SPIEGEL ONLINE: Herr Hurrelmann, Sie haben Ihre Kindheit und Jugend in den vierziger und fünfziger Jahren erlebt. Sind Sie froh, nicht heute erst Grundschüler zu sein?
Klaus Hurrelmann: Allerdings. In unserer Familie war es nicht üblich, dass jemand auf eine höhere Schule geht, ich habe das geschafft - obwohl mich das schon damals in Konflikte brachte. Selbst mein Vater bezeichnete mich als Streber. In den letzten Jahrzehnten ist das Image von erarbeitetem Bildungserfolg unter Jungen derart gesunken, dass keiner mehr ein Streber sein will. So extrem war das damals nicht.
SPIEGEL ONLINE: Heute verlassen Jungen die Schule fast doppelt so häufig wie die Mädchen, schaffen es seltener auf das Gymnasium und sind zunehmend auch an den Universitäten in der Unterzahl.
Hurrelmann: Seit 1980 ist die Entwicklung in Statistiken deutlich erkennbar: Die Schere geht auseinander, die Mädchen werden immer stärker, während die schulischen Leistungen der Jungen erst stagnierten und zuletzt sogar leicht abfielen. Zugleich sind strebsame Jungen unter ihresgleichen nicht gut gelitten: Wer viel investiert in der Schule, ist auf dem falschen Weg, meinen die Kumpels.
SPIEGEL ONLINE: Haben Sie dafür eine Erklärung?
Hurrelmann: Die meisten orientieren sich an der traditionellen Männerrolle, an der Haltung des Vaters und des Großvaters: Die angestammte Position für Männer ist die des Berufstätigen. Und viele Jungen denken, dass diese Position ihnen quasi automatisch zufällt. Es ist ihnen nicht genügend bewusst, dass sie heute mehr für ihre Bildung tun müssen, wollen sie den Status des Vaters halten oder ihn gar übertreffen.
SPIEGEL ONLINE: Wie kommt das?
Hurrelmann: Arbeitsplätze werden knapp, der Wettbewerb wird schärfer. Den Jungen fehlt die Motivation, hier mitzuhalten. Eine naheliegende Vermutung ist, dass die veränderte Zusammensetzung der Lehrerschaft hier hineinspielt. Seit 1980 ist der Frauenanteil unter Lehrern spürbar angestiegen, heute liegt er bei fast 60 Prozent. Aber einige Untersuchungen zeigen: Das scheint kein wirklich ausschlaggebender Faktor zu sein.
SPIEGEL ONLINE: Dabei verläuft die Entwicklung doch parallel: Während der Anteil der Lehrerinnen stieg, sanken die Leistungen der Jungen im Vergleich zu den Mädchen. Zufall?
Hurrelmann: Nicht ganz. Der höhere Lehrerinnenanteil drückt ein verändertes Selbstverständnis von Frauen im Beruf aus. Die Mädchen und jungen Frauen sind von ihrer Müttergeneration darauf gestoßen worden, dass sie den Beruf in ihr Rollenrepertoire aufnehmen sollten. 80 Prozent der 12- bis 25-jährigen Frauen wollen, wie wir aus den Shell-Jugendstudien wissen, beides: Beruf und Familie. Bei Männern sind es nur halb so viele. Junge Frauen haben also ein ehrgeizigeres Lebenskonzept und sind zur Flexibilität bereit. Junge Männer verschlafen die neuen Herausforderungen und werden wohl auch von den Lehrkräften zu wenig stimuliert.
SPIEGEL ONLINE: Auffällig ist, dass Jungen vor allem beim Lesen schwächeln...
Hurrelmann: Seit Jahrzehnten schneiden Mädchen hier besser ab als Jungs. Es ist also kein neues Phänomen, wird aber zunehmend zum Problem: Lange Zeit haben wir in Bildung und Beruf die Bedeutung der Lese-, Schreib- und Sprachkompetenz unterschätzt. Aber das ist falsch, es ist heute eine absolute Basiskompetenz.
SPIEGEL ONLINE: Im Zeitalter der Industrie waren Kraft und Durchsetzungsvermögen gefragt, heute kann man in kaum einer Branche mehr ohne Kommunikationsfähigkeiten etwas erreichen. Haben Jungen in der Dienstleistungsgesellschaft per se eine schlechtere Ausgangsposition?
Hurrelmann: Die Fähigkeit, Netzwerke zu bilden und über Kommunikation zusammenzuhalten, ist wichtiger denn je. Das kommt Frauen von ihrem Naturell her entgehen: Sie haben ihre Stärken in Sprache und Kommunikation. Hier müssen wir Jungen besser fördern. Wir müssen die gleiche kompensatorische Strategie fahren, die bei den Mädchen in den letzten 30 Jahren erfolgreich war. Seit den siebziger Jahren wurden sie für Themen begeistert, die davor eine Männerdomäne waren: Technik, Mathematik, logisches Denken. Das hat gewirkt, die Mädchen sind heute nahe dran, die Jungen in diesen Bereichen einzuholen. Wir haben aber vergessen, auch für die Jungen eine solche gezielte Förderung in den Bereichen zu machen, in denen sie ihre Schwächen haben. Alle haben gedacht: Die Jungs sind stark, die schaffen das von selbst. Heute wissen wir: Das war falsch.
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