Heiliger Zorn: Evangelikale führen Kreuzzug gegen Schüler-Autoren

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In diesem Kulturkampf streitet eine mächtige Lobby gegen zwei 18-Jährige: Evangelikale Gruppen feuern mit voller Kraft gegen zwei Jungjournalisten - sie hatten in einer Schülerzeitung das frömmelnde "Christival" kritisiert. Der bizarre Kreuzzug zeigt den neuen Machtanspruch christlicher Hardliner.

In einen Kulturkampf sind Samuel L. und Hannes G., beide 18, hineingeraten. Ganz ungewollt. So recht wissen die beiden Schülerzeitungsredakteure nicht, was sie davon halten sollen. Wie soll man auch reagieren, wenn der eigene Name und Lebenslauf plötzlich auf Internet-Seiten auftaucht, von denen man noch nie gehört hat? Wenn man dargestellt wird, als sei man ein wütender Hetzer, der den christlichen Glauben zersetzen möchte? Wenn man von der Bundeszentrale für politische Bildung attestiert bekommt, einseitig und undifferenziert zu schreiben?

Titel "Q-Rage": Islam ist das Schwerpunktthema

Titel "Q-Rage": Islam ist das Schwerpunktthema

Für die bundesweite Schülerzeitung "Q-rage" hatten die beiden einen Text geschrieben, Überschrift: "Die evangelikalen Missionare". Es ging um das Christival, ein Event, zu dem im Sommer rund 16.000 junge Christen nach Bremen pilgerten. Das Fest veranstalteten Mitglieder verschiedener Freikirchen, evangelischer Landeskirchen, christlicher Verbände und der Deutschen Evangelischen Allianz, des Dachverbandes der hiesigen Evangelikalen.

Die beiden Nachwuchsjournalisten interessierten sich für den Teil des Frömmel-Kongresses, den sie für missionarisch, intolerant oder gar reaktionär halten. Sie schrieben, dass ein Seminar unter dem Titel "Homosexualität verstehen - Chance zur Veränderung" nach Protesten abgesagt wurde. Und erwähnten auch die Veranstaltung "Sex ist Gottes Idee - Abtreibung auch?", die stattfand. Eine überzeugte 19-jährige glaubensfeste Christin, die die Bibel wörtlich nimmt, beschreiben sie ebenso, wie sie einen Gegner des Festivals zu Wort kommen lassen. Im Text heißt es unter anderem, dass in evangelikalen Gemeinden "erzkonservative, zum Teil verfassungsfeindliche Ideologien fast nebenbei vermittelt" würden.

Christliches Medienbündnis ruft zum Kreuzzug

Es ist vielleicht kein ausgewogener Text, den die beiden geschrieben haben, kein differenzierender Besinnungsaufsatz. Samuel und Hannes beziehen Stellung. Aber eines ist der Text ganz sicher nicht: eine Hetzschrift.

Viele Medien hatten kritisch über das "Christival" berichtet, auch SPIEGEL ONLINE; stets wurden die umstrittenen Seminare erwähnt. Doch erst der Beitrag der jungen Autoren, erschienen ein halbes Jahr nach dem Event, erzürnte evangelikale Funktionäre wie auch stramm rechte Internet-Kommentierer so sehr, dass sie die Empörungsmaschinerie heiß laufen ließen.

Denn "Q-rage" ist nicht irgendeine Schülerzeitung, die auf ein, zwei lokalen Pausenhöfen verkauft wird. In Millionenauflage geht sie an alle Schulen in Deutschland, herausgegeben von "Schule ohne Rassismus - Schule mit Courage". Das ist ein Netzwerk von 500 Schulen, die sich selbst verpflichtet haben, gegen Rassismus und Mobbing vorzugehen. Finanziell unterstützt wird die Initiative aus dem EU-Sozialfonds, vom Bundesarbeitsministerium, Bundespresseamt und der Bundeszentrale für politische Bildung (Bpb). Der Präsident der Bundeszentrale heißt Thomas Krüger, er ist SPD-Politiker und war mal Jugendsenator in Berlin.

Empfehlung von der Bundeszentrale

Das Heft erscheint einmal im Jahr, diesmal mit dem Schwerpunkt "Islam". Profi-Journalisten, darunter auch SPIEGEL-ONLINE-Autoren, betreuen die Redaktion, helfen bei der Recherche und beim Schreiben der Texte. Aber den Hauptteil der Arbeit machen rund 20 Schüler. Sie entschieden sich für Themen wie: Warum trägt man Pali-Tuch? Wie lebt man in einer Berliner Straße, die als Nazi-Hochburg gilt? Warum konvertieren junge Deutsche zum Islam? Und einigen war es wichtig, sich die Evangelikalen genauer anzuschauen.

Daraus konstruieren evangelikale Funktionäre nun den Vorwurf, mit Steuergeldern werde Hetze gegen Christen betrieben. Denn mit jedem Zeitungspack erreichte auch ein Empfehlungsschreiben Krügers die Schulen. Im Brief, der SPIEGEL ONLINE vorliegt, heißt es: "In der Zeitung finden sich interessante Informationen, wie islamistische und evangelikale Gruppen, die wichtige Freiheitsrechte in Frage stellen, Jugendliche umwerben."

Darauf konzentrierte sich das empörte Trommelfeuer. Die Internet-Seite des evangelischen Medienmagazins "Pro" titelte: "Christen Pfui - Moslems Hui: Mit öffentlichen Geldern gegen Evangelikale". Ähnliche Texte erschienen auf den Seiten der "Evangelischen Allianz" und fast wortgleich bei der Rechtspostille "Junge Freiheit".

Im Web wird losgepöbelt

Auch das islamophobe Internet-Portal "Politically Incorrect", auf dem sich Empörung oft mit Ressentiments und Hass mischt, teilte aus. Dort wird in den Kommentaren so richtig drauflosgepöbelt: Von "Mohammedaner-Propaganda" und "Gutmenschen-Kampf" ist da die Rede.

Der Hauptvorwurf: In der Schülerzeitung wie im Krüger-Brief würden Evangelikale mit Islamisten gleichgesetzt. Bei Evangelikalen gebe es aber ganz unterschiedliche Gruppen, die ihren Glauben unterschiedlich streng auslegten - und vor allem keine Bomben werfen. Kurz: Evangelikale Christen seien keine Fundamentalisten. Und bei weitem nicht so böse wie islamistische Hardliner.

In ihrem Furor übersehen sie: Auch Islamisten sind nicht alle gleich. Der Begriff Islamismus meint keineswegs nur terroristische Bombenwerfer, sondern auch verschiedene Strömungen jener Muslime, die den Koran wörtlich nehmen und nichts von einer Trennung zwischen Religion und Staat halten - auch bei ihnen gibt es viele Abstufungen.

"Die schießen mit Atomraketen auf Spatzen"

Die Evangelikalen jedenfalls packte sogleich der heilige Zorn, der christliche Medienverbund forderte sogar Krügers Rücktritt. Hartmut Steeb, Generalsekretär der "Deutschen Evangelischen Allianz" und auch Autor der rechten Zeitung "Junge Freiheit", empfand Krügers Brief als "Agitation gegen entschiedene Christen" - das sei nicht hinnehmbar. Er erwartet, dass die Bundeszentrale den Schaden "wiedergutmachen" soll, und will am 23. Dezember ein Gespräch mit Krüger führen.

Das ist sehr viel Aufregung um eine Schülerzeitung und einen Brief. Aber es passt zur Strategie evangelikaler Gruppen in Deutschland, die um mehr politischen Einfluss und öffentliches Gehör ringen. Der SPIEGEL berichtete schon im Frühjahr von einem Plan, den Evangelikalen-Funktionär Steeb verfasst hatte. Darin geht es darum, "dass sich unsere Gesellschaft zur 'christlichen Leitkultur' stellt. Seine Anhänger sollen...

  • "in Parteien mitarbeiten und dort biblisch-ethische Wertmaßstäbe bewusst einbringen"
  • bereit sein "zur Übernahme öffentlicher Verantwortung in Haus, Schule, Betrieb, Bezirksbeirat, Stadtrat, als Schöffe"
  • "den Mund auftun im persönlichen Umkreis, im Unterricht, im Betrieb, bei Veranstaltungen, im Gespräch mit politisch Verantwortlichen"
  • "Leserbriefe schreiben"

Eberhard Seidel von "Schule ohne Rassismus", der die Schülerzeitung koordiniert, ist entsetzt, welche Geschütze die christlichen Hardliner auffahren: "Die schießen mit Atomraketen auf Spatzen. Da nähern sich Jugendliche journalistisch komplexen Themen." Einzelheiten könne man kritisieren, aber der Furor sei "vollkommen übertrieben".

Besonders überrascht Seidel die Aggressivität der Hardliner. In einigen Foren werden mittlerweile Fotos und Adressen der jungen Autoren gepostet, ebenso die Anschrift der verantwortlichen Redakteurin.

Präsident Krüger rudert unter Druck zurück

Thomas Krüger und seine Bundeszentrale reagierten auf ihre Art: Sie distanzierten sich - und zwar nicht von den Evangelikalen, sondern von "Q-rage" und dem Artikel von Samuel und Hannes. "Die bpb hält diesen Beitrag in seiner Einseitigkeit und Undifferenziertheit für gänzlich unakzeptabel."

Warum dann vorher das Empfehlungsschreiben? Krügers Behörde verweist darauf, dass jeder Kooperationspartner von "Q-rage" die Zeitung empfohlen habe, in diesem Jahr sei die Bundeszentrale an der Reihe gewesen. "Wir haben auf die ausgewogene Berichterstattung früherer Ausgaben vertraut", sagte Krüger SPIEGEL ONLINE, "im Stress habe ich dann mehr oder weniger blind unterschrieben, und so ist die bedauerliche Formulierung durchgerutscht."

Krügers Job erfordert ein immerwährendes Einerseits-Andererseits. Er soll politische Bildung vorantreiben, ohne sich politisch festzulegen. Aber ist es weise, Schüler im Regen stehen zu lassen, die schärfer formulieren, als die Behörde es darf? Zumal es beim Schulnetzwerk um "Courage" geht? "Ich bin sehr dafür, sich kontrovers mit Themen zu beschäftigen", sagt Krüger. "Aber wir können keinen Schutzschirm aufspannen für Beiträge, die nicht unserer differenzierten Herangehensweise entsprechen."

Er will sich mit allen Beteiligten treffen, um die Wogen zu glätten. Auch im Kuratorium der Bundeszentrale sitzen erboste Mitglieder wie Ernst-Reinhard Beck. Der CDU-Bundestagsabgeordnete bezeichnete Krügers Schreiben als "absolut inakzeptabel" und forderte eine "Distanzierung ohne Wenn und Aber".

"Q-rage"-Macher Seidel interpretiert Krügers Rückzieher als Reaktion auf das Wüten einer einflussreichen Lobby evangelikaler Gruppen, die Prinzipien eines fairen und demokratischen Meinungsstreits in Frage stellen. "Das macht politische Bildungsarbeit schwierig bis unmöglich. Wie soll man den Schülern vermitteln, dass sie Stellung beziehen sollen, wenn man ihnen dann signalisiert: Wir lassen euch im Stich?" Das Projekt soll trotzdem weiterlaufen. Die Bundeszentrale will es auch im kommenden Jahr fördern.

Abgeklärt kommentiert Jungjournalist Hannes die Äußerungen von Krüger - "der will natürlich seinen Job nicht verlieren". Zu dem Text steht er nach wie vor: "Sicher, er ist provokant, aber nicht falsch." Mittlerweile sind auch das Bild von ihm und seine Kontaktadresse in den Internet-Foren nicht mehr zu finden - die Betreiber haben sie wieder gelöscht.

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