Große Schüler-Studie: Honeckers paradiesische Diktatur

Von Markus Flohr und Peter Wensierski

So extreme Ergebnisse hatten die Forscher nicht erwartet: Die SED-Diktatur als Sozialidyll, als Kinder- und Umweltparadies. Experten haben Berliner Schüler zu DDR und BRD befragt – die erschütternden Ergebnisse lassen für sie nur einen Schluss zu: Deutschlands Jugend braucht dringend mehr Aufklärung.

Dieser Staat hatte allerhand Vorteile: niedrige Mietpreise, Ausbildungsplätze für alle, vorbildliche Kinderbetreuung. Er schützte die Umwelt, fast alle gingen studieren. Die DDR war keine Diktatur, sondern ein soziales Paradies und Helmut Schmidt einer ihrer bekanntesten Politiker. Außerdem waren es die Alliierten - oder zumindest die USA -, die die Berliner Mauer gebaut haben.

Stasi? Todesstrafe? Misswirtschaft? Für eine nicht geringe Zahl von Berliner Schülern, die nach der Wende geboren wurden, scheint die DDR ein Fabelland gewesen zu sein.

Das zeigen jedenfalls die Ergebnisse einer großen Studie des Forschungsverbunds SED-Staat der FU Berlin, die heute veröffentlicht wurde. Professor Klaus Schroeder und seine Kollegin Monika Schroeder legten für ihre Untersuchung "Das DDR-Bild von Berliner Schülern" insgesamt 5000 Schülern in vier Bundesländern einen fünfseitigen Fragebogen zu Deutschland vor 1989 vor. Die Ergebnisse für die 2400 Berliner Schüler sind nun ausgewertet.

Blankes Unwissen über die DDR

Zwar ist die Mehrheit der Schüler korrekt informiert - doch die Antworten vieler Schüler zeugen von diffusen Geschichtskenntnissen und von krassen Fehleinschätzungen über die DDR.

Offenkundig wussten sie es einfach nicht besser: Wer nach oder um 1990 geboren wurde, bezieht sein Wissen aus Erzählungen der Freunde und Verwandten, vielleicht aus den Medien – aber nicht aus dem Schulunterricht. Fast 50 Prozent aller befragten Schüler gaben an, dass die DDR im Unterricht "zu wenig" behandelt werde, weiteren rund 20 Prozent ist sie in der Schule noch "überhaupt nicht" begegnet. Nimmt man diese beiden Zahlen zusammen, haben sieben von zehn Schülern unter 17 in der Schule selten oder nie etwas über die DDR gelernt.

Forscher Schroeder: "Die meisten Schüler wissen so gut wie nichts über die DDR, die Ost-Berliner noch weniger als die West-Berliner. Neben der bloßen Unwissenheit sei es aber auch Verklärung, die zum merkwürdigen Geschichtsbild der Schüler beitrage. "Wir haben das nicht so krass erwartet", sagt Schroeder. "Wir haben erwartet, dass die Schüler die soziale Seite der DDR verklären werden. Aber das Nicht-Wissen über den Diktatur-Charakter hat uns überrascht".

Im Osten Berlins waren viele Schüler nicht imstande, klar zwischen Demokratie und Diktatur zu trennen: Nur knapp jeder Zweite weist dort die Aussage zurück, die DDR sei doch keine "Diktatur gewesen, sondern die Menschen hätten sich nur wie überall anpassen" müssen. Immerhin 60 Prozent der West-Berliner Schüler widersprechen diesem Satz.

Die Schüler bekämen von Eltern, Freunden oder Verwandten weitererzählt, dass etwas Soziales wie "der Zusammenhalt" in der DDR gut gewesen sei. "Und damit ist dann für sie alles 'Soziale' gut gewesen - bis hin zu den mickrigen DDR-Renten", sagt Schroeder SPIEGEL ONLINE.

Die DDR, das soziale Kuschel-Land

Die DDR kommt in den Einschätzungen der Schüler sehr gut weg - was den Autoren zufolge nur logisch ist: Viele Ostdeutsche würden in der Erinnerung tatsächliche oder vermeintliche sozialen Errungenschaften der DDR überzeichnen. Weil diese Erwachsenen für viele Schüler die entscheidende Wissensquelle seien, falle das Ergebnis der Studie entsprechend aus. So stimmen drei Viertel der Ostberliner Schüler dem Statement zu, dass "der Staat die Löhne bestimmen" soll - was übrigens im Westen auch jeder Zweite findet.

Die Hälfte aller ostdeutschen Berliner Schüler und immerhin fast 40 Prozent der westdeutschen stimmen der Aussage zu, dass "mit entsprechenden schulischen Leistungen jeder in der DDR Abitur machen und anschließend studieren" konnte. Die Forscher setzen in der Studie den trockenen Fakt entgegen: "In den achtziger Jahren war der Anteil der Arbeiterkinder unter Abiturienten der DDR niedriger als in der Bundesrepublik."

Skurril werden die Einschätzungen der Schüler zum Thema Umwelt: Fast 45 Prozent der ostdeutschen Schüler glauben, die Umwelt sei in der DDR sauberer gewesen als in der BRD. Sogar im Westen glauben das 22 Prozent. Die DDR - "einer der europaweit führenden Umweltverschmutzer", wie die Studie lapidar vermerkt - schwebt damit als Umweltengel der vermeintlich dreckigeren BRD davon.

Haben die Alliierten die Berliner Mauer gebaut?

Bei einigen Fragen waren sich die Schüler West und Ost im Unwissen einig. Mehr als 40 Prozent von ihnen wussten nicht, in welchem Jahr die Berliner Mauer gebaut wurde. Nur rund ein Drittel wusste, dass die DDR für den Bau verantwortlich war - 13,6 Prozent waren der Meinung, es seien "die Alliierten" gewesen, 46 Prozent dachten an die Sowjetunion, und 4,5 Prozent sahen die BRD am Werk.

"Das Bild der Schüler über das geteilte Deutschland gründet weniger auf Wissen denn auf Vermutungen und Vorurteilen", heißt es in der Zusammenfassung der Ergebnisse. So fragten die Wissenschaftler auch nach der Todesstrafe. Die Schüler sollten zuordnen, wo Menschen von Staats wegen getötet wurden. Die Mehrheit der Befragten wusste nicht, dass die DDR unter anderem Mord, Nazi-Kriegsverbrechen, Hochverrat und Spionage als todeswürdig betrachtete. Nur 17 Prozent im Ost- und 26 Prozent im Westteil der Stadt nannten die DDR als richtige Antwort. Der Befragung zufolge wollten einige Ost-Berliner Schüler selbst nach der Erläuterung der Wissenschaftler nicht glauben, dass es in der DDR die Todesstrafe gab.

Insgesamt 18 Wissensfragen wurden gestellt. Etwa 70 Prozent der Ost-Berliner und 65 Prozent der West-Berliner Schüler konnten davon nur die Hälfte oder weniger richtig beantworten.

Je östlicher, desto weniger Wissen, desto mehr DDR-Fan

Auch die Stasi wird von vielen Schüler in einem milden Licht gesehen. Rund 40 Prozent der Ost-Berliner Schüler und knapp 25 Prozent der West-Berliner Schüler halten die Stasi "für einen Geheimdienst, wie ihn jeder Staat hat". Grundsätzlich lässt sich der traurige Schluss ziehen: Je östlicher, desto weniger Wissen ist über die DDR vorhanden – und desto positiver fallen die Einschätzungen des SED-Staates aus.

In Begleitgesprächen fanden die Wissenschaftler außerdem heraus, dass selbst Lehrer zum Beispiel von der Todesstrafe in der DDR nichts wussten. Als Klaus Schroeder und sein Team Kontakt zu den Schulen aufnahmen, hätten einige Lehrer vor allem im Osten sehr unwirsch reagiert, sagt er: "Die haben uns vorgeworfen, wir wollten ja nur Vorurteile abfragen, und man dürfe die DDR nicht immer aus dem Blickwinkel 'des Westens' beurteilen."

Gegen diesen Vorwurf wehrt sich Schroeder energisch: Er will die DDR aus dem "Blickwinkel der Menschrechte und der Rechtsstaatlichkeit" beurteilt wissen. Für ihn gibt es vor allem eine Konsequenz aus seiner Studie: "Die Schulen und die Medien sind in der Pflicht. Wir brauchen den Mut, die DDR als das zu benennen, was sie war: eine Diktatur."

SPIEGEL ONLINE dokumentiert zentrale Ergebnisse der Studie - klicken Sie hier...

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Schülerbefragung zur DDR: Stasi? Halb so schlimm

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