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Jungs in der Krise "Sie wollen alles sein, bloß kein weibischer Streber"

Grundschüler: "Alle haben gedacht, die Jungs sind stark, die schaffen das von selbst"Zur Großansicht
ddp

Grundschüler: "Alle haben gedacht, die Jungs sind stark, die schaffen das von selbst"

2. Teil: "Viele Jungs holen sich die große weite Welt lieber auf den Bildschirm"

SPIEGEL ONLINE: Sie sagen aber auch, dass nicht nur die Sprachkompetenz fehlt, sondern auch das Rollenverständnis der Jungen ein Problem ist. Wie kann das gedreht werden?

Hurrelmann: Ziel muss es sein, den Jungen in der Schule erst einmal die Sicherheit zu geben, dass sie männlich sein dürfen und sollen. Alle Lehrkräfte, ob Männer oder Frauen, sollten darin geschult werden, dass sich Jungen selbstbewusst entfalten können. Jungen setzen nun mal gerne klare soziale und körperliche Duftnoten, verhalten sich schon mal laut und auffällig, haben mehr Aggressionen. Sie dürfen nicht immer nur die Ansage bekommen, ihr Verhalten sei falsch. Im Rahmen ganz klarer Regeln und Sanktionen sollte das in der Schule zugelassen werden. Ich denke, das können auch weibliche Lehrkräfte bewerkstelligen, aber wenn wir einer dauerhaften Feminisierung der Umgangsformen entgehen wollen, gehören gleich viele männliche Lehrkräfte in jede Schule und in jeden Kindergarten. Nur so kann es gelingen, junge Männer aus ihrer engen traditionellen Geschlechtsrolle herauszulocken.

SPIEGEL ONLINE: Es ist immer die Rede von der Krise der Jungen, also einem reinen Geschlechterphänomen. Dabei fällt doch auf, dass vor allem Jungen aus schwachen sozialen Schichten abgehängt werden.

Hurrelmann: Das fällt vor allem bei Eingewanderten auf. Junge Frauen mit Migrationshintergrund sind in der Schule heute deutlich besser als junge Männer mit identischer sozialer Ausgangssituation. Die Mädchen sehen viel schärfer, dass sie die Möglichkeit haben, aus ihrer Situation herauszukommen. Die Jungen fallen dagegen immer wieder auf das alte Macho-Männerbild zurück: der Mann als das per se bestimmende Geschlecht. Weil sie meinen, dass ihnen diese Rolle einfach zufällt, denken viele, sie müssten in der Schule nicht viel leisten. Sie wollen alles sein, bloß kein weibischer Streber. Sie bekommen eine klare Quittung dafür, die schlechteren Zeugnisse.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben vor kurzem einen Aufsatz zum Thema geschrieben, in dem Sie auch die Bedeutung des Freizeitverhaltens betonen.

Hurrelmann: Die Freizeitgestaltung der beiden Geschlechter scheint direkt zu den Leistungsunterschieden zu führen. Die Mädchen sind vielfältiger und breiter interessiert. In der Freizeit beschäftigen sie sich nicht nur mit Medien, sondern auch mit Tanzen, Basteln, Stricken und Musizieren. Dadurch werden alle Sinne angesprochen, und das fördert die Leistungsfähigkeit, wie die moderne Hirnforschung uns bestätigt. Das würde auch Jungs gut tun: Hämmern, Sport machen, Bewegung. Aber viele Jungen machen den Laden zu und holen sich die große weite Welt lieber auf den Bildschirm. Sie bauen ihren Bewegungsdrang und damit ihre Aggressionen nicht ab. Das ist eine Entwicklung wie bei der Schere in den schulischen Leistungen: Von der steigenden Verfügbarkeit der elektronischen Medien sind die Jungs in einem ungleich höherem Ausmaß angezogen und nutzen sie unproduktiver. Auch hier liegt eine Herausforderung für die pädagogische Arbeit.

Das Interview führte Birger Menke

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Newspeak 23.04.2010
"Von der steigenden Verfügbarkeit der elektronischen Medien sind die Jungs in einem ungleich höherem Ausmaß angezogen und nutzen sie unproduktiver." Im Gegenteil. Jungs nutzen sie produktiver. Bloß eben nicht nach [...]
"Von der steigenden Verfügbarkeit der elektronischen Medien sind die Jungs in einem ungleich höherem Ausmaß angezogen und nutzen sie unproduktiver." Im Gegenteil. Jungs nutzen sie produktiver. Bloß eben nicht nach Mädchenmaßstäben gemessen. Gäbe es keine technikverliebten Jungs und Männer, dann würde man heute noch ums Lagerfeuer sitzen...kommunikativ zwar, aber eben immer noch Lagerfeuer. Das einzig dumme ist, daß wir allgemein in einer Gesellschaft leben, die das Technische im Privaten einfordert und nutzt, aber keinen blassen Schimmer davon hat und nichts dazulernen will. Naturwissenschaften u.ä. zählen eben nicht besonders viel in Deutschland. Und auch die meisten Schulfächer sind zu Weicheilaberfächern verkommen. Kein Wunder, daß die Mädchen da besser drin sind.
shadowhawk 23.04.2010
In der Schule wird stumpfes Auswendiglernen und Trainieren besser bewertet, und das können die Mädels nun mal besser. Die Jungs haben ein ganz anderes Lernsystem, sie wollen verstehen, wie und warum etwas so ist, wie es ist. [...]
In der Schule wird stumpfes Auswendiglernen und Trainieren besser bewertet, und das können die Mädels nun mal besser. Die Jungs haben ein ganz anderes Lernsystem, sie wollen verstehen, wie und warum etwas so ist, wie es ist. Das zeigt sich auch im späteren Berufsleben. Frauen wollen trainiert werden, und wenn auf einmal etwas anders ist, als gewohnt, dann scheitern sie oft. Männer reagieren oft besser auf veränderte Situationen, wenn sie die Sache einmal verstanden haben. Dummerweise wird durch das Schulsystem dieses Verhalten - also zu verstehen anstatt auswendigzulernen - unterdrückt.
schweineigel 23.04.2010
Ich frage mich, wieso Mädchen als Leise dargestellt werden? Die Kommunikativen Rituale (Tratschen), Fähigkeiten (höhere Stimmfrequenz) und optischen Reize (Mode, Kosmetik) betonen doch die Frauen. Im Westen schon seit [...]
Ich frage mich, wieso Mädchen als Leise dargestellt werden? Die Kommunikativen Rituale (Tratschen), Fähigkeiten (höhere Stimmfrequenz) und optischen Reize (Mode, Kosmetik) betonen doch die Frauen. Im Westen schon seit Jahrhunderten. Männer geben sich traditionell unauffälliger! Wieso gelten Jungs dann als dominant? Die weibliche Dominanz wird aus taktischen Gründen einfach unterbetont! Aber sobald die den Mund aufmachen, gilt das als "Laut". Oft gibt es auch zu hören, dass Männer ihre Frauen loben, aber dass eine mächtige Frau ihren Mann lobt, weil er ihr Kraft und Unterstützung gibt, gilt als Unfeminim und als ein Zeichen weiblicher Schwäche.
citizengun 23.04.2010
An diesem Verhalten hat die Politik schuld. Sie sorgt dafür, dass immer weniger Eltern mit ihrem alltäglichem Leben klarkommen und diese Unsicherheit, projiziert sich auch auf die Kinder und vice versa. Mädchen können dies aber [...]
An diesem Verhalten hat die Politik schuld. Sie sorgt dafür, dass immer weniger Eltern mit ihrem alltäglichem Leben klarkommen und diese Unsicherheit, projiziert sich auch auf die Kinder und vice versa. Mädchen können dies aber besser ausgleichen, weil sie nach der Pubertät mehr emotionalen Zuspruch durch die Jungs bekommen. Schliesslich ist es immer der Mann, der um die Frau wirbt und nicht (oder nur selten) umgekehrt. Wenn es um die Befriedigung der eigenen Gefühle geht, sind Frauen egoistisch, intolerant und kompromisslos. Dieses Verhalten sehe ich immer häufiger. Es ist antrainiert und wirkt zusätzlich auf die Männer. Es senkt das ohnehin mangelnde Selbstwertgefühl noch weiter. Ich habe schon oft gesehen, wie Männer um Frauen "geworben" haben, wie Ameisen um einen Honiglutscher. Man braucht bloss auf die Körpersprache zu achten und dann sieht man, welch leichtes Spiel Frauen heute haben Männer zu koordinieren.
Das ist erstens langweilig ;-) und führt zweitens zu neuen Problemen. Wer in einem Biotop unterrichtet wird lernt nicht, sich später auf dem Arbeitsmarkt auch gegen das andere Geschlecht durchzusetzen.
Zitat von ecuaGut würden auch getrennte Klassen sein, dann kann man den unterschiedlichen Bedürfnissen rechnung tragen.
Das ist erstens langweilig ;-) und führt zweitens zu neuen Problemen. Wer in einem Biotop unterrichtet wird lernt nicht, sich später auf dem Arbeitsmarkt auch gegen das andere Geschlecht durchzusetzen.
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Zur Person
Klaus Hurrelmann
Klaus Hurrelmann, 66, ist Soziologe und einer der profiliertesten Bildungsexperten in Deutschland. 30 Jahre lang arbeite er an der Universität Bielefeld, ehe er 2009 emeritiert wurde. Einem breiteren Publikum wurde er unter anderem bekannt durch seine beharrliche Kritik am dreigliedrigen Schulsystem. Vor kurzem erschien von ihm ein Aufsatz zum Thema "Geschlecht und Schulerfolg". mehr auf der Themenseite...

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