Gott und die Wissenschaft: Mit der Bibel in den Biologie-Unterricht?

Die Schöpfungsgeschichte hat im naturwissenschaftlichen Unterricht nicht zu suchen und ist reine Glaubenssache - so sehen es Wissenschaftler. Hessens Kultusministerin Karin Wolff dagegen möchte, dass Schüler auch im Fach Biologie über die Bibel sprechen.

Die CDU-Politikerin Karin Wolff hat sich dafür ausgesprochen, die Schöpfungsgeschichte auch im Biologieunterricht zu behandeln. Das sei eine Chance für "eine neue Gemeinsamkeit von Naturwissenschaften und Religion", sagte die hessische Kultusministerin. In einem Gespräch mit der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" (FAZ) forderte sie am Freitag einen "modernen Biologieunterricht", in dem auch die Grenzen naturwissenschaftlich gesicherter Erkenntnis von Welt und Menschen eine Rolle spielen sollten. Wolff, die früher selbst evangelische Religion unterrichtete, plädierte für fächerübergreifende und verbindende Fragestellungen bei den Themen der Herkunft des Menschen und der Bestimmung des Lebens.

Darwin-Ausstellung (in New York): Kulturkampf in den USA
REUTERS

Darwin-Ausstellung (in New York): Kulturkampf in den USA

Gleichzeitig wies sie die Kritik zurück, sie leiste mit ihrer Auffassung der Ideologie der Kreationisten Vorschub. "Damit habe ich überhaupt nichts am Hut", sagte Wolff.

Kreationisten lehnen die Vorstellung ab, dass Menschen gemeinsame Vorfahren mit anderen Lebewesen haben. Sie sind überzeugt davon, dass ein Schöpfer den Menschen erschaffen hat, und legen die Bibel oft wörtlich aus - inklusive der Schöpfung der Welt in sechs Tagen plus Ruhetag und dem Glauben daran, dass die Erde noch keine 10.000 Jahre alt ist. Seit Jahren tobt in den USA ein regelrechter Kulturkampf zwischen Naturwissenschaftlern einerseits, oft tief religiös geprägten Anhängern des Kreationismus oder des "Intelligent Design" andererseits.

In Deutschland war es bis dato Konsens, dass Glaubensfragen und wissenschaftliche Theorien an Schulen in verschiedenen Fächern unterrichtet werden. Kultusministerin Wolff allerdings sorgte bereits im letzten Herbst für Aufsehen, als sie forderte, Schüler auch im Biologieunterricht mit der biblischen Schöpfungsgeschichte zu konfrontieren.

Ulrich Kutschera, stellvertretender Vorsitzender des Bilogenverbandes und Professor für Evolutionsbiologie an der der Universität Kassel, warf der Politikerin daraufhin Unwissenheit vor. "Frau Wolff sollte sich zunächst orientieren und ein Fachbuch lesen", sagte Kutschera im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Die Evolution sei eine bewiesene Tatsache; es gebe, so Kutschera, einerseits wissenschaftliche Erkenntnis und andererseits einen christlichen Mythos. Letzterer gehöre keinesfalls in den Biologieunterricht.

Mythen und Taschenspielertricks?

Wolff indes erneuerte nun ihre Forderungen. "Mit dem Begriff Mythos kann ich nichts anfangen, weil er wertend ist", sagte sie der FAZ. Für Christen bedeute die biblische Schöpfunggeschichte über die Erschaffung der Welt und den Garten Eden, dass der Mensch durch Gott in die Welt komme und dass dieser das ordnende Prinzip vorgebe. Nach Auffassung von Wolff müsse "Erklärungsmuster der Theorie der naturwissenschaftlichen Erkenntnis nicht widersprechen". Beides könne sich gegenseitig ergänzen.

Dies mache junge Menschen gerade sensibel und wachsam gegenüber den unwissenschaftlichen und völlig inakzeptablen Vorstellungen der Kreationisten, so die CDU-Politikerin weiter. Nicht nur Biologielehrer, sondern alle Pädagogen sollten in ihrem Unterricht über die Deutung der Welt reflektieren. Dabei kämen Wissenschaft und Religion unweigerlich zusammen.

Biologe Kutschera hatte dafür schon im Oktober keinerlei Verständnis geäußert. "Die Ministerin benutzt die Sprache der Kreationisten und fällt auf deren Tricks herein", kritisierte der Verbandsvize. So spreche Wolff von einer Evolutions- und einer Schöpfungstheorie. "Aber diese Wortwahl ist ein Taschenspielertrick der Kreationisten, denn es gibt einerseits die Schöpfungsmythen und andererseits eine Evolutionsbiologie."

Schließlich sei die Evolution eine Tatsache, die durch eine moderne Theorie erklärt werde. "Sonst wären ja all die Tausenden Wissenschaftler, die wie wir auch in Stanford und Harvard Evolutionsforschung betreiben, Narren."

pop/AFP

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