Leben heißt Lernen. Das gilt für alle. Doch faktisch sind die Lernchancen höchst ungleich verteilt. Das ist allgemein bekannt - und gilt nicht nur in den Familien, sondern ebenso im öffentlich organisierten Bildungswesen.
Die Kluft zwischen Bildungsgewinnern und Verlierern wird keineswegs kleiner - sie weitet sich mehr und mehr aus. Das belegen auch die jüngst vorgelegten Bildungsberichte aufs Neue, und zwar vom kürzlich erschienenen nationalen Bericht "Bildung in Deutschland" über die Unicef-Studie "Zukunft für Kinder" bis zu den Uno-Aussagen zu Bildung in Deutschland für das Jahr 2010.
Allzu lange gingen die Bildungsverantwortlichen davon aus, dass die alte Bundesrepublik über ein gutes Bildungsniveau verfüge; erst die internationalen Schulleistungsvergleiche ließen sie erschrocken aufhorchen. Den Höhepunkt bildeten die Ergebnisse der Pisa-Studie 2003.
Seitdem reißt die Bildungsdebatte nicht ab. Aber wirksame Reformen für alle, insbesondere für die Bildungsbenachteiligten, kommen nur schleppend voran.
Über Strukturreformen wird regelrecht gestritten - inhaltliche Reformen wie zum Beispiel Abbau der Stofffülle, Entrümpelung der Lehrpläne und Befähigung der Pädagogen zu mehr individueller, prozessorientierter Lernförderung finden hingegen einen breiteren Konsens.
Ausbildung der Lehrer - sträflich vernachlässigt
Seit den frühen siebziger Jahren liegen bereits alle notwendigen Erkenntnisse zum Ausbau und zu Verbesserungen im Bildungswesen vor. Frühförderung, der Ausbau der Ganztagsschulen wie auch mehr Chancen zum Bildungsaufstieg in Gesamtschulen sind als Maßnahmen lange bekannt. Sträflich vernachlässigt wurde dagegen die Aus- und Weiterbildung der Lehrer.
Zu kurz kommt immer noch die Befähigung zum Weiterlernen, zum problemlösenden Lernen, zur Bewältigung der neuen Bildungsanforderungen in einer sich immer schneller wandelnden Wissensgesellschaft. Erst recht trifft das für die Kompetenzen zu, die in einer globalisierten Welt gebraucht werden, zum Beispiel interkulturelle Bildung für ein Leben mit Menschen aus unterschiedlichen Regionen und Kulturen der Welt.
Völlig unzureichend ist die intensive Bildungsförderung der Bildungsbenachteiligten. Schon in den achtziger und verstärkt in den neunziger Jahren war hinlänglich bekannt, dass jeder zehnte junge Mensch aufgrund der unzureichenden Voraussetzungen für Berufsausbildung und Integration in das Erwerbsleben zur Risikogruppe zählte.
Zu lange fand man sich mit dieser Tatsache ab. Es werden bevorzugt Sozialleistungen gezahlt, statt die Lernblockierten, oft auch Bildungsunwilligen stärker zu fördern und zu mehr Lernanstrengungen zu verpflichten. Inzwischen liegt der Anteil der Risikogruppe, der Bildungsverlierer in der Altersgruppe der 20- bis 30-Jährigen bei gut 20 Prozent mit steigender Tendenz - und ein Umdenken hat gerade erst begonnen.
Lebenslanges Lernen erfordert höchste Anstrengung
Lernen ist unsere große Chance, zugleich unsere Freiheit und Verpflichtung. Vorbei ist die Zeit, wo wir uns auf einmal Gelerntes als dauerhaft ausreichendes Fundament verlassen konnten. Die lebenslange Fähigkeit zu lernen verlangt höchste Anstrengungen von allen Beteiligten, spezifische Qualifikationen und Kompetenzen aller im Bildungswesen Tätigen.
Es kommt auf eine ganzheitliche Förderung der emotionalen, sozialen und kognitiven Intelligenz und Kompetenz an. Diese bedingen sich wechselseitig. Die allzu einseitige Ausrichtung auf Stoffpläne wird der ganzheitlichen Entwicklungsförderung nicht gerecht. Alle Beteiligten brauchen dazu mehr Zeit, mehr wechselseitige Zuwendung, Wertschätzung und Anerkennung.
Die Unzufriedenheit mit dem Bildungswesen wird nicht erst 2010 massiv geäußert. Ob Emnid, Allensbach oder Forsa, die genannten Meinungsforschungsinstitute lassen keinen Zweifel an der Forderung der Bürger nach durchgreifenden Reformen. Dem Bildungsföderalismus mit seiner gepriesenen Vielfalt wird in der jüngsten Forsa-Umfrage eine überdeutliche Absage erteilt. 80 Prozent der Befragten wollen ein einheitliches Schulsystem mit einheitlichen Bildungsstandards und mehr Orientierungs- und Chancensicherheit für Schüler, Eltern und Lehrer.
Eine Mehrheit will das längere gemeinsame Lernen
Thomas Darnstädt beschreibt und analysiert in seinem SPIEGEL-Text "Ein Abgrund des Föderalismus" die alarmierende Schwäche des föderalen Systems. Er bringt die Forderung vieler von ihm befragten Bildungsexperten nach stärkerer Vereinheitlichung zur Sprache. So kann es nicht weitergehen: fast hundert Ausbildungswege für Lehrer, Tausende verschiedene Lehrpläne, das Fehlen von bundesweiten Bildungsstandards, Unüberschaubarkeit und mangelnde Transparenz.
Die Kultusministerkonferenz wird von den Kritikern aus Forschung und Praxis nicht als die Institution gesehen, die diese gravierenden Defizite beheben kann. Die Analyse mündet in Vorschläge zu stärkeren Kompetenzen des Bundes in Bildungsfragen ein, sei es eine Zuständigkeit des Bundes nach Schweizer Vorbild oder einer Gesetzgebungskompetenz des Bundes in Bildungsfragen, wobei die Länder für die Durchführung der Gesetze zuständig wären.
Der Unmut der Befragten betrifft auch die frühe Entscheidung über Bildungswege im vierten Schuljahr. In diesem Bereich sind die Präferenzen unterschiedlich. Aber 57 Prozent der Befragten wollen ein längeres gemeinsames Lernen und wiederum 80 Prozent die Wiedereinführung des neunjährigen Gymnasiums statt des achtjährigen.
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