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HipHop an Grundschulen: Harte Beats gegen die Bildungsmisere

Von Philipp Sümmermann

Sie rappen über Photosynthese und Klimawandel: Die Berliner HipHoper Robin Haefs und Vincent Stein verpacken Grundschulstoff in Reime - und das klingt alles andere als peinlich. Rapper-Kollegen sind neidisch: "Krass, warum hab ich das nicht gemacht?".

Verzweifelt schüttelt er den Kopf. "Nein, tut mir Leid, so geht das einfach nicht", stöhnt Mad Maks. Nur zwei Zeilen hat er gerappt, dann abgebrochen. Die Musik ist einfach zu leise, keine Monitorbox auf der Bühne, er hört seine eigene Stimme nicht. So kann er nicht arbeiten.

Er wagt hier ein Experiment, wieder einmal. Er ist nicht irgendein Rapper auf irgendeiner Bühne. Er will etwas erreichen, das nichts mit Verkaufszahlen und Ruhm zu tun hat. Er hat ein Ziel: Rap als Unterrichtsmethode zu etablieren - Sprechgesang mit Bildungsauftrag.

Deshalb ist er hergekommen, auf die Bildungsmesse "Didacta" in Hannover; hier treffen sich Schulbuchverleger, Lehrer, Erzieher und Bildungspolitiker. Ihnen will er zeigen, wie Rap im Klassenzimmer funktioniert, mit einem Text über Themen, die sonst eher nicht auf der Agenda der HipHop-Szene stehen: gesunde Ernährung und Nachhaltigkeit.

Und jetzt muss Mad Maks sich streiten mit dem Techniker, der die Musik einfach nicht lauter drehen will. "Vorschrift", sagt der Techniker.

Sie rappen über Klimawandel und Photoynthese

Eigentlich heißt er Robin Haefs. Aber zusammen mit seinem Produzenten Vincent Stein sind sie Mad Maks und Beatzarre vom Duo "Rapucation" - in dem Namen verschmelzen die Worte "Rap" und "Education". Stein ist für für die musikalische Untermalung der Songs verantwortlich.

Die Texte der beiden handeln nicht von Drogen, Prostitution und Gewalt, sondern vom Klimawandel und der Photosynthese. Ihr Konzept: Statt Arbeitsblätter zu büffeln, bekommen Grundschüler den Stoff vorgerappt. Der einprägsame Rhythmus soll den Kindern helfen, sich die schwierigen Inhalte besser einzuprägen.

Dass ihre Idee durchaus funktioniert und dass ihre Stücke nicht nur gut gemeint sind, sondern sich hören lassen können, haben die beiden vielfach gezeigt - zum Beispiel an einer Grundschule in Berlin: Dumpfe Beats tönen aus dem Klassenzimmer. Die Geschichte der Hauptstadt steht für die sechste Klasse auf dem Stundenplan, der Lehrer hat heute mal Pause. Mad Maks und Beatzarre gestalten die Stunde:

"Unser Berlin -
gezeichnet von Teilung und Krieg -
1244 taucht der Name Berlin zum ersten Mal auf.
1701 Hauptstadt von Preußen -
1871 Hauptstadt der Deutschen"

Die Sechstklässler wippen mit dem Kopf, sprechen den Text mit. Mad Maks, 28, schwarzer Kapuzenpulli, weiße Turnschuhe, Baggy Pants, blickt konzentriert nach unten beim Rappen, das Mikro hält er dicht an den Mund.

"'45 wird Deutschland befreit -
Schreckenszeit ist vorbei und Berlin wird geteilt -
Der russische Sektor umgibt West-Berlin -
die Luftbrücke bringt die Nahrung und Benzin."

Rap im Unterricht als Thema der Bachelor-Arbeit

Beatzarre, 25, hat Laptop und Plattenteller vor sich aufgebaut, sein Fuß klopft im Takt zum Bass. Als Produzent hat er schon für das Popduo "Ich+Ich", für Sarah Connor und für Jimi Blue gearbeitet. Als Mad Maks mit der Idee zu ihm kam, hat er nur ein Wort gesagt: geil. "Das war das Beste, was mir passieren konnte", sagt Haefs. Im Vergleich zu dem Bildungsrap ist der von Stein produzierte HipHop sonst härter. Die Musik von "Fler" und den Skandalrappern von "Aggro Berlin" gilt vielen als frauenfeindlich und gewaltverherrlichend.

"Ich habe wirklich gedacht, wenn meine Kunden das rausfinden, zumindest die härtere Fraktion, dass ich mich dann rechtfertigen muss. Aber ganz im Gegenteil", erzählt Stein. "Die haben gesagt: Krass, warum hab ich das nicht gemacht?" Haefs ergänzt: "Wir bringen immerhin den kleinen Brüdern von denen was bei."

Haefs alias Mad Maks hat seine Idee nicht nur zu ein paar Songs verarbeitet, er hat auch seine Bachelorarbeit über "Rapucation" geschrieben - und die Lehrmethode in einem Modellversuch an 696 Kindern ausprobiert.

33 Berliner Grundschulklassen nahmen an dem Versuch teil. Ein Drittel der Klassen bekam eine CD mit "Rapucation"-Musik vorgespielt. Die Lieder sollten die Schüler auf den von Haefs erstellten Abschlusstest vorbereiten. Die gleichen Sachinformationen erhielt auch das zweite Drittel, allerdings in Form eines konventionellen Arbeitsblattes. Um einen statistischen Vergleich zu haben, erhielten die restlichen Klassen keinerlei Material. Für die beiden Musiker war die Auswertung ein Erfolg. Denn die Studie zeigte, dass die Musikgruppe fast genau so gut abschnitt wie die mit den Arbeitsblättern. Robin Haefs brachte diese Erkenntnis zudem eine glatte Eins als Abschlussnote ein.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
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1. Armes Deutschland
klaasklever7, 18.02.2009
Zum Glück wohne ich nicht mehr in diesem verblödeten und verarmten Land, es wäre mir peinlich. Aufstrebende Nationen bringen ihren Kindern etwas bei: Mit echten Büchern aus gedrucktem Papier. Nicht mit Laptop und Zirkus!
2. Den Einstieg vermitteln
suboptimal_ 18.02.2009
Grundsätzlich finde diese Idee nicht schlecht. Wenn ich es richtig verstehe, soll "Rapucation" den Unterricht auch nicht ersetzen, sondern ergänzen. Warum auch nicht den Spaß am Lernen fördern? Bei Wissenschaft und Schule muss man auch mit Begeisterung dabei sein. Die Motivation zum Lernen ist auch eine emotionale Sache. Ich persönlich finde Rap wie gemacht für den Transport von Informationen mit Inhalt. Es existiert hier Rhythmus wie in Lernrhythmus. Die Informationen werden im richtigen Tempo vermittelt, Gesang würde den Informationsfluss hemmen. Es werden mehrere Sinne gleichzeitig angesprochen, die Kinder können sich dazu bewegen, das verankert das Wissen langfristig. Das Musikstück, das die Texte untermalt, gibt Informationen zum Thema in musikalischer Weise wieder. Diese Informationen zu entschlüsseln macht sensibel für die Medien, - Stichwort: Medienkompetenz. Der Rap ist fächerübergreifend, schult für die Lyrik im Deutschunterricht, macht sensibel für die deutsche Sprache allgemein, ist ein Einstieg in die Musikgeschichte. Die ganze Sache fördert auch die Kreativität, ein wichtiger Punkt, um später im Leben für Probleme außergewöhnliche Lösungen zu finden. Für manchen außergewöhnlichen Wissenschaftler basiert ja auch die berufliche Leidenschaft auf Science-Fiction-Romanen oder Comic-Heften aus der Jugendzeit. PS: Die Aussage von einem Beitrag weiter oben, dass "Rap" ins Ghetto gehören würde, ist rassistisch hoch drei. Aber da spricht auf irgendeiner Art und Weise Frust aus dieser Aussage. Ist also mehr emotional als sachlich. Der Herr wäre der erste Kandidat für ein "Rapucation"-Stück über Toleranz. Einmal Nachsitzen bitte. ;)
3. Willkommen in der Spaßgesellschaft!
klaasklever7, 18.02.2009
Zitat von suboptimal_Grundsätzlich finde diese Idee nicht schlecht. Wenn ich es richtig verstehe, soll "Rapucation" den Unterricht auch nicht ersetzen, sondern ergänzen. Warum auch nicht den Spaß am Lernen fördern? Bei Wissenschaft und Schule muss man auch mit Begeisterung dabei sein. Die Motivation zum Lernen ist auch eine emotionale Sache. Ich persönlich finde Rap wie gemacht für den Transport von Informationen mit Inhalt. Es existiert hier Rhythmus wie in Lernrhythmus. Die Informationen werden im richtigen Tempo vermittelt, Gesang würde den Informationsfluss hemmen. Es werden mehrere Sinne gleichzeitig angesprochen, die Kinder können sich dazu bewegen, das verankert das Wissen langfristig. Das Musikstück, das die Texte untermalt, gibt Informationen zum Thema in musikalischer Weise wieder. Diese Informationen zu entschlüsseln macht sensibel für die Medien, - Stichwort: Medienkompetenz. Der Rap ist fächerübergreifend, schult für die Lyrik im Deutschunterricht, macht sensibel für die deutsche Sprache allgemein, ist ein Einstieg in die Musikgeschichte. Die ganze Sache fördert auch die Kreativität, ein wichtiger Punkt, um später im Leben für Probleme außergewöhnliche Lösungen zu finden. Für manchen außergewöhnlichen Wissenschaftler basiert ja auch die berufliche Leidenschaft auf Science-Fiction-Romanen oder Comic-Heften aus der Jugendzeit. PS: Die Aussage von einem Beitrag weiter oben, dass "Rap" ins Ghetto gehören würde, ist rassistisch hoch drei. Aber da spricht auf irgendeiner Art und Weise Frust aus dieser Aussage. Ist also mehr emotional als sachlich. Der Herr wäre der erste Kandidat für ein "Rapucation"-Stück über Toleranz. Einmal Nachsitzen bitte. ;)
Das nenne ich konsequent: Die Schüler sollen schon früh durch eine "Spaßschule" auf die "Spaßgesellschaft" vorbereitet werden. Blöd nur, dass die Menschen in Schwellenländern dabei nicht mitmachen. Anstatt mit uns um "Spaß" zu konkurrieren, nehmen sie das Leben ernst und lernen härter und arbeiten mehr für weniger Lohn. Das Ergebnis ist jetzt schon sichtbar: Wirtschaftlicher Aufstieg der Schwellenländer, Niedergang der Spaßgesellschaft in Hartz IV.
4. Butter bei den Fischen
suboptimal_ 19.02.2009
Ich sehe schon Herr Klaasklever7, weil Ihnen eventuell das Lernen kein Spaß gemacht hat, muss es den Schülern von heute genau so gehen. ;) Gerade bei hochqualifizierten Kräften, kommt es beim Vergleich untereinander, um das Quentchen mehr Softskill, Querdenkertum und Kreativität an. So etwas kommt nicht allein vom stumpfen Pauken oder durch Leidensdruck. Und wer sagt außerdem, dass Spaß am Lernen zu wenig Ausdauer führt. Das steigert gerade den Workflow. Glauben Sie das die Bildungsmisere in Deutschland im Hauptschulbereich alleine aufgrund "verweichlichter" Schüler entstanden ist. Naaahh! Dass die Jugendlichen nichts zu lachen haben, dafür sorgt leider schon manches Elternhaus. Das Thema Schwellenländer ist noch einmal etwas ganz anderes. Dass es dort im Arbeitsleben aus gegebenen Umständen unmenschlich und unsozial zugeht, sollte uns kein Vorbild sein. Es sollte eher anspornen persönliche Kontakte in diese Länder zu knüpfen, um gemeinsam gesellschaftliche und wirtschaftliche Probleme anpacken zu können, anstatt auf sich gegenseitig mit dem Finger zu zeigen. So was freut nur die Leute, die eiskalt vom Lohngefälle profitieren, oder der Teil der Endkonsumenten, die Geiz geil finden.
5. Arbeitsblatt ist überlegen
Schnabeltier 19.02.2009
Ich finde, das Ergebnis der Auswertung sagt doch eigentlich alles, was dazu zu sagen ist: "Für die beiden Musiker war die Auswertung ein Erfolg. Denn die Studie zeigte, dass die Musikgruppe *fast* genau so gut abschnitt wie die mit den Arbeitsblättern." Das Medium Arbeitsblatt ist dem Medium Rap doch offensichtlich *überlegen*, um wieviel, das ist doch letztlich egal. Mit welcher Rechtfertigung kann ich denn als Lehrer hergehen und rappen, anstatt ein Arbeitsblatt durcharbeiten zu lassen, wenn der Bildungsauftrag mit dem Rap schlechter erfüllt wird als mit dem Arbeitsblatt? Über Spaßgesellschaft brauchen wir da gar nicht zu diskutieren.
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