Schockierend sind zwei Zahlen, die die Mängel belegen: 800.000 Schüler bleiben jedes Jahr sitzen, zugleich investieren Eltern 1,5 Milliarden Euro in Nachhilfestunden, um die schulischen Leistungen ihrer Kinder zu steigern, ermittelte die Bertelsmann-Stiftung.
Ist das die Zukunft, auf die wir uns in Deutschland einzustellen haben, verbunden mit der "Flucht ins Private", wie sie der SPIEGEL ausgemacht hat? 1992 besuchten 446.000 Schülerinnen und Schüler eine Privatschule, 2008 waren es 691.000, also ein Zuwachs von 55 Prozent. Diese Flucht ist keine Lösung. Vielmehr wird sie die negative Situation der Bildungsbenachteiligten noch verschlechtern.
Es beim jetzigen Zustand des Bildungswesens zu belassen, wäre nicht nur unsozial, sondern inhuman. Es steht gegen das Recht auf Bildung und den Artikel 1 des Grundgesetzes, die Wahrung der Menschenwürde. Das Bildungsdilemma betrifft eben nicht nur die Ausgegrenzten, die scheinbar nicht Produktiven, sondern uns alle: ethisch, kulturell, sozial und wirtschaftlich.
Das dreigliedrige Schulsystem ist nicht leistungsfähiger
Das erfordert dringend Verbesserungen im Bildungswesen. Neben dem Abbau der Nachteile im praktizierten Föderalismus geht es um eine innere und äußere Schulreform. Zuzustimmen ist denjenigen, die nach den Erfahrungen der Vergangenheit mit Nachdruck inhaltliche Reformen fordern. Aber beides gehört zusammen. Was zu tun ist, bedarf nicht erneuter Recherchen, Studien und polarisierender Debatten. Handeln ist gefragt, dringender denn je. Wir haben immer weniger Kinder und Jugendliche und trotzdem keine sichtbar verbesserten Bildungschancen für alle.
Das bisherige dreigliedrige, allgemeinbildende Schulsystem hat sich im Vergleich zu ausländischen Schulsystemen mit längerem gemeinsamem Lernen nicht als leistungsfähiger erwiesen.
Deutschlands Primarschulen schneiden in allen internationalen und nationalen Vergleichen mit besten Leistungsergebnissen ab. Und in diesem Schultyp lernen Schüler aller sozialen Schichten miteinander. Es wird nicht "aussortiert" nach sozialer Herkunft oder getesteter Begabung. Warum das Positive nicht für alle verlängern und zeitgleich kleinere Lerngruppen einführen und individuelle Förderung für Leistungsstärkere und Leistungsschwächere erhöhen? Dazu gehört die intensive Ausbildung der Lehrkräfte zu individualisierendem Unterricht und prozessorientierter Lernförderung.
In der Umsetzung der Lehrplanreform und der Entwicklung individualisierenden Lernens ist Hamburg nach Meinung der Experten weiter fortgeschritten als andere Bundesländer. 80.000 Lehrer nehmen derzeit an Fortbildungsmaßnahmen zur Vorbereitung auf die geplante Hamburger Schulreform teil. Die Hansestadt hat sich viel vorgenommen - trotz der angespannten Haushaltslage. Die Ergänzung der Gymnasien und Mittelpunktschulen mit qualifizierten Abschlüssen einschließlich Abitur will mehr Durchlässigkeit, mehr Aufstiegs- als die verbreitete Abstiegsmobilität vom Gymnasium über Realschule bis herunter zur Hauptschule erreichen.
Beim Hamburger Volksentscheid steht viel auf dem Spiel
Darüber entscheiden noch bis zum 18. Juli die Hamburger Bürger in einem Volksentscheid - und dabei steht sehr viel auf dem Spiel. Was geschaffen werden kann, ist eine Pionier-Schule mit Chancen für alle durch individuelle Förderung von Klasse 1 bis 6. Oder eine Frühauslese nach Klasse 4, die Chancen verspielt. Hamburg kann den anderen Bundesländern zeigen, was Veränderungen in unseren Schulen für die Zukunft unserer jungen Generation bedeuten - bessere Bildung und mehr Chancen für alle, das bedeutet: weniger Armut, weniger Ausgegrenzte, mehr Produktive, mehr Zufriedene.
Das deutsche Bildungswesen wird von ausländischen Bildungsforschern immer wieder kritisiert wegen der zu frühen Entscheidungen über zukünftige Bildungswege, die nur noch in ganz wenigen Ländern vergleichbar früh fallen. Wir wissen aufgrund mehrerer Studien, wie stark der Zukunftsoptimismus, wie breit und bunt die Berufsvorstellungen der Grundschulkinder sind.
Diese offene und positive Zukunftseinstellung geht einher mit Lernfreude und Wissbegier. Diese nimmt bei den Fünftklässlern, die sich als Zurückgelassene, die "Aussortierten" wahrnehmen, massiv ab. Bei gekonnter individueller Förderung profitieren Leistungsstarke und -schwächere. Längeres gemeinsames Lernen muss daher nicht leistungsschwächend sein. Gerade die guten Schulen, wie sie vor allem die Bosch-Stiftung bundesweit jedes Jahr für die verschiedenen Alters-, Schulstufen und Schultypen auffindet, zeigen, was in unseren Schulen geleistet wird und verändert werden kann. Es muss nicht bei den Defiziten bleiben. Die Hamburger Erich-Kästner-Gesamtschule ist nur ein Beispiel.
Längeres gemeinsames Lernen mit individueller Förderung ist eine immer stärker werdende zentrale bildungspolitische Forderung, in Hamburg, im Saarland und jetzt auch in Nordrhein-Westfalen. Aber diese Forderung ist zugleich heftig umstritten, da es an Vertrauen in eine gute Schulreform fehlt.
Begabung ist keine genetisch feststehende Größe
Weit verbreitet ist die Befürchtung, vor allem bildungsinteressierter Eltern, dass die Begabten und Leistungsstarken zu kurz kommen. Begabung ist aber aufgrund der Erkenntnisse aus der Hirn- und Lernforschung keine genetisch feststehende Größe. Lernen ist wesentlich ein Begaben, ein Prozess zur Entwicklung und Förderung von Denk- und Handlungsfähigkeiten.
Wichtig ist, Menschen zu begaben, emotional, sozial und kognitiv. Auch das muss gelernt werden. In der Lehrerbildung kommt es bislang nur marginal vor. Im Studium spielen immer noch die klassischen Fachwissenschaften die alles entscheidende Rolle. Unterschätzt und vernachlässigt wurde die theoretische und praxisorientierte Auseinandersetzung mit den anders gearteten Verhaltensweisen und Einstellungen der Kinder und Jugendlichen verglichen mit herkömmlichen Verhaltenserwartungen der Vergangenheit.
Disziplin, konzentrierte Aufmerksamkeit, leise zu sein statt zu lärmen, Respekt vor den Erwachsenen und vor jedem Mitschüler, das sind oft Fremdwörter. Aber ohne Einhaltung von Regeln kann nicht gelernt werden. Sie sind mühsam einzuüben, gehören zum Schulalltag, werden nicht selbstverständlich von zu Hause mitgebracht. Eine wichtige Unterstützung für die Lehrkräfte sind die im Bereich der Jugendhilfe erfahrenen Sozialpädagogen.
Seit Jahren reißt die Kritik an fehlenden Rechtschreibkompetenzen, fehlenden Kenntnissen in den Grundrechenarten und geringer Allgemeinbildung nicht ab. Auch diese Defizite lassen sich durch systematisches Üben erheblich verringern.
Entscheidend ist, dass wir nicht ständig bei den Defiziten, sondern bei den Potentialen ansetzen, diese entdecken und fördern. Das machen uns gute Schulen vor mit engagierten Pädagogen, die durchdrungen sind von der Überzeugung, dass Lernen für alle möglich ist.
Geld ist unverzichtbar. Es lohnt sich, in Bildung zu investieren. Aber dazu braucht es überzeugende Bildungskonzeptionen. Und dabei geht es nicht um gleichmachende Einheitsschulen, sondern um Vielfalt in unseren Schulen und später einsetzende äußere Differenzierung.
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