Von Jan Lukas Strozyk und Oliver Trenkamp
Der Mann mit der weiß-blau gestreiften Krawatte und dem passenden Einstecktuch gibt sich bescheiden. "Wo Licht ist, ist auch Schatten", sagt Ludwig Spaenle, der bayerische Kultusminister von der CSU. Aber seine Zufriedenheit kann er nicht verhehlen, denn schließlich sieht es so aus, als ob es in seinem Bundesland besonders viel Licht gibt, schulpolitisch jedenfalls.
Gerade stellten die Autoren des großen Grundschüler-Tests ihre Ergebnisse vor: Die Wissenschaftler haben rund 27.000 Viertklässler an mehr als 1300 Grund- und Förderschulen testen lassen, die Kinder sollten zeigen, wie gut sie lesen, schreiben, rechnen und zuhören können (die Studie als pdf-Datei gibt es hier, Beispielaufgaben hier). Und Bayern lag wieder einmal ganz vorne, wie schon bei so vielen Schulstudien, während die Stadtstaaten Bremen, Berlin und Hamburg vergleichsweise schlecht abschnitten.
Da freut sich Spaenle natürlich, auch wenn es schnell Kritik gab an der neuen Rangliste. Gefallen kann ihm hingegen kaum, dass die Frau neben ihm die Ergebnisse der Studie zu relativieren versucht. Die rheinland-pfälzische Bildungsministerin Doris Ahnen von der SPD sagt nämlich: "Sicherlich sind nicht nur die Leistungen interessant." Dass ihr Bundesland und andere Länder weiter im Norden schlechter abschneiden, möchte sie so nicht stehen lassen: "Dazu ist die Ausgangslage der Länder zu unterschiedlich."
Chefarztkinder hängen Arbeiterkinder ab
Es ist der übliche Wettkampf um die Interpretationshoheit solcher Daten. Allerdings ist die 300-Seiten-Studie weit mehr als nur eine Bundesliga-Tabelle der Viertklässler. Sie zeigt auch, wie stark der Schulerfolg noch immer von der Herkunft eines Kindes abhängt. Den Forschern zufolge spielt der "sozioökonomische Status eine substantielle Rolle" - das Kind einer Chefärztin und eines Professors kann in der Regel mehr als das Kind eines ungelernten Arbeiters und einer Hausfrau. Damit bestätigt die Untersuchung die Ergebnisse früherer Studien, etwa der Iglu-Studie zur Lesekompetenz von Grundschülern.
Denn Ländervergleiche sind aus Sicht der Kultusminister heikel: Sie lassen sich und ihre Schulsysteme ungern von anderen bewerten. Einem niederländischen Bildungsforscher zum Beispiel hatten sie vor fast einem Jahr untersagt, bundeslandspezifische Daten in einem Pisa-Ländervergleich zu veröffentlichen - bei Androhung einer Geldstrafe. Sie haben auch dafür gesorgt, dass künftig keine Pisa-Vergleiche zwischen den Bundesländern mehr möglich sind. Jetzt also ein Vergleich auf der Grundlage eigener Standards.
Überall schneiden Zuwandererkinder schlechter ab
Die Ergebnisse sind ebenso dramatisch: Besonders eng verknüpft sind soziale Herkunft und die Kompetenzen der Viertklässler demnach in den Verliererländern wie auch in Großstädten insgesamt. In Berlin und Hamburg etwa haben Kinder aus bessergestellten Familien einen Lernvorsprung von über einem Jahr - und hängen die sozial Benachteiligten somit ab. "Das ist wirklich sehr viel", sagte Studienleiter Hans Anand Pant vom Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB), das die Studie durchgeführt hat. Auffallend ist zudem, dass in den Stadtstaaten auch die Kinder aus besser gestellten Familien nicht an den Bundesdurchschnitt heranreichen. "In diesen Ländern gelingt es offenbar nicht, die Kinder trotz des Potentials richtig fördern", sagte Pant.
Auch bei Grundschülern aus Zwandererfamilien stellt die Studie signifikant schlechtere Lernleistungen fest. "In allen Ländern schneiden Schüler mit Zuwanderungshintergrund schlechter ab", sagte die Direktorin des IQB, Petra Stanat. Vor allem in Berlin und Bremen sind die Leistungsunterschiede groß: Bis zu eineinhalb Schuljahren liegen sie zurück - nach nur vier Jahren Grundschule. Allerdings scheinen die Probleme bei einigen Zuwanderergruppen größer zu sein: Der Studie zufolge hinken Kinder aus türkischstämmigen Familien stärker hinterher als etwa Kinder aus polnischstämmigen Familien.
Mädchen können besser lesen und schreiben als Jungen
Studienleiter Pant machte auch auf die unterschiedlich ausgeprägten Kompetenzen von Jungen und Mädchen aufmerksam. "Nach vier Schuljahren können Mädchen besser lesen und schreiben als Jungs, das muss man so sagen", sagt Pant. Umgerechnet in die Lernleistung eines Jahres liegen Viertklässlerinnen in allen Ländern zwischen einem halben und einem dreiviertel Schuljahr vor ihren männlichen Klassenkameraden. Im Bereich Mathematik sind die Jungen allerdings leicht besser, wenn auch nur knapp über der Grenze der statistischen Signifikanz.
Was die Studie allerdings nicht verrät und was immer wieder kritisiert wird: Warum liegen bestimmte Bundesländer regelmäßig vorn? Warum gelingt es anderen nicht? Wie viel Einfluss hat es beispielsweise, dass bayerische Kinder und Eltern schon während der vierten Klasse fürchten müssen, ob es mit dem Gymnasium klappt, während die Berliner sich damit bis zu sechsten Klasse Zeit lassen können?
Studienleiter Pant betonte, dass die Ursachenforschung nicht das Ziel der Studie gewesen sei: "Wir stellen erst mal nur fest", sagte er und fügte mit einem Lachen an: "Wenn wir wüssten, woher die Unterschiede kommen, hätten wir schon einen ganz anderen Posten inne."
Das jedoch wären relevante Fragen. Denn spätestens seit dem ersten Pisa-Schock vor über zehn Jahren ist klar, dass vieles schief läuft an deutschen Schulen. Zuletzt zeigte das der Bildungsbericht: Er dokumentierte zwar, dass es immer mehr Abiturienten und Studenten gibt und das Bildungssystem durchlässiger geworden ist, dass die Bildungschancen also steigen. Aber es zeigte sich auch, dass eine Schicht von 15 bis 20 Prozent der Kinder und Jugendlichen von diesen Chancen dauerhaft ausgeschlossen bleibt.
Jetzt versprachen die Kultusminister erst einmal, dass sie für ein einheitliches Lernniveau über alle Bundesländergrenzen hinweg sorgen wollen. Das Wie blieb offen.
Mit Material von dpa
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