten Stufe nötigen 10.000 Stimmen zusammenbekommen. Dann könnte es zu einem Volksbegehren und weiter zu einem Volksentscheid kommen. Zwar scheiterte in Niedersachsen zuletzt eine ähnliche Initiative, doch sind die Voraussetzungen in Hamburg andere. Wie die Geschichte zeigt, muss dort die Landesregierung die rebellischen Eltern durchaus fürchten.

Schafft es "G9 jetzt" bis zum Volksentscheid, könnte der mit der Bürgerschaftswahl 2015 zusammenfallen. Wird die erforderliche Zustimmung von einem Fünftel der Wahlberechtigten erreicht, ist das Ergebnis für die Landesregierung bindend. Interessantes Detail: Bei einem möglichen Urnengang dürften erstmals die Betroffenen mit abstimmen. Hamburg hat das Wahlalter abgesenkt, auf 16 Jahre.

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insgesamt 42 Beiträge
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1. Glückliches Hamburg!
kobl 15.05.2013
100 km weiter östlich bleibt den Bürgern nur die Abstimmung mit den Füßen, wenn sie etwas gegen den regierungsamtlichen Schulorganisationsmurks haben — die Quoren für direkte Demokratie sind zu hoch, und das Land blutet demographisch aus.
2. Schon wieder die bösen Eltern der Gymnasien!
PeterShaw 15.05.2013
"Für die Standhaftigkeit gibt es gute Gründe: Nach Jahren anstrengender Strukturreformen bräuchten die Schulen eigentlich dringend Ruhe." Da war noch nie ein Kriterium - und hier merkt man, wie tendenziös der Artikel verfasst ist. "Zudem muss die Politik angesichts einer immer weiter steigenden Gymnasialquote die Stadtteilschulen stärken. Nach der Schulreform von 2010 sind Stadtteilschulen der zweite Schultyp neben dem Gymnasium. Dort ist möglich, was "G9 jetzt" für Gymnasien erreichen will: ein Abitur in neun Jahren abzulegen." Dem Artikelschreiber ist zu Gute zu halten, diese Wahrheit nicht verschwiegen zu haben. Es geht wie immer lediglich um Ideologie beim "Kleinhalten" der Gymnasien. Ich wünsche der Initiative vollen Erfolg.
3. optional
behr22 15.05.2013
Anstatt sich von irgendwelchen Eltern die angeblich beste Schulzeit diktieren zu lassen sollte man lieber mal die Schüler selbst fragen. Für mich persönlich waren 8 Jahre völlig ausreichend. Auch von dem angeblichen enormen Druck und Stress für Schüler war nichts zu spüren. Bei G9 hat man einfach nur noch ein Jahr mehr in dem praktisch nichts gemacht wird. Zumindest war das früher so
4. Was Hamburger Eltern am besten können
schwarzeruhu 15.05.2013
Unterschriften sammeln. Offenabr gehen alle davon aus, dass die ihnen zuteil gewordene Bildung am bresten funktioniert. Auch dann, wenn zahllose Studien das Gegenteil belegen. Also zurück zum 'bewährten' und vergesst die Forschungsergebnisse.
5. Endlich...es geht doch!
wachhund70 15.05.2013
Lange Zeit schien die von politischer Seite gewollte Schulkatastrophe kein Ende zu nehmen...die individuelle Förderung wurde aufgegeben, alle Schulformen ineinander geschmissen und die Eltern mit Lügen der Verbesserung abgespeist. Wehrt Euch...es geht schon lange nicht mehr um die Kinder!
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