Es sah nicht gut aus um Aimen Zukunft. Viele seiner Kumpels waren Kleinkriminelle, seine Noten auf der Hamburger Realschule waren schlecht. Seine Lehrer führten ihn vor und behaupteten, aus ihm könne nichts werden. Aimen ist ein Sohn tunesischer Einwanderer. Er stottert leicht, doch seine Worte klingen bestimmt.
Aimens Vater spricht nur gebrochenes Deutsch, seine Mutter fast gar keins. Bis vor zwei Jahren arbeitete sein Vater als Kraftfahrer, dann ging das Unternehmen Pleite und Aimens Vater fand keine neue Arbeit. Aimens Familie lebt in sehr bescheidenen Verhältnissen. "Es ist sehr klein bei uns", sagt Aimen. Seine Eltern wünschten sich, dass ihr Sohn Abitur macht, doch richtig unterstützen konnten sie ihn nicht.
Heute ist Aimen 16 Jahre alt. Wenn er über Zukunft spricht, geht es nicht um Probleme, sondern um Perspektiven. Die stellvertretende Schulleiterin seiner Realschule entdeckte trotz seiner schwachen Noten, dass er begabt ist. Sie schlug ihn für das Programm Young Migrant Talents vor.
Jeder Jugendliche bekommt einen individuellen Förderplan
Die Hamburger Initiative fördert begabte und hochbegabte Jugendliche mit Migrationshintergrund. Ziel des 2007 ins Leben gerufenen Projekts ist neben einer besseren Allgemeinbildung der Aufbau persönlicher Netzwerke für die berufliche Zukunft der Jugendlichen. Denn so begabt ein Kind aus einer Zuwandererfamilie auch ist: Oft haben die Eltern nicht die Kontakte in Unternehmen oder Institutionen, die ihren Kinder den Berufseinstieg erleichtern würden. Es fehlen Vorbilder, es fehlen Förderer.
Die Unterstützung der Jugendlichen und ihrer Familien beginnt zwei Jahre vor dem angestrebten Schulabschluss. Jeder Teilnehmer bekommt einen persönlichen Förderplan. Die Initiative organisiert Lernkreise, in denen Natur- und Geisteswissenschaftler unterrichten. Sie veranstaltet Studienreisen und Infotage mit Universitäten und Unternehmen.
Manchen Familien wird ein Bildungslotse zur Seite gestellt, der zwischen den Kulturen vermitteln soll. Die Lotsen selbst haben immer ein Elternteil, das aus demselbem Land stammt, wie die Familien. Sie sprechen dieselbe Sprache, sie kennen beide Kulturen. Young Migrant Talents fördert in Hamburg rund 60 Jugendliche aus etwa 25 Kulturen.
Barbara Seibert, Gründerin der Initiative, meint, die deutsche Aufnahmegesellschaft müsse bereit sein, den jugendlichen Migranten die gleichen Netzwerke zu öffnen und Möglichkeiten zu bieten. "Anlass für die Gründung des Programms war es, Türen in der deutschen Gesellschaft auch für die eingewanderte Bevölkerung zu öffnen, um mehr Gerechtigkeit und gleiche Startchancen für Kinder und Jugendliche mit ausländischem Kulturhintergrund zu schaffen."
Die Eltern mussten erst überzeugt werden
Auch Awista Nasiri profitierte von der Initiative. Dabei waren ihre Eltern zu Anfang skeptisch. Sie fürchteten ihre Tochter könne durch das Programm von der Schule abgelenkt werden. Awista, in Kabul geboren und heute 20 Jahre alt, fiel in der Schule durch ihre guten Noten in den naturwissenschaftlichen Fächern auf. Ihr Oberstufenkoordinator empfahl ihr, sich bei Young Migrant Talents zu bewerben.
Heute betont Awista, sie habe stark von dem Netzwerk profitiert. Ihre Eltern hätten ihr niemals die gleichen Türen öffnen können, auch wenn sie aus dem Bildungsbürgertum stammen. Ihre Mutter ist Gynäkologin. Ihr Abschluss wurde in Deutschland nicht anerkannt, so arbeitet sie lediglich als Assistenzärztin. Im Juli 2010 erhielt die Familie Nasiri die deutsche Staatsbürgerschaft. Nur durch die wird Frau Nasiris in Deutschland nachgeholte Approbation anerkannt. Doch die Behörden lassen sie auf die Urkunde warten. Als Bauingenieur fand Herr Nasiri keine Arbeit in Deutschland und baute ein eigenes Lkw-Unternehmen auf.
Im vergangenen Jahr konnte Awista am Universitätsklinikum in Tübingen drei Wochen ein Ärzteteam begleiten. "Herr Dr. Weisenberger von der Universität ist zu einem Mentor für mich geworden", sagt Awista. Anfangs waren ihre Eltern nicht von der Idee begeistert, ihre Tochter ohne Begleitung nach Tübingen gehen zu lassen. Doch nach vielen Gesprächen mit Mitarbeitern des Programms haben sie letztlich doch eingewilligt.
Die Sicht ihrer Eltern auf die deutsche Kultur habe sich positiv verändert, sagt Awista. Ihre Eltern erhielten im Laufe der Zeit ein besseres Verständnis für das deutsche Bildungssystem, für die Notwendigkeit des Netzwerkens.
An ihren jüngeren Geschwistern, die hier in Deutschland geboren wurden, sieht sie, wie viel leichter sie es heute haben. "Ich hatte einen schwierigen Einstieg", sagt Awista. Doch die Theater- und Museumsbesuche, die Studienreisen, die monatlichen Gespräche mit Politikern, die Auseinandersetzung mit der deutschen Medienlandschaft, all das hat ihr geholfen sich in der deutschen Kultur besser zurecht zu finden.
Im Frühjahr hat Awista ihr Abitur gemacht und nimmt sich nun ein Jahr Zeit, um in diversen Praktika neue Erfahrungen zu sammeln und sich zwischen ihren Traumstudiengängen zu entscheiden: Medizin und Jura.
Nicht nur Afghanin, nicht nur Deutsche - ein Produkt zweier Kulturen
Awista sagt, sie sei nicht nur Afghanin, nicht nur Deutsche - sie sei beides: ein Produkt zweier Kulturen. Überall wo Kulturen aufeinander treffen, böten sich Chancen. Man müsse sie nur ergreifen.
Aimen wusste immer, dass er etwas erreichen wollte. Nachdem er bei Young Migrant Talentsanfing, wurden seine Noten besser, die mündliche Abschlussprüfung auf der Realschule konnte er auch dank einer von der Initiative organisierten Sprechtherapie mit Bravour bestehen. Seine Klassenlehrerin war überrascht - und schlug Aimen ein Probehalbjahr auf dem Gymnasium vor. Doch Aimen hatte sich bereits aus eigener Initiative auf der Höheren Handelsschule beworben, die er seit diesem Herbst besucht.
Für die kommenden Herbstferien hat Aimen sich bei einem Austauschprogramm in die USA beworben, das unter der Schirmherrschaft Barack Obamas steht und bei dem Jugendliche gemeinnützige Arbeit leisten. Letzte Woche landete die Zusage in seinem Briefkasten.
Die Förderung bei Young Migrant Talents habe ihn sensibilisiert und sein Selbstbewusstsein gestärkt. "In Deutschland muss man als muslimischer Jugendlicher mit ausländischem Kulturhintergrund mit viel Einsatz um eine positive Einschätzung kämpfen", sagt Aimen. Er hofft, die Gesellschaft werde in Zukunft jungen Menschen mit Migrationshintergrund wie ihm mehr Vertrauen entgegenbringen.
Zu den Kleinkriminellen, mit denen Aimen früher Zeit verbrachte, hat er keinen Kontakt mehr. Heute möchte er ein Vorbild sein, für die Jugendlichen, die noch nicht wissen, wie sie den Weg in die Mitte der deutschen Gesellschaft finden.
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