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Klassenzimmer-Report: Jugendliche in der Drehtür

Nach der Schule ist vor der Schule: Wer keine Lehrstelle findet, ist für die Wirtschaft "nicht ausbildungsreif". Und muss zurück in die Schule. Ist das wirklich sinnvoll? Marie Kopf, Berufskolleg-Lehrerin in Nordhein-Westfalen, berichtet von der ratlosen Routine mit Altbewerbern.

Jugendliche, die trotz eines Abschlusses keinen Ausbildungsplatz finden, sind in unserem System die Verlierer. Lenny, 17, ist so ein Loser. Er hat seinen Hauptschulabschluss geschafft, doch er kam nicht unter. Vielleicht mangelt es ihm an den Kernkompetenzen, wie die Wirtschaft sie immer wieder vermisst: Basiswissen aus der Schule. Kulturtechniken. Kommunikationsfähigkeit. Durchhaltevermögen. Vielleicht hat er sich aber auch nur falsch beworben. Oder nicht oft genug.

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DDP

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Jetzt sitzt Lenny wieder in der Schule. Nur widerwillig ist er gekommen, zwei Wochen nach dem Termin, der auf der Einladung stand. Lenny bekam einen Anmeldebogen und die Anweisung, an einem Tischchen vor dem Sekretariat die Kästchen in Druckbuchstaben auszufüllen. Auf dem Bogen ist das Bildungsangebot unserer Schule auf einer Seite dargestellt, der Schüler muss nur noch ankreuzen, was ihn interessiert.

Fragt sich nur, wohin mit den Kreuzen? Zu wissen, was er will - das genau war Lennys Problem auf dem Ausbildungsmarkt gewesen.

Wenn Jugendliche zwar einen Schulabschluss haben, aber in den folgenden Monaten keinen Ausbildungsplatz finden, gelten sie im Wirtschaftsjargon als "nicht ausbildungsreif": Ihre Entwicklung hält den Anforderungen der Berufswelt nicht stand. Das betrifft jedes Jahr knapp 200.000 Schulabgänger, insgesamt gibt es eine halbe Million arbeitsloser junger Leute im Alter unter 25 Jahren - und trotzdem sind in Deutschland 100.000 Lehrstellen unbesetzt.

Nach dem Abschluss zurück zur Schule

Das kann viele Ursachen haben: Die Bewerber können nicht gut genug lesen, schreiben oder rechnen, monieren die Ausbilder, sie können sich nicht einschätzen oder nicht benehmen. Es hapere bei logischem Denken und räumlichem Vorstellungsvermögen, so die Personalchefs. Die Jugendlichen seien oft frustriert, nicht konfliktfähig, gäben schnell auf. Deshalb fallen sie durch das Raster der Berufswelt.

Doch kein Jugendlicher soll nach der Schule auf der Straße sitzen, lautet das Motto der Kultusministerien, für jeden soll gesorgt sein. Was passiert also mit Minderjährigen, die Monate nach ihrem Abschluss ohne Job dastehen? Sie werden wieder zur Schule geschickt, an unser Berufskolleg. Schließlich sind sie bis zu ihrem 18. Geburtstag schulpflichtig.

340 solcher Jugendlicher wurden aufgefordert, sich an dem Berufskolleg zur Einschulung zu melden, an dem ich als Lehrerin arbeite. Die Schulen melden jeden Sommer dem Schulverwaltungsamt, welcher ihrer Abgänger "was hat" - alle anderen werden zurück auf den Schulhof gebeten.

Von 270 Schülern fehlte jede Spur

Mit Bewerbungstraining, Mathe- und Deutschunterricht soll ihnen im Berufsvorbereitungsjahr geholfen werden, möglichst bald irgendwie unterzukommen. Im Durchschnitt dauert das zwei bis drei Jahre. Finden sie nichts, gelten sie als "Altbewerber". Die Bundesregierung unterstützt Betriebe mit 5000 Euro, die sich einem dieser Jugendlichen erbarmen.

In der Phase, in der die Jugendlichen an unsere Schule kommen, werden sie zunächst vom Schulverwaltungsamt nach Geschlecht getrennt untergebracht. Jungs werden zu Berufskollegs mit technischen Fächern geschickt, Mädchen sollen soziale und ernährungswirtschaftliche Angebote wahrnehmen.

Von den über 300 Schülern, die eine Einladung an unser Berufskolleg erhielten, kamen 42 Jugendliche. Einige Schüler entschuldigten ihr Fehlen schriftlich oder telefonisch, sie hätten bereits was anderes. Von den restlichen 270 Schülern fehlte jede Spur. Doch sie gelten nun offiziell als Schüler unserer Schule, deshalb musste eine zusätzlich eingestellte Sekretärin die 270 Schwänzer nochmals schriftlich einladen.

Vorbild Holland

Zum zweiten Termin kamen wieder 40 Schüler. Mit so vielen hatten wir nicht gerechnet. Dass 300 Schüler kommen würden, war utopisch. Wir hätten gar keine Klassenräume für sie gehabt. Trotzdem wurde an die 225 unentschuldigt fehlenden Schüler eine dritte Einladung geschickt - und anschließend begann das Bußgeldverfahren.

Ahnen die Jugendlichen und ihre Familien die drohende Gefahr eines Bußgeldes? Vielleicht, vielleicht auch nicht. "Hast du schon mal einem nackten Mann in die Tasche gegriffen?", fragte mich ein Kollege. Wir gehen davon aus, dass es sich bei unseren 225 nicht ausbildungsreifen Jugendlichen um Kinder finanzferner Familien handelt. Häufig deckt sich das mit einer Bildungsferne. Vielleicht konnten sie den Brief schlicht nicht entziffern.

In Holland ist das Phänomen der "Nicht-Ausbildungsreife" unbekannt. Die Jugendlichen dort beginnen mit 16 Jahren ihre berufliche Ausbildung. Wer keinen betrieblichen Ausbildungsplatz findet, lernt seinen Beruf an einer staatlichen Schule, auch das ist kein Problem. Die Abschlussprüfung wird gemeinsam abgelegt, beide Bildungswege sind gleichwertig und gleich anerkannt. Es gibt jugendliche deutsche "Loser", die einfach über die Grenze fahren und dort ihren Beruf lernen. Auf holländisch sind sie ausbildungsreif.

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Nationaler Bericht 2008: Bildung in Deutschland


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