Gutachten zum Schulabschluss: Experten bereiten deutschlandweites Abi vor 

Von Oliver Trenkamp

Abitur ist nicht gleich Abitur - Anspruch und Bewertung klaffen je nach Bundesland gewaltig auseinander. Deshalb wollen namhafte Bildungsforscher die Reifeprüfung ausbauen, mit einem "Kernabitur": drei Tests in Deutsch, Mathe, Englisch, jeder 90 Minuten lang, am selben Tag, deutschlandweit.

Deutsch-Abi in Düsseldorf: Experten plädieren für deutschlandweite Tests Zur Großansicht
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Deutsch-Abi in Düsseldorf: Experten plädieren für deutschlandweite Tests

Manche Lehrer sprechen von der schwersten Prüfung des Lebens, wenn sie ihre Schüler auf das Abitur vorbereiten. Schließlich lastet enormer Druck auf den Gymnasiasten: Mit ihren Leistungen stellen sie die Weichen dafür, wie es weitergeht. Selbst wer nicht studieren will, hat mit dem Abi deutlich bessere Berufsaussichten. Auch deshalb macht jeder dritte Schüler mittlerweile die Reifeprüfung, Fachabiturienten noch nicht mitgerechnet.

Allerdings ist Abitur nicht gleich Abitur. Ansprüche, Aufgaben und Bewertung unterscheiden sich von Bundesland zu Bundesland gewaltig - was spätestens zu Ungerechtigkeiten führt, wenn es um die Zulassung zu einem NC-Studiengang geht. Immer wieder fordern Bildungspolitiker deswegen ein bundesweites Zentralabitur. Doch die Länder wollen sich in ihre Bildungskompetenz ungern hineinregieren lassen, schon gar nicht vom Bund.

Jetzt schlagen Deutschlands führende Bildungsforscher einen Kompromiss vor: Einerseits soll es zusätzlich zu den bisherigen Abiturprüfungen zentrale Tests in den Fächern Deutsch, Mathematik und Englisch geben, durchgeführt deutschlandweit am selben Tag - die Experten nennen es Kernabitur. Es soll zehn Prozent der Abiturnote ausmachen. Andererseits sollen die Bundesländer weiterhin ihre Abiturprüfungen so durchführen, wie sie es für richtig halten, nur dass die Ergebnisse dann eben ein bisschen weniger zählen.

Auf Abiturienten käme ein Mammut-Prüfungstag zu

Das Konzept, das SPIEGEL ONLINE vorliegt, stammt vom Aktionsrat Bildung, einem Gremium um Hamburgs Uni-Präsidenten und Erziehungswissenschatfler Dieter Lenzen, zu dem weitere namhafte Forscher gehören, etwa Wilfried Bos aus Dortmund und Ex-Pisa-Koordinator Manfred Prenzel. Im Auftrag der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft veröffentlichen die Experten seit einigen Jahren Gutachten, die die Schwachstellen des deutschen Bildungssystems ins Visier nehmen, etwa "Bildungsgerechtigkeit" und "Bildungsautonomie". Zuletzt ging es um die Entwicklung aller Bildungsbereiche seit dem Jahr 2000.

An diesem Mittwoch stellen die Forscher ihr neues Konzept für die Reifeprüfung vor und skizzieren detailliert, wie sich ihre Ideen umsetzen lassen. Das Konzept sieht vor, dass...

  • ...ab 2018 alle Abiturienten in den Kernfächern Deutsch, Mathematik und Englisch anderthalbstündige Tests schreiben, am selben Tag. Auf die Prüflinge käme also ein Mammut-Prüfungstag zu, an dem sie punkten müssen, zusätzlich zu den bisherigen Abi-Prüfungen. Wer etwa Deutsch als Prüfungsfach hat, der würde durch das Kernabitur zweimal in Deutsch geprüft.
  • ...sich nicht die Lehrer die Aufgaben überlegen oder das Schulamt oder die Landesministerien, sondern eine zentrale Stelle. Der Aktionsrat schlägt das Berliner Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB) vor, das von allen Ländern gemeinsam getragen wird.
  • ...nicht die Lehrer die Tests auswerten, sondern ebenfalls eine zentrale Stelle. Auch hier empfehlen die Experten das IQB.
  • ...die Testergebnisse zehn Prozent der Gesamtnote ausmachen. Die restlichen 90 Prozent sollen sich weiterhin aus den Leistungen während der Oberstufe und den restlichen Prüfungen zusammensetzen.
  • ...es in Deutsch und Englisch eher um das Verstehen von Gebrauchstexten gehen soll als um die Interpretation literarischer Werke.
  • ...nach dem Vorbild der Pisa-Tests Kompetenzen geprüft werden sollen, etwa durch Multiple-Choice-Aufgaben, die allerdings nicht zu simpel und nicht zu gleichförmig ausfallen sollen, damit die Schüler nicht stupide auf bestimmte Test-Formate gedrillt werden. Als Alternative schlagen die Experten auch eine Variante mit Klausuraufgaben vor.
  • ...alle anderen Prüfungsteile weiter von den Bundesländern so durchgeführt werden, wie sie es für richtig halten, also mündliche und praktische Prüfungen, Klausuren und Präsentationen.
  • ...die Kernprüfungen auch Teil des zweiten und dritten Bildungswegs werden, also etwa auch an Fachoberschulen durchgeführt werden.
  • ...die Bundesländer einen Staatsvertrag abschließen, in dem sie das Kernabitur vereinbaren, so dass der Bund nicht mitwirken muss.

Die Forscher wollen so vorgehen gegen die "fehlende nationale Vergleichbarkeit der Anforderungen und Bewertungsmaßstäbe der Abiturleistungen und des tatsächlichen Könnens", wie sie schreiben, und gegen die "erheblichen Gerechtigkeitsprobleme beim Hochschulzugang und bei der Bewertung insgesamt". Zudem soll es durch höhere Vergleichbarkeit leichter werden, die Qualität im Bildungssystem zu sichern und zu steigern.

Ob die Politik den Empfehlungen folgt, ist allerdings völlig offen. Zumal es nicht nur bei der Vergleichbarkeit des Abiturs hapert. Schüler und Eltern lässt auch der Wildwuchs an Schulformen in den Bundesländern verzweifeln: Bei Haupt-, Real-, Sekundar-, Stadtteil-, Ober- Gesamt- und Gemeinschaftsschulen, Oberstufenzentren, Gymnasien und all den anderen Bezeichnungen fällt es schwer, den Überblick zu behalten. Schon bei diesen Strukturfragen verbeißen sich Bildungspolitiker gern ineinander. Dafür müssen sie noch nicht einmal aus unterschiedlichen politischen Lagern kommen, wie sich beim Schulstreit in der CDU zeigt, die sich bislang nicht so recht einigen kann, ob sie die Hauptschule jetzt abschaffen will oder nicht.

Der Aktionsrat Bildung will erkennbar den Streit um das Zentralabitur nicht weiter befeuern und alle Seiten beruhigen. So betonen die Experten, dass es sich bei ihrer Idee eben nicht um ein "einheitliches Bundeszentralabitur" handele, sondern um eine neue "Abiturkomponente".

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1. mehr als überfällig
Gebetsmühle 19.10.2011
Zitat von sysopAbitur ist nicht gleich Abitur - Anspruch und Bewertung klaffen je nach Bundesland gewaltig auseinander. Deshalb wollen namhafte Bildungsforscher die Reifeprüfung ausbauen, mit einem "Kernabitur": drei Tests in Deutsch, Mathe, Englisch, jeder 90 Minuten lang, am selben Tag, deutschlandweit. http://www.spiegel.de/schulspiegel/wissen/0,1518,792562,00.html
da hat es über 60 jahre gedauert bis endlich zusammenwäxt was zusammengehört. ein einheitlicher schulabschluss ist schön längst überfällig.
2. Das wird nie kommen
AntiGravEinheit 19.10.2011
weil sich die KMs da nie drauf einigen werden. Um wenigstens auch diese Tests vergleichbar zu machen und jedem Schüler die gleichen Chancen einzuräumen, setzt das auch voraus, daß die Lehrpläne und Unterrichtsinhalte aller Bundesländer in diesen Fächern angeglichen werden müssen. Bis das geschieht, läuft noch viel Wasser den Rhein hinunter - und vermutlich ist der eher ausgetrocknet, ehe bei dem Thema eine Einigung erfolgt.
3. Es war einmal...
panzerknacker51 19.10.2011
So fängt jedes schöne Märchen an. In diesem Falle eher ein Trauerspiel. In der Brandt-Ära gab es den Deutschen Bildungsrat; eine ähnlich besetzte Institution, wenn ich mich recht erinnere. Und ähnliche Überlegungen gab es wohl damals auch schon. Wenn die "Beratungsdauer" und die Ergebnisse jetzt vergleichbar sein sollten, dann Prost Mahlzeit...
4. ...
Crom 19.10.2011
Das Kernabitur könnte dann auch dazu dienen, die Abiturnoten der Bundesländer für den NC zu gewichten.
5. Pareto lässt grüßen!
Bregorius 19.10.2011
Zitat von sysopAbitur ist nicht gleich Abitur - Anspruch und Bewertung klaffen je nach Bundesland gewaltig auseinander. Deshalb wollen namhafte Bildungsforscher die Reifeprüfung ausbauen, mit einem "Kernabitur": drei Tests in Deutsch, Mathe, Englisch, jeder 90 Minuten lang, am selben Tag, deutschlandweit. http://www.spiegel.de/schulspiegel/wissen/0,1518,792562,00.html
3x90 Minuten an einem Tag in 3 Fächern? Und das ganze für 10% der Note? Das ist doch lächerlich. Soviel Mehraufwand für so wenig Nutzen...einfach mal eine einheitliche Rahmenrichtlinie die aber auch Raum für Alternative Themen lässt. Z.B. Besondere Themen in Physik, Abstimmung der Schüler über zu behandelnde Literatur in Deutsch usw. Dann noch einheitliche Prüfungen und schon stimmt alles. Aber das geht natürlich nicht...
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