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11. Dezember 2012, 16:42 Uhr

Leistungsvergleich der Grundschüler

Stoppt den Reformwahn

Ein Kommentar von

Deutschlands Grundschulen stehen im internationalen Vergleich gut da, wie zwei neue Studien bestätigen. Sie profitieren davon, dass die Politiker sie in ihrem Reformeifer bisher kaum antasteten - anders als andere Schulformen.

Ein Platz im oberen Drittel, deutlich hinter der Spitzengruppe, aber mit viel Luft nach unten: In der Fußball-Bundesliga wäre das ein Tabellenrang, der für die Uefa Europa League qualifiziert. In einem internationalen Bildungsvergleich darf Deutschland eine solche Position als Erfolg werten.

Bei den jetzt vorgestellten Schulstudien Iglu und Timss 2011 wurde die Bundesrepublik ausnahmsweise einmal nicht abgewatscht: Die Grundschüler hierzulande weisen demnach solide Kenntnisse im Lesen sowie in Mathematik und in den Naturwissenschaften auf. Sie profitieren davon, dass ihre Trainer über Jahre hinweg in relativer Ruhe ihre Arbeit machen durften - ohne ständige Eingriffe aus dem Club-Management.

Denn während die Pisa-Studie Neuntklässler gegeneinander antreten lässt, standen dieses Mal die Grundschulen auf dem Prüfstand. Jene Schulform also, die Deutschlands Schulpolitiker kaum angetastet haben. Und die gerade deshalb recht gut funktioniert.

Zwar hat es auch in den Grundschulen Neuerungen gegeben, deren Ertrag fragwürdig ist: Zum Beispiel lernen fast überall die Knirpse nun schon im zarten Alter Englisch oder eine andere Fremdsprache, ohne dass davon viel hängen bleibt. Auch existieren föderal bedingte Unterschiede: In den meisten Bundesländern dauert die Grundschule vier Jahre, in Berlin hingegen sechs Jahre.

An den Grundschulen geht es vergleichsweise beschaulich zu

Doch im Vergleich zu dem Reformwahn, der in den vergangenen Jahren über die weiterführenden Schulen hereingebrochen ist, ging es bei den Jüngsten vergleichsweise beschaulich zu. Die auf acht Jahre verkürzte Schulzeit im Gymnasium, deren teilweise Rückabwicklung, die Reform der Oberstufe, das Ende der Hauptschulen: Damit müssen sich Schüler und deren Eltern erst herumschlagen, wenn die Grundschule vorbei ist.

Die Grundschulen sind vergleichsweise einfach organisiert, die Anzahl der Fächer lässt sich überschauen, die Stundentafeln sind noch nicht überfüllt. Wenn es gut läuft, halten Eltern und Lehrer engen Kontakt, fürs Backen, Basteln und die Wandertage finden sich dann ausreichend freiwillige Helfer. Über optionale Schulfächer, Schwerpunkte oder auch die Wahl der richtigen Schule müssen sich Väter und Mütter hingegen nur wenig Gedanken machen. In den meisten Städten gilt ein Sprengelprinzip, welches die der Wohnung am nächsten gelegene Schule zuweist.

Solche klaren Strukturen und Regeln entlasten. Sie machen alle Beteiligten frei für das wirklich Wichtige: dass die Lehrer ihren Job machen können, dass die einzelnen Schüler und ihre Klasse vorankommen. Die Grundschule ist deshalb im positiven Sinn eine Gemeinschaftsschule - weil hier eher ein Gemeinschaftsgefühl herrscht als im weiteren Fortgang der Schullaufbahn. Und weil hier Kinder aus Arbeiter- und Akademikerfamilien oft noch gemeinsam lernen.

Viele Risikoschüler, wenig Überflieger

Die Grundschulen deshalb als pädagogischen Ponyhof zu verherrlichen, wäre falsch. Iglu und Timss zeigen, dass zwei Leistungsgruppen Probleme haben, dort ihren Platz zu finden: die ganz Guten und die ganz Schlechten. Die ersteren finden zu wenig Anregung, die letzteren werden nicht ausreichend gefördert. Noch immer, das offenbaren die beiden Untersuchungen auch, hängt Schulerfolg zu sehr vom Elternhaus ab.

Falsch wäre es indes, aus dem Erfolg der Grundschulen einen Appell für die Gemeinschaftsschule bis zum Abitur abzuleiten. Eine solche ist in Deutschland politisch nicht durchsetzbar. Wer auch nur Ansätze davon gegen die Gymnasiallobby durchzukämpfen versucht, schafft Chaos und wird vom Wähler abgestraft.

Das musste zuletzt die inzwischen abgewählte schwarz-grüne Koalition unter Ole von Beust (CDU) in Hamburg 2010 erfahren. In einem Volksentscheid schmetterten die Hamburger Wähler das Ansinnen ab, die Grundschulzeit auf sechs Jahre zu verlängern. Sie spürten, dass die Reform vor allem sozialpolitisch motiviert war, mit ungewissem pädagogischen Ausgang. Durch längeres gemeinsames Lernen sollten die besseren Grundschüler die schwächeren mitziehen - als eine Art unbezahlter Sozialarbeiter.

Ein gesundes Misstrauen gegenüber solchen Eingriffen kann helfen, die Qualität der Grundschulen zu sichern. Wenn der Schulbetrieb gut funktioniert, ist schon viel erreicht. Schule kann nicht alle gesellschaftlichen Brüche heilen. Diese Einsicht bedeutet indes nicht, reaktionär auf Bestehendem zu beharren. Nur erfordern Reformen Behutsamkeit und Sachkenntnis.

Die Inklusion behinderter Kinder in die Regelschulen ist solch ein hehres, wichtiges Projekt. Sie wird nur funktionieren, wenn zusätzliche Lehrer und Sozialpädagogen in die Klassen kommen, um sich mit diesen Kindern zu beschäftigen. Ähnliches gilt für die Nachmittagsbetreuung von Grundschülern: Dazu benötigen viele Schulen zusätzliche Räume sowie weitere Planstellen für Fachkräfte. Andernfalls drohen die Grundschulen nur zu stickigen Ganztags-Verwahranstalten zu verkommen.

Von Iglu und Timss geht deshalb der Aufruf an Politiker und Schulleiter aus, solide zu arbeiten: Greift nicht zu viel ein, und wenn ihr verändert, dann macht es richtig! Bastelt nicht zu viel an Schulstrukturen und Schuldauer herum, bindet lieber die Beteiligten ein! Oder in Abwandlung der Politiker-Weisheit, wonach die Wirtschaftslage wahlentscheidend sei: Es ist der Unterricht, Dummerchen!

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