Von Esther Wiemann
Überforderte Eltern und bockige Kinder ohne jeglichen Respekt vor ihren Erzeugern? Das "Generationen-Barometer 2009" liefert dafür keinerlei Indizien. Die neue Studie des Instituts für Demoskopie Allensbach entwirft ein wesentlich positiveres Bild von Familie. Am Mittwoch wurden die Ergebnisse in Berlin vorgestellt.
Im Auftrag des Vereins "Forum Familie stark machen" wurden etwa 2200 Personen ab 16 Jahren zu ihren familiären Beziehungen in Zeiten des demografischen Wandels befragt. Ein Ergebnis: Kinder bilden heute mehr als früher den Mittelpunkt der Familie. Sie bekommen mehr Zuwendung und Förderung als früher, werden stärker als eigenständige Persönlichkeiten respektiert und haben deutlich mehr Freiheiten als die Generation ihrer Eltern und Großeltern.
Die Erziehungsziele vieler Eltern haben sich verändert: Zwar stehen Pünktlichkeit, gutes Benehmen und Ordnung auch heute noch hoch im Kurs. An Bedeutung gewonnen haben aber Selbstbewusstsein, Entfaltung der persönlichen Fähigkeiten, gute Bildung oder Durchsetzungsvermögen. In der Erziehung, die die Eltern selbst genossen haben, spielten diese Ziele eine deutlich geringere Rolle. Weniger wichtig als früher sind Anpassungsbereitschaft, Bescheidenheit und religiöse Orientierung.
Körperliche Strafen sind hingegen selten geworden. Gewalt ist für heutige Eltern kein Mittel der Erziehung. Während jeder zweite 60-Jährige und Ältere noch mit Ohrfeigen bestraft wurde, ist dies nur bei 23 Prozent der Befragten unter 30 Jahren. Umgekehrt berichten zwei Drittel dieser Altersgruppe, aber nur ein Drittel der 60-Jährigen und Älteren, dass die Eltern auf das Fehlverhalten der Kinder vor allem mit Diskussionen reagierten.
Mädchen und Jungen sind gleichgestellt
Erziehung ist außerdem weniger geschlechtsspezifisch ausgerichtet: Während 36 Prozent der 60-Jährigen und Älteren von einer ausgeprägt geschlechtsspezifischen Erziehung berichten, ist das nur noch bei einem Fünftel der Personen unter 30 Jahren der Fall.
Nur acht Prozent der Eltern fühlen sich in Erziehungsfragen häufiger unsicher. Und während rund ein Drittel der befragten Eltern ihren auf die Erziehung für ausreichend halten, empfinden 80 Prozent der befragten Eltern von Kindern unter 16 Jahren ihren Einfluss als groß genug.
Vor allem bei der Frage nach den Kindheitserinnerungen wird ein Wandel deutlich: So haben nach der Studie 61 Prozent der unter 30-Jährigen von ihren Eltern viel Aufmerksamkeit und Zuwendung bekommen, dagegen nur ein Drittel der 60-Jährigen und Älteren. Jeder zweite unter 30 Jahren berichtet, dass die eigenen Interessen durch die Eltern stark gefördert wurden - eine Erfahrung, die nur jeder fünfte 60-Jährige im Elternhaus gemacht hat.
Bewegungsmangel und Übergewicht
Auch die Erziehung zur Eigenständigkeit prägt eine Kindheit heute weitaus stärker als früher: 43 Prozent der heute 16- bis 29-Jährigen durften schon als Kind vieles selbst entscheiden, dagegen nur 15 Prozent der 60-Jährigen und Älteren.
Ein weiterer Befund der Studie: Eltern investieren mehr Zeit in ihre Kinder, und zwar Väter wie Mütter. Dabei wird jedoch vor allem die Zeit, die mit den Vätern verbracht wird, noch von vielen Kindern als zu wenig empfunden. Auch bei den Eltern sind es vor allem die Väter, die sich mehr Zeit für ihre Kinder wünschen: 46 Prozent der Väter im Gegensatz zu 20 Prozent der Mütter.
Insgesamt wird Erziehung von Eltern heute als bereichernd, aber auch als anstrengend empfunden. 47 Prozent der Eltern haben den Eindruck, dass es in den letzten Jahren schwieriger geworden ist, in dem heutigen gesellschaftlichen Umfeld Kinder zu erziehen. 62 Prozent der Eltern kritisieren, dass das, was Eltern heute leisten, in der Gesellschaft zu wenig anerkannt wird.
Eltern begegnen ebenfalls anderen erzieherischen Herausforderungen als früher: Hier wurden vor allem Medienkonsum von Kindern, früher Kontakt mit Alkohol und Zigaretten, Bewegungsmangel und Übergewicht genannt. Auch Defizite bei der Vermittlung von Werten, Orientierungen und klaren Regeln machen den Eltern zu schaffen.
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