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Große Bildungsumfrage: Bürger fordern neue deutsche Einheit

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In einer großen Umfrage geben Deutschlands Bürger dem Bildungssystem schlechte Noten. Sie fordern von Politikern Reformen: Schüler sollen länger gemeinsam lernen, Abschlussprüfungen sollen einheitlich sein - dafür würden sie sogar mehr Steuern zahlen.

Umfrage: Fast jeder zweite Befragte wünscht sich eine sechsjährige Grundschulzeit Zur Großansicht
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Umfrage: Fast jeder zweite Befragte wünscht sich eine sechsjährige Grundschulzeit

Deutschlands Bürger durften das Bildungssystem benoten und gaben ihm ein "Ausreichend". Sie fordern von Politikern, die Schulen und Abschlüsse zu reformieren. Das sind die zentralen Ergebnisse der Bildungsumfrage "Zukunft durch Bildung - Deutschland will´s wissen", die am Donnerstag in Berlin präsentiertet wurde.

Zu der Umfrage hatte die Bertelsmann Stiftung gemeinsam mit der Unternehmensberatung Roland Berger, der "Bild"-Zeitung und der türkischsprachigen Zeitung "Hürriyet" aufgerufen. 480.000 Menschen nahmen teil, allerdings füllten nur 130.000 Teilnehmer den kompletten Fragebogen aus. Nur deren Antworten wurden bei der Auswertung berücksichtigt. Die Umfrage sei "somit nach Teilnehmerzahl die größte Umfrage zum Thema Bildung, die es je in Deutschland gab", schreiben die Initiatoren in ihrer Zusammenfassung der Umfrage.

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Große Bildungsumfrage: Die wichtigsten Ergebnisse
Im Zeitraum vom 14. Februar bis zum 9. März konnte sich jeder online oder per Post an der Umfrage beteiligen. Weil die Befragten nicht zufällig ausgewählt wurden, ist die Befragung allerdings nicht repräsentativ.

Die Botschaft der Befragten ist deutlich: Bildungsförderalismus in seiner derzeitigen Form wird abgelehnt, die Teilnehmer fordern mehr Einheitlichkeit. Allerdings fehlt der Politik nach Ansicht der Befragten der Mut, etwas zu verändern.

Zu einer immer wieder heiß diskutierten Frage ergab die Umfrage ein überraschendes Stimmungsbild: Zwei Drittel der Befragten sind für einen späteren Wechsel auf weiterführende Schulen. Im vergangenen Sommer war in Hamburg eine Schulreform, die genau das zum Ziel hatte, im Volksentscheid gescheitert. Zumindest die Hamburger bleiben bei ihrer Meinung: Zusammen mit den Saarländern votierten sie als einzige mehrheitlich für eine vierjährige Grundschule.

"Die meisten Befragten sehen einen direkten Zusammenhang zwischen Bildung und sozialen Aufstiegschancen", schreiben die Autoren. Die Mehrheit der Befragten wäre bereit, für bessere Bildung mehr Steuern zu zahlen.

Zentrale Thesen und Forderungen

Die Teilnehmer mussten rund 30 Fragen beantworten, sie sollten beispielsweise auch Fragen zum Geburtsjahr, zur Staatsbürgerschaft und zum Einkommen beantworten. Bei dem Fragebogen konnten sie zwischen Deutsch, Türkisch und Russisch wählen. Aus den Ergebnissen formulierten die Initiatoren zehn Thesen und Forderungen.

  • Die Mehrheit der Befragten weist der Bildung eine große Bedeutung zu. "Knapp zwei Drittel der Befragten bezeichnen 'gute Bildung' bzw. eine 'gute Ausbildung' für sich persönlich sogar als 'außerordentlich wichtig'."
  • Für die Mehrheit der Teilnehmer hat die Schule Priorität im Bildungsbereich. 70 Prozent sehen hier Investitionsbedarf. Auf Platz zwei folgen Kita, Kindergärten und Krippen.
  • Die große Mehrheit der Befragten (80 Prozent) hält die Reformbereitschaft der Politiker beim Thema Bildung für "gering" oder "sehr gering". Lehrer schneiden besser ab: Die Hälfte der Befragten (57 Prozent) glaubt, die Lehrer hätten Mut zur Veränderung. Allerdings fehlten Leistungsanreize für engagierte Lehrer. Auch die Befragten selbst zeigen eine große Reformbereitschaft, schreiben die Autoren.
  • Zur Hauptaufgabe des Bildungssystems gehört nach Ansicht der Befragten, sozial Benachteiligten den Aufstieg zu ermöglichen. Besonders viele Teilnehmer mit niedrigem Bildungs- und Einkommensniveau vertreten diese Meinung.
  • "Mehr als zwei Drittel der Befragten würden für ein besseres Bildungssystem auch höhere Steuern in Kauf nehmen", heißt es in der Zusammenfassung der Umfrage. Darunter vor allem: Schüler, Lehrer und Befragte mit türkischem Migrationshintergrund. Steuererhöhungen beispielsweise für Umweltschutz, Verbrechensbekämpfung und Gesundheitswesen unterstützen dagegen nur eine Minderheit der Befragten. Eine Mehrheit akzeptiert dagegen Studiengebühren abhängig vom Einkommen der Eltern.
  • Fast 90 Prozent der Befragten stimmen für einen verbindlichen Kita-Besuch und zwei Drittel der Teilnehmer für einen späteren Wechsel auf weiterführende Schulen. Fast jeder zweite spricht sich für den Übergang nach dem sechsten Schuljahr aus, etwa ein Viertel befürwortet den Wechsel nach dem neunten oder zehnten Schuljahr.
  • 80 Prozent der Befragten bevorzugen Ganztagsunterricht, nur 19 Prozent befürworten die Halbtagsschule.
  • Neun von zehn Teilnehmern wünschen sich einheitliche Abschlussprüfungen in ganz Deutschland. Die Unterschiede unter den Bundesländern fördert die Qualität des Bildungssystems ihrer Meinung nach nicht.
  • Zwar befürworten neun von zehn Befragten, dass Kinder ohne körperliche Beeinträchtigung mit körperlich behinderten Kindern lernen. Allerdings kann sich mindestens jeder Zweite nicht vorstellen, mit einem geistig behinderten oder verhaltensauffälligen Kind zu lernen. Besonders Schüler und Teilnehmer mit türkischem Migrationshintergrund stehen dem skeptisch gegenüber.
  • Etwa die Hälfte der Befragten sprach sich gegen eine Verteilung der Mittel "mit der Gießkanne" aus. Schulen in Problemvierteln sollten ihrer Meinung nach besser ausgestattet werden.

Bildungspolitiker zeigten sich über die Unzufriedenheit der Teilnehmer wenig überrascht. "Wacht endlich auf, hört mit den Strukturdebatten auf und kümmert euch um unsere Kinder", so interpretiert der bildungspolitische Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion, Patrick Meinhardt, die zentrale Botschaft der Umfrage. "Es muss endlich Schluss damit sein, dass Ländergrenzen zu Bildungshürden werden", sagt er. Bund, Länder, Städte und Gemeinden müssten sich auf verbindliche Standards einigen.

Auch der stellvertretende bildungspolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, Swen Schulz, kommt zu dem Ergebnis: "Die Menschen haben die Kleinstaaterei in der Bildung satt. Und zwar zurecht!" Das Kooperationsverbot aus dem Grundgesetz müsse gestrichen werden. Denn der Bund müsse den Ländern bei der Schulpolitik helfen dürfen. Das Verbot schließt Zahlungen des Bundes "für bedeutsame Investitionen der Länder und Gemeinden" dort aus, wo allein die Länder die Gesetzgebungskompetenz haben.

Bereits am Mittwoch stellten die Initiatoren der Bildungsministerin Annette Schavan (CDU) die Ergebnisse vor. In einer Diskussionsrunde betonte auch sie die Bedeutung von einheitlichen Bildungsstandards. Den Lehrkräften käme dabei eine Schlüsselrolle zu. Deswegen wolle die Ministerin eine "Exzellenzinitiative für Lehrerbildung" initiieren.

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insgesamt 58 Beiträge
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1. Aha
freeagent 14.04.2011
Tolle Idee unser Geld in Schul(d)en zu investieren.
2. Aufgaben
mheitm 14.04.2011
"Zur Hauptaufgabe des Bildungssystems gehört nach Ansicht der Befragten, sozial Benachteiligten den Aufstieg zu ermöglichen" Das finde ich totalen Unsinn. Das Bildungssystem sollte überhaupt gar nichts mit dem sozialen Hintergrund zu tun haben sondern nur für zwei Ziele da sein: Allen einen Mindeststandard an Bildung mitzugeben und jenen die mehr wollen (und können) Bildung bis zum persönlichen Maximum ermöglichen.
3. Titel bereitet sich auf Ostern vor (hat sich versteckt)
discuss 14.04.2011
Solange unsere Bildungspolitiker die Schulpolitik nur zum Zwecke des Wahlkampfes missbrauchen und nicht ernsthaft reformieren, wird sich wenig ändern. Der ganze Klamauk der Lernstandserhebungen und Dokumentationen und individueller Förderung ist purer Aktionismus, um den Wähler ruhig zu stimmen. Es gibt eine einfache Lösung, wie eine wirklich wirksame Verbesserung der Lehrsituation erreicht werden kann: Mehr Lehrer und kleinere Klassen! Der ganze Schmuh mit irgendwelchen tollen Bildungskonzepten, ausgedacht von honorigen Bildungsforschern wird in dem Moment ad absurdum geführt, wo eine Lehrkraft vor 33 Kindern in einer Klasse steht und froh ist, wenn jeder überhaupt einen Sitzplatz mit Tisch davor findet.
4. die keine Steuern zahlen...
earl grey 14.04.2011
Zitat von sysopIn einer großen Umfrage*geben Deutschlands Bürger dem Bildungssystem schlechte Noten.*Sie fordern von Politikern Reformen: Schüler sollen länger gemeinsam lernen,*Abschlussprüfungen sollen einheitlich sein*- dafür würden sie sogar mehr Steuern zahlen. http://www.spiegel.de/schulspiegel/wissen/0,1518,756938,00.html
Hat man auch die gefragt, die keine Steuern zahlen oder wurde nur "eine reprentative Gruppe" befragt?
5. .
lupus@fabula 14.04.2011
Zitat von mheitm"Zur Hauptaufgabe des Bildungssystems gehört nach Ansicht der Befragten, sozial Benachteiligten den Aufstieg zu ermöglichen" Das finde ich totalen Unsinn. Das Bildungssystem sollte überhaupt gar nichts mit dem sozialen Hintergrund zu tun haben sondern nur für zwei Ziele da sein: Allen einen Mindeststandard an Bildung mitzugeben und jenen die mehr wollen (und können) Bildung bis zum persönlichen Maximum ermöglichen.
Dies setze aber voraus, dass alle auch etwas mit dem Mindeststandard anfangen können. Und hier haperts doch schon. Kinder, die zum Zeitpunkt der Einschulung kein richtiges deutsch sprechen (und das sind nicht nur Einwanderer), deren häusliches Bildungsangebot aus dem Konsum von Super RTL besteht, etc. Wenn wir wollen, dass auch diejenigen, die denkbar schlechte Startbedingungen haben auch Chancen bekommen, dann müssen wir dort ansetzen und das kostet Geld. Dass unser heutiges Schulsystem die sozial Schwachen benachteiligt, ist wohl erwiesen.
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