Gastbeitrag von Rita Süssmuth: Mehr Integration wagen

Das deutsche Schulsystem kennt Gewinner und Verlierer, die Kluft wächst. Die Hamburger Schulreform mit gemeinsamem Lernen bis Klasse sechs weist einen Weg in die Zukunft, findet die CDU-Politikerin Rita Süssmuth - ein Plädoyer für weniger Ausgrenzung und mehr Chancen für alle.

Einschulung (in Hessen): Früh werden sich die Wege dieser Kinder trennen Zur Großansicht
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Einschulung (in Hessen): Früh werden sich die Wege dieser Kinder trennen

Leben heißt Lernen. Das gilt für alle. Doch faktisch sind die Lernchancen höchst ungleich verteilt. Das ist allgemein bekannt - und gilt nicht nur in den Familien, sondern ebenso im öffentlich organisierten Bildungswesen.

Die Kluft zwischen Bildungsgewinnern und Verlierern wird keineswegs kleiner - sie weitet sich mehr und mehr aus. Das belegen auch die jüngst vorgelegten Bildungsberichte aufs Neue, und zwar vom kürzlich erschienenen nationalen Bericht "Bildung in Deutschland" über die Unicef-Studie "Zukunft für Kinder" bis zu den Uno-Aussagen zu Bildung in Deutschland für das Jahr 2010.

Allzu lange gingen die Bildungsverantwortlichen davon aus, dass die alte Bundesrepublik über ein gutes Bildungsniveau verfüge; erst die internationalen Schulleistungsvergleiche ließen sie erschrocken aufhorchen. Den Höhepunkt bildeten die Ergebnisse der Pisa-Studie 2003.

Seitdem reißt die Bildungsdebatte nicht ab. Aber wirksame Reformen für alle, insbesondere für die Bildungsbenachteiligten, kommen nur schleppend voran.

Über Strukturreformen wird regelrecht gestritten - inhaltliche Reformen wie zum Beispiel Abbau der Stofffülle, Entrümpelung der Lehrpläne und Befähigung der Pädagogen zu mehr individueller, prozessorientierter Lernförderung finden hingegen einen breiteren Konsens.

Ausbildung der Lehrer - sträflich vernachlässigt

Seit den frühen siebziger Jahren liegen bereits alle notwendigen Erkenntnisse zum Ausbau und zu Verbesserungen im Bildungswesen vor. Frühförderung, der Ausbau der Ganztagsschulen wie auch mehr Chancen zum Bildungsaufstieg in Gesamtschulen sind als Maßnahmen lange bekannt. Sträflich vernachlässigt wurde dagegen die Aus- und Weiterbildung der Lehrer.

Zu kurz kommt immer noch die Befähigung zum Weiterlernen, zum problemlösenden Lernen, zur Bewältigung der neuen Bildungsanforderungen in einer sich immer schneller wandelnden Wissensgesellschaft. Erst recht trifft das für die Kompetenzen zu, die in einer globalisierten Welt gebraucht werden, zum Beispiel interkulturelle Bildung für ein Leben mit Menschen aus unterschiedlichen Regionen und Kulturen der Welt.

Völlig unzureichend ist die intensive Bildungsförderung der Bildungsbenachteiligten. Schon in den achtziger und verstärkt in den neunziger Jahren war hinlänglich bekannt, dass jeder zehnte junge Mensch aufgrund der unzureichenden Voraussetzungen für Berufsausbildung und Integration in das Erwerbsleben zur Risikogruppe zählte.

Zu lange fand man sich mit dieser Tatsache ab. Es werden bevorzugt Sozialleistungen gezahlt, statt die Lernblockierten, oft auch Bildungsunwilligen stärker zu fördern und zu mehr Lernanstrengungen zu verpflichten. Inzwischen liegt der Anteil der Risikogruppe, der Bildungsverlierer in der Altersgruppe der 20- bis 30-Jährigen bei gut 20 Prozent mit steigender Tendenz - und ein Umdenken hat gerade erst begonnen.

Lebenslanges Lernen erfordert höchste Anstrengung

Lernen ist unsere große Chance, zugleich unsere Freiheit und Verpflichtung. Vorbei ist die Zeit, wo wir uns auf einmal Gelerntes als dauerhaft ausreichendes Fundament verlassen konnten. Die lebenslange Fähigkeit zu lernen verlangt höchste Anstrengungen von allen Beteiligten, spezifische Qualifikationen und Kompetenzen aller im Bildungswesen Tätigen.

Es kommt auf eine ganzheitliche Förderung der emotionalen, sozialen und kognitiven Intelligenz und Kompetenz an. Diese bedingen sich wechselseitig. Die allzu einseitige Ausrichtung auf Stoffpläne wird der ganzheitlichen Entwicklungsförderung nicht gerecht. Alle Beteiligten brauchen dazu mehr Zeit, mehr wechselseitige Zuwendung, Wertschätzung und Anerkennung.

Die Unzufriedenheit mit dem Bildungswesen wird nicht erst 2010 massiv geäußert. Ob Emnid, Allensbach oder Forsa, die genannten Meinungsforschungsinstitute lassen keinen Zweifel an der Forderung der Bürger nach durchgreifenden Reformen. Dem Bildungsföderalismus mit seiner gepriesenen Vielfalt wird in der jüngsten Forsa-Umfrage eine überdeutliche Absage erteilt. 80 Prozent der Befragten wollen ein einheitliches Schulsystem mit einheitlichen Bildungsstandards und mehr Orientierungs- und Chancensicherheit für Schüler, Eltern und Lehrer.

Eine Mehrheit will das längere gemeinsame Lernen

Thomas Darnstädt beschreibt und analysiert in seinem SPIEGEL-Text "Ein Abgrund des Föderalismus" die alarmierende Schwäche des föderalen Systems. Er bringt die Forderung vieler von ihm befragten Bildungsexperten nach stärkerer Vereinheitlichung zur Sprache. So kann es nicht weitergehen: fast hundert Ausbildungswege für Lehrer, Tausende verschiedene Lehrpläne, das Fehlen von bundesweiten Bildungsstandards, Unüberschaubarkeit und mangelnde Transparenz.

Die Kultusministerkonferenz wird von den Kritikern aus Forschung und Praxis nicht als die Institution gesehen, die diese gravierenden Defizite beheben kann. Die Analyse mündet in Vorschläge zu stärkeren Kompetenzen des Bundes in Bildungsfragen ein, sei es eine Zuständigkeit des Bundes nach Schweizer Vorbild oder einer Gesetzgebungskompetenz des Bundes in Bildungsfragen, wobei die Länder für die Durchführung der Gesetze zuständig wären.

Der Unmut der Befragten betrifft auch die frühe Entscheidung über Bildungswege im vierten Schuljahr. In diesem Bereich sind die Präferenzen unterschiedlich. Aber 57 Prozent der Befragten wollen ein längeres gemeinsames Lernen und wiederum 80 Prozent die Wiedereinführung des neunjährigen Gymnasiums statt des achtjährigen.

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1. Bildung und Fussball
Lecturer 13.07.2010
Zitat von sysopDas deutsche Schulsystem kennt Gewinner und Verlierer, die Kluft wächst. Die Hamburger Schulreform mit gemeinsamem Lernen bis Klasse sechs weist einen Weg in die Zukunft, findet die CDU-Politikerin Rita Süssmuth - ein Plädoyer für weniger Ausgrenzung und mehr Chancen für alle. http://www.spiegel.de/schulspiegel/wissen/0,1518,706062,00.html
Also Rita, Prinzipien mit denen man nicht einmal eine Kreisligamannschaft erfolgreich trainieren kann, werden auch in der Schule keine Erfolge bringen. Mir fehlt auch eine genauere Ananlyse der Situation. Was war denn z.B. fruher besser / anders dass damals die Schere nicht so stark auseinandergeklafft hat; kann man evtl. auch aus der Vergangenheit lernen? Schliesslich: wer auslaendische Buildungssysteme als 'integrativer' empfindet, hat in aller Regel noch nie so ein System von nahe gesehen, ansonste wuerde sie/er festsellen dass die meisten Schulsystem wie z.B. das englische extrem selektiv sind, wobei das Hauptkriterium das Einkommen der Eltern ist... Fazit: man sollte seine Staerken kennen bevor man undausgereifte und vor allem irreversible Experimente an lebenden Koerpern macht..
2. aw
kdshp 13.07.2010
Zitat von sysopDas deutsche Schulsystem kennt Gewinner und Verlierer, die Kluft wächst. Die Hamburger Schulreform mit gemeinsamem Lernen bis Klasse sechs weist einen Weg in die Zukunft, findet die CDU-Politikerin Rita Süssmuth - ein Plädoyer für weniger Ausgrenzung und mehr Chancen für alle. http://www.spiegel.de/schulspiegel/wissen/0,1518,706062,00.html
Hallo, und wieder fällt wer aus der CDU in diesen schwierigen regierungszeiten in den rücken weil die bundes CDU da ganz andere vorstellungen hat. Wenn die diskussion in der CDU/CSU/FDP auch noch kommt mit vielen meinungen dazu dann guet nacht.
3. Butter bei die Fische!
diplomkaufmann 13.07.2010
"Begabung ist aber aufgrund der Erkenntnisse aus der Hirn- und Lernforschung keine genetisch feststehende Größe." Schön wär's, Frau Süssmuth. Tatsächlich sind 80% der Intelligenz genetisch bedingt.
4. Märchen
Fidel Castro 13.07.2010
Zitat von diplomkaufmann"Begabung ist aber aufgrund der Erkenntnisse aus der Hirn- und Lernforschung keine genetisch feststehende Größe." Schön wär's, Frau Süssmuth. Tatsächlich sind 80% der Intelligenz genetisch bedingt.
So ist es, und wer seine Argumentation auf einem Märchen aufbaut, disqualifiziert damit auch durchaus richtige Denkansätze und Lösungsvorschläge.
5. die Angst ist nicht: Leistungsverlust, sondern Leistungsaufholung
Matschi29 13.07.2010
@ Lecturer Die gute Rita hat ja auch nicht geschrieben, dass das englische Schulsystem integrativer oder besser ist...sie hat dieses Schulsystem nicht mal erwähnt. Das England kein Vorbild für Integration ist, brauchen Sie sich nur vor Ort oder in der englischen und irischen Presse anzuschaun...eine Gesellschaft die auseinander zu brechen droht. Und Fussball ist eben kein gutes Beispiel. Bei Fussball geht es um Einzelbegabung. Auch wenn Sie Kinder 20 Jahre zusammen lernen lassen, werden nicht alle Asse in Mathe und alle schlecht in Deutsch oder umgekehrt. Aber die guten in Mathe können den schlechten in Mathe helfen...die wiederum anderen in Sozialkunde helfen...die wiederum den guten Mathematikern bei Deutsch helfen. System verstanden? ------ Aber ich glaube es geht - wenn viele Eltern ehrlich mit sich und der Öffentlichkeit wären - gar nicht darum, das bidlungsbewusste Eltern befürchten, die Leistungen ihrer Kinder würden in integrativen Schulen abfallen. Das dies nicht geschieht, dafür sorgen ja jetzt schon u.a. Nachhilfeinstitute, Hausaufgabenüberwachung durch die Eltern etc. Ich glaube, es geht vielmehr darum, das andere Kinder schulisch aufsteigen könnten. Das dann die Abgrenzung der Mittelschicht nach unten fehlt. Gefühlt denkt die Mittelschicht...sie ist schon fast ganz oben und gehört zur Oberschicht. Verstärkt wird das, wenn man auf die Unterschicht schaut. Was nur, wenn die Unterschichtkinder plötzlich fast gleich gut oder gleich gut sind in der Schule...uff, dann wirds fürs Selbstverständnis der Mittelschicht schwierig. Und die ganze Konkurrenz auf einmal auf dem Arbeitsmarkt für die eigenen Kinder, wenn di dann erstmal ähnlich gut aus der Schule kommen.... nicht auszudenken. Meiner Meinung nach liegt da der Hase im Pfeffer. Ist halt doch was dran am Spruch: Nach oben kratzen, nach unten treten. Natürlich mit besser Rhetorik, z.B. Menschen mit Migrationshintergrund statt Ausländer, Facharbeiter für Gas- und Wasserinstallation statt Klempner, Herausforderung statt Problem, spannende Zeit statt Stress, Leistungsträger und Leistungsempfänger statt: mit und ohne Job, sozial Schwach statt Arm (was eine viel größere Beleidigung durch die Hintertür ist: arm ist finanziell arm, nicht sozial Schwach) ...damits nicht ausfällt ;) vG Matschi
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Zur Autorin

DDP
Rita Süssmuth, 73, war Bundesfamilienministerin im Kabinett von Helmut Kohl und von 1988 bis 1998 Präsidentin des Deutschen Bundestages. Sie ist Professorin für Erziehungswissenschaft und Bildungsforscherin.


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Die Hamburger Schulreform
Schwarz-grünes Mammutprojekt
Die Hamburger Schulreform ist ein Kompromiss aus zwei Modellen: Auf der einen Seite die CDU mit der Forderung nach dem Erhalt der Gymnasien, auf der anderen Seite die Grünen mit ihrem Ideal der Gemeinschaftsschule für alle. Das Hamburger Parlament hat die Reform im März 2010 beschlossen. Doch ein Volksentscheid könnte den Kern der Reform kippen: die Primarschule.
Die Primarschule
In den neuen Primarschulen sollen Schüler künftig sechs statt nur vier Jahre lang gemeinsam lernen. Ab der vierten Klasse unterrichten auch Lehrer aus weiterführenden Schulen, zum Teil auch in Räumen dieser Schulen, weil die bisherigen Grundschulgebäude nicht ausreichen. Um die Schüler möglichst individuell fördern zu können, sollen die Klassen höchstens 23, in sozialen Brennpunkten höchstens 19 Schüler umfassen. Das ist die bundesweit niedrigste Quote.
Übergang nach der Primarschule
Nach der Primarschule entscheiden die Eltern, ob ihr Kind auf eine Stadtteilschule oder ein Gymnasium wechselt. Stellt sich allerdings in Klasse sieben heraus, dass die Leistungen nicht reichen, müssen die Schüler auf die Stadtteilschule wechseln.
Zeugnisse
In den Zeugnissen sollen künftig nicht nur Fachnoten, sondern auch Kompetenzen der Schüler stehen. Dafür werden vor allem Gymnasiallehrer in Diagnostik fortgebildet.
Stadtteilschulen
Die Einrichtung von Stadtteilschulen hatte die damalige CDU-Alleinregierung bereits 2007 beschlossen. Dort sollen jetzt Haupt-, Real- und Gymnasialschüler bis zum jeweiligen Abschluss gemeinsam lernen - eine Art Gesamtschule, die aber nicht so heißt. Das Abitur können sie nach Klasse 12 oder 13 ablegen; an den Gymnasien, die erhalten bleiben, ist dagegen nach 12 Jahren Schluss.
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