Jugendbuch-Crew: "Lest das bloß nicht!"

Von

Hunderte von Büchern, 30 Jugendliche, ein Ziel: In Göttingen treffen sich junge Vielleser jede Woche zum großen Buchpalaver. Die "Jugendbuch-Crew" urteilt rotzig und ohne Gnade - immer auf der Suche nach dem echten Leben in Büchern, die das Kino im Kopf starten.

Jonas Leppin

Es gibt da dieses Buch. Meike Hamm, 16, hält das weiße Cover für alle gut sichtbar in die Höhe. Der Verfasser ist ein mehrfach prämierter Autor für Jugendliteratur. Ein Profi. Einer, der angeblich das Lebensgefühl von Kindern und Jugendlichen in besonders treffenden und lebensnahen Worten beschreibt.

Die Fachpresse schätzt die sozialrealistischen Jugendromane und traut dem Erfolgsautor zu, mit seiner Mischung aus Unterhaltung und Warnung das zu schaffen, was Kultusminister sich so sehnlichst wünschen: bei jungen Lesern die Leselust wecken.

Soviel zur Theorie. Meike findet den hochgelobten Roman verwirrend und seltsam - eigentlich habe sie ihn überhaupt nicht verstanden. Sie sagt: "Lest das bloß nicht." Und schiebt sich lässig den Ohrstöpsel ihres lilafarbenen i-Pods zurück ins Ohr.

Wer volljährig ist, fliegt raus

Meike Hamm gehört zur Jubu-Crew aus Göttingen, einer Gruppe von etwa 30 Jugendlichen, die sich einmal die Woche trifft, um über Jugendbücher zu reden. "Jubu" stehr für JUgendBUch.

Ihre wichtigste Regel: keine Erwachsenen. Wer volljährig ist, fliegt raus. Die Jubu-Crew, das ist eine Art anarchistischer Literaturclub. Ohne Schule, ohne Eltern. Aber zugleich ist sie auch die aktuelle Speerspitze junger Lesekompetenz. nach den Ergebnissen der aktuellen Pisa-Studie haben sich die deutschen Schüler im Lesen kaum verbessert. Die Jubu-Crew aus Göttingen zeigt, wie Jugendliche eine wirkliche Lust am Lesen entwickeln.

Über zwei Drittel der Mitglieder sind Mädchen, fast alle besuchen Gymnasien, fast alle sind Akademikerkinder. Wer hierher kommt, liest gern - nicht nur Kinderbücher, sondern auch J.R.R. Tolkien und Ian McEwan. Auf dem Nachttisch von Lisa Bleckwedel-Röhrs, 13, liegen gerade Shakespeares "Gesammelte Werke".

Sie setzen sich in einem Zimmer des "Kommunikations- und Aktionszentrums Göttingen" auf den knallroten Teppichboden, immer dienstags so um Sieben, überall liegen Bücher herum oder sind zu kleinen Türmen aufgestapelt. Die Kinder und Jugendlichen formen eine Art Kreis, dann geht es los. Sie sind mitunter härter in ihrer Kritik als ein Marcel Reich-Ranicki, und lustiger: "Die Geschichte ist voll eklig", sagt Meike zum von ihr kurzerhand verrissenen Buch.

"Die Schule hat mich vom Lesen abgeschreckt"

Man könnte denken, die Jubu-Crew, das seien eben Elite-Sprösslinge mit Leseaffinität, also "Streber, die keine Freunde haben", sagt Julius Adam, einer der wenigen Jungen in der Gruppe. Er dachte das auch immer, bis er mal herkam. Dann sah Julius: alles Quatsch.

Auf dem roten Teppichboden mitten im Büchermeer herrscht fröhlich-kreatives Chaos, die Jungleser sind laut und rotzig. Mustergültige Literaturkritik? Gelehrter Standesdünkel? Wen interessiert denn sowas? Das hier sind einfach nur junge Menschen, die gern lesen. Und drüber reden.

Mit einem kleinen Unterschied vielleicht zu anderen jungen Leuten - die Jubu-Jugendlichen wissen sehr genau, was sie nicht mehr lesen wollen: ungefähr das, was sie im Unterricht als Lektüre vorgesetzt bekommen, oder was in den Schulbüchern steht. "Die Schule hat mich vom Lesen eher abgeschreckt", sagt Christiane Böker, "immer dieses Zerhackstückeln und Zerreißen der Geschichten, das ist doch furchtbar."

Die 16-Jährige ist so etwas wie die Leiterin der Jubu-Crew. Wäre dies eine Klasse, dann wäre sie die Klassensprecherin. Christiane ist selbstbewusst, direkt, und je stärker der Geräuschpegel im Raum ansteigt, desto mehr lächelt sie. Christiane ist Vielleserin. "Vielleicht liegt das auch daran, dass wir zuhause keinen Fernseher haben", sagt sie.

Mehr Lebensgefühl in die Zeilen

Gute Bücher, da herrscht hier Konsens, brauchen neue und mitreißende Ideen. Vor allem aber sollten sie ihre Leser ernst nehmen. Und nicht schon im ersten Absatz ihr Ethos verraten. Mehr Lebensgefühl in den Zeilen - weniger Holzhammermoral auf Papier. Das wär schon was.

Die Jubu-Jugendlichen wollen nicht nur die alten Schinken lesen - die, die schon die Eltern und die große Schwester gelesen haben. "Als Hitler das rosa Kaninchen stahl", ein Roman von Judith Kerr über die Anfänge des Dritten Reiches, das ist so ein Buch. Erschienen 1971, eigentlich ganz gut, aber irgendwie halt von gestern. Und in der Schule wird es einem immer wieder aufgetischt.

Vielfalt im Unterricht? Meist Fehlanzeige! "Immer nur diese Problembücher über Arbeitslosigkeit, Gewalt und Schwangerschaft, das kann ich auch nicht mehr sehen", sagt Moira Marcinkiewicz, 14. Vielleicht werden dadurch die richtigen Inhalte vermittelt. Aber die Liebe zur Sprache, der Spaß am Wort oder das Gefühl in Geschichten zu versinken, das alles nicht.

Das Potenzial der Jubu-Crew haben auch schon die großen Verlage erkannt und schicken an die Jugendlichen regelmäßig die neueste Jugendliteratur. Die Buchberge sind mittlerweile fast so beeindruckend wie der Schuhhaufen vor der Eingangstür.

Ihre Rezensionen schickt die Jubu-Crew an über 400 Interessenten, vom Verleger über Schulen bis hin zu Privatpersonen. Seit einigen Jahren wählt die Jubu-Crew auch in einer regionalen Jury Bücher für den Deutschen Jugendliteraturpreis aus.

Auf dem Schulhof über Bücher diskutieren

Wichtig ist ihnen vor allem Unverwechselbarkeit. Die Geschichten sollen "eigene Bilder haben, etwas noch nie dagewesenes beschreiben und nicht so vorhersehbar sein wie eine Fernsehsoap", sagt Meike Hamm. Sie sollen das Kino im Kopf anmachen.

Früher waren es die Eltern oder großen Geschwister, die den Jubu-Crew-Jugendlichen vorgelesen haben - heute ist die Meinung der Freunde und Mitschüler auf dem Pausenhof die Entscheidende. Wer selbst gern liest, umgibt sich auch mit Leuten, die gerne schmökern.

"Ich muss mit meiner Freundin über Bücher wie über einen Film reden können", sagt Lisa Bleckwedel-Röhus, "es gibt aber auch einige in meiner Klasse, die überhaupt nicht lesen und das auch toll finden." Vor einiger Zeit sollten sie in der Klasse Romane vorstellen, ein Mitschüler wollte nicht mitmachen. Als die Lehrerin zu ihm nach Hause kam, fand sie tatsächlich kein einziges Buch.


Die Jubu-Crew wählt jeden Monat ein Lieblingsbuch aus und ein Crew-Mitglied schreibt eine Rezension. SPIEGEL ONLINE zeigt, was den Jungkritikern 2007 gefiel - vielleicht ist ja auch noch ein Geschenktipp für Weihnachten dabei:

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik SchulSPIEGEL
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Wissen
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
Fotostrecke
Jugend-Buch-Crew Göttingen : Härter als Ranicki

Dein SPIEGEL digital
Social Networks