Von Birger Menke
Die 5c steht auf, teilweise sogar stramm, wenn Lehrerin Michaela Rastede in den Klassenraum kommt. "Guten Morgen" trällern die Kinder im Chor, wie es seit Ewigkeiten Brauch ist - und man könnte meinen, hier lebe die alte Schule noch, gegründet auf Gehorsam und Disziplin.
Doch was in dieser Mathestunde folgt, ist das Gegenteil von verstaubter Pädagogik. Die Schüler nehmen ihre je eigenen Wochenpläne zur Hand und rechnen los, jeder für sich, jeder etwas anderes.
Das ginge auch gar nicht anders. In der Klasse sitzen sowohl hochbegabte Kinder als auch lernbehinderte. Mohammed, 10, ist ein Junge, der schon mal den Tafelanschrieb seiner Lehrerin Rastede korrigiert. Drei Meter weiter sitzt Sharon, 11, die zwar lesen, aber fast nicht schreiben kann.
Individualisiertes Lernen und schülerzentrierter Unterricht: Wer mit Lehrern des Oberschulzentrums an der Koblenzer Straße spricht, hört in beinah jedem zweiten Satz Schlagworte moderner Pädagogik. Die Schule ist eine von vielen in Bremen, die seit diesem Schuljahr inklusiven Unterricht anbieten. Sogenannte Zentren für unterstützende Pädagogik sollen es behinderten Kindern ermöglichen, die Regelschule zu besuchen, statt auf Förderschulen zu gehen.
Bis zur neunten Klasse lernen die Kinder zusammen, dann werden sie je nach angestrebtem Abschluss in Kurse aufgeteilt. "Unser Ziel ist es, Schüler möglichst lange gemeinsam zu unterrichten. Aber es ist uns klar: Das stößt irgendwann an Grenzen", sagt Lehrerin Rastede.
"Je länger auf der Förderschule, desto schlechter die Leistungen"
Seit langem kritisieren die Vereinten Nationen, dass das deutsche Bildungssystem behinderte Kinder diskriminiere. Es nehme ihnen das Menschenrecht auf Bildung. In keinem EU-Land ist der Anteil behinderter Kinder, die Regelschulen besuchen, so niedrig wie in Deutschland. In Dänemark und Italien werden nahezu alle in Regelschulen unterrichtet - hierzulande sind es rund 15 Prozent, in Niedersachsen gar nur rund fünf Prozent.
"Die einschlägigen Studien belegen durchgängig, dass die große Mehrheit der Kinder und Jugendlichen mit besonderem Förderbedarf in ihrer Entwicklung in allgemeinen Schulen besser gefördert werden", schreibt der Bildungsforscher Klaus Klemm in seiner aktuellen Studie. Ob eine höhere Quote die Chancen behinderter Kinder auf dem Arbeitsmarkt erhöhen würde, ist kaum zu ermessen - sicher ist aber: Die derzeitige Situation ist miserabel. Über 400.000 Kinder mit Behinderung gehen auf eine Förderschule, die in manchen Ländern noch Sonderschule heißt. Rund drei Viertel verlassen sie ohne Abschluss (Ergebnisse von Klemms Studie siehe Fotostrecke und interaktive Tabelle).
Rund 2,6 Milliarden Euro geben die Länder jährlich für Förderschulen aus, ergab im vergangenen Jahr eine Studie der Bertelsmann Stiftung. Untersuchungen von Förderschulen kommen zu einem deutlichen Ergebnis: Es sind Fehlinvestitionen. Hans Wocken, Professor für Lernbehindertenpädagogik an der Uni Hamburg, hat eine Formel aufgestellt: "Je länger ein Schüler auf solch einer Schule ist, desto schlechter sind sowohl seine Rechtschreibleistungen als auch seine Intelligenzwerte."
Die Lehrpläne würden zu sehr ausgedünnt, die Schüler zu wenig gefordert, und das sowohl von Lehrern als auch von Mitschülern. In den Förderschulen blieben die Kinder und Jugendlichen unter sich, abgeschottet von Gleichaltrigen, die ihre Leistung fördern könnten.
Entspricht das Bremer Angebot überhaupt dem Willen der Eltern?
Das Pisa-Schlusslicht Bremen geht nun voran. Schon im Vorjahr schrieb es das Recht behinderter Kinder auf den Besuch einer Regelschule ins Gesetz. Bremen wendet damit die Uno-Behindertenrechtskonvention an, die für Deutschland seit Anfang 2009 verbindlich ist. Sie fordert ein "inklusives Bildungssystem".
Dem Bremer Gesetz entsprechende Passagen gibt es auch in Schulordnungen anderer Länder - doch meist scheitert die Integration behinderter Kinder am Unwillen der Behörden, die ihrerseits auf die fehlende Ausstattung an Regelschulen verweisen können. Wer für sein Kind nicht vor Gericht das Recht auf den Besuch einer Regelschule erklagt, kommt an der Förderschule oft nicht vorbei.
Der Sozialverband Deutschland mahnte in seinem Bildungsbarometer Inklusion schon im vergangenen Jahr, dass in vielen Ländern kein politischer Wille zur Umsetzung der Uno-Konvention erkennbar sei, allen voran in Bayern und Baden-Württemberg.
Viele Schüler gelten als behindert, weil ein Schultest das ergab
Doch entspricht das Bremer Angebot überhaupt dem Willen der Eltern? Da in dem Stadtstaat mit diesem Schuljahr zwar inklusive fünfte Klassen erstmals eingerichtet wurden, die Förderschulen jedoch zunächst weiter bestehen, hatten die Eltern die Wahl. Von 227 entschieden sich 60 Prozent, ihre Kinder auf eine Oberschule und nicht auf eine Förderschule zu schicken.
Sylvia Cordes gehört zu diesen 60 Prozent. Sie ist die Mutter von Sharon, dem Mädchen aus der 5c, das nahezu nicht schreiben kann. "Sharon wäre auf der Sonderschule untergegangen", sagt sie. Ihre Tochter sei ziemlich helle, anders als Gleichaltrige in ihrem Umfeld spreche sie "keine Gossensprache". Ein Hauptschulabschluss, sagt Cordes, "das wäre schön".
Sharon ist eine Schülerin von deutschlandweit zehntausenden, die nicht schwerst- oder mehrfachbehindert sind, sondern nur in einem ganz bestimmten Lernbereich massive Schwierigkeiten haben. Sie gelten als behindert, weil das ein Test in der Grundschule zum Ergebnis hatte.
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