Initiaitive für Migrantenkinder: Jung, begabt, benachteiligt

Von Sophia Falkenburger

Begabte Kinder aus Zuwandererfamilien haben es zuweilen schwer: Manche Lehrer trauen ihnen wenig zu und vor allem fehlen den Eltern oft die Kontakte in Unternehmen und Universitäten, die ihre Kinder weiterbringen können. Eine Initiative in Hamburg unterstützt diese Schüler - mit Erfolg.

Young Migrant Talents: Starthilfe für Zuwandererkinder Fotos
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Es sah nicht gut aus um Aimen Zukunft. Viele seiner Kumpels waren Kleinkriminelle, seine Noten auf der Hamburger Realschule waren schlecht. Seine Lehrer führten ihn vor und behaupteten, aus ihm könne nichts werden. Aimen ist ein Sohn tunesischer Einwanderer. Er stottert leicht, doch seine Worte klingen bestimmt.

Aimens Vater spricht nur gebrochenes Deutsch, seine Mutter fast gar keins. Bis vor zwei Jahren arbeitete sein Vater als Kraftfahrer, dann ging das Unternehmen Pleite und Aimens Vater fand keine neue Arbeit. Aimens Familie lebt in sehr bescheidenen Verhältnissen. "Es ist sehr klein bei uns", sagt Aimen. Seine Eltern wünschten sich, dass ihr Sohn Abitur macht, doch richtig unterstützen konnten sie ihn nicht.

Heute ist Aimen 16 Jahre alt. Wenn er über Zukunft spricht, geht es nicht um Probleme, sondern um Perspektiven. Die stellvertretende Schulleiterin seiner Realschule entdeckte trotz seiner schwachen Noten, dass er begabt ist. Sie schlug ihn für das Programm Young Migrant Talents vor.

Jeder Jugendliche bekommt einen individuellen Förderplan

Die Hamburger Initiative fördert begabte und hochbegabte Jugendliche mit Migrationshintergrund. Ziel des 2007 ins Leben gerufenen Projekts ist neben einer besseren Allgemeinbildung der Aufbau persönlicher Netzwerke für die berufliche Zukunft der Jugendlichen. Denn so begabt ein Kind aus einer Zuwandererfamilie auch ist: Oft haben die Eltern nicht die Kontakte in Unternehmen oder Institutionen, die ihren Kinder den Berufseinstieg erleichtern würden. Es fehlen Vorbilder, es fehlen Förderer.

Die Unterstützung der Jugendlichen und ihrer Familien beginnt zwei Jahre vor dem angestrebten Schulabschluss. Jeder Teilnehmer bekommt einen persönlichen Förderplan. Die Initiative organisiert Lernkreise, in denen Natur- und Geisteswissenschaftler unterrichten. Sie veranstaltet Studienreisen und Infotage mit Universitäten und Unternehmen.

Manchen Familien wird ein Bildungslotse zur Seite gestellt, der zwischen den Kulturen vermitteln soll. Die Lotsen selbst haben immer ein Elternteil, das aus demselbem Land stammt, wie die Familien. Sie sprechen dieselbe Sprache, sie kennen beide Kulturen. Young Migrant Talents fördert in Hamburg rund 60 Jugendliche aus etwa 25 Kulturen.

Barbara Seibert, Gründerin der Initiative, meint, die deutsche Aufnahmegesellschaft müsse bereit sein, den jugendlichen Migranten die gleichen Netzwerke zu öffnen und Möglichkeiten zu bieten. "Anlass für die Gründung des Programms war es, Türen in der deutschen Gesellschaft auch für die eingewanderte Bevölkerung zu öffnen, um mehr Gerechtigkeit und gleiche Startchancen für Kinder und Jugendliche mit ausländischem Kulturhintergrund zu schaffen."

Die Eltern mussten erst überzeugt werden

Auch Awista Nasiri profitierte von der Initiative. Dabei waren ihre Eltern zu Anfang skeptisch. Sie fürchteten ihre Tochter könne durch das Programm von der Schule abgelenkt werden. Awista, in Kabul geboren und heute 20 Jahre alt, fiel in der Schule durch ihre guten Noten in den naturwissenschaftlichen Fächern auf. Ihr Oberstufenkoordinator empfahl ihr, sich bei Young Migrant Talents zu bewerben.

Heute betont Awista, sie habe stark von dem Netzwerk profitiert. Ihre Eltern hätten ihr niemals die gleichen Türen öffnen können, auch wenn sie aus dem Bildungsbürgertum stammen. Ihre Mutter ist Gynäkologin. Ihr Abschluss wurde in Deutschland nicht anerkannt, so arbeitet sie lediglich als Assistenzärztin. Im Juli 2010 erhielt die Familie Nasiri die deutsche Staatsbürgerschaft. Nur durch die wird Frau Nasiris in Deutschland nachgeholte Approbation anerkannt. Doch die Behörden lassen sie auf die Urkunde warten. Als Bauingenieur fand Herr Nasiri keine Arbeit in Deutschland und baute ein eigenes Lkw-Unternehmen auf.

Im vergangenen Jahr konnte Awista am Universitätsklinikum in Tübingen drei Wochen ein Ärzteteam begleiten. "Herr Dr. Weisenberger von der Universität ist zu einem Mentor für mich geworden", sagt Awista. Anfangs waren ihre Eltern nicht von der Idee begeistert, ihre Tochter ohne Begleitung nach Tübingen gehen zu lassen. Doch nach vielen Gesprächen mit Mitarbeitern des Programms haben sie letztlich doch eingewilligt.

Die Sicht ihrer Eltern auf die deutsche Kultur habe sich positiv verändert, sagt Awista. Ihre Eltern erhielten im Laufe der Zeit ein besseres Verständnis für das deutsche Bildungssystem, für die Notwendigkeit des Netzwerkens.

An ihren jüngeren Geschwistern, die hier in Deutschland geboren wurden, sieht sie, wie viel leichter sie es heute haben. "Ich hatte einen schwierigen Einstieg", sagt Awista. Doch die Theater- und Museumsbesuche, die Studienreisen, die monatlichen Gespräche mit Politikern, die Auseinandersetzung mit der deutschen Medienlandschaft, all das hat ihr geholfen sich in der deutschen Kultur besser zurecht zu finden.

Im Frühjahr hat Awista ihr Abitur gemacht und nimmt sich nun ein Jahr Zeit, um in diversen Praktika neue Erfahrungen zu sammeln und sich zwischen ihren Traumstudiengängen zu entscheiden: Medizin und Jura.

Nicht nur Afghanin, nicht nur Deutsche - ein Produkt zweier Kulturen

Awista sagt, sie sei nicht nur Afghanin, nicht nur Deutsche - sie sei beides: ein Produkt zweier Kulturen. Überall wo Kulturen aufeinander treffen, böten sich Chancen. Man müsse sie nur ergreifen.

Aimen wusste immer, dass er etwas erreichen wollte. Nachdem er bei Young Migrant Talentsanfing, wurden seine Noten besser, die mündliche Abschlussprüfung auf der Realschule konnte er auch dank einer von der Initiative organisierten Sprechtherapie mit Bravour bestehen. Seine Klassenlehrerin war überrascht - und schlug Aimen ein Probehalbjahr auf dem Gymnasium vor. Doch Aimen hatte sich bereits aus eigener Initiative auf der Höheren Handelsschule beworben, die er seit diesem Herbst besucht.

Für die kommenden Herbstferien hat Aimen sich bei einem Austauschprogramm in die USA beworben, das unter der Schirmherrschaft Barack Obamas steht und bei dem Jugendliche gemeinnützige Arbeit leisten. Letzte Woche landete die Zusage in seinem Briefkasten.

Die Förderung bei Young Migrant Talents habe ihn sensibilisiert und sein Selbstbewusstsein gestärkt. "In Deutschland muss man als muslimischer Jugendlicher mit ausländischem Kulturhintergrund mit viel Einsatz um eine positive Einschätzung kämpfen", sagt Aimen. Er hofft, die Gesellschaft werde in Zukunft jungen Menschen mit Migrationshintergrund wie ihm mehr Vertrauen entgegenbringen.

Zu den Kleinkriminellen, mit denen Aimen früher Zeit verbrachte, hat er keinen Kontakt mehr. Heute möchte er ein Vorbild sein, für die Jugendlichen, die noch nicht wissen, wie sie den Weg in die Mitte der deutschen Gesellschaft finden.

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insgesamt 29 Beiträge
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1. Ich glaube
beliyana 14.09.2010
es reicht doch so langsam oder? Wieviele Artikel mit immer dem gleichen Thema wollt Ihr denn noch einstellen? Wir wissen alle das es gut integrierte Moslems gibt und auch nicht integrierte! Ehrlich,mich hat dieser Sarrazin anfangs gar nicht interessiert,aber durch diese ständigen Artikel über dieses Thema hat man Ihn doch erst gepuscht!!! Ich finde diese Diskussion mittlerweile auch nicht mehr interessant,sondern nur noch langweilig. Aber ich denke genau das, soll mit diesen ewigen Wiederholungen erreicht werden. Damit dieses Thema,dann irgendwann endlich wieder aus der Öffentlichkeit verschwindet. Macht einfach als Politiker vernünftige Arbeit,dann braucht man sich auch nicht 5mal täglich mit diesem Thema in den Zeitungen auseinanderzusetzen. Also,erst mal vernünftige Arbeit machen,dann an die Presse weitergeben!!! So ich hoffe das es jetzt endlich mal reicht!!!!!
2. -
pseudokater 14.09.2010
Das ist doch kein Problem von Migration mehr, ob begabte Schüler aus der "unteren Schicht" nicht vorran kommen. Das ist einfach ein allgemeingültiges soziales Problem. Hörn wir doch endlich auf damit, jedes Problemchen auf den Migrationshintergrund zu schieben und fokusieren uns auf den Gesamtgesellschaftlichen Blickpunkt. Dann wird ganz schnell klar das es deutschen schlauen Kindern aus dem niedrig-Lohn-Bereich es genauso schwer haben.
3. zur Kenntnis:
kljkl 14.09.2010
Zitat von sysopBegabte Kinder aus Zuwandererfamilien haben es zuweilen schwer: Manche Lehrer trauen ihnen wenig zu und vor allem fehlen den Eltern oft die Kontakte in Unternehmen und Universitäten, die ihre Kinder weiterbringen können. Eine Initiative in Hamburg unterstützt diese Schüler - mit Erfolg. http://www.spiegel.de/schulspiegel/wissen/0,1518,716884,00.html
.. auch begabte Kinder ohne Migrationshintergrund haben ähnliche bzw. die gleichen Probleme.
4. Otto... find ich gut
chrome_koran 14.09.2010
Dass Anerkennung heimischer Abschlüsse in einem anderen Land oft mit Aufwand verbunden ist, dürfte ja ein offenes Geheimnis sein - sei es in Kabul, Köln oder Krakau. Immerhin arbeitet die Frau als Ärztin und die Approbation durfte sie auch nachholen. Das ist doch schon mal große Klasse und sammelt Punkte für D als Einwanderungsland! BTW.: Ich würde mich, ehrlich gesagt, untern von einem im Ausland ausgebildeten, in Deutschland nicht nostrifizierten Arzt behandeln lassen. Nicht dass es anderswo die Ausbildung "schlechter" wäre, sondern einfach, weil sie anders ist. Und den Bau-Ing hätte der Herr aus Kabul in D sicherlich auch nahholen können. Angebote gibt es. Alleine, diese zu finden dürfte schwierig sein, aber einem gebildeten Einwanderer läuft irgendwann mal in D der Name "Otto-Benecke-Stiftung" über den Weg.
5. Die Leute werden...
dissidenz 14.09.2010
... ja regelrecht bombardiert mit Artikeln über unsere tollen und begabten Mitbürger. Welch ein Glück wir doch alle haben. Es habt nie jemand bestritten, dass es sie nicht gibt. Ich bin mir sicher, dass ihre Kollegen noch tausende Beispiele und emotionale Geschichten herauskramen werden Es sind trotzdem viel zu wenige... und ein Großteil/die Realität zeigt den Bürgern leider ein anderes Gesicht. Bitte bemüht euch um eine etwas objektivere Berichterstattung. Hier ist kein Bildungsauftrag gefragt, sondern Lösungen für echte Probleme.
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