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Expertengutachten: Ganztagsschulen verfehlen Zielgruppe

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Hessische Kinder in Ganztagsbetreuung: Nachmittags nur malen?

Der Ausbau der Ganztagsgrundschulen kommt voran, doch zu oft verfehlen die Einrichtungen ihre Ziele. Eine Expertengruppe kritisiert, dass die schulischen Leistungen nicht besser werden. Die Angebote erreichen bildungsferne Kinder nur schlecht.

Ganztagsschulen sind seit einiger Zeit so etwas wie die Allzweckwaffe der deutschen Schulpolitik: Wenn die Kinder länger am Tag gemeinsam lernen, so die Hoffnung vieler Ministerialer, dann werden auch Jungen und Mädchen aus bildungsfernen Familien mitgezogen - die Chancen sollen gerechter verteilt werden.

Vor zehn Jahren nahm die damalige Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn (SPD) viel Geld in die Hand, damit die Schulen für den Nachmittagsbetrieb umrüsten konnten. Für insgesamt vier Milliarden Euro wurden überall im Land neue Mensen oder Bewegungsräume gebaut. Und auch in den derzeitigen Koalitionsverhandlungen zwischen Union und SPD spielt der Ganztag eine wichtige Rolle: Er könnte ein Hebel sein, damit der Bund den Ländern doch Geld für Schulen zukommen lassen darf, was bislang durch das Kooperationsverbot verhindert wird. Die amtierende Bundesbildungsministerin Johanna Wanka setzt sich deshalb ebenso für Ganztagsschulen ein wie ihre Vorgängerinnen.

Doch der Ausbau ist kein Selbstgänger, wie eine heute in München veröffentlichte Studie des "Aktionsrats Bildung" belegt. Unter dem Titel "Betreuung oder Rhythmisierung?" (hier als pdf) zieht das Gremium eine Zwischenbilanz der bisherigen Maßnahmen. Auf den über 100 Seiten finden sich viele Sätze, die die Freunde des Nachmittags in der Schule hellhörig machen müssen.

Zum Beispiel der, dass sich "bislang keine statistisch signifikanten Unterschiede zwischen den Schülerleistungen in den Domänen Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften an Halb- oder Ganztagsgrundschulen nachweisen" ließen. Will heißen: Obwohl die Kinder viele Stunden zusätzlich in der Schule verbringen, waren sie in Leistungsvergleichen genauso gut oder schlecht wie vorher.

Zielgruppe wird kaum erreicht

Ein andere zentrale Diagnose lautet, dass es nur teilweise gelinge, "diejenigen Schülerinnen und Schüler zu erreichen, die unter benachteiligenden und/oder belastenden Bedingungen aufwachsen" - genau diese Zielgruppe hatten die Schulplaner aber besonders im Visier.

Der Aktionsrat Bildung ist keine staatliche Institution, sondern bei der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft angesiedelt. Doch die Expertise hat Gewicht, gehören doch viele der namhaftesten deutschen Bildungswissenschaftler zu dem neunköpfigen Gremium.

Eine Rückkehr zur traditionellen Halbtagsschule fordern die Forscher nicht. Stattdessen bemängeln sie, dass es zu wenig rhythmisierte Angebote gebe. Rhythmisierung ist im Expertenjargon der Fachbegriff für einen gut strukturierten Schultag bis in den Nachmittag - eine echte Ganztagsschule, die den Namen auch verdient, mit einem Wechsel aus Unterricht und Freizeit. Der Aktionsrat Bildung empfiehlt einen rhythmisierten Schultag von mindestens sieben Zeitstunden an mindestens vier Wochentagen.

Die Realität an den meisten Grundschulen sieht derzeit jedoch anders aus: Am Vormittag unterrichten Lehrer, kompakt und stofforientiert, bis der Caterer anrückt oder in der Schulkantine die Essen ausgegeben werden. Nach der Mittagspause kommen dann externe Kooperationspartner in die Schulen: Horte, Sportvereine, private Anbieter, die Malkurse veranstalten oder mit den Klassen auf dem Hof Fußball spielen. Die Angebote mögen Spaß machen und gut vorbereitet sein - mit Schule haben sie nicht viel zu tun. Die meisten Lehrer sind um diese Tageszeit zu Hause, regulärer Unterricht findet kaum noch statt.

Verzahnung von Vormittag und Nachmittag

Doch genau diese Zweiteilung stößt bei den Bildungsforschern auf Kritik. Notwendig seien "Maßnahmen der Qualitätssicherung" sowie eine echte "Verzahnung von Unterricht und außerunterrichtlichen Gestaltungselementen des Ganztags". Doch "Lehrkräfte und Schulleitungen" verfügten "scheinbar über eine noch nicht ausreichende Expertise", um "die neuen Anforderungen des Ganztags effektiv umzusetzen". Und auch für die Zusatzkräfte am Nachmittag gelte: "Die Qualifikation des Personals ist für die Bewältigung der anspruchsvollen Aufgaben der Ganztagsgrundschule entscheidend."

Derzeit besucht rund ein Viertel aller Grundschüler in Deutschland eine Ganztagsschule, nur fünf Prozent gehen allerdings auf eine Schule, in der sie auch am Nachmittag unterrichtet werde. Außerdem variiert die Quote der Ganztagsbetreuung für Grundschüler zwischen den einzelnen Bundesländern sehr stark. Beim Spitzenreiter Thüringen waren es 2011 knapp 83 Prozent aller Grundschüler, in Mecklenburg-Vorpommern hingegen nur drei Prozent. Vorletzter beim Ausbau der Ganztagsbetreuung ist das wohlhabende Bayern, wo nur sieben Prozent der Schüler auf eine Ganztagsschule gehen.

Ausbau der Ganztagsgrundschulen
Bundesland 2002* 2011*
Thüringen 51,7 82,6
Sachsen 58,5 81,8
Berlin 22,4 76,7
Brandenburg 0,4 42,9
Saarland 2,7 37,3
Nordrhein-Westfalen 0,8 34,0
Hamburg 1,9 31,8
Bremen 0,3 27,1
Rheinland-Pfalz 2,4 24,7
Schleswig-Holstein 0,5 14,7
Baden-Württemberg 0,5 9,4
Bayern 0,3 7,4
Mecklenburg-Vorpommern 1,1 3,1
*in Prozent
Quelle: Aktionsrat Bildung "Zwischenbilanz Ganztagsgrundschulen - Betreuung oder Rythmisierung?"
Mit dem neuen Gutachten lässt sich kaum ein Plan begründen, nun einfach schnell weitere Ganztagsschulen zu eröffnen - analog zum Kita-Ausbau, wo der im August eingeführte Rechtsanspruch für Einjährige zu einem Bauboom in den Kommunen und zu einem Run auf Erzieherinnen führte.

Dem Aktionsrat Bildung geht es um die Qualität der Ganztagsschulen, die mehr sein sollen als bloße Verwahranstalten. Die Experten fordern einen "auf Forschungsergebnisse gestützten Handlungsplan im Sinne von länderübergreifenden pädagogischen Leitlinien" - umzusetzen durch die Kultusminister, innerhalb der kommenden fünf oder zehn Jahre.

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1. In der offenen Ganztagsschule
kuk25 06.11.2013
finder nachmittags kein Unterricht statt. Die Kinder werden, meist sinnvoll betreut, und die Eltern können arbeiten. Gebundene Ganztagsschulen mit echten Nachmittagsunterricht gibt es, zumindest in NRW, fast nicht. Nur für letztere wäre eine Verbesserung des Unterrichtserfolges zu erwarten. Kostet aber zu viel für NRW.
2. Freiheitsberaubung
Jasmin Kraft 06.11.2013
"Der Aktionsrat Bildung ist keine staatliche Institution, sondern bei der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft angesiedelt." Genau so klingt es dann auch in den ersten 2 Sätzen des Gutachtens: "Ein leistungsfähiges Bildungssystem ist Grundvoraussetzung für die gesellschaftliche Entwicklung und den wirtschaftlichen Erfolg unseres Landes. Die Globalisierung verlangt eine Orientierung des deutschen Bildungssystems an internationalen Anforderungen." Da geht es nicht um das Wohl der Kinder, sondern um gute Human Resources (böse übersetzt Menschenmaterial) für die Wirtschaft. Ganztagsschule ist Freiheitsberaubung für Kinder und allerhöchstens dadurch zu rechtfertigen, dass die Eltern arbeiten und die Kinder sonst alleine zuhause vor dem TV sitzen würden. Aber "Rhythmisierung" ist exakt das Gegenteil von Freizeit und Spiel.
3. Jeder, der mit Bildung zu tun hat, ...
horst1109 06.11.2013
weiß, dass die verordnete Ganztagsbetreuung keinem etwas bringt. Kinder aus sozial benachteiligten Familien werden nur verwahrt, da sie außer der Hausaufgaben-betreuung in der GTS in ihrer Familie nicht mit Bildung konfrontiert werden. Vernünftige Familien brauchen die Betreuung nicht, und dort wo sie verordnet wird kümmert man sich am Nachmittag zusätzlich um die Nach- und Vorbereitung des Unterrichts. In den Kitas hat die Einführung von U3 dazu geführt, dass die Erzieherinnen, die bislang wenig Zeit für die Bildung der Kinder getan haben, nunmehr mit dem Wechseln von Windeln beschäftigt sind. Einzig der Bauindustrie hat es zusätzliche Auslastung gebracht, den Kommunen hingegen zusätzliche Kosten, die in keinem Verhältnis zum Nutzen stehen.
4. Gewollt ist nicht gekonnt
cola79 06.11.2013
Ganz ehrlich, gibt es sie denn, die Kinder, die zur Ganztagschule passen oder müssen die nicht erst noch erfunden werden? Die Dauer, in der man Lernstoff aufnehmen kann, ist begrenzt. Bei Kindern noch mehr, als bei Erwachsenen, weil deren Gehirn gerade am wachsen ist und die Pubertät kommt ja auch noch. Meinen die Bildungsforscher (Abschluß Bayreuth?) denn wirklich, dass man Kinder 7 Stunden täglich unterrichten kann und sich das positiv bemerkbar machen wird? Sollte man nicht vielleicht lieber an den Unterrichtsmethoden feilen, anstelle der Unterrichtsdauer? Und an den Inhalten? Zumal es auch langsam absurd wird, was Schulen alles leisten sollen. Da geht man zum lernen hin, nicht zum leben! Das Leben ist draussen, da müssen die Kinder klarkommen. Und die "bildungsfernen Kinder" (das sind alle Kinder, deshalb gehen sie ja zur Schule...gemeint sind Kinder aus desolaten Elternhäusern!) brauchen auch in der Regel keine Unterstützung in der Schule, sondern im Gegenteil, ausserhalb der Schule, wenn sie in ihren Elternhäusern sind. Man zäumt hier also das Pferd mal wieder von hinten auf, der Status Quo bleibt erhalten, die "Opfer" werden drangsaliert.
5. Und wieder ein Anlauf zur....
joG 06.11.2013
....bürokratischen Lösung scheitert der Hybris der Politiker und Beamten. Schulen sind kein öffentliches Gut und sind zu wichtig sie einer Einheitsordnung der öffentlichen Hand zu unterwerfen. Sie gehören in private Hände und geschützt vor dem Unsinn der Ministerien.
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