Imageproblem: Mehrheit der Deutschen hält Lehrer für überfordert und unfähig

Lehrer jammern viel, strengen sich kaum an und tragen die Schuld, wenn Kinder schlechte Leistungen in der Schule bringen - das glaubt eine Mehrzahl der Deutschen laut einer aktuellen Umfrage. Bei Eltern von Schulkindern jedoch genießen die Pädagogen einen weitaus besseren Ruf.

Wen man nicht kennt, über den lässt es sich leichter lästern. So jedenfalls lassen sich die Ergebnisse einer groß angelegten repräsentativen Umfrage deuten, in der es um die Qualität der deutschen Schulen geht und um das Image der Lehrer. Die Pädagogen sind demnach überfordert, klagen viel und engagieren sich zu wenig - das ist ein verbreitetes Bild.

Lehrerin (in Bremen): Das Image ist nicht richtig gut, nicht richtig schlecht
AP

Lehrerin (in Bremen): Das Image ist nicht richtig gut, nicht richtig schlecht

Doch sobald es um die Lehrer des eigenen Kindes geht, steigen die Imagewerte: Sie beklagen sich nach Meinung der Befragten deutlich weniger und bemühen sich wesentlich stärker um gerechte Noten. Und auch insgesamt erkennt die Mehrheit der Befragten an, dass die Pädagogen einen strapaziösen und verantwortungsvollen Beruf haben.

Von Verständnis bis Vorurteil - es ergibt sich ein ziemlich geteiltes Stimmungsbild aus der Umfrage, die das Institut für Demoskopie Allensbach Anfang März durchführte und deren Ergebnisse jetzt veröffentlicht wurden. Rund 1800 Deutsche hatte das Institut im Auftrag der Vodafone Stiftung Deutschland zu ihrer Einschätzung von Schulen und Lehrern befragt. Rund 360 der Befragten waren Eltern schulpflichtiger Kinder.

Die Studie zeigt, dass die Gesellschaft hohe Anforderungen an Schule und Lehrer stellt - und dass eine große Unzufriedenheit herrscht. Das Stimmungsbild ist auch insofern von Bedeutung, weil Tausende Lehrer fehlen - was Berufsverbände häufig auf das schlechte Image der Pädagogen zurückführen. Bereits jetzt wetteifern die Bundesländer um die engagiertesten und flexibelsten Lehrer und werben sie sich gegenseitig ab.

Nur ein Drittel glaubt, Lehrer verdienen gut

Fest steht: Das Vorurteil, Lehrer verdienen gut, sind aber faul, prägt das Bild der Deutschen von ihren Pädagogen in der Breite kaum noch. Nur ein Drittel der Befragten glaubt, Lehrer würden viel Geld verdienen.

Zwar haben viele Deutsche immer noch eine mäßige Meinung von den Lehrern. Doch sehen mehr als zwei von drei Befragten die Ursachen für die Überforderung der Pädagogen in den zu großen Klassen mit ihren Leistungsunterschieden.

Zwei Drittel der Befragten halten Lehrer der Studie zufolge für überfordert und für unfähig, den Unterrichtsstoff angemessen zu vermitteln. Das wiederum führt nach Meinung der meisten zu schlechten Schülerleistungen. Etwas mehr Befragte, 68 Prozent, glauben jedoch, schlechte schulische Leistungen gehen auf zu viel Fernsehen und Computerspielen zurück.

Dass Lehrer besonders viel Freizeit hätten, meinen nur 37 Prozent der Bürger. Mehr als die Hälfte der Bürger finden hingegen: Lehrer haben einen anstrengenden Job, tragen große Verantwortung und müssen viele elterliche Erziehungsfehler bei den Kindern ausbügeln.

Dass die Klassen zu groß sind, dass Lehrer den teils schwierigen Stoff angemessen vermitteln müssen, dass Schüler ausländischer Herkunft mehr Sprachförderung brauchen - das alles ist mittlerweile Mehrheitsmeinung und wenig überraschend.

Eine Wunschliste von Berufsbildung bis Sozialkompetenz

Was will die Gesellschaft überhaupt von den Schulen und ihrem Personal? Die meisten Befragten finden die Vermittlung naturwissenschaftlicher und historischer Kenntnisse weit weniger wichtig als Allgemeinbildung, Sprache, Mathe und Englisch. Viele erwarten aber auch, dass die Schule stärker zum Ort für Persönlichkeitsbildung und Sozialkompetenz wird.

Dazu kommen immer neue Sonderwünsche. Je nach Themenkonjunktur sollen die Schulen zu gesunder Ernährung, bewusstem Umgang mit den Medien oder anderen Dingen des Alltags anhalten. Der Vorsitzende des Philologenverbands, Heinz-Peter Meidinger, sagt: "Die Lehrer können die riesigen Erwartungen nicht erfüllen." So müssten sie zwar selbstverständlich auch erziehen, aber Defizite aus dem Elternhaus ausbügeln könnten sie kaum.

Laut der Umfrage meinen nur 12 Prozent der Befragten, dass viele Pädagogen ihren Beruf lieben. 54 Prozent stellen vielmehr fest, dass Lehrer häufig über ihre berufliche Belastung klagen. An diesem Eindruck sei die Lehrerschaft "nicht ganz unschuldig", sagt Meidinger. Überwiegend würden Probleme in dem Beruf an die Öffentlichkeit getragen, anstatt stärker die positiven Seiten zu betonen.

Die Lieblingsthemen einiger Bildungspolitiker rangieren jedoch in der Sicht der Befragten weit hinten: die Möglichkeit größeren Wettbewerbs zwischen den Schulen oder den Zeitpunkt der Einschulung halten nur wenige Befragte für taugliche Maßnahmen, um die Schulen zu verbessern - beide Varianten wurden noch nicht einmal jedem zehnten Befragten angegeben. Deutlich häufiger fordern die Befragten, dass "für mehr Disziplin" in den Klassen gesorgt werde - das will jeder Dritte.

Lehrerlobbyist Meidinger sieht die Ergebnisse als gute Grundlage für Lehrer, in Zukunft besser wahrgenommen zu werden. Lehrer stünden aber oft vor dem Problem, dass sie den hohen Erwartungen nicht gerecht werden können. Die Schulen seien immer mehr gefordert, als "Reparaturbetrieb" Erziehungsdefizite auszugleichen, sagte er. Dies schrecke auch Teile des Lehrernachwuchses ab. "Wir wollen das Lehrerimage in Deutschland verbessern und den Lehrerberuf damit aufwerten", sagte er. Für Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik gebe es zu wenig Studienabgänger. Mit einem "Deutschen Lehrerpreis" sollen besonders engagierte und innovative Lehrer ausgezeichnet werden.

otr/dpa/AP/ddp

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