Von Oliver Trenkamp
Manche Lehrer sprechen von der schwersten Prüfung des Lebens, wenn sie ihre Schüler auf das Abitur vorbereiten. Schließlich lastet enormer Druck auf den Gymnasiasten: Mit ihren Leistungen stellen sie die Weichen dafür, wie es weitergeht. Selbst wer nicht studieren will, hat mit dem Abi deutlich bessere Berufsaussichten. Auch deshalb macht jeder dritte Schüler mittlerweile die Reifeprüfung, Fachabiturienten noch nicht mitgerechnet.
Allerdings ist Abitur nicht gleich Abitur. Ansprüche, Aufgaben und Bewertung unterscheiden sich von Bundesland zu Bundesland gewaltig - was spätestens zu Ungerechtigkeiten führt, wenn es um die Zulassung zu einem NC-Studiengang geht. Immer wieder fordern Bildungspolitiker deswegen ein bundesweites Zentralabitur. Doch die Länder wollen sich in ihre Bildungskompetenz ungern hineinregieren lassen, schon gar nicht vom Bund.
Jetzt schlagen Deutschlands führende Bildungsforscher einen Kompromiss vor: Einerseits soll es zusätzlich zu den bisherigen Abiturprüfungen zentrale Tests in den Fächern Deutsch, Mathematik und Englisch geben, durchgeführt deutschlandweit am selben Tag - die Experten nennen es Kernabitur. Es soll zehn Prozent der Abiturnote ausmachen. Andererseits sollen die Bundesländer weiterhin ihre Abiturprüfungen so durchführen, wie sie es für richtig halten, nur dass die Ergebnisse dann eben ein bisschen weniger zählen.
Auf Abiturienten käme ein Mammut-Prüfungstag zu
Das Konzept, das SPIEGEL ONLINE vorliegt, stammt vom Aktionsrat Bildung, einem Gremium um Hamburgs Uni-Präsidenten und Erziehungswissenschatfler Dieter Lenzen, zu dem weitere namhafte Forscher gehören, etwa Wilfried Bos aus Dortmund und Ex-Pisa-Koordinator Manfred Prenzel. Im Auftrag der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft veröffentlichen die Experten seit einigen Jahren Gutachten, die die Schwachstellen des deutschen Bildungssystems ins Visier nehmen, etwa "Bildungsgerechtigkeit" und "Bildungsautonomie". Zuletzt ging es um die Entwicklung aller Bildungsbereiche seit dem Jahr 2000.
An diesem Mittwoch stellen die Forscher ihr neues Konzept für die Reifeprüfung vor und skizzieren detailliert, wie sich ihre Ideen umsetzen lassen. Das Konzept sieht vor, dass...
Die Forscher wollen so vorgehen gegen die "fehlende nationale Vergleichbarkeit der Anforderungen und Bewertungsmaßstäbe der Abiturleistungen und des tatsächlichen Könnens", wie sie schreiben, und gegen die "erheblichen Gerechtigkeitsprobleme beim Hochschulzugang und bei der Bewertung insgesamt". Zudem soll es durch höhere Vergleichbarkeit leichter werden, die Qualität im Bildungssystem zu sichern und zu steigern.
Ob die Politik den Empfehlungen folgt, ist allerdings völlig offen. Zumal es nicht nur bei der Vergleichbarkeit des Abiturs hapert. Schüler und Eltern lässt auch der Wildwuchs an Schulformen in den Bundesländern verzweifeln: Bei Haupt-, Real-, Sekundar-, Stadtteil-, Ober- Gesamt- und Gemeinschaftsschulen, Oberstufenzentren, Gymnasien und all den anderen Bezeichnungen fällt es schwer, den Überblick zu behalten. Schon bei diesen Strukturfragen verbeißen sich Bildungspolitiker gern ineinander. Dafür müssen sie noch nicht einmal aus unterschiedlichen politischen Lagern kommen, wie sich beim Schulstreit in der CDU zeigt, die sich bislang nicht so recht einigen kann, ob sie die Hauptschule jetzt abschaffen will oder nicht.
Der Aktionsrat Bildung will erkennbar den Streit um das Zentralabitur nicht weiter befeuern und alle Seiten beruhigen. So betonen die Experten, dass es sich bei ihrer Idee eben nicht um ein "einheitliches Bundeszentralabitur" handele, sondern um eine neue "Abiturkomponente".
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