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Hamburger Volksentscheid: Was von der Schulreform übrig bleibt

Ein Kommentar von

Hamburgs Bürger haben die sechsjährige Grundschule gekippt, der Frust unter den Anhängern ist groß. Grämen sollten sie sich nicht: Selbst ohne das Kernprojekt Primarschule ist Hamburg auf einem guten Weg, der in anderen Ländern Schule machen sollte.

Erfolgreicher Aufstand: Rebellische Eltern kippen Schulreform Fotos
dpa

Das Ergebnis des Hamburger Volksentscheids ist ein Rückschlag für alle, die Schulpolitik von unten denken und Schulen im Sinne sozial benachteiligter Schüler verbessern wollen. Ihnen geht es um Gerechtigkeit - und im Sinne der Gerechtigkeit wäre es richtig, Schülern möglichst lange dieselben Chancen einzuräumen. Dieses Argument wird von Anhängern des längeren gemeinsamen Lernens stets zuerst genannt: Gehen Schüler auf dieselbe Schule, haben sie dieselben Möglichkeiten.

So weit, so theoretisch. Denn im wahren Leben mag es zwar Indizien dafür geben, dass die Chancen von schwachen Schülern tatsächlich steigen, wenn sie länger mit starken gemeinsam lernen. Aber einen klaren, unumstößlichen Beweis - den gibt es nicht. Das macht die Debatte um neue Schulformen zu einer Art Glaubenskrieg. Und solange das längere gemeinsame Lernen eine sozialpolitische Idee ist, deren Wirksamkeit nicht nachgewiesen worden ist, wird sie kaum durchsetzbar sein.

Das hat der Volksentscheid in Hamburg nun eindrucksvoll bewiesen. Doch jene, die Schulpolitik von unten denken, sollten sich nicht grämen. Denn auch wenn die Primarschule gescheitert ist: Die Hamburger Schulreform bleibt trotzdem ein Vorbild, wie man klug gegen die Bildungsmisere vorgeht.

Hamburg investiert künftig in die Verbesserung der Schulen wie kein zweites Land. Die Lehrerausbildung wird verbessert und modernisiert, es wird in Schulumbauten investiert, damit die Klassen schrumpfen können. An sozialen Brennpunkten werden in Hamburg künftig nur noch 19 Schüler in einer Klasse sitzen, das ist bundesweit einmalig. Und es werden Lehrer zusätzlich eingestellt in einer Zeit, in der die Schülerzahlen sinken.

Die Stadtteilschulen sind ein Muster an Durchlässigkeit

Vor allem aber wird die Stadteilschule künftig dafür sorgen, dass die Chancen aller Schüler auf gute Bildung steigen: Sie wird neben dem Gymnasium die einzige Schulform sein und alle Abschlüsse anbieten. Das entschärft die Konsequenzen der Entscheidung, wohin die Reise nach der Grundschule geht. Bisher zählt mangelnde Durchlässigkeit zu den Hauptproblemen des deutschen Bildungssystems. Die Stadtteilschulen aber sind ein Muster an Durchlässigkeit.

All das wird die Chancengerechtigkeit steigern, Volksentscheid hin oder her. Und all das sollten sich Landespolitiker zum Vorbild nehmen. Denn überall in Deutschland verlassen zu viele Bildungsverlierer die Schulen, oft ohne Abschluss und ohne jede Chance auf dem Arbeitsmarkt.

Das macht Schulreformen zur Pflicht, in Hamburg und anderswo. Gut möglich, dass die Hamburger Debatte um die Primarschule in einigen Jahren wie ein Streit um eine Nebensache erscheint: Dann nämlich, wenn auch ohne Verlängerung der Grundschulzeit die Abbrecherquoten von von Haus aus benachteiligten Schülern gesunken und die Kompetenzen gestiegen sind. Die Chancen dafür stehen gut.

Der Volksentscheid selbst bewies auf fatale Weise den Handlungsbedarf: Während in Nobelstadtteilen wie Blankenese oder Othmarschen mit Arbeitslosenquoten um die zwei Prozent weit mehr als jeder Zweite seine Stimme abgab, war es in manchen sozial schwachen Bezirken gerade mal jeder Fünfte. Politische Partizipation hängt vom Bildungsstand ab - und die entscheidet über nichts Geringeres als das Gelingen unserer Demokratie.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 122 Beiträge
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1. Stadtteilschulen
rkinfo 19.07.2010
Zitat von sysopHamburgs Bürger haben die sechsjährige Grundschule gekippt, der Frust unter den Anhängern ist groß. Grämen sollten sie sich nicht: Selbst ohne das Kern-Projekt Primarschule ist Hamburg auf einem guten Weg, der in anderen Ländern Schule machen sollte. http://www.spiegel.de/schulspiegel/wissen/0,1518,707278,00.html
Stadtteilschulen können durchaus geeignet sein Spätentwickler doch noch zum Abi zu bringen. Zudem böte es sich an zumindest in Klasse 5 und ggf. 6 die Lehrpläne aller (hamburger) Schulart ähnlich gestalten. Wobei wahscheinöich dies eh wg. Reform der Grundschule schon in den Schubladen liegt. Das Gymnasium mit Ausprägung Abi 12 Jahre ist sehr wichtig für leistungsfähige Schüler. Aber ebenso sinnvoll eine Abi 13 was die Stadtteilschulen ggf. erbringen können bzw. nach Klasse 11 ans Gymnasium übergeben an Schülern. Traurig dass nicht der Konsenz der 3 benachbarten Bundesländer gesucht wurde sondern die Speziallösung 'Hamburg'. Wir haben nicht nur Migration NACH Deutschland sondern auch IN Deutschland. Und da fehlt es im föderalen Egoismus besonders.
2. Volksbildung en Details …
wika 19.07.2010
Ob das jetzt schlimm ist, dass diese Schulreform in Hamburg gescheitert ist und der gute Ole die Segel gestrichen hat, dass mag dahingestellt bleiben. Auch wenn es niemand wahrhaben will, unser Bildungssystem geht mehr und mehr vor die Hunde. Nur mit Druck, Reformen, Geldknappheit und verwaltungstechnischen Maßnahmen wird das Problem kaum zu beheben sein. Zum Lernen braucht es Zeit, ausreichend Material und Umfeld wie auch hervorragender Lehrkörper und solange wir uns daran kaputtsparen können wir uns besser auf den eher bitteren und *kostenlosen Akt der Volksbildung* (http://qpress.de/2010/07/13/volksbildung-stark-rucklaufig/) konzentrieren.
3. Welche Politiker verzichten freiwillig auf Macht?
der_rookie 19.07.2010
Zitat von rkinfoStadtteilschulen können durchaus geeignet sein Spätentwickler doch noch zum Abi zu bringen. Zudem böte es sich an zumindest in Klasse 5 und ggf. 6 die Lehrpläne aller (hamburger) Schulart ähnlich gestalten. Wobei wahscheinöich dies eh wg. Reform der Grundschule schon in den Schubladen liegt. Das Gymnasium mit Ausprägung Abi 12 Jahre ist sehr wichtig für leistungsfähige Schüler. Aber ebenso sinnvoll eine Abi 13 was die Stadtteilschulen ggf. erbringen können bzw. nach Klasse 11 ans Gymnasium übergeben an Schülern. Traurig dass nicht der Konsenz der 3 benachbarten Bundesländer gesucht wurde sondern die Speziallösung 'Hamburg'. Wir haben nicht nur Migration NACH Deutschland sondern auch IN Deutschland. Und da fehlt es im föderalen Egoismus besonders.
Volle Zustimmung. Leider ist dies eines der wenigen Felder auf denen unsere Bundesländer echt Gestaltungsspielraum haben. In Politikerdeutsch heißt dies "Macht". Und die zu teilen / abzugeben ...
4. -
semper fi, 19.07.2010
Zitat von sysopHamburgs Bürger haben die sechsjährige Grundschule gekippt, der Frust unter den Anhängern ist groß. Grämen sollten sie sich nicht: Selbst ohne das Kern-Projekt Primarschule ist Hamburg auf einem guten Weg, der in anderen Ländern Schule machen sollte. http://www.spiegel.de/schulspiegel/wissen/0,1518,707278,00.html
Das, was heute zum Thema in den "Gutmenschen"-Medien geschrieben wird, ist grösstenteils echt zum Piepen. Man merkt quasi, wie die Damen und Herren Schreiber versuchen, den Spagat zwischen Volksabstimmung (gut, sehr, müssen wir haben) und dem Ausgang einer solchen Volksabstimmung, nämlich dieser in Hamburg, hinzubekommen. So richtig gelungen ist das bislang keinem. Siehe auch *"Wie rebellische Eltern das Gymnasium retten wollen"* (http://www.spiegel.de/schulspiegel/wissen/0,1518,579314,00.html) vom selben Autor. Selbst die einschlägigen Beiträge in der Frankfurter Rundschau und der Zeit sind heute einfach köstlich.
5. Die eigentliche Misere in unserem System ist
sic tacuisses 19.07.2010
Zitat von sysopHamburgs Bürger haben die sechsjährige Grundschule gekippt, der Frust unter den Anhängern ist groß. Grämen sollten sie sich nicht: Selbst ohne das Kern-Projekt Primarschule ist Hamburg auf einem guten Weg, der in anderen Ländern Schule machen sollte. http://www.spiegel.de/schulspiegel/wissen/0,1518,707278,00.html
der Bildungsförderalismus. Dieser völlige Schwachsinn, der jedes Bundesland sein eigenes, eifersüchtig bewachtes, Süppchen kochen läßt, hat fertig. Es genügte über den Tellerrand zu sehen: NL z.B. hat ab dem 4. Lebensjahr die Schulpflicht genannt "Kleuterschool" "Basisschool" ab dem 6. bis zum 12. LJ "fortgezet onderwijs bis zum 16. LJ und danach noch 4 Jahre der Spezialisierung auf einen Beruf. Landesweit gleiche Anforderung der Diploma-Prüfungen garantiert gleiche und vergleichbare Ergebnisse. Wenn aber mit Gewalt Gleichheit ( keiner ohne, wenn auch noch so schwachen oder ungenügenden Schulabschluß ) staatlich verordnet wird, geht das richtig in die Hose. W. z. b. w. Was zu beweisen war und mittlerweile auch bewiesen ist. Aber da hängen ja 16 Kultusministerien mit tausenden leistungsloser weil völlig überflüssiger Beamten- und Angestelltenstellen dran. Und auch noch eine Tante Schavan........... Schulbuchverlage die sich an dem Quatsch goldene Nasen verdienen, Lehrpersonal was daran partizipiert, und und und. Setzen ! 6 !
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