Rechte Jugendbewegung "Identitäre": Flashmob der Islamhasser

Von Timo Brücken

Sie hetzen gegen Muslime, wollen aber keine Rassisten sein. Mit Krawall, NS-Anleihen und Fascho-Ästhetik gerieren sich die "Identitären" im Internet als neue rechte Jugendbewegung. Im Netz bekennen sich Hunderte zu den Rechtsextremen.

"Identitäre" im Netz: Fascho-Optik und süße Hündchen Fotos

Wie Bannerträger in einer Schlacht stehen sie vor dem Brandenburger Tor: 14 junge Männer in einer Reihe, Schutzschilde vor der Brust, Fahnen in der Hand. Auf beiden das gleiche Zeichen, ein schwarzer Winkel auf gelbem Grund, der griechische Buchstabe Lambda. Er ziert auch die Schilde der spartanischen Krieger im Film "300", in dem eine kleine Truppe Spartaner gegen ein ganzes persisches Heer kämpft. Die wenigen letzten Standhaften gegen die Horden aus dem Osten - so lässt sich auch das Selbstbild der jungen Männer beschreiben.

Das Foto, auf dem sie zu sehen sind, steht auf der Facebook-Seite der "Identitären Bewegung Deutschlands" (IBD), einer Gruppe, die bisher vor allem im Internet in Erscheinung tritt und die Experten und Verfassungsschützer als rechtsextrem einstufen. Die IBD behauptet, für "den Schutz unseres Kontinents vor Überfremdung, Massenzuwanderung und Islamisierung" einzutreten und fordert die "geistig-kulturelle Revolution der Jugend im Namen unserer ethnokulturellen Identität". Fremdenfeinde oder Neonazis wollen die Identitären jedoch nicht sein: "100 Prozent Identität - 0 Prozent Rassismus" ist einer ihrer Slogans, "Nicht rechts, nicht links - identitär" ein anderer.

"Wer woanders herkommt, gehört nicht zu unserem Volk"

Alles Fassade, sagt der Rechtsextremismusexperte Alexander Häusler von der Fachhochschule Düsseldorf. Die Identitären seien eindeutig rassistisch, islamfeindlich und völkisch eingestellt. "Wer woanders herkommt, gehört nicht zu unserem Volk", laute die einfache Formel der Bewegung. Die IBD hetzt gegen Multikulti und propagiert den "Ethnopluralismus": Die Kulturen sollen friedlich nebeneinander leben - mit Betonung auf neben. Bitteschön jeder auf seinem Gebiet und bloß nicht vermischen. Schließlich strebten doch Indianer die Einheit mit der Natur an, während es Japanern stets um die Ehre gehe und Europäer nur ihrem Freiheitsdrang nachgingen, so die pseudo-ethnologische Begründung: "Wer wollte all diese Völker und Kulturkreise in einen Topf werfen?"

Eine Gruppe soll dabei unter gar keinen Umständen dazugehören: die Muslime. Der Islam sei inkompatibel "mit unserer Kultur und unserem Staat", schreibt die IBD. Seine Anhänger lebten in einer von "Hass, Primitivismus und Kriminalität geprägten Ghetto-Subkultur". "Reconquista", Rückeroberung, ist ein sehr beliebtes Wort unter Identitären. Es bezeichnet die Vertreibung der islamischen Eroberer von der iberischen Halbinsel im Mittelalter. Als seien Muslime gefährliche Invasoren, die bekämpft werden müssen.

Vieles bei der IBD klingt verdächtig nach den Parolen der rechtsextremem Splitterpartei Pro Deutschland, doch das Vorbild kommt aus Frankreich. Dort veröffentlicht die sogenannte Génération Identitaire im vorigen Jahr eine "Kriegserklärung" an den Multikulturalismus auf YouTube. Als das Video im Herbst 2012 erstmals mit deutschen Untertiteln auftaucht, werden die Identitären auch hierzulande aktiv: Im Oktober gehen die Facebook-Auftritte der IBD und zahlreicher lokaler Untergruppen online. Am 30. Oktober stören Aktivisten in Frankfurt die Eröffnungsveranstaltung der Interkulturellen Wochen. Anfang Dezember kommen ebenfalls in Frankfurt etwa 50 Identitäre zu einem "Vereinigungstreffen" zusammen. Und drei Wochen später stehen sie schließlich vor dem Brandenburger Tor.

Islamhasser im Jugendbewegungsmodus

In Auftreten und Ästhetik bedienen sich die Identitären ungeniert in der Popkultur und bei linken Aktivisten: Da werden wie in Frankfurt in Flashmob-Manier öffentliche Veranstaltungen gestürmt, Aktivisten tanzen zu Technomusik aus dem mitgebrachten Ghettoblaster und halten Schilder mit Parolen in die Luft. Natürlich vermummt, gern mit Guy-Fawkes-Maske, wie man sie von der Occupy-Bewegung kennt. "Multikulti wegbassen" nennen sie das. Für Propagandamaterial werden reihenweise Filmmotive verfremdet. Die Kulturkampf-Story "300" ist dabei ähnlich beliebt wie "Avatar": edles Alien-Naturvolk gegen Invasoren von der Erde. Für einfachere Gemüter gibt es hübsche Frauen oder lustige Tierbilder, versehen mit schneidigen Parolen. Fremdenhass verpackt als Spaßguerilla.

Mit den Identitären habe die politische Rechte auf "Jugendbewegungsmodus" geschaltet, sagt Extremismusforscher Häusler. Für junge Menschen seien sie attraktiver als der "Wikingjugend- und HJ-Style" klassischer Neonazis. Doch auch wenn die IBD sich von diesen öffentlich distanziere, die Ideen seien die gleichen: "Es geht nach wie vor um das Drohen des Volkstodes, des Untergangs."

Wer die Identitären kontaktiert, landet bei einem gewissen Mack, der sich als Pressesprecher ausgibt, aber seinen richtigen Namen nicht nennt und auf Fragen nur per E-Mail antwortet. Die IBD habe bisher keine offiziellen Vertreter, schreibt er, eine zentrale Führung sei aber im Aufbau. Man wolle einen Verein gründen, aber keine Partei. "Es gibt keine offizielle Mitgliedschaft", erklärt der Sprecher: "Nur eine Liste der offiziellen Gruppen, die sich unseren Grundsatzpositionen angeschlossen haben." Auf dieser stünden 35 Gruppen, die Zahl der aktiven Identitären schätzt er auf 200, den Unterstützerkreis gar auf "mehrere tausend Menschen".

Ob das stimmt und wie gefährlich die Identitären wirklich sind, ist derzeit schwer zu beurteilen. Sie sind bisher vor allem im Internet aktiv. Verfassungsschutzpräsident Hans-Georg Maaßen bezeichnete die IBD deswegen als virtuelle Erscheinungsform des Rechtsextremismus mit "bislang wenig Realweltbezug". Alexander Häusler sieht jedoch "organisatorische Anknüpfungspunkte" an die islamfeindliche Pro-Deutschland-Bewegung und die mit ihr verbundene German Defence League. Im jugendaffinen Auftreten sieht er die größte Gefahr: Jugendliche, deren Weltbild zwar diffus fremdenfeindlich, aber nicht radikal sei, würden von den Identitären sehr viel schneller angesprochen als von Neonazis.

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