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Gastbeitrag von Rita Süssmuth Mehr Integration wagen

Einschulung (in Hessen): Früh werden sich die Wege dieser Kinder trennenZur Großansicht
dpa

Einschulung (in Hessen): Früh werden sich die Wege dieser Kinder trennen

2. Teil: Hamburg geht voran - warum längeres gemeinsames Lernen allen hilft

Schockierend sind zwei Zahlen, die die Mängel belegen: 800.000 Schüler bleiben jedes Jahr sitzen, zugleich investieren Eltern 1,5 Milliarden Euro in Nachhilfestunden, um die schulischen Leistungen ihrer Kinder zu steigern, ermittelte die Bertelsmann-Stiftung.

Ist das die Zukunft, auf die wir uns in Deutschland einzustellen haben, verbunden mit der "Flucht ins Private", wie sie der SPIEGEL ausgemacht hat? 1992 besuchten 446.000 Schülerinnen und Schüler eine Privatschule, 2008 waren es 691.000, also ein Zuwachs von 55 Prozent. Diese Flucht ist keine Lösung. Vielmehr wird sie die negative Situation der Bildungsbenachteiligten noch verschlechtern.

Es beim jetzigen Zustand des Bildungswesens zu belassen, wäre nicht nur unsozial, sondern inhuman. Es steht gegen das Recht auf Bildung und den Artikel 1 des Grundgesetzes, die Wahrung der Menschenwürde. Das Bildungsdilemma betrifft eben nicht nur die Ausgegrenzten, die scheinbar nicht Produktiven, sondern uns alle: ethisch, kulturell, sozial und wirtschaftlich.

Das dreigliedrige Schulsystem ist nicht leistungsfähiger

Das erfordert dringend Verbesserungen im Bildungswesen. Neben dem Abbau der Nachteile im praktizierten Föderalismus geht es um eine innere und äußere Schulreform. Zuzustimmen ist denjenigen, die nach den Erfahrungen der Vergangenheit mit Nachdruck inhaltliche Reformen fordern. Aber beides gehört zusammen. Was zu tun ist, bedarf nicht erneuter Recherchen, Studien und polarisierender Debatten. Handeln ist gefragt, dringender denn je. Wir haben immer weniger Kinder und Jugendliche und trotzdem keine sichtbar verbesserten Bildungschancen für alle.

Das bisherige dreigliedrige, allgemeinbildende Schulsystem hat sich im Vergleich zu ausländischen Schulsystemen mit längerem gemeinsamem Lernen nicht als leistungsfähiger erwiesen.

Deutschlands Primarschulen schneiden in allen internationalen und nationalen Vergleichen mit besten Leistungsergebnissen ab. Und in diesem Schultyp lernen Schüler aller sozialen Schichten miteinander. Es wird nicht "aussortiert" nach sozialer Herkunft oder getesteter Begabung. Warum das Positive nicht für alle verlängern und zeitgleich kleinere Lerngruppen einführen und individuelle Förderung für Leistungsstärkere und Leistungsschwächere erhöhen? Dazu gehört die intensive Ausbildung der Lehrkräfte zu individualisierendem Unterricht und prozessorientierter Lernförderung.

In der Umsetzung der Lehrplanreform und der Entwicklung individualisierenden Lernens ist Hamburg nach Meinung der Experten weiter fortgeschritten als andere Bundesländer. 80.000 Lehrer nehmen derzeit an Fortbildungsmaßnahmen zur Vorbereitung auf die geplante Hamburger Schulreform teil. Die Hansestadt hat sich viel vorgenommen - trotz der angespannten Haushaltslage. Die Ergänzung der Gymnasien und Mittelpunktschulen mit qualifizierten Abschlüssen einschließlich Abitur will mehr Durchlässigkeit, mehr Aufstiegs- als die verbreitete Abstiegsmobilität vom Gymnasium über Realschule bis herunter zur Hauptschule erreichen.

Beim Hamburger Volksentscheid steht viel auf dem Spiel

Darüber entscheiden noch bis zum 18. Juli die Hamburger Bürger in einem Volksentscheid - und dabei steht sehr viel auf dem Spiel. Was geschaffen werden kann, ist eine Pionier-Schule mit Chancen für alle durch individuelle Förderung von Klasse 1 bis 6. Oder eine Frühauslese nach Klasse 4, die Chancen verspielt. Hamburg kann den anderen Bundesländern zeigen, was Veränderungen in unseren Schulen für die Zukunft unserer jungen Generation bedeuten - bessere Bildung und mehr Chancen für alle, das bedeutet: weniger Armut, weniger Ausgegrenzte, mehr Produktive, mehr Zufriedene.

Das deutsche Bildungswesen wird von ausländischen Bildungsforschern immer wieder kritisiert wegen der zu frühen Entscheidungen über zukünftige Bildungswege, die nur noch in ganz wenigen Ländern vergleichbar früh fallen. Wir wissen aufgrund mehrerer Studien, wie stark der Zukunftsoptimismus, wie breit und bunt die Berufsvorstellungen der Grundschulkinder sind.

Diese offene und positive Zukunftseinstellung geht einher mit Lernfreude und Wissbegier. Diese nimmt bei den Fünftklässlern, die sich als Zurückgelassene, die "Aussortierten" wahrnehmen, massiv ab. Bei gekonnter individueller Förderung profitieren Leistungsstarke und -schwächere. Längeres gemeinsames Lernen muss daher nicht leistungsschwächend sein. Gerade die guten Schulen, wie sie vor allem die Bosch-Stiftung bundesweit jedes Jahr für die verschiedenen Alters-, Schulstufen und Schultypen auffindet, zeigen, was in unseren Schulen geleistet wird und verändert werden kann. Es muss nicht bei den Defiziten bleiben. Die Hamburger Erich-Kästner-Gesamtschule ist nur ein Beispiel.

Längeres gemeinsames Lernen mit individueller Förderung ist eine immer stärker werdende zentrale bildungspolitische Forderung, in Hamburg, im Saarland und jetzt auch in Nordrhein-Westfalen. Aber diese Forderung ist zugleich heftig umstritten, da es an Vertrauen in eine gute Schulreform fehlt.

Begabung ist keine genetisch feststehende Größe

Weit verbreitet ist die Befürchtung, vor allem bildungsinteressierter Eltern, dass die Begabten und Leistungsstarken zu kurz kommen. Begabung ist aber aufgrund der Erkenntnisse aus der Hirn- und Lernforschung keine genetisch feststehende Größe. Lernen ist wesentlich ein Begaben, ein Prozess zur Entwicklung und Förderung von Denk- und Handlungsfähigkeiten.

Wichtig ist, Menschen zu begaben, emotional, sozial und kognitiv. Auch das muss gelernt werden. In der Lehrerbildung kommt es bislang nur marginal vor. Im Studium spielen immer noch die klassischen Fachwissenschaften die alles entscheidende Rolle. Unterschätzt und vernachlässigt wurde die theoretische und praxisorientierte Auseinandersetzung mit den anders gearteten Verhaltensweisen und Einstellungen der Kinder und Jugendlichen verglichen mit herkömmlichen Verhaltenserwartungen der Vergangenheit.

Disziplin, konzentrierte Aufmerksamkeit, leise zu sein statt zu lärmen, Respekt vor den Erwachsenen und vor jedem Mitschüler, das sind oft Fremdwörter. Aber ohne Einhaltung von Regeln kann nicht gelernt werden. Sie sind mühsam einzuüben, gehören zum Schulalltag, werden nicht selbstverständlich von zu Hause mitgebracht. Eine wichtige Unterstützung für die Lehrkräfte sind die im Bereich der Jugendhilfe erfahrenen Sozialpädagogen.

Seit Jahren reißt die Kritik an fehlenden Rechtschreibkompetenzen, fehlenden Kenntnissen in den Grundrechenarten und geringer Allgemeinbildung nicht ab. Auch diese Defizite lassen sich durch systematisches Üben erheblich verringern.

Entscheidend ist, dass wir nicht ständig bei den Defiziten, sondern bei den Potentialen ansetzen, diese entdecken und fördern. Das machen uns gute Schulen vor mit engagierten Pädagogen, die durchdrungen sind von der Überzeugung, dass Lernen für alle möglich ist.

Geld ist unverzichtbar. Es lohnt sich, in Bildung zu investieren. Aber dazu braucht es überzeugende Bildungskonzeptionen. Und dabei geht es nicht um gleichmachende Einheitsschulen, sondern um Vielfalt in unseren Schulen und später einsetzende äußere Differenzierung.

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insgesamt 134 Beiträge
Lecturer 13.07.2010
Also Rita, Prinzipien mit denen man nicht einmal eine Kreisligamannschaft erfolgreich trainieren kann, werden auch in der Schule keine Erfolge bringen. Mir fehlt auch eine genauere Ananlyse der Situation. Was war denn z.B. [...]
Zitat von sysopDas deutsche Schulsystem kennt Gewinner und Verlierer, die Kluft wächst. Die Hamburger Schulreform mit gemeinsamem Lernen bis Klasse sechs weist einen Weg in die Zukunft, findet die CDU-Politikerin Rita Süssmuth - ein Plädoyer für weniger Ausgrenzung und mehr Chancen für alle.
Also Rita, Prinzipien mit denen man nicht einmal eine Kreisligamannschaft erfolgreich trainieren kann, werden auch in der Schule keine Erfolge bringen. Mir fehlt auch eine genauere Ananlyse der Situation. Was war denn z.B. fruher besser / anders dass damals die Schere nicht so stark auseinandergeklafft hat; kann man evtl. auch aus der Vergangenheit lernen? Schliesslich: wer auslaendische Buildungssysteme als 'integrativer' empfindet, hat in aller Regel noch nie so ein System von nahe gesehen, ansonste wuerde sie/er festsellen dass die meisten Schulsystem wie z.B. das englische extrem selektiv sind, wobei das Hauptkriterium das Einkommen der Eltern ist... Fazit: man sollte seine Staerken kennen bevor man undausgereifte und vor allem irreversible Experimente an lebenden Koerpern macht..
kdshp 13.07.2010
Hallo, und wieder fällt wer aus der CDU in diesen schwierigen regierungszeiten in den rücken weil die bundes CDU da ganz andere vorstellungen hat. Wenn die diskussion in der CDU/CSU/FDP auch noch kommt mit vielen meinungen dazu [...]
Zitat von sysopDas deutsche Schulsystem kennt Gewinner und Verlierer, die Kluft wächst. Die Hamburger Schulreform mit gemeinsamem Lernen bis Klasse sechs weist einen Weg in die Zukunft, findet die CDU-Politikerin Rita Süssmuth - ein Plädoyer für weniger Ausgrenzung und mehr Chancen für alle. http://www.spiegel.de/schulspiegel/wissen/0,1518,706062,00.html
Hallo, und wieder fällt wer aus der CDU in diesen schwierigen regierungszeiten in den rücken weil die bundes CDU da ganz andere vorstellungen hat. Wenn die diskussion in der CDU/CSU/FDP auch noch kommt mit vielen meinungen dazu dann guet nacht.
diplomkaufmann 13.07.2010
"Begabung ist aber aufgrund der Erkenntnisse aus der Hirn- und Lernforschung keine genetisch feststehende Größe." Schön wär's, Frau Süssmuth. Tatsächlich sind 80% der Intelligenz genetisch bedingt.
"Begabung ist aber aufgrund der Erkenntnisse aus der Hirn- und Lernforschung keine genetisch feststehende Größe." Schön wär's, Frau Süssmuth. Tatsächlich sind 80% der Intelligenz genetisch bedingt.
Fidel Castro 13.07.2010
So ist es, und wer seine Argumentation auf einem Märchen aufbaut, disqualifiziert damit auch durchaus richtige Denkansätze und Lösungsvorschläge.
Zitat von diplomkaufmann"Begabung ist aber aufgrund der Erkenntnisse aus der Hirn- und Lernforschung keine genetisch feststehende Größe." Schön wär's, Frau Süssmuth. Tatsächlich sind 80% der Intelligenz genetisch bedingt.
So ist es, und wer seine Argumentation auf einem Märchen aufbaut, disqualifiziert damit auch durchaus richtige Denkansätze und Lösungsvorschläge.
Matschi29 13.07.2010
@ Lecturer Die gute Rita hat ja auch nicht geschrieben, dass das englische Schulsystem integrativer oder besser ist...sie hat dieses Schulsystem nicht mal erwähnt. Das England kein Vorbild für Integration ist, brauchen Sie sich [...]
@ Lecturer Die gute Rita hat ja auch nicht geschrieben, dass das englische Schulsystem integrativer oder besser ist...sie hat dieses Schulsystem nicht mal erwähnt. Das England kein Vorbild für Integration ist, brauchen Sie sich nur vor Ort oder in der englischen und irischen Presse anzuschaun...eine Gesellschaft die auseinander zu brechen droht. Und Fussball ist eben kein gutes Beispiel. Bei Fussball geht es um Einzelbegabung. Auch wenn Sie Kinder 20 Jahre zusammen lernen lassen, werden nicht alle Asse in Mathe und alle schlecht in Deutsch oder umgekehrt. Aber die guten in Mathe können den schlechten in Mathe helfen...die wiederum anderen in Sozialkunde helfen...die wiederum den guten Mathematikern bei Deutsch helfen. System verstanden? ------ Aber ich glaube es geht - wenn viele Eltern ehrlich mit sich und der Öffentlichkeit wären - gar nicht darum, das bidlungsbewusste Eltern befürchten, die Leistungen ihrer Kinder würden in integrativen Schulen abfallen. Das dies nicht geschieht, dafür sorgen ja jetzt schon u.a. Nachhilfeinstitute, Hausaufgabenüberwachung durch die Eltern etc. Ich glaube, es geht vielmehr darum, das andere Kinder schulisch aufsteigen könnten. Das dann die Abgrenzung der Mittelschicht nach unten fehlt. Gefühlt denkt die Mittelschicht...sie ist schon fast ganz oben und gehört zur Oberschicht. Verstärkt wird das, wenn man auf die Unterschicht schaut. Was nur, wenn die Unterschichtkinder plötzlich fast gleich gut oder gleich gut sind in der Schule...uff, dann wirds fürs Selbstverständnis der Mittelschicht schwierig. Und die ganze Konkurrenz auf einmal auf dem Arbeitsmarkt für die eigenen Kinder, wenn di dann erstmal ähnlich gut aus der Schule kommen.... nicht auszudenken. Meiner Meinung nach liegt da der Hase im Pfeffer. Ist halt doch was dran am Spruch: Nach oben kratzen, nach unten treten. Natürlich mit besser Rhetorik, z.B. Menschen mit Migrationshintergrund statt Ausländer, Facharbeiter für Gas- und Wasserinstallation statt Klempner, Herausforderung statt Problem, spannende Zeit statt Stress, Leistungsträger und Leistungsempfänger statt: mit und ohne Job, sozial Schwach statt Arm (was eine viel größere Beleidigung durch die Hintertür ist: arm ist finanziell arm, nicht sozial Schwach) ...damits nicht ausfällt ;) vG Matschi
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Zur Autorin

DDP
Rita Süssmuth, 73, war Bundesfamilienministerin im Kabinett von Helmut Kohl und von 1988 bis 1998 Präsidentin des Deutschen Bundestages. Sie ist Professorin für Erziehungswissenschaft und Bildungsforscherin.



Die Hamburger Schulreform
Die Hamburger Schulreform ist ein Kompromiss aus zwei Modellen: Auf der einen Seite die CDU mit der Forderung nach dem Erhalt der Gymnasien, auf der anderen Seite die Grünen mit ihrem Ideal der Gemeinschaftsschule für alle. Das Hamburger Parlament hat die Reform im März 2010 beschlossen. Doch ein Volksentscheid könnte den Kern der Reform kippen: die Primarschule.


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