Studie zum verkürzten Gymnasium: Turbo-Abiturienten lernen besser

Von

Was bringt das schnelle Abitur nach der 12. Klasse? Eine neue Studie zeigt: Hamburger Schüler schaffen nach acht Jahren Gymnasium bessere Leistungen als nach neun. Die Ergebnisse bestärken die Verfechter von G8 und stellen Versuche in Frage, die umstrittene Reform aufzuweichen.

Studie zum Turbo-Abitur: Kürzer ist besser Fotos
DPA

Hamburg - Meist ist es keine angenehme Aufgabe, die Ergebnisse eines Bildungsvergleichs als Schulsenator von Hamburg vorzustellen. Der Behördenchef muss häufig erklären, warum Kinder und Jugendliche in der Hansestadt schlechter abschneiden als ihre Altersgenossen in Ländern wie Bayern oder Sachsen. So war die Hackordnung bei Pisa und entsprechend bildete Hamburg jüngst bei einer Grundschulstudie mit den beiden anderen Stadtstaaten Bremen und Berlin das Trio der Ahnungslosen.

Umso erfreulicher sind für Schulsenator Ties Rabe (SPD) die Zahlen, die er am Dienstag im Rathaus der Hansestadt präsentiert hat: Demnach bringen Hamburgs Abiturienten heute bessere Leistungen als noch vor sechs Jahren, obwohl das Gymnasium ein Jahr kürzer dauert und damit die Abiturienten im Schnitt ein Jahr jünger sind.

Die G-8-Gymnasiasten zeigten sich fitter in Englisch, in zwei Mathe-Tests und in der naturwissenschaftlichen Grundbildung - diese Kompetenzen wurden in der sogenannten Kess-Studie geprüft. Die Forscher setzten die Ergebnisse in Bezug zum Niveau, das Abiturienten sechs Jahre früher bei einem anderen Hamburger Test, der Lau-Studie ("Aspekte der Lernausgangslage und der Lernentwicklung"), nachgewiesen hatten. Diese Studie hatte Abiturienten ebenfalls in Englisch, Mathe und Naturwissenschaften getestet. Außerdem machten besonders die 500 besten Schülerinnen und Schüler 2011 im Vergleich zu 2005 einen Sprung. "Die Schulzeitverkürzung G8 am Gymnasium hat nicht geschadet, sondern zu diesem Erfolg beigetragen", sagt Rabe.

Knapp 4000 Abiturienten nahmen an der Studie teil

Das Kürzel Kess steht für "Kompetenzen und Einstellungen von Schülerinnen und Schülern", dahinter verbirgt sich eine Längsschnittstudie: Hamburger Schulforscher vom Landesinstitut für Lehrerbildung und Schulentwicklung hatten in der Vergangenheit bereits viermal die Leistungen eines Schuljahrgangs auf verschiedenen Klassenstufen untersucht, beginnend mit der vierten Klasse. In der "Kess 12-Studie" erreichte dieser Jahrgang nun das Abituralter, knapp 4000 Abiturienten nahmen teil.

Die Untersuchung dürfte die bundesweite Debatte um das achtjährige Gymnasium befeuern, denn Vergleiche zwischen G-8- und G-9-Schülern sind bislang rar. Mancherorts wie in Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen haben die G8-Schüler noch gar nicht die gesamte Schulzeit durchlaufen, in Baden-Württemberg und Hessen war es erst 2012 so weit.

Dennoch steht das Urteil vieler Eltern und Schulpolitiker über die umstrittene Schulreform bereits fest, diese hat einen verheerenden Ruf: Sie gilt als Ursache für Schüler-Stress, Hausaufgaben-Überlast und mangelnde Freizeit. Ihr wird auch nachgesagt, Jugendliche verfrüht aus den Bildungsanstalten zu entlassen; zu einem Zeitpunkt, an dem der Nachwuchs zentrale Fähigkeiten noch gar nicht richtig beherrsche, mitunter also zu grün für das Leben und ein mögliches Studium sei.

Zumindest mit dem letzteren Vorurteil räumt die Kess-Studie ein Stück weit auf. Auch wenn es zuletzt aus anderen Bundesländern gegenläufige Trends gab - in Bayern fielen mehr G-8-Schüler durchs Abitur, in Hessen gab es auf dem Weg dorthin mehr Sitzenbleiber - so zeigen die Hamburger Zahlen: Acht Jahre Gymnasium können ausreichen.

Gymnasialer Flickenteppich: Viele Länder rücken von Reform ab

Die Hamburger Landesregierung darf die Studie als Bestätigung der eigenen Linie beim Streitthema G8/G9 werten: Denn im Gegensatz zu den Kultusministerien in anderen Bundesländern bietet sie keine G-9-Optionen an Gymnasien an. Wer sich neun Jahre lang Zeit bis zur Reifeprüfung nehmen will, der muss an der Elbe eine sogenannte Stadtteilschule besuchen, die zweite Schulform neben dem Gymnasium.

Ganz anders im Süden der Republik: Dort wird die umstrittene Reform gerade teilweise rückabgewickelt. In Baden-Württemberg offerieren 22 Gymnasien landesweit G-9-Züge, mindestens noch einmal so viele sollen 2013 dazukommen. In Bayern wird es bald ein sogenanntes Flexibilisierungsjahr geben, eine freiwillige Ehrenrunde für Schüler, denen G8 zu schnell geht. Auch Hessen will Eltern eine verstärkte Wahlfreiheit zwischen G8 und G9 einräumen.

Der Trend zur Langsamkeit hat Kalkül, in Bayern und in Hessen stehen im kommenden Jahr Landtagswahlen an. G8 ist bei vielen Schülern und Eltern im Westen der Republik enorm unpopulär, im Gegensatz zu Ostdeutschland, wo das Gymnasium traditionell acht Jahre dauert. Die Landespolitiker fürchten den Zorn der Eltern, bei der vergangenen Landtagswahl straften diese in Hessen und Bayern die unionsgeführten Regierungen ab.

Dass die G-8-Aufweicher mit der Rolle rückwärts dem Leistungsgedanken des Gymnasiums schaden, dafür liegt nun mit der "Kess 12-Studie" ein weiteres Indiz vor. Denn die Hamburger Schüler erreichten leicht verbesserte Lernstände, obwohl sich im Vergleichszeitraum zwischen 2005 und 2011 die Gymnasialquote erheblich erhöhte.

Während zuvor nur ein Drittel der Schüler Abitur machte, erwirbt nun über die Hälfte den höchsten Schulabschluss. "Wer mehr Schülerinnen und Schüler zu höheren Abschlüssen führen will, muss keineswegs das Leistungsniveau senken", sagt der SPD-Politiker Rabe.

Ein bundesweit vergleichbarer Leistungsstand im Abitur war bisher eine Illusion im Bildungsföderalismus. Es ist unwahrscheinlich, dass schwache Bundesländer wie Hamburg bald den Stand von Bayern erreichen. Doch künftige Bildungsvergleiche könnten weniger eindeutig ausfallen - wenn denn der Norden bei G8 eine ruhige Hand behält und der Süden weiter herumeiert.

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 267 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Wie viele?
rancher 27.11.2012
Wenn von 100 früher die schlechtesten 10 ausgesiebt wurden und heute von 100 30, dann ist die Statistik nur ein Zeichen, dass man besser lernen können muss um Abitur zu bekommen, nicht dass die Lehrmethode besser ist.
2.
P.Delalande 27.11.2012
Zitat von sysopDPAWas bringt das schnelle Abitur nach der 12. Klasse? Eine neue Studie zeigt: Hamburger Schüler schaffen nach acht Jahren Gymnasium bessere Leistungen als nach neun. Die Ergebnisse bestärken die Verfechter von G8 und stellen Versuche in Frage, die umstrittene Reform aufzuweichen. http://www.spiegel.de/schulspiegel/wissen/kess-studie-zu-g8-und-g9-acht-jahre-gymnasium-reichen-aus-a-869483.html
Verstehe, die sich selbst Untersuchenden kommen selbst zum Ergebnis, dass sie recht haben. Na dann...
3. Wie viele?
rancher 27.11.2012
Wenn von 100 früher die schlechtesten 10 ausgesiebt wurden und heute von 100 30, dann ist die Statistik nur ein Zeichen, dass man besser lernen können muss um Abitur zu bekommen, nicht dass die Lehrmethode besser ist.
4. optional
mwalz1986 27.11.2012
Finde auch dass Abitur mit 13 Klassen etwas lange dauert. Ich selbst hatte auch die 13. Klasse und bin der Meinung dass die elfte Klass total sinnlos war. Am sinvollsten haben es die Mitschüler genutzt, die ein Auslandjahr gemacht haben. Man will doch einfach irgendwann fertig sein, auch als Schüler, oder? Ich bin aber auch der Meinung dass durch dieses Herumgeeier in der Bildungspolitik mögliche Problem noch verstärkt werden, weil weder Schüler noch Eltern noch Lehrer sich an das Bildungsystem gewöhnt haben, und alle paar Jahre was neues aufgetischt bekommen. Ganz zu schweigen von den allgemeinen Problemen des Bildungsförderalismus. Als wenn in Südeutschland andere Naturgesetze, Rechtschreibung oder Geschichtsschreibung herrscht als in Norddeutschland...
5. stimmt doch so !
dschinn1001 27.11.2012
Turbo-Abiturienten lernen besser ... - das trifft nur auf diejenigen zu, die durchkommen (nachdem der Sieb engere Maschen bekommen hat). Jemand wie Johann Wolfgang von Goethe, der bekannterweise eine Identitaetskrise hatte als junger Mensch, wuerde heute beim Turbo-Abitur nicht mehr durchkommen.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik SchulSPIEGEL
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Wissen
RSS
alles zum Thema Abitur
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 267 Kommentare
Vote
Was denken Sie über das Turbo-Abi?

Das Turbo-Abitur hat einen miesen Ruf: Es gilt als Ursache für Schüler-Stress und mangelnde Freizeit. Viele Eltern und Bildungspolitiker sagen, Schüler würden nach zwölf Schuljahren zentrale Fähigkeiten noch gar nicht richtig beherrschen. Jetzt zeigt eine neue Studie: Hamburger Schüler schaffen nach acht Jahren Gymnasium bessere Leistungen als nach neun. Was ist ihre Meinung: Wie lange sollte das Gymnasium dauern?


Fotostrecke
Schülerstreik: Im Hasenkostüm gegen G8

Fünf Jahre nach dem Abi: Was ist bloß aus mir geworden!
Fotostrecke
Studie zum Geschichtwissen: Don't know much about history


Dein SPIEGEL digital
Social Networks