Von Frank van Bebber
Stiehlt das Turbo-Abitur den Schülern ihre Kindheit? Ist die Lernbelastung in der "G8"-Schule zu hoch? Sollte es beides geben, ein Abi nach 12 und eines nach 13 Jahren?

Rektoren Isabella Brauns und Manfred Schiwy: "Immer nur die G8-Debatte"
Er hat sich mit 500 anderen Rektoren aus Hessen zusammengetan und einen Brief an den geschäftsführenden Kultusminister Jürgen Banzer (CDU) formuliert. Einen Brief, in dem die Lehrer ihrem Unmut Luft machen. Einen Brandbrief. Und jeder zweite Grundschulrektor aus Hessen hat ihn unterschrieben.
Die Idee ist abgespickt von einer Gruppe von Hauptschulrektoren aus Baden-Württemberg - die brachten letztes Jahr mit eben so einem Brief ihre CDU-Regierung zur Weißglut, in dem sie die Abschaffung des dreigliedrigen Schulsystems forderten.
Defizite aus der Grundschule prägen die Schulkarriere
Der Grundschul-Brandbrief ist in erster Linie ein Appell der Lehrergewerkschaft GEW für mehr Lehrer und kleinere Klassen. GEW-Landesvorsitzender Jochen Nagel ergänzt ihn mit einer dramatischen Warnung: "Defizite, die in der Grundschule entstehen, schleppen die Kinder über die Schulkarriere mit."
Kultusminister Banzer trifft der organisierte Protest der Grundschulrektoren überraschend. Mit möglichen Koalitionen beschäftigten sich Hessens Politiker zuletzt intensiver als mit Schulthemen. Den Elternfrust über das achtjährige Gymnasium, also das Turbo-Abi, konnte Banzer dämpfen: Er sagte weniger Stoff, mehr Lehrer und kleinere Klassen für die G8-Geplagten zu.
Schulleiter Schiwy beschlich das Gefühl, die bildungspolitische Diskussion ignoriere die Grundschulen nach Kräften. Er sitzt in der GEW-Grundschulgruppe - und er leitet eine Grundschule mit 380 Schülern. Kürzlich rief er auf seinem Schulhof mit dem Megaphon den "Lesekönig" aus. In der Politik bräuchte er vielleicht auch ein Megaphon, denn dort fand er nach seinem Empfinden kaum noch Gehör: "Grundschule ist offensichtlich kein Thema mehr", sagt Schiwy, "wir haben nur noch die G8-Debatte gehabt."
Klassen sollen kleiner werden
Mit zwei anderen Schulleitern organisierte er in den Sommerferien per E-Mail die Zustimmung von 500 Kollegen zum Protest und machte dann den offenen Brief daraus. Kernforderung: Statt bei sinkenden Schülerzahlen Stellen abzubauen, sollten die Lehrer bleiben und Kinder in kleineren Klassen betreuen.
Hunderte Stellen habe Hessen in den vergangenen Jahren an den Grundschulen gestrichen, sagt Schiwy. Der zulässige Klassengröße liege bei 25 Schülern, doch sei Überschreiten um drei Schüler erlaubt – oft drängten sich 28 Kinder. Manche können schon lesen, andere noch nicht einmal still sitzen. In den großen Klassen könnten sich die Lehrer dann um die Kinder nicht ausreichend kümmern, so Schiwy. Doch anders als beim Gymnasium sei das Durchreichen schwieriger Schüler nach unten auf der Grundschule weder möglich noch gewollt.
Susanne Rothenhöfer, Sprecherin des Kultusministers, hält den Brief für eine Mischung aus Fehlinterpretationen, falschen Angaben und längst erklärten Zielen. Auf die G8-Probleme habe man gezielt reagiert, etwa mit Extrageld für die Mittagsbetreuung, sagt sie. Kultusminister Banzer wolle aber alle Schularten fördern und überall die Klassen schrumpfen, nicht nur am Gymnasium. Auch Lehrerstellen würden nicht gestrichen. Doch die Lehrer müssten mit "Umsicht und Augenmaß" dorthin, wo die Schülerzahlen stiegen – und das seien die weiterführenden Schulen. Die Klassen an den Grundschulen hätten derzeit im Schnitt 22 Schüler, so Rothenhöfer.
Deutsche Grundschulen schneiden international gut ab
Auch Experten sahen die Situation deutscher Grundschulen zuletzt nicht so dramatisch, wie der Hilferuf aus Hessen klingt. Zwar investiert Deutschland weniger Geld in die Startphase der Schullaufbahn als andere Länder, doch im November 2007 landeten deutsche Grundschüler beim Lese-Vergleichstest Iglu auf dem elften von 45 Plätzen. Der Dortmunder Schulforscher Wilfried Bos gab den Grundschulen eine "Zwei plus". Für Politiker und Journalisten war das ein Zeichen, sich wieder dem Streit um überforderte Gymnasiasten zuzuwenden.
Der Frust darüber ist die heimliche Botschaft des Protestbriefes. Hessens Grundschulleiter sind jedoch mit ihrer gefühlten Geringschätzung nicht allein: "Das gilt auch für Baden-Württemberg und Bayern", sagt Isabell Zacharias, Vorsitzende des Bayerischen Elternverbandes. Niemand bemerke, dass an Grundschulen Stunden ausfielen und Klassen zu groß seien. So wie die Schulleiter in Hessen und Baden-Württemberg sollten mehr Lehrer ihre Wut notieren, so die Elternvertreterin.
Drohen den hessischen Schulleitern dienstrechtliche Konsequenzen für ihre kritische Post? In Baden-Württemberg hatte Hauptschulrektor und Protestbriefschreiber Rudolf Bosch kürzlich beim Regierungspräsidium vorsprechen müssen. Stefan Mappus, Chef der CDU-Fraktion im Stuttgarter Landtag, erklärte: "Wenn der Mann noch lange im Amt ist, dann verstehe ich nicht mehr, warum man das Beamtentum braucht."
Der GEW-Landesvorsitzende Jochen Nagel rechnet in Hessen nicht mit Ärger für die Rektoren. Schon bald könnten die Parteien in einem neuen Wahlkampf um Stimmen werben müssen, spekuliert er - "da wird niemand vorgeladen".
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik SchulSPIEGEL | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Wissen | RSS |
| alles zum Thema Schul-Tests | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH