Geflopptes Bildungspaket: Nachhilfe für von der Leyen

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Bildungspaket: Von Berlin und Münster lernen Fotos
DPA

Mit dem Bildungspaket wollte die Arbeitsministerin die Sozialpolitik reformieren. Herausgekommen ist ein Bürokratiemonster, an dem viele Behörden, Lehrer und Eltern verzweifeln. Experten zeigen, wie es sich so verbessern lässt, damit endlich die Kinder profitieren.

Mit dem neuen Gesetz wollte die Bundesarbeitsministerin nichts weniger als "Sozialgeschichte" schreiben. Das verkündete Ursula von der Leyen damals, als die "Passauer Neue Presse" sie zum neuen Bildungspaket interviewte. Ist das geglückt? Nein, sagt Sebastian Gallander von der Stiftung neue Verantwortung, es sei viel zu kompliziert. Daran will er etwas ändern.

Durch das Bildungspaket können Eltern, die beispielsweise von Hartz IV leben oder Wohngeld beziehen, einen Zuschuss für die Klassenfahrt beantragen, den Sportverein oder die Musikschule. Außerdem können arme Kinder kostenfrei Nachhilfe bekommen - sofern sie Probleme in der Schule haben.

Von letzterem komme allerdings nicht viel an, sagt der Sozialexperte Gallander. Umfragen des Deutschen Städte- und des Deutschen Landkreistages zeigen, dass von allen Bildungspakets-Anträgen nur fünf Prozent auf die Nachhilfe entfallen. Viele kennen das Angebot gar nicht oder verstehen den Antrag nicht, zudem ist sehr strikt formuliert, wer Anspruch hat. Deswegen formulierte Gallander gemeinsam mit Bildungsexperten der Vodafone-Stiftung zehn Verbesserungsvorschläge für Bund, Länder und Kommunen. Am Donnerstag präsentierte er das Papier "Nachhilfe für das Bildungspaket" (Aufsatz als PDF) in Berlin.

Mit dem Gesetz reagierte Ursula von der Leyen auf ein Urteil des Bundesverfassungsgerichts, es hatte Anfang 2010 festgestellt, dass die Hartz-IV-Sätze falsch berechnet sind. Die Politik musste klären: Was braucht eine Familie, um am Leben teilhaben zu können? Vor allem: Was brauchen arme Kinder? Zahlreiche Studien zeigen immer wieder, dass in Deutschland gerade jene Kinder Hilfe in der Schule brauchen, deren Eltern beispielsweise arbeitslos sind oder keinen Abschluss haben. Von bildungsfernen Elternhäusern sprechen Experten dann.

Nach rund zwei Jahren Bildungspaket nehmen arme Familien die Unterstützung inzwischen zwar besser an als am Anfang. Und trotzdem: Mehr als eine Milliarde Euro stand im vergangenen Jahr für das Bildungspaket zur Verfügung, einen Großteil haben Städte und Gemeinden gar nicht ausgegeben. "Wann", fragt Gallander, "haben wir im Bildungsbereich schon mal den Luxus, dass nicht zu wenig Geld da ist?"

Von Berlin, Hamburg und Münster lernen

Gallander und seine Kollegen von der Vodafone-Stiftung fragten sich: Gibt es Städte, in denen die Nachhilfe besonders gut angenommen wird? Von denen andere Städte lernen können?

Besonders gute Praxisbeispiele fanden sie letztlich in Essen, Berlin, Hamburg, Münster, Stuttgart und dem Landkreis Ammerland. Deswegen luden sie die dortigen Verantwortlichen ein und diskutierten, hinzu kamen zahlreiche Gespräche mit Juristen, Wissenschaftlern und Verbänden. Auf dieser Grundlage formulierten die beiden Stiftungen ihre Vorschläge für Behörden, Kommunen und Länder:

  • Baut Bürokratie ab: Jede Kommune sollte einen Ansprechpartner für die Lernförderung benennen, der eng mit Schulen und Behörden zusammenarbeitet. Zudem sei es einfacher, wenn Eltern nur einen Antrag für alle Bildungspaket-Leistungen stellen müssten - das würde Eltern und Behörden entlasten. Auch wenn eine Schule sich auf einen Nachhilfeanbieter einigte, würde das die Arbeit vereinfachen.
  • Arbeitet enger zusammen: Idealerweise sollte die Nachhilfe in der Schule stattfinden, das Kind bleibe dann in der gewohnten Umgebung, es fielen keine zusätzlichen Fahrtkosten an. Dabei sollten auch Lehrer stärker eingebunden werden.
  • Lasst Kinder gemeinsam lernen: Kinder, die Nachhilfe bezahlt bekommen, und Kinder, deren Eltern selbst zahlen, sollten gemeinsam Hilfe bekommen. "Das soll eine weitere soziale Spaltung unter den Schülern vermeiden", heißt es in dem Papier.
  • Weitet die Lernförderung aus: Prinzipiell können nur diejenigen Nachhilfe beantragen, die beispielsweise von Hartz IV leben. Aber auch Eltern, die sehr wenig verdienen, könnten laut Sozialgesetzbuch einen Antrag stellen - wenn sie ihre Einkommenverhältnisse offenlegen. Das wissen einerseits wenige, andererseits ist es aufwendig. Das sollte vereinfacht werden, außerdem sollten Landesregierungen mehr Geld für diese Kinder zur Verfügung stellen.
  • Gebt Geld für Sozialarbeit: Bislang bekommt die Schulsozialarbeit durch das Bildungspaket mehr Geld - allerdings nur bis Ende des Jahres. Die Sozialarbeiter entlasteten die Behörden. Deshalb sollten sie auch 2014 finanzielle Unterstützung bekommen.
  • Legt die Regel großzügig aus: Ein Kind hat dann Anspruch auf Nachhilfe, wenn es die "festgelegten wesentlichen Lernziele" nicht erreicht, so steht es im Gesetz. In der Regel heißt das: wenn die Versetzung gefährdet ist. Oft ist es dann schon zu spät. Deswegen sollten die Verantwortlichen die "wesentlichen Lernziele" großzügig interpretieren - so wie in Nordrhein-Westfalen beispielsweise: Das Land fördert auch jene Schüler, die formal nicht versetzungsgefährdet sind. Auch das Bundesgesetz sollte für eine möglichst frühzeitige Hilfe appellieren.

Auch Kinder aus reichem Hause bestehen in der Schule teilweise nur durch Nachhilfe: Studien zeigen, dass deutsche Eltern bis zu 1,5 Milliarden Euro pro Jahr dafür ausgeben. Warum also sollten gerade jene Kinder, die es am schwersten haben, nur dann Hilfe bekommen, wenn es fast zu spät ist? Warum hält man ihnen nicht früher die Hand hin, um sie hochzuziehen? Sebastian Gallander fordert: "Das Geld soll nicht nur gegen den Abstieg verwendet werden, sondern auch für den Aufstieg."

Und was wird das kosten? Gallander und seine Kollegen hoffen: nichts, zumindest nicht viel. Denn weniger Verwaltungsaufwand kostet weniger. Damit könnten Behörden, Städte und Kommunen wieder mehr Geld für Bildung ausgeben. Gleichzeitig würden sich wohl mehr Eltern an die Anträge trauen. Win win win, also.

Jetzt müssen nur noch die Verantwortlichen das Papier lesen - oder sie bewerben sich in Essen, Berlin, Hamburg, Münster, Stuttgart oder Ammerland um ein Praktikum.

Der Weg zum Bildungspaket: Nur über Irrwege ans Ziel Zur Großansicht
Vodafone Stiftung Deutschland / Stiftung neue Verantwortung

Der Weg zum Bildungspaket: Nur über Irrwege ans Ziel

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insgesamt 30 Beiträge
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1. :-(
quark@mailinator.com 28.02.2013
Wenn die Frau damit aufhören würde, hinter den Kulissen radikal-feministische Familienpolitik zu machen, wäre alles einfacher.
2. :-)
scissor 28.02.2013
Entschuldigung, wie war das: Die Schule soll sich auf einen Nachhilfeanbieter einigen? In der Schule sind Lehrer, die können doch Nachhilfe geben. Dazu ist doch die Schule auch da. Ich selbst habe in meiner Kindheit, mit anderen zusammen, von meiner Klassenlehrerin Nachhilfe bekommen, so lange es notwendig war. Es hat NICHTS gekostet und fand in der Schule statt. Hier wird nur wieder ein einträgliches Geschäftsfeld eröffnet. Es ist nur noch ekelhaft, was in Deutschland passiert.
3. Armutszeugnis für Schulsystem
happyrocker 28.02.2013
Der eigentliche Skandal ist doch hier, dass Nachhilfe in dem Maße überhaupt notwendig ist! Es ist Aufgabe der Schulen, die Kinder zum Abschluss zu bringen und zwar so, dass alle es ohne private Nachhilfe schaffen können. Diese sollte nur für Sonderfälle sinnvoll sein, etwa wenn das Kind länger krank war. 1,5 Mrd die für private Nachhilfe ausgegeben werden sind 1,45 Mrd die besser in die Schulen investiert werden sollten, und zwar von der Allgemeinheit, nicht von den Eltern. Dazu kommt, dass private Nachhilfeinstitute qualitativ oft schlecht sind - da findet häufig nicht mehr als Hausaufgabenhilfe statt. Aus Erfahrung mit den eigenen Kindern weiss ich, dass Rechtschreibung und Einmaleins heute kaum noch in der Schule geübt werden, das wird auf die Eltern abgewälzt und wenn die das nicht schaffen - Pech gehabt. Hier sollte Frau v.d. Leyen ansetzen.
4. Nachhilfe nur für das Leyen?
genugistgenug 28.02.2013
Nachhilfe nur für das Leyen? Wieso? die ganze ReGIERung bringt es doch nicht! Konzentrieren wir uns mal darauf was das Leyen ERFOLGREICH zustande gebracht hat: 1. nichts bekannt 2. nichts bekannt 3. nichts bekannt ................. die hat doch ihre eigene Scheinwelt in der sie lebt und aus der sie versucht Menschen zu beglücken oder genauer für ihr Ego zu benutzen!
5.
enni3 28.02.2013
Zitat von scissorEntschuldigung, wie war das: Die Schule soll sich auf einen Nachhilfeanbieter einigen? In der Schule sind Lehrer, die können doch Nachhilfe geben. Dazu ist doch die Schule auch da. Ich selbst habe in meiner Kindheit, mit anderen zusammen, von meiner Klassenlehrerin Nachhilfe bekommen, so lange es notwendig war. Es hat NICHTS gekostet und fand in der Schule statt. Hier wird nur wieder ein einträgliches Geschäftsfeld eröffnet. Es ist nur noch ekelhaft, was in Deutschland passiert.
Die Lehrer haben auch abends gefälligst bei allen Kindern vorzuschauen, um schon im Vorfeld zu kontrollieren, dass die Hausaufgaben gemacht wurden, wenn nicht haben Sie sich mit den Kindern hinzusetzen. Dadurch sparen Sie am nächsten Tag Arbeitszeit bei der Kontrolle im Unterricht. Die freiwerdende Zeit kann dann für Nachhilfe genutzt werden.... Kommen Sie mal runter. Wann sollen die Lehrer das bitte noch machen? Eine Stunde Nachhilfe pro Schüler und Woche und die brauchen gar nicht mehr nach Hause fahren. Dann legen wir ins Lehrerzimmer Matratzen, für 6h Schlaf reicht das schon aus. Wenn Ihre Lehrerin das freiwillig gemacht hat, danken Sie ihr hoffentlich heute noch dafür. Übrigens arbeite ich in diesem "ekelhaften" Nachhilfegeschäft. Die Arbeit, die durch zu große Klassen, überarbeitete Lehrer und fehlende Ausstattungen von Schulen, da inzwischen nötig ist, steigt von Jahr zu Jahr. Und es ist leider so, dass Nachhilfe tatsächlich ein Privileg betuchter Eltern ist. Wir haben zwar auch einige Fälle, wo Eltern den Unterricht vom Amt bezahlt bekommem, das ist aber gemessen an der Notwendigkeit nahezu vernachlässigbar. Vor allem weil die Eltern die Möglichkeit wirklich nicht kennen. Und wissen Sie davon, dann artet es in langwidriger Bürokratie aus. Aber immerhin wird es fast immer bewilligt. Der Staat kann von mir aus gerne darauf verzichten, dann bitte das Geld aber direkt in die Schulen und gleich noch ein bissle mehr.
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