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Jungbürgermeister in NRW: Hilfe, wir werden von Kindern regiert

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Vor zehn Jahren gründete er als Schüler die Jugendpartei Peto. Aus Spaß wurde Ernst: Mit 27 ist er Monheims frisch gewählter Bürgermeister - Daniel Zimmermann steckt alle an. Erst konnten die etablierten Stadtpolitiker es kaum fassen. Jetzt zeigen sie echten Respekt.

Jungpolitiker: Zimmermann steckt alle an Fotos
dpa

In Daniel Zimmermanns Kleiderschrank hängen drei Anzüge: sein Abituranzug, einer aus dem Second-Hand-Laden und ein grauer. Für einen Bürgermeister reicht das nicht. Auch seine Studentenbude ist nicht standesgemäß: Bett, Sofa, Couchtisch, Regal, Küchentisch, Stühle, Küche, Schreibtisch - alles hat er in einen kleinen Raum gezwängt. Wenn er Besuch bekommt, wird es eng, und es gibt nur Leitungswasser.

Eine komfortablere Wohnung könnte er sich leisten, schließlich verdient er bald knapp 8000 Euro im Monat. Er will aber nicht umziehen. Er wohne ja auch erst seit Jahresbeginn dort und nicht mehr bei seinen Eltern, sagt er. Seine Wohnung ist kleiner als sein neues Büro, und wenn er dort Besuch empfängt, bringt ein Mitarbeiter aus dem Vorzimmer Mineralwasser in kleinen Fläschchen an den Konferenztisch.

Daniel Zimmermann wurde soeben zum Bürgermeister gewählt, mit 27 Jahren ist er der wohl jüngste Bürgermeister in Nordrhein-Westfalen und der jüngste in der Geschichte von Monheim am Rhein, einer Stadt mit 44.000 Einwohnern in der Nähe von Düsseldorf. Vor zehn Jahren gründete er mit vier Freunden aus Spaß, Langeweile und Abenteuerlust die Jugendpartei Peto. Zu Deutsch: Ich fordere.

Während andere über unpolitische Jugendliche und immer grauer werdende Politiker klagen, ist Peto mit fast 300 Mitgliedern größer als die örtliche CDU - und stellt seit der Kommunalwahl Ende August den Bürgermeister. Peto schafft das, was den etablierten Parteien samt Jugendorganisationen in Deutschland so gründlich misslingt: Die Jugendpartei bringt junge Leute wirklich in die Politik.

Am Anfang stand die Tristesse

Als Zimmermann den Hof seiner alten Schule betritt, hat es gerade zur zweiten Pause geklingelt. Ein Zehntklässler des Otto-Hahn-Gymnasiums ruft ihm zu: "Daniel, wir haben Dich gewählt!" Zimmermann hebt seinen Daumen in die Luft und ruft "Super!"

Zimmermann schlendert weiter, seinen Wählern entgegen, er streckt beim Gehen seinen Kopf leicht nach vorn, als wolle er als erster ins Ziel. "Die Schüler haben mir bei der Wahl total geholfen", sagt er. Sie beobachten ihn auf dem Schulhof, sie lächeln, tuscheln, klatschen, gratulieren und sagen, dass sie Peto beitreten wollen. An der Schule herrscht Aufbruchstimmung. "Die Schüler denken: Wir haben das geschafft", sagt Zimmermann.

Doch das stimmt nicht ganz. "Es ist ein Riesenirrtum anzunehmen, dass Peto nur von jungen Leuten gewählt wurde", sagt Walter Klomp, 72, Vorsitzender der Senioren-Union der CDU im Kreisverband Mettmann. Er kenne eine Menge Leute in seinem Alter, die für Peto gestimmt hätten. Stärkste Fraktion wurde zwar die CDU, ganz knapp ein halbes Prozent vor Peto. Aber bei der Bürgermeisterwahl hatte Zimmermann die Nase vorn: 5300 Stimmen, gut 30 Prozent und fast vier vor dem CDU-Kandidaten.

Was heute nach einem politischen Glanzstück aussieht, hätte auch eine Schülerband werden können. Denn damals, 1998, langweilten sich Daniel Zimmermann und seine Kumpels ein bisschen in Monheim, so ganz ohne Kino und ohne Disco. An einem Dezemberabend, Daniel ging noch zur Schule, wollten er und vier Freunde gemeinsam etwas unternehmen. Nur was - einen Verein gründen? Eine Band? Eine Theatergruppe?

Für die FDP blieb dann nur die Abstellkammer

Zimmermann ging ins Rathaus und fragte nach einem Raum. Doch statt ihm einen zu geben, sagten sie, dass im nächsten Jahr Kommunalwahlen seien und das Wahlalter gerade auf 16 gesenkt wurde. Warum also keine Partei gründen? "Eine Theatergruppe wäre für uns eine Alternative gewesen", sagt Zimmermann heute. "Wir waren nicht politisch."

Irgendwie reizte es sie dann doch zu schauen, ob sie es mit den Politikern im Ort aufnehmen können. Und weil es nicht nach einer Spaßpartei aussehen sollte, gaben sie sich den seriösen lateinischen Namen Peto. Was sie forderten, überlegten sie später - es gab ja nichts, was sie wirklich aufregte, außer vielleicht, dass es im Ort keine Nachtbusse und im Schwimmbad keine Rutsche gab.

Bei der Kommunalwahl 1999 erreichte Peto 6,1 Prozent und zog mit zwei Mitgliedern in eine ehemalige Abstellkammer des Rathauses. Zimmermann zog noch nicht mit, schließlich war er erst 17. Fünf Jahre später bekam Peto 16,6 Prozent - und die FDP die Abstellkammer.

"Früher haben die gedacht: Peto ist bald wieder weg. Jetzt fragt man sich: Wie lange gibt es noch die CDU?", frotzelt Norbert Jakobs von der "Westdeutschen Zeitung". Der Journalist beobachtet Peto, seit es sie gibt. Peto profitiert natürlich von Menschen wie Zimmermann. Er kommt gut an, in Monheim, in den Medien, im Rathaus.

Bislang saß er dort immer in der zweiten Reihe, er drängt sich nicht in den Vordergrund. Er sieht noch jünger aus, als er ist, hat weiche Gesichtszüge, blaue Augen, blonde Haare. Er spricht langsam, ohne sich zu verhaspeln. Er hört zu, ohne zu unterbrechen. Ein guter Lehrer wäre er sicher auch geworden, und irgendwann möchte er auch in dem Beruf arbeiten. Schließlich hat er in Köln Französisch und Physik auf Lehramt studiert. Danach hat er mit der Promotion angefangen, aber das muss warten. Er wirkt ruhig, gelassen, selbstsicher. Wie seine Art, so auch sein Politikstil: Er integriert eher, als dass er polarisiert.

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