Viertklässler im Leistungsvergleich: Chancenkiller Grundschule

Von Jan Lukas Strozyk und

Starkes Bayern, schwache Stadtstaaten: Ein großer Test der Kultusministerkonferenz mit Grundschülern zeigt, wie stark das Leistungsgefälle unter Viertklässlern ist. Er offenbart, wie schwer es Kinder aus bildungsfernen Familien haben - und wie eklatant die Unterschiede zwischen Jungen und Mädchen sind.

Der Mann mit der weiß-blau gestreiften Krawatte und dem passenden Einstecktuch gibt sich bescheiden. "Wo Licht ist, ist auch Schatten", sagt Ludwig Spaenle, der bayerische Kultusminister von der CSU. Aber seine Zufriedenheit kann er nicht verhehlen, denn schließlich sieht es so aus, als ob es in seinem Bundesland besonders viel Licht gibt, schulpolitisch jedenfalls.

Gerade stellten die Autoren des großen Grundschüler-Tests ihre Ergebnisse vor: Die Wissenschaftler haben rund 27.000 Viertklässler an mehr als 1300 Grund- und Förderschulen testen lassen, die Kinder sollten zeigen, wie gut sie lesen, schreiben, rechnen und zuhören können (die Studie als pdf-Datei gibt es hier, Beispielaufgaben hier). Und Bayern lag wieder einmal ganz vorne, wie schon bei so vielen Schulstudien, während die Stadtstaaten Bremen, Berlin und Hamburg vergleichsweise schlecht abschnitten.

Da freut sich Spaenle natürlich, auch wenn es schnell Kritik gab an der neuen Rangliste. Gefallen kann ihm hingegen kaum, dass die Frau neben ihm die Ergebnisse der Studie zu relativieren versucht. Die rheinland-pfälzische Bildungsministerin Doris Ahnen von der SPD sagt nämlich: "Sicherlich sind nicht nur die Leistungen interessant." Dass ihr Bundesland und andere Länder weiter im Norden schlechter abschneiden, möchte sie so nicht stehen lassen: "Dazu ist die Ausgangslage der Länder zu unterschiedlich."

Chefarztkinder hängen Arbeiterkinder ab

Es ist der übliche Wettkampf um die Interpretationshoheit solcher Daten. Allerdings ist die 300-Seiten-Studie weit mehr als nur eine Bundesliga-Tabelle der Viertklässler. Sie zeigt auch, wie stark der Schulerfolg noch immer von der Herkunft eines Kindes abhängt. Den Forschern zufolge spielt der "sozioökonomische Status eine substantielle Rolle" - das Kind einer Chefärztin und eines Professors kann in der Regel mehr als das Kind eines ungelernten Arbeiters und einer Hausfrau. Damit bestätigt die Untersuchung die Ergebnisse früherer Studien, etwa der Iglu-Studie zur Lesekompetenz von Grundschülern.

Anders als bei solchen internationalen Schulleistungsstudien wie Pisa, Iglu und Timss wurden die Testaufgaben diesmal allein aus den von den Kultusministern verabredeten deutschen Bildungsstandards entwickelt. Sie beschreiben, was ein Schüler am Ende der jeweiligen Jahrgangsstufe können soll.

Denn Ländervergleiche sind aus Sicht der Kultusminister heikel: Sie lassen sich und ihre Schulsysteme ungern von anderen bewerten. Einem niederländischen Bildungsforscher zum Beispiel hatten sie vor fast einem Jahr untersagt, bundeslandspezifische Daten in einem Pisa-Ländervergleich zu veröffentlichen - bei Androhung einer Geldstrafe. Sie haben auch dafür gesorgt, dass künftig keine Pisa-Vergleiche zwischen den Bundesländern mehr möglich sind. Jetzt also ein Vergleich auf der Grundlage eigener Standards.

Überall schneiden Zuwandererkinder schlechter ab

Die Ergebnisse sind ebenso dramatisch: Besonders eng verknüpft sind soziale Herkunft und die Kompetenzen der Viertklässler demnach in den Verliererländern wie auch in Großstädten insgesamt. In Berlin und Hamburg etwa haben Kinder aus bessergestellten Familien einen Lernvorsprung von über einem Jahr - und hängen die sozial Benachteiligten somit ab. "Das ist wirklich sehr viel", sagte Studienleiter Hans Anand Pant vom Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB), das die Studie durchgeführt hat. Auffallend ist zudem, dass in den Stadtstaaten auch die Kinder aus besser gestellten Familien nicht an den Bundesdurchschnitt heranreichen. "In diesen Ländern gelingt es offenbar nicht, die Kinder trotz des Potentials richtig fördern", sagte Pant.

Auch bei Grundschülern aus Zwandererfamilien stellt die Studie signifikant schlechtere Lernleistungen fest. "In allen Ländern schneiden Schüler mit Zuwanderungshintergrund schlechter ab", sagte die Direktorin des IQB, Petra Stanat. Vor allem in Berlin und Bremen sind die Leistungsunterschiede groß: Bis zu eineinhalb Schuljahren liegen sie zurück - nach nur vier Jahren Grundschule. Allerdings scheinen die Probleme bei einigen Zuwanderergruppen größer zu sein: Der Studie zufolge hinken Kinder aus türkischstämmigen Familien stärker hinterher als etwa Kinder aus polnischstämmigen Familien.

Mädchen können besser lesen und schreiben als Jungen

Studienleiter Pant machte auch auf die unterschiedlich ausgeprägten Kompetenzen von Jungen und Mädchen aufmerksam. "Nach vier Schuljahren können Mädchen besser lesen und schreiben als Jungs, das muss man so sagen", sagt Pant. Umgerechnet in die Lernleistung eines Jahres liegen Viertklässlerinnen in allen Ländern zwischen einem halben und einem dreiviertel Schuljahr vor ihren männlichen Klassenkameraden. Im Bereich Mathematik sind die Jungen allerdings leicht besser, wenn auch nur knapp über der Grenze der statistischen Signifikanz.

Was die Studie allerdings nicht verrät und was immer wieder kritisiert wird: Warum liegen bestimmte Bundesländer regelmäßig vorn? Warum gelingt es anderen nicht? Wie viel Einfluss hat es beispielsweise, dass bayerische Kinder und Eltern schon während der vierten Klasse fürchten müssen, ob es mit dem Gymnasium klappt, während die Berliner sich damit bis zu sechsten Klasse Zeit lassen können?

Studienleiter Pant betonte, dass die Ursachenforschung nicht das Ziel der Studie gewesen sei: "Wir stellen erst mal nur fest", sagte er und fügte mit einem Lachen an: "Wenn wir wüssten, woher die Unterschiede kommen, hätten wir schon einen ganz anderen Posten inne."

Das jedoch wären relevante Fragen. Denn spätestens seit dem ersten Pisa-Schock vor über zehn Jahren ist klar, dass vieles schief läuft an deutschen Schulen. Zuletzt zeigte das der Bildungsbericht: Er dokumentierte zwar, dass es immer mehr Abiturienten und Studenten gibt und das Bildungssystem durchlässiger geworden ist, dass die Bildungschancen also steigen. Aber es zeigte sich auch, dass eine Schicht von 15 bis 20 Prozent der Kinder und Jugendlichen von diesen Chancen dauerhaft ausgeschlossen bleibt.

Jetzt versprachen die Kultusminister erst einmal, dass sie für ein einheitliches Lernniveau über alle Bundesländergrenzen hinweg sorgen wollen. Das Wie blieb offen.

Mit Material von dpa

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 190 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Bei Migrantenkindern sagt man: Benachteiligt! - Bei männlichen Schülern nicht.::
FreeEurope 05.10.2012
Vor allem Linke werden solche Ergebnisse immer sehr seltsam aus: - wenn Migrantenkinder schlechter abschneiden heist es, das Schulsystem benachteilige die Migrantenkinder. - wenn männliche Schüler schlechter als weibliche abschneiden wird nicht von einer Benachteiligung gesprochen. - Wenn jedoch weibliche Schüler irgendwo schlechter abschneiden wie männliche Schüler - wovon spricht man dann?
2. ...
Wolffpack 05.10.2012
Zitat von sysopAuch bei Grundschülern aus Zwandererfamilien stellt die Studie signifikant schlechtere Lernleistungen fest. "In allen Ländern schneiden Schüler mit Zuwanderungshintergrund schlechter ab", sagte die Direktorin des IQB, Petra Stanat. Grundschüler-Leistungsvergleich: Sozial Benachteiligte haben es schwer - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/schulspiegel/wissen/grundschueler-leistungsvergleich-sozial-benachteiligte-haben-es-schwer-a-859225.html)
Einwandererkinder, bei denen die Eltern (und Kinder) keine verpflichtenden Deutschkurse machen mussten, schneiden schlechter ab? Wer hät's gedacht. Mal abgesehen davon, das die Erziehungsmoral bei den meisten Eltern dort auch nicht vorhanden ist. INB4: "Wäääh, du bist doch nur ein böser Nazi!!"; Nope, aber so ist es nun mal. Die Erwartungshaltung ist meist, das die Schule das ja schon alles richtet mit der Bildung fürs Kind, das man in Deutschland sein Kind ja dann überhaupt nicht mehr erziehen müsse. Klar, das ist nicht bei allen so. Bei der Mehrheit leider schon.
3.
trewan 05.10.2012
Also dieses Vorurteil das Kinder aus höhergestellten Familien besser sind sollte man inzwischen abbauen. Ich stamme aus einer Arbeiter Familie hat mich das je davon abgehalten zu Lesen und zu Lernen ? Nein ich hatte wie jeder anderer den selben zugang zur Bücherei und hatte Freizeit in der ich Lernen konnte. Es ist einzig und allein eine Frage der Motivation ob ein Kind gute Leistung bringt. Wer nicht Lernen will der Lernt auch nichts egal ob Reiche Familie oder Arme. Zudem kann man sagen das viele Kinder aus Ärmeren Familien viel mehr Motivation besitzen um später ein besseres Leben zu führen als ein reiches Kind das im Leben ohnehin fast allles geschenkt bekommt was es sich Wünscht bei den Eltern. Dritter und Letzter Punkt der eine Rolle spielt finde ich ist auch sehr oft das Verhalten der Lehrer auch zu meiner Schulzeit war e nicht selten das Lehrer die Kinder aus besseren Familien bevorzugt behandelt haben und ihnen viel zu viel durchgehen lassen haben, das ging dann am ende auf kosten der anderen Schüler.
4.
Zorpheus 05.10.2012
Es läuft nicht unbedingt in den Schulen etwas schief. Diese Studie kommt ja auch zu dem Schluss, dass das Elternhaus über die Leistungsfähigkeit entscheidet. Die Erziehung der Kinder passiert halt erst mal zu Hause. Dort lernen die Kinder z.B., zuzuhören und zu tun was andere erwarten, aber auch logisches Denken und mit Problemen umzugehen. Wenn das zu Hause schief läuft, kann die Schule auch nicht mehr alles retten. Auch die Unterschiede zwischen den Bundesländern müssen nichts mit den Schulen zu tun haben. Dass die Stadtstaaten schlechter abschneiden könnte z.B. daran liegen, dass die Kinder in der Großstadt einfach zu viel Ablenkung haben; genauso könnte das gute Abschneiden Bayerns an der Kultur liegen.
5.
burgundy2 05.10.2012
Zitat von sysopStarkes Bayern, schwache Stadtstaaten: Der große Grundschüler-Test zeigt, wie groß das Leistungsgefälle unter deutschen Viertklässlern ist. Er offenbart auch, wie schwer es Kinder aus bildungsfernen Familien haben - und wie groß die Unterschiede zwischen Jungen und Mädchen sind. Grundschüler-Leistungsvergleich: Sozial Benachteiligte haben es schwer - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/schulspiegel/wissen/grundschueler-leistungsvergleich-sozial-benachteiligte-haben-es-schwer-a-859225.html)
Nichts neues also. Dass die "bildungsfernen" Familien zunehmen werden, liegt ja wohl im Willen der aktuellen deutschen Sozialpolitik. Verarmung, Verschlechterung des Bildungsstandards und des Gesundheitszustandes der Bevölkerung (unter Hinausschieben des Renteneintrittsalters) sind gewollt und liegen auf der politischen und wirtschaftlichen Linie. Das wird in absehbarer Zeit auch nicht besser, eher schlechter werden und ist ja auch nicht eine rein deutsche, sonder fast schon globale Tendenz. Das Migrantenproblem ist auch nicht neu und wohl auch nicht so ohne weiteres lösbar, beginnt Bildung doch in der Familie. Und hier hängt sie in der Tat vom Integrationswillen und der vorbestehenden kulturellen Differenz und damit Akzeptanz ab. Hier könnte eine Besserung zu erwarten sein, aber die Einmischungen, die man in den letzten Jahren von seiten der türkischen Regierung registrieren musste (man betrachte einfach die Worte des türkischen Premiers Erdogan, der seine "Landsleute" zu mehr Bewusstsein auf ihre "traditionellen Wurzeln" aufruft), stimmen doch eher skeptisch. Aus diesem Grund könnte es - von Ausnahmen abgesehen - durchaus sein, dass sich selbst innerhalb der Migranten eine Zwei- oder Mehrklassengesellschaft herausbildet.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik SchulSPIEGEL
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Wissen
RSS
alles zum Thema Bildungspolitik
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 190 Kommentare
Fotostrecke
"Sockel der Abgehängten": So steht es um das deutsche Bildungssystem

Fotostrecke
Schülerstreik: Im Hasenkostüm gegen G8


Social Networks