HipHop gegen Komasaufen: "Ich kann nicht alle retten"

Von Anna Fischhaber

Mit HipHop erreicht man Jugendliche am besten, so lassen sie auch die Finger vom Schnaps. Das glaubt jedenfalls die Bundesregierung. Ihr Projekt gegen Komasaufen klingt nach munterer Erlebnispädagogik. Aber es ist ein schwieriges Experiment - für die Rapper und für Neuköllner Schüler.

Georg J. Lopata/ axentis.de

Bickmack gibt sich große Mühe, grob zu wirken. Ein schwarzer Kapuzenpulli verdeckt seinen massigen Körper, um den Kopf trägt er ein Tuch, um den Hals baumeln schwere Silberketten. "Das Leben ist manchmal eben scheiße", ist so ein Satz, den er gerne sagt. Oder: "Haltet endlich die Klappe und hört zu."

Mit einem wütenden Handgriff befördert er zwei Schüler samt Stühlen zur Seite und quetscht sich zwischen sie. Das ist Teil seiner Show, um an die Jugendlichen heranzukommen. Einer Art Erziehungsshow, mit der er an diesem Mittwoch an der Röntgenschule in Berlin-Neukölln über Alkoholmissbrauch aufklären will.

Mario "Bickmack" Pavelka weiß, was eine verkorkste Jugend ist. Er selbst war gerade zwölf, als ihn das Jugendamt von seiner tablettensüchtigen Mutter abholte, bald nahm er selbst Drogen, stahl, saß im Gefängnis. Doch das ist lange her. Inzwischen rappt der 33-jährige Bonner im Auftrag der Bundesregierung: "HipHop gegen Komasaufen" nennt sich das Pilotprojekt, mit dem er Jugendlichen helfen soll - mit wöchentlichem Theorieunterricht, Rap- und Tanzstunden.

HipHop soll die Sprache sein, die Jugendliche verstehen

Finanziert wird der Kurs vom Verband der privaten Krankenversicherung, der kein Ende des Trends sieht, auch wenn das Thema Komasaufen inzwischen etwas aus dem öffentlichen Bewusstsein verschwunden ist. Es ist nicht das erste Projekt zur Aufklärung jugendlicher Trinker und auch beileibe nicht der einzige Versuch, Schüler via HipHop zu erreichen.

Fotostrecke

4  Bilder
Rappender Retter: Bickmack kämpft gegen Komasäufer
Stolz reckte Mechthild Dyckmans, FDP-Politikerin, Drogenbeauftragte und Klassik-Fan, zum Projektstart mit ihrem neuen Botschafter Bickmack die Finger in die Luft. Prävention mit Rappergruß statt mit erhobenem Zeigefinger - nach Malkursen gegen Komasaufen schien sie endlich eine Sprache gefunden zu haben, die Jugendliche verstehen.

Doch was nach munterer Erlebnispädagogik klingt, ist an der Röntgen-Schule in Neukölln ein schwieriges Experiment. Die Rütli-Schule ist nicht weit, Eltern aus Prenzlauer Berg oder Mitte würden nicht im Traum daran denken, ihre Kinder in diese Kiez-Schule zu schicken. 53 Nationen treffen dort täglich aufeinander, Schüler mit ausschließlich deutschen Eltern sind die Ausnahme.

An diesem Mittwochmorgen gab es eine Prügelei. Gegen zwei Mädchen wird Strafanzeige gestellt, es ist nicht ihre erste. Der HipHop-Kurs ist für sie gestrichen, doch sie sind nicht die einzigen, die fehlen. Nur etwa die Hälfte der 25 Schüler ist gekommen. Streng blicken Bickmack und sein Berliner Kollege Akteone auf ihre Anwesenheitsliste. Lehrersein ist in Neukölln auch für Rapper nicht immer leicht.

"Früher habe ich getrunken, jetzt lebe ich nach den Regeln des Koran"

Ein Klassenzimmer im zweiten Stock, auf dem Stundenplan steht Theorie, an der Röntgen-Schule müssen erst einmal die Grundlagen geklärt werden. "Was ist Nebenwirkung?", fragt ein Junge. "Und was ein Kater?", meldet sich ein anderer Schüler. Auch die Zahl der Alkoholsüchtigen in Deutschland ist schwer abzuschätzen. "200?", fragt ein Mädchen. Kaum einer der Jugendlichen weiß, wie viele Einwohner Deutschland hat.

Überhaupt sind die Schüler hier nicht gerade das, was man als Risikogruppe bezeichnen würde: Nur zwei deutsche Mädchen, laut Alkoholstudien besonders gefährdet, nehmen an dem Projekt teil. "Früher habe ich getrunken und mich dann geschlagen", sagt Tarkan, 16, aus der Türkei. "Aber jetzt lebe ich nach den Regeln des Koran." Viele Jugendliche nicken.

Experten bezweifeln den Sinn des Projekts. "Die Gefährdeten wird das nicht ansprechen, und ob es den Ungefährdeten hilft, ist nicht belegt", heißt es im Deutschen Zentrum für Suchtfragen des Kindes- und Jugendalters im Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf. Dennoch scheint Bickmacks Hip Hop-Projekt in Neukölln etwas zu bewirken - auch wenn das mit Alkoholprävention nur wenig zu tun hat.

"Was mich am Leben hält, ist die Wut"

Praxisunterricht, eine Woche später: Während die anderen Schüler in der Rapstunde noch über ihren leeren Seiten grübeln, ist Tarkans Text längst fertig. Sein Vater ist vor drei Monaten gestorben. Zuerst schlug der große, massige Junge wütend um sich, dann zog er sich immer mehr zurück. Beim Rappen hat er seine Sprache wiedergefunden.

Er hat wieder über seinen Vater geschrieben, der so unglücklich in Deutschland war, und darüber, dass er bald in die Türkei zurück muss. "Guck Papa, wie ich jetzt sterbe", beginnt er seinen Sprechgesang, als der Beat einsetzt. "Erst war da so ein Kribbeln", sagt er. "Jetzt rappe ich einfach los."

"Jede Nacht stehe ich auf und hoffe, alles wird gut, was mich am Leben hält, ist die Wut", übt neben ihm Mohammed, 15. Es sind düstere Zeilen in holprigem Deutsch, dennoch wirkt er beim Rappen kein bisschen lächerlich. "Früher wollte ich Ausdrücke benutzen, cool sein", sagt er. Jetzt hat auch er eine Mission. "Viele Leute denken, unsere Musik ist unwichtig, aber wir wollen den Menschen helfen, weniger zu trinken." Mohammed spricht, als sei er hier selbst der Veranstalter. Dass es vor allem um ihn selbst geht, hat er nicht verstanden. Aber vielleicht ist das auch nicht so wichtig.

Im Nebenraum übt die Tanzgruppe. Schwerfällig bewegt sich ein Mädchen mit Kopftuch zur Musik. "Ich kann nicht mehr", ruft sie und lässt sich auf ein Sofa fallen. "Weiter geht es. Eins, zwei, drei", zählt der Tanzcoach und schüttelt verzweifelt den Kopf. Sport gehört hier bei den wenigsten zum Freizeitprogramm. "Wir müssen hundert Prozent geben", sagt er.

"Sie wachsen damit auf, zu nichts Nutze zu sein"

Bis zum finalen "Schoolbattle" im Februar soll die Choreografie stehen. Ebenso ein Song über Alkoholmissbrauch. Dann tritt die Röntgen-Schule in Berlin öffentlich gegen die Kölner Max-Planck-Realschule an, die ebenfalls am Projekt teilnimmt. Mechthild Dyckmans will kommen, ebenso Sigmar Gabriel und Klaus Wowereit, um den erfolgreichen Kampf gegen Komasaufen zu feiern.

Lehrer Heinz Haberland lächelt geduldig, er kennt seine Schüler. "Sie haben sich noch nie für etwas engagiert", sagt er. "Sie wachsen damit auf, zu nichts Nutze zu sein." Haberland ist ein engagierter Lehrer, aber nach 33 Jahren an der Röntgen-Schule weiß er, was mit den Jugendlichen möglich ist. Und was nicht.

Im Unterricht geht er mit ihnen ins Theater, singt beim Karneval der Kulturen; für das HipHop-Projekt hat er ein halbes Jahr lang Ethik-, Deutsch- und Sportstunden gestrichen, jetzt gibt er Noten für Rap und Tanz. "Seine Freizeit würde hier niemand opfern", sagt Haberland. "Aber wenn sie lernen ein Team zu sein, ist das der beste Sozialunterricht, den ich ihnen bieten kann."

Das Team ist bis zum Abend deutlich geschrumpft, einige Jugendliche haben das Projekt verlassen. "Ich will ja den Leuten helfen", erklärt ein Schüler. "Aber das bisschen HipHop bringt doch nichts." Dann ist er verschwunden. Und nicht nur er. Haberland nickt nach der ersten Vorführung dennoch zufrieden: "Sie haben jetzt ihr erstes Erfolgserlebnis."

Auch die Rapper können damit leben. "Eigentlich tun wir hier nichts anderes als Erziehungsfehler ausbügeln", sagt Bickmack. "Wichtig ist, dass die Jugendlichen ihr Leben in die Hand nehmen." Und ob Prävention gegen Alkohol, Gewalt oder ein Integrationsprojekt, das sei doch egal. Er seufzt. An der Röntgen-Schule haben das noch nicht alle kapiert. "Aber ich kann auch nicht alle retten."

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik SchulSPIEGEL
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Wissen
RSS
alles zum Thema Komasaufen
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
Fotostrecke
Anti-Alkohol-Kampagne: "Und was trinkt ihr so?"

Fotostrecke
Manga-Kampagne: Harry Potters französisches Vorprogramm

Fotostrecke
Vorzeigeprojekt Rütli: Sie spielen jetzt Geige statt Gangster
Fotostrecke
"Auf dem Sprung": Jugendliche Lebenswelten


Dein SPIEGEL digital
Social Networks