Klavierbauer in echt: Die Kunst, haarscharf danebenzuliegen

Von Veronika Widmann

Mehr als 2000 Einzelteile und über 200 Saiten machen einen Konzertflügel aus. Als angehender Klavierbauer ist Maximilian, 21, dafür verantwortlich, dass die Teile perfekt zusammenspielen. Am schwierigsten findet er die Stimmung - denn die stimmt erst, wenn sie nicht ganz stimmt.

Max baut Klaviere: Geschickte Hände, geschulte Ohren Fotos
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Maximilian Reich schlägt eine Taste auf der Klaviatur an. Kein Ton erklingt, dafür sieht man das Hämmerchen, das die Saiten anschlägt, nach oben schnellen, herunterfallen - und ein zweites Mal hochschnellen. "Das darf nicht passieren, sonst hört man später bei einem Tastenanschlag zwei Töne", sagt er. Mit einer Zange biegt er deshalb ein kleines Stück Metall mit Filzkopf weiter nach vorne: den Fang, der das Hämmerchen nach dem ersten Hochschnellen bremst.

Maximilian, 21, ist im letzten halben Jahr seiner Ausbildung zum Klavierbauer, die insgesamt dreieinhalb Jahre dauert. Nach dem Abitur wollte er eigentlich Maschinenbau studieren, bewarb sich aber auch auf den Ausbildungsplatz in der Pianomanufaktur Steinway & Sons in Hamburg.

"Als ich mit 14 mein Klavier bekam, war es noch nicht spielbereit. Der Klavierstimmer kam zu uns ins Haus und hat mich auf diese Idee gebracht", sagt er. Als dann die Zusage aus Hamburg kam, entschied er sich gegen das Studium und dafür "erstmal was Solides zu machen". Es gefällt ihm, dass er einen ausgefallenen Beruf lernt.

Geschick, Geduld und Leidensfähigkeit

Vor ihm auf der Werkbank steht die Mechanik eines Solistenflügels, also - vereinfacht gesprochen - die Tasten und die dazugehörigen Hämmerchen, die später die Saiten zum Schwingen bringen und so die Töne erzeugen. Mehr als 2000 Einzelteile sind darin verbaut. Maximilians Aufgabe ist es, alles so genau zu justieren, dass am Ende auch ein Spitzenpianist wie Lang Lang mit der Funktionsweise zufrieden wäre.

Er stellt ein kleines Stück Metall vorne auf eine Taste, es wiegt exakt 47 Gramm. Nichts passiert. "Das heißt, dass die Taste noch nicht richtig gewichtet ist", erklärt Maximilian. "Bei diesem Gewicht sollte sie sich eigentlich langsam senken." Mit zwei leichteren Gewichten findet er heraus, wie viel Metall später noch in die Taste eingebaut werden muss.

88 Tasten hat eine Pianotastatur, für jede stellt Maximilian die Hämmerchen, den Fang, die Gewichtung, den Abstand von der nächsten Taste und andere Details ein. "Fingerfertigkeit, Geschick und Geduld sollte man mitbringen", sagt er. Sein Ausbildungsleiter Martin Olbrich fügt der Liste "Leidensfähigkeit" hinzu - es klappt nicht alles beim ersten Mal.

Auch logisches Denken sei wichtig, sagt Maximilian. In seiner Ludwigsburger Berufsschule steht neben Akustik, Klavierbaugeschichte und Werkstoffkunde auch Mathematik auf dem Stundenplan. Es ist die einzige Schule für Klavierbau-Azubis in Deutschland, darum musste Maximilian insgesamt sechsmal für sechs Wochen in die Nähe von Stuttgart ziehen.

Die Ausbildung ist umfassend. Zehn Wochen lernte er den Umgang mit Holz, dann half er beim Gehäusebau und polierte einen Flügel auf Hochglanz. Es gefällt ihm, Einblick in alle verschiedenen Arbeitsschritte zu bekommen. In jeder Abteilung wurde ihm ein Ausbilder zugeteilt, der ihm die einzelnen Arbeitsschritte erklärt. Besonders schwierig war es, die Mechanik des Klaviers perfekt einzustellen. "Das was ich in zwei Wochen mache, machen meine Ausbilder in zwei Tagen", sagt Maximilian.

Maximilian ist Klavierbauer ohne eigenes Klavier

Er kann sich gut vorstellen, nach der Ausbildung auch ein paar Jahre in der Klavierproduktion zu arbeiten, will aber gerne noch den Meister machen. "Hört sich doch gut an", sagt er und grinst. Außerdem träumt Maximilian vom seinem eigenen Instrument. Einen eigenen Flügel bauen oder einen alten mit einem neuen Innenleben auszustatten ist in der Meisterausbildung Pflicht. Dann könnte er auch zu Hause wieder üben, denn im Moment fehlt ihm dazu das eigene Klavier.

Auf dem Weg zum Stimmraum kommt Maximilian an einem Zimmer vorbei, aus dem gedämpftes Geklimper tönt. In dem Raum, der gerade so groß ist, dass ein Flügel hineinpasst, sitzt aber kein Mensch - eine Maschine haut in die Tasten. Alle Instrumente werden hier nach der Mechanikeinstellung eine Stunde lang eingespielt, 10.000 Anschläge schafft die Maschine in dieser Zeit. "Am Anfang verstellt sich alles sehr leicht, und das soll beim Kunden nicht passieren", sagt Maximilian. Dass das automatische Einspielen die vorherige mühsame Justierung wieder zerstört, sei dafür leider nötig.

Viele Klavierbauer arbeiten später als Stimmer, deshalb ist die Schulung des Gehörs und das Stimmen ein wichtiger Teil in allen drei Lehrjahren. "Am Anfang ist das grauenhaft", sagt Maximilian. "Da klappt gar nix." Man müsse es wieder und wieder probieren. "Frust gehört dazu, vor allem, weil man nichts messen kann, sondern sich auf sein Gefühl verlassen muss", sagt Ausbildungsleiter Olbrich. Am Anfang brauchte Maximilian noch zwei Tage für ein ganzes Klavier, inzwischen ist er bei zweieinhalb Stunden. Beim Kunden soll es später in anderthalb Stunden klappen.

Gestimmt wird mit Stimmgabel und einem Stimmhammer. Die Gabel gibt den Grundton a1 vor, der Hammer ist eine Art Schraubenzieher, mit dem man die Saiten fester anziehen oder entspannen kann. Maximilian bringt die Stimmgabel zum Klingen, schlägt eine Taste an und lauscht konzentriert dem Ton. Stimmt.

Danach schlägt er dieselbe Taste zusammen mit der übernächsten an, um zu erkennen, ob ihr Verhältnis zueinander passt. Maximilian sagt dazu: "Die Terz muss sieben Schwingungen haben." Er setzt den Stimmhammer an und dreht ihn fast unmerklich in eine Richtung. Er lauscht, wie sich der Ton verändert, dreht noch ein paar Millimeter, dann ist er zufrieden. "Wir stimmen so, dass man in allen Tonlagen spielen kann", sagt er. "Deshalb ist jeder Ton in Wahrheit ein klein wenig verstimmt. Aber eben richtig verstimmt."

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