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19. Juli 2010, 13:05 Uhr

Hamburger Volksentscheid

Was von der Schulreform übrig bleibt

Ein Kommentar von

Hamburgs Bürger haben die sechsjährige Grundschule gekippt, der Frust unter den Anhängern ist groß. Grämen sollten sie sich nicht: Selbst ohne das Kernprojekt Primarschule ist Hamburg auf einem guten Weg, der in anderen Ländern Schule machen sollte.

Das Ergebnis des Hamburger Volksentscheids ist ein Rückschlag für alle, die Schulpolitik von unten denken und Schulen im Sinne sozial benachteiligter Schüler verbessern wollen. Ihnen geht es um Gerechtigkeit - und im Sinne der Gerechtigkeit wäre es richtig, Schülern möglichst lange dieselben Chancen einzuräumen. Dieses Argument wird von Anhängern des längeren gemeinsamen Lernens stets zuerst genannt: Gehen Schüler auf dieselbe Schule, haben sie dieselben Möglichkeiten.

So weit, so theoretisch. Denn im wahren Leben mag es zwar Indizien dafür geben, dass die Chancen von schwachen Schülern tatsächlich steigen, wenn sie länger mit starken gemeinsam lernen. Aber einen klaren, unumstößlichen Beweis - den gibt es nicht. Das macht die Debatte um neue Schulformen zu einer Art Glaubenskrieg. Und solange das längere gemeinsame Lernen eine sozialpolitische Idee ist, deren Wirksamkeit nicht nachgewiesen worden ist, wird sie kaum durchsetzbar sein.

Das hat der Volksentscheid in Hamburg nun eindrucksvoll bewiesen. Doch jene, die Schulpolitik von unten denken, sollten sich nicht grämen. Denn auch wenn die Primarschule gescheitert ist: Die Hamburger Schulreform bleibt trotzdem ein Vorbild, wie man klug gegen die Bildungsmisere vorgeht.

Hamburg investiert künftig in die Verbesserung der Schulen wie kein zweites Land. Die Lehrerausbildung wird verbessert und modernisiert, es wird in Schulumbauten investiert, damit die Klassen schrumpfen können. An sozialen Brennpunkten werden in Hamburg künftig nur noch 19 Schüler in einer Klasse sitzen, das ist bundesweit einmalig. Und es werden Lehrer zusätzlich eingestellt in einer Zeit, in der die Schülerzahlen sinken.

Die Stadtteilschulen sind ein Muster an Durchlässigkeit

Vor allem aber wird die Stadteilschule künftig dafür sorgen, dass die Chancen aller Schüler auf gute Bildung steigen: Sie wird neben dem Gymnasium die einzige Schulform sein und alle Abschlüsse anbieten. Das entschärft die Konsequenzen der Entscheidung, wohin die Reise nach der Grundschule geht. Bisher zählt mangelnde Durchlässigkeit zu den Hauptproblemen des deutschen Bildungssystems. Die Stadtteilschulen aber sind ein Muster an Durchlässigkeit.

All das wird die Chancengerechtigkeit steigern, Volksentscheid hin oder her. Und all das sollten sich Landespolitiker zum Vorbild nehmen. Denn überall in Deutschland verlassen zu viele Bildungsverlierer die Schulen, oft ohne Abschluss und ohne jede Chance auf dem Arbeitsmarkt.

Das macht Schulreformen zur Pflicht, in Hamburg und anderswo. Gut möglich, dass die Hamburger Debatte um die Primarschule in einigen Jahren wie ein Streit um eine Nebensache erscheint: Dann nämlich, wenn auch ohne Verlängerung der Grundschulzeit die Abbrecherquoten von von Haus aus benachteiligten Schülern gesunken und die Kompetenzen gestiegen sind. Die Chancen dafür stehen gut.

Der Volksentscheid selbst bewies auf fatale Weise den Handlungsbedarf: Während in Nobelstadtteilen wie Blankenese oder Othmarschen mit Arbeitslosenquoten um die zwei Prozent weit mehr als jeder Zweite seine Stimme abgab, war es in manchen sozial schwachen Bezirken gerade mal jeder Fünfte. Politische Partizipation hängt vom Bildungsstand ab - und die entscheidet über nichts Geringeres als das Gelingen unserer Demokratie.

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