11. Dezember 2012, 13:13 Uhr

Leistungsvergleich der Grundschüler

Deutschland vergeudet junge Talente

Von Jan Friedmann und Oliver Trenkamp

Viele Risikoschüler, wenige Überflieger: Die Probleme des deutschen Bildungssystems zeigen sich schon in der Grundschule. Bei den internationalen Studien Iglu und Timss schnitt die Bundesrepublik zwar gut ab. Der Vergleich zeigt aber auch, wie ungerecht es zugeht - bei den Schwachen und den Starken.

Ja, es sind wieder Bildungsstudien vorgestellt worden. Ja, es gibt mittlerweile viele davon. Ja, ein Jahrzehnt ist seit dem Pisa-Schock verstrichen. Ja, es gab Experimente und Reformen und Förderprogramme. Braucht man also die dauernden Untersuchungen überhaupt, all die Vergleichsarbeiten und Studien? Viele Lehrer, Eltern, Schüler und manche Bildungspolitiker klagen längst über "Testeritis".

Ja, wir brauchen die Studien, davon ist Wilfried Bos überzeugt, einer der renommiertesten Bildungsforscher des Landes. Keine Studien, das wäre wie ein Alkoholiker, der seine Leberwerte nicht wissen will. Für eine vernünftige Diagnose braucht es Messwerte, das ist die Botschaft des Experten, als er die Ergebnisse der neuen Iglu- und Timss-Untersuchungen vorstellt: Demnach landen deutsche Viertklässler im internationalen Vergleich im oberen Drittel, sie können in etwa so gut lesen und rechnen wie der Schnitt der Industriestaaten und sind ähnlich fit in den Naturwissenschaften. Und sie schneiden in allen drei Disziplinen besser ab als viele EU-Länder.

Wie aber sieht die Diagnose im Detail aus? In Zeugnisnoten ausgedrückt würde das deutsche Schulsystem laut den beiden Studien (hier als pdf) wohl irgendwo zwischen "gut" und "befriedigend" landen. Allerdings offenbaren sie erneut auch entscheidende Schwachpunkte: bei den schwächsten und bei den stärksten Schülern.

Zu den Hauptproblemen gehören...

Auf allen Feldern, beim Lesen und in Mathe sowie in den Naturwissenschaften, schneidet die Bundesrepublik insgesamt aber solide ab - es gibt allerdings auch wenig Fortschritte. Denn so ähnlich hatte der Befund schon in den Vergleichsuntersuchungen von 2007 (Timss) und 2001 (Iglu) gelautet. Seither hat sich wenig geändert: Die Lesemotivation ist leicht gestiegen, die Zahl der Nichtleser hat sich leicht reduziert. Mädchen sind immer noch im Lesen besser, Jungs in Mathe. Die Leistungsunterschiede zwischen den Geschlechtern sind dabei jeweils etwas geringer geworden. Man habe unter erschwerten Bedingungen das hohe Niveau halten können, sagte Bos. 2011 seien sechs Prozent mehr Kinder mit Migrationshintergrund in den Schulen gewesen.

Aber mit den Fortschritten im Detail wird sich die Schulpolitik hierzulande nicht lange aufhalten müssen. Entscheidend ist, ob sie Rezepte findet, die Schwächen am oberen und unteren Ende der Leistungsskala zu beheben oder wenigstens zu verringern. Viel verspricht sich Bos vom Ausbau der Ganztagsschulen, mahnt aber auch, dass die zusätzliche Zeit pädagogisch sinnvoll genutzt werden müsse. Es bringt wenig, Kinder einfach länger im Schulgebäude zu behalten und nachmittags die Tische zur Seite zu schieben, damit Platz ist für Ballspiele.

Der Präsident der Kultusministerkonferenz, Hamburgs Schulsenator Ties Rabe (SPD), kündigte dann auch genau das an: einen "qualitativen Ausbau" der Ganztagsschulen, so dass die Zeit auch für gute Bildung genutzt werden könne. Die Staatssekretärin im Bundesbildungsministerium, Cornelia Quennet-Thielen, sagte: "Wir können noch besser werden."


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