Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Rückkehr zum langen Gymnasium: Den Preis zahlen nun Schüler und Lehrer

Ein Kommentar von

Nicht mit uns: Genervte G-9-Mutter mit Sohn in Wiesbaden (2012) Zur Großansicht
DPA

Nicht mit uns: Genervte G-9-Mutter mit Sohn in Wiesbaden (2012)

Überhastet wurde die Gymnasialzeit auf acht Jahre verkürzt - doch eine Rücknahme des Turbo-Abiturs wie jetzt in Niedersachsen macht alles nur noch schlimmer. Die Landkarte der Bildung in Deutschland wird mehr denn je zum Flickenteppich.

Wahlforscher untersuchen gerne, wie bestimmte soziale Schichten die öffentliche Agenda prägen und dadurch Einfluss auf die Politik nehmen. Die Demoskopen sollten den Silver-Agern oder Millennials in ihren Analysen schleunigst eine weitere mächtige Lobbygruppe hinzufügen: die G-9-Mamas und G-9-Papas.

G-9-Eltern haben eines oder mehrere Kinder auf dem Gymnasium. Sie wünschen sich, dass der Nachwuchs unbedingt das Abitur macht, alles andere wäre eine persönliche Niederlage. Auf dem Weg zur Hochschulreife sollen Finn oder Lara Zeit genug haben für den Fußballverein und den Flötenunterricht. Gewinnen diese Eltern den Eindruck, dass ihre Kinder gestresst sind, gehen sie auf die Barrikaden.

Das soll keine Elternschelte sein. Doch es ist bedenklich, dass sich Schulpolitik derzeit vor allem aus Angst vor dem Bürger an der Urne oder vor der Unterschriftenliste speist. Am deutlichsten wird das bei der Gymnasialzeit: Immer mehr Bundesländer, die im vergangenen Jahrzehnt das achtjährige Gymnasium einführten, drehen diese umstrittene Reform zurück. Das rot-grün regierte Niedersachsen hat jetzt angekündigt, flächendeckend zu G9 zurückzukehren. In Bayern eiert die CSU. In Hessen dürfen Gymnasien wählen, auch Baden-Württemberg hat G-9-Züge eingerichtet.

Einheitlichkeit ist auf Jahre passé

Die Abkehr vom Turbo-Abitur ist politisch verständlich, weil in Umfragen rund drei Viertel der Eltern für eine längere Gymnasialzeit sind. Kein Ministerpräsident will durch protestierende Eltern eine Landtagswahl verlieren, weshalb die Rolle rückwärts meist direkt von den Staatskanzleien ausgeht.

Doch dass die Bundesländer nun auf breiter Front dem Willen der Wähler nachgeben, hat einen hohen Preis: Der Anspruch auf einigermaßen einheitliche, vergleichbare Gymnasialstrukturen in den Bundesländern ist auf Jahre passé. Die Schullandkarte der Bundesrepublik wird mehr denn je zum Flickenteppich.

Dauer der Gymnasialzeit: Acht Jahre? Neun Jahre? Oder beides?

Stand: Juni 2016

Wollen Sie mehr Details zum Schulsystem eines Bundeslands erfahren? Wählen Sie eines der Länder aus, indem Sie darauf klicken oder tippen.

Den Preis des kompletten Chaos werden Schüler, Lehrer und Eltern bezahlen. Rund 70.000 bis 80.000 Schülerinnen und Schüler wechseln jedes Jahr das Bundesland. Sie und ihre Familien müssen sich im Dschungel der föderalen Regeln zurechtfinden. Und selbst der Schulwechsel innerhalb eines Landes wird künftig aufwendiger, etwa wenn die einzelnen Schulen unterschiedliche Optionen anbieten.

Auch die Familien, die einer einzigen weiterführenden Schule die Treue halten, werden die Wiederentdeckung der Langsamkeit womöglich später bereuen. Denn die Rückabwicklung verursacht an den Schulen erheblichen Aufwand. Stundenkontingente müssen neu verteilt, Lehrpläne umgeschrieben werden. Das alles bei übervollen Klassenzimmern, denn die Reform der Reform wird den Andrang an die Gymnasien noch verstärken.

Nach Meinung der meisten Schulforscher ist es für die Lernqualität unerheblich, ob das Gymnasium acht oder neun Jahre dauert. Besonders gute Resultate in Leistungsvergleichen erzielten jüngst ausgerechnet die ostdeutschen Bundesländer - dort ist das achtjährige Gymnasium etabliert, über zu viel Stress klagt dort kaum jemand.

Sicher, das Turbo-Abitur wurde überhastet eingeführt, im irrigen Glauben, Schulen müssten so straff und effizient organisiert sein wie Wirtschaftsbetriebe. Man hätte den Bildungspolitikern die Zeit und die Standhaftigkeit gewünscht, diese Fehler korrigieren und dennoch bei acht Jahren bleiben zu dürfen. Die G-9-Mamas und G-9-Papas wollen es anders.

Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 340 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Schluß mit dem Unsinn!
zursachet 20.02.2014
Zitat von sysopDPAÜberhastet wurde die Gymnasialzeit auf acht Jahre verkürzt - doch eine Rücknahme des Turbo-Abiturs wie jetzt in Niedersachsen macht alles nur noch schlimmer. Die Landkarte der Bildung in Deutschland wird mehr denn je zum Flickenteppich. http://www.spiegel.de/schulspiegel/wissen/kommentar-g9-mamas-und-g9-papas-machen-abitur-a-954682.html
Es muss endlich (!!!!) Schluß gemacht werden mit diesem föderalen Kultussystem. Kein Mensch braucht den Kultus auf Länderebene. Die Leittragenden sind Lehrer, Schüler und Familien. In einer immer mehr auf Flexibilität der Arbeitnehmer ausgerichteten Gesellschaft in der die Politik die Flexibilität des Einzelnen geradezu zum Allheilmittel verklärt kann es nicht sein, dass immer wieder neue künstliche Bildungshürden in Deutschland entstehen, weil jeder D.pp auf Landesebene denkt, er kann machen was er will. Schluß damit. Spart auch ein Haufen Geld durch die dann überflüssig gewordenen Kultusministerien!
2. Bildung muss Bundessache sein!
zukunftseule 20.02.2014
Bildung muss eine Sache des Bundes werden. Eine einheitliche Bildung ist zu wichtig, als dass diese zum Spielball föderaler Wahlen wird.
3. Dieser "Rückschritt" mußte sein und ist zu begrüßen
gog-magog 20.02.2014
Zitat von sysopDPAÜberhastet wurde die Gymnasialzeit auf acht Jahre verkürzt - doch eine Rücknahme des Turbo-Abiturs wie jetzt in Niedersachsen macht alles nur noch schlimmer. Die Landkarte der Bildung in Deutschland wird mehr denn je zum Flickenteppich. http://www.spiegel.de/schulspiegel/wissen/kommentar-g9-mamas-und-g9-papas-machen-abitur-a-954682.html
Den Preis für den Wechsel des Bundeslandes haben schon immer die Schüler und Eltern bezahlt. Das liegt daran, dass dieses Land ausgerechnet im Bildungsbereich ein völlig unsinniges föderales System mit 16 Kultusministerien fährt, in denen 16 bildungsferne Politiker ihre Ideologie und Parteiallmacht ausleben. Die Rückkehr zum G9 kann nur positiv sein, denn das G8 war in dieser Form ein katastrophaler Fehler, der die Studienanfänger in diesem Land ins Mittelalter zurückgebombt hat. Fakt ist nämlich: der Großteil der G8-Abiturienten ist nicht geeignet an einer deutschen Uni - egal in welchem Bundesland - ein Studium aufzunehmen. Alle Unis in Deutschland haben das 13. Schuljahr in Form von Vor-, Brücken- und Nachholkursen längst wieder eingeführt und geben dafür Milliarden Euro aus - viel mehr, als sämtliche G9-Lehrer jemals gekostet hätten.
4. Wetten dass die Chance wieder nicht
kmgeo 20.02.2014
genutzt wird? Schon bei der Einführung des G8 war es eigentlich notwendig, die Lehrpläne nicht nur an die kürzere Zeit, sondern auch an die heutige Zeit anzupassen. Das ist nichts passiert, da einerseits keine Zeit blieb (warum G8 eingeführt wurde, ist mir sowieso schleierhaft - bloß weil es die anderen haben?) und andererseits die Kultusbürokratie den Aufwand und die Konflikte mit den Lehrern bzw. dem Philologenverband scheute. Natürlich ist es schwierig und braucht viel Zeit, die wichtigen von den weniger wichtigen Lehrinhalten zu trennen und vor allem alte Zöpfe abzuschneiden (meine Kinder können den Übergang von der Wildbeuter- zur Nomaden- zur Bauerngesellschaft besser erklären als den von der Agrar- zur Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft). Man muss die Chance aber auch ergreifen - und vielleicht auch mal an die langen Ferienzeiten gehen, die ganz im Gegensatz zu den übervollen Schulzeiten stehen.... Aber ich fürchte nur, dass die Chance auch jetzt wieder nicht ergriffen wird (zumal der Philologenverband und alle Gymnasiallehrer in Nds damit beschäftigt sind, 45 Minuten Lehrmehrarbeit zu kompensieren).
5. Grundgesertzverletzende Schulrealität
Friedrich Hattendorf 20.02.2014
Zitat von sysopDPAÜberhastet wurde die Gymnasialzeit auf acht Jahre verkürzt - doch eine Rücknahme des Turbo-Abiturs wie jetzt in Niedersachsen macht alles nur noch schlimmer. Die Landkarte der Bildung in Deutschland wird mehr denn je zum Flickenteppich. http://www.spiegel.de/schulspiegel/wissen/kommentar-g9-mamas-und-g9-papas-machen-abitur-a-954682.html
Bereits jetzt wird die in Grundgesetz versprochene Freizügigkeit de facto von den Kultusministerien ausgehebelt: Wer zieht noch um, wenn das bedeutet: "Eltern versetzt, Kind sitzengeblieben."?
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Fotostrecke
Erfolgreicher Aufstand: Rebellische Eltern kippen Schulreform


Social Networks