Jugendsex-Studie: Keusche Kuschler

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Sie lassen sich Zeit mit dem ersten Mal, suchen ihren Partner sehr gewissenhaft aus und benutzen Kondome: Die vermeintliche Generation Porno ist weitaus braver als ihr Ruf, zeigt eine neue Studie. Viele Jugendliche haben demnach mit 17 noch nie mit jemandem geschlafen.

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Corbis

Rückkehr der Romantik: Jugendliche erleben ihr erstes Mal meist in einer festen Beziehung

Berlin - Eine 17-Jährige, die schon mit 51 Jungs geschlafen hat. Ein 15-jähriger, der schon drei Frauen geschwängert hat. Jugendliche, die sich nicht mehr küssen, aber Erfahrungen mit Analsex haben. Solche Fälle schafften es in den vergangenen Jahren immer wieder in die Zeitungen. Es erschienen Bücher wie "Deutschlands sexuelle Tragödie" - ein Jugendpastor aus Berlin hatte es geschrieben: Er beobachte, dass Mädchen und Jungen sexuell verwahrlosen.

Sozialarbeiter, Politiker, Lehrer, Journalisten, sie alle warnten vor der "Generation Porno", die ihre Unschuld längst verloren habe. Die sich Hardcore-Filme aufs Mobiltelefon lädt; die sich mit Gangbang und Bondage auskennt; die sich bei YouPorn informiert statt bei Dr. Sommer. Es gab Versuche gegenzusteuern, eine Pädagogikprofessorin empfahl sogar, Pornos im Unterricht zu zeigen.

Die Jugend verroht, das war die Angst. Und immer neue Fälle schienen die These zu belegen, zuletzt die brutale Vergewaltigung im Ferienheim auf Ameland, als acht Jungen, 13 bis 15 Jahre alt, andere Kinder missbrauchten.

Doch die vermeintliche Generation Porno scheint weitaus braver, treuer und verantwortungsvoller zu sein als ihr Ruf; das zeigt eine neue Studie der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung. Die Jugendlichen von heute haben demnach später Sex als noch vor einigen Jahren, sie haben ihn meist innerhalb einer festen Partnerschaft, und sie verhüten ziemlich konsequent.

Und: "Das Interesse an Pornografie ist weitaus geringer als befürchtet", sagt Elisabeth Pott, Direktorin der Bundeszentrale. Vor allem Mädchen würden sich das kaum angucken.

Liebe, Partnerschaft - und dann erst Sex

Zwar konnten Jugendliche nie zuvor so ungehindert auf pornografische Inhalte zugreifen: 98 Prozent sind vernetzt, und die expliziten Filme und Bilder sind nur wenige Klicks entfernt. Doch sie scheinen dadurch nicht kollektiv verroht zu sein und verlernt zu haben, wie man sich verliebt.

Im Gegenteil: Liebe, Partnerschaft - und dann erst Sex, so sehen das die meisten Jugendlichen, sagt Pott. "Ihnen ist es offensichtlich wichtig, erst den richtigen Partner zu finden." Ihrer Studie zufolge erleben die meisten ihr erstes Mal mit ihrem Freund oder ihrer Freundin - Blümchensex statt Gangbang-Party. Und gut ein Drittel der 17-Jährigen hatte Pott zufolge noch nie Geschlechtsverkehr - so viele wie lange nicht. Bei der letzten Erhebung aus dem Jahr 2005 waren es noch deutlich weniger.

Insgesamt lassen sich die Jugendlichen der Studie zufolge mehr Zeit. Während vor fünf Jahren noch zwölf Prozent der 14-jährigen Mädchen angaben, sie hätten bereits mit einem Jungen geschlafen, sank der Anteil diesmal auf sieben Prozent. Einen ähnlichen Rückgang gab es bei den gleichaltrigen Jungen: von zehn auf vier Prozent. Es zeige sich, "dass seit Mitte der neunziger Jahre die sexuelle Aktivität Jugendlicher fast unverändert und jetzt sogar rückläufig ist", so Pott.

Außerdem würden 14- bis 17-jährige Jugendliche besser verhüten als Gleichaltrige in früheren Studien; nur acht Prozent der Mädchen und Jungen achten laut Studie nicht auf Schutz beim Sex. Vor 30 Jahren kümmerte sich noch jedes fünfte Mädchen und jeder dritte Junge nicht um Verhütung. Damals begann die Bundeszentrale damit, das Sexualverhalten der Jugendlichen zu erkunden.

Jungs informieren sich im Internet

Die Jugendlichen benutzen heute meist Kondome, drei Viertel wenden es beim ersten Mal an. Doch je aktiver die Jugendlichen werden, desto häufiger greifen sie zur Pille. Es steige aber auch der Anteil derer, die Pille und Kondom kombinieren, sagt Pott. Sie interpretiert das als Hinweis darauf, dass es den Jugendlichen nicht nur darum geht, Schwangerschaften zu verhindern, sondern dass sie sich auch vor einer HIV-Infektion schützen wollen.

Die Jugend kennt sich ziemlich gut aus mit Sex, auch zu dem Schluss kommt die Studie: "Das Gros hält sich selbst allgemein für ausreichend aufgeklärt." Im Detail gibt es aber noch Fragen und Unkenntnis zu Themen wie Schwangerschaft, Verhütung, Sexualpraktiken, Geschlechtskrankheiten. Viele Jungen (58 Prozent) und Mädchen (69 Prozent) sprechen zumindest über Verhütung mit ihren Eltern. Jungs sagen zudem, sie nutzten das Internet, um Wissenslücken zu schließen.

Erstmals gesondert ausgewertet wurde das Sexualverhalten von Zuwandererkindern. "Jungen aus Migrantenfamilien sind früher und damit insgesamt häufiger sexuell aktiv als ihre deutschen Geschlechtsgenossen", heißt es in der Studie. Bei Mädchen ist es umgekehrt; vor allem junge, muslimische Türkinnen seien nur selten sexuell aktiv.

Die Sehnsucht nach dem Traumpartner

Unabhängig von der Herkunft ist der Hauptgrund für die Zurückhaltung: Es fehlt der richtige Partner. Bei Mädchen aus Zuwandererfamilien scheint aber auch die religiöse Tradition eine große Rolle zu spielen: Fast die Hälfte hält sich einfach noch für zu jung, um Sex zu haben, und gut ein Drittel findet Sex vor der Ehe falsch. "Unter Mädchen muslimischen Glaubens geben sogar 69 Prozent diese Antwort." Weniger als zehn Prozent der deutschen Mädchen sehen das so.

Während die meisten deutschen Jugendlichen mittlerweile mit ihren Eltern über Sex sprechen, ist das bei Zuwandererkindern anders: "Lediglich die Hälfte der Mädchen und nur 41 Prozent der Jungen aus Migrantenfamilien erhalten eine Verhütungsberatung im Elternhaus." Für sie sei die Schule die wichtigste Anlaufstelle, wenn es um sexuelle Aufklärung gehe.

Für die Studie habe die Bundeszentrale 3542 Jugendliche befragt, davon rund tausend Kinder aus Zuwandererfamilien. Dass die Mädchen und Jungen bei diesen Befragungen nicht geprahlt oder gelogen haben, das zeigen Pott zufolge auch zahlreiche andere Studien und Statistiken. So belege etwa die Zahl der HIV-Infektionen und Teenagerschwangerschaften in Deutschland, dass die Jugendlichen tatsächlich sehr gewissenhaft verhüten. In Deutschland werden nur etwa 16 von 1000 Mädchen unter 20 Jahren schwanger. Zum Vergleich: In Schottland und Bulgarien sind es mehr als 55.

Von "der bravsten Generation seit langem", spricht auch Klaus Farin vom Archiv der Jugendkulturen in Berlin. Er beobachtet seit langem verschiedenste Jugendszenen, Punks, Skins, HipHoper. Er geht auf Konzerte, spricht mit jungen Menschen, wertet Studien aus, archiviert Magazine, Kassetten, Poster. Er sagt, dass die Jugendlichen nicht nur sexuell zurückhaltender seien als früher. Auch die Jugendkriminalität gehe zurück, ebenso der Tabak- und Drogenkonsum. Dafür würden sich mehr Jugendliche als früher politisch engagieren.

Bundeszentralen-Direktorin Pott glaubt, dass die verrohte Generation Porno ein Medienphänomen ist. "Natürlich gibt es Einzelfälle", sagt sie, aber sie wären keineswegs repräsentativ für die Masse. Deutschland scheint von einer sexuellen Tragödie also ziemlich weit entfernt zu sein.

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insgesamt 84 Beiträge
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1. War mir immer klar.
der_durden 02.09.2010
Zitat von sysopSie lassen sich Zeit mit dem ersten Mal, suchen ihren Partner sehr gewissenhaft aus und benutzen Kondome. Die vermeintliche Generation Porno ist weitaus braver als ihr Ruf, das zeigt eine neue Studie. Ein Resultat: Viele Jugendliche haben mit 17 noch nie mit jemandem geschlafen. http://www.spiegel.de/schulspiegel/wissen/0,1518,715103,00.html
Ich habe den kruden Thesen, in Deutschlands Kinderzimmern herrsche Sodom und Gomorrah, noch nie glauben geschenkt. Ebenso wenig, wie ich nicht daran glaube, dass den meisten Transferleistungsempfängern ihr Leben so bequem ist, dass sie notorische Arbeitsverweigerer sind. Vollkommener Blödsinn. Und wenn Jungs mal einen Porno schauen... Wer hat das nicht? Die Massenmedien verzerren das vermeintliche Wissen der Bürger dermaßen, dass es schon offensichtlich ist. Es ist doch klar, dass lieber über eine Generation Porno berichtet wird, als darüber, dass im Schnitt später Erfahrungen mit Sex gemacht werden. Ein braver Hartz-4-Empfänger ist wohl auch kaum eine Reportage wert. Wir leben im digitalen Zeitalter und durch den Gernerationenwechsel lässt sich an allen Ecken eine wunderbare Story stricken - allesamt besetzt mit Ängsten. Auch Sarrazin hat das eindrücklich beweisen können.
2. so ist das mit allem...
general_winter 02.09.2010
zu jeder studie existiert ne gegenstudie.
3. Meine Meinung:
maipiu 02.09.2010
Artikel: gut Überschrift: total daneben
4. Das ist natürlich ein schwerer Schlag...
readme74 02.09.2010
...für die ganzen Berufs-Panikmacher, die "wertkonservativen" Moralapostel und alle diejenigen die schon immer "die Jugend" für den Untergang des Abendlandes verantwortlich gemacht haben. Die scheinbar so verrohte Jugend muß immer wieder herhalten als Rechtfertigungsgrundlage für immer härtere und immer jugendfeindlichere Gesetze und Bestimmungen, und bestimmte Kreise werden nie müde, die Verwahrlosung und die "Generation Porno" ebenso zu zitieren wie vermeintlichen Alkohol-Massenkonsum, Killerspiele-Abhängigkeit usw usw. Aber siehe da - die Jugend von heute ist fast erschreckend (sic!) normal... mit Sex wird gewartet (wenn auch nicht sehr lange, denn das deutsche Durchschnittsalter für den ersten Geschlechtsverkehr ist laut einer ebenfalls aktuellen Studie seit Jahrzehnten in etwa 15.9 Jahre, zumindest bei Mädchen), man macht sich eher wenig aus Pornos, es wird gewissenhaft verhütet und Liebe und Partnerschaft stehen im Vordergrund, selbst exzessiver Zigaretten- und Alkoholkonsum sind Randerscheinungen. Eben fast wie bei Erwachsenen, die sie sowieso schon fast sind. Man könnte auch sagen, daß Jugendliche zu Selbstverantwortung und Selbstbestimmung fähig sind, eine These die in vergangenen Jahrzehnten eigentlich eine Binsenweisheit war, wird einmal mehr bravourös unter Beweis gestellt durch diese Studie. Es sollte ein mahnender Gegenbeweis sein für diejenigen, vor allem christlich-konservativen, aber auch sozialdemokratisch-feministischen Kräfte, die Jugendliche immer mehr per Gesetz "verkindlichen" wollen. Sei es bei Altersgrenzen für Tabak- und Alkoholkonsum, beim Solarien-Verbot, bei Jugendschutz-Filtern im Internet, oder auch bei der immer einschneidenderen Verringerung der sexuellen Selbstbestimmung. Sehen wir es so - wenn Jugendliche, z.B. als Realschüler, bereits mit 16 einen Beruf erlernen können, und demnächst mit 17 schon Auto fahren dürfen, dann gibt es keinen Grund, warum man ihnen nicht auch in anderen Bereichen die Fähigkeit zu Eigenverantwortung und gutem Urteilsvermögen zuspricht. Aber die Zeiten scheinen andere zu sein - Jugendliche werden zunehmend zu einem Kollateralschaden, wenn nicht sogar zu einem Hauptziel, einem Hauptangriffspunkt eines konservativen gesellschaftlichen Rollbacks.
5. !
Wer ich wirklich bin 02.09.2010
Und wieder der ominöse "Jugendpastor aus Berlin". Dieser Pastor gehört zu "Die Arche – Christliches Kinder- und Jugendwerk e. V.", powered by (wer hätte das gedacht?) Spiegel. Die gehören übrigens zu den Evangelikalen, die wortwörtlich an die Bibel glauben. Was das für Evolutionstheorie, Homosexuelle usw. bedeutet, kann sich jeder selbst ausmalen.
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Beratungsstellen im Netz
  • www.sexualaufklaerung.de
  • Die Internet-Seite der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung informiert über Medien und Maßnahmen zur Sexualaufklärung, Verhütung und Familienplanung.
  • www.profamilia.de
  • Die Deutsche Gesellschaft für Familienplanung, Sexualpädagogik und Sexualberatung e. V. liefert Adressen von Beratungsstellen.
  • www.isp-dortmund.de
  • Die Internet-Seite des Instituts für Sexualpädagogik in Dortmund liefert Informationen zu Weiterbildungen, Seminaren und Workshops.
  • www.sextra.de
  • Die Pro-Familia-Seite bietet eine Online-Beratung für Jugendliche und deren Eltern.
  • www.kinderundjugendtelefon.org
  • "Nummer gegen Kummer", größtes, kostenfreies Beratungsangebot für Kinder, Jugendliche und Eltern.


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