Kreativschulen: Spielerisch zur Höchstleistung

Von Fenja Mens

Arabisch ab der ersten Klasse, das Schulfach "Entdecken" und Schachkurse für Hochbegabte: Mit privaten Kreativitätsschulen will ein ostdeutsches Professoren-Ehepaar die Manager und Ingenieure von morgen heranziehen. Eltern rennen ihnen die Türen ein.

Die Grundschüler der Klasse 1d rechnen um die Wette. Auf Englisch. "Ten minus two?", fragt die Lehrerin. "Thamania", ruft Max. Seine Mitschüler kichern. "Mensch Max, das war doch Arabisch...", tadelt Annika Wiedensohler ihren Sitznachbarn. Der schiebt seine Brille zurecht und grinst. "Ach ja, stimmt. Ich meine natürlich eight." Die anderen Erstklässler nicken. Aus eigener Erfahrung wissen sie, dass die fremden Wörter im Kopf schon mal durcheinander geraten können.

Ein Stockwerk höher haben Annikas älterer Bruder Simon und ein Freund den Lehrertisch in Beschlag genommen. Die beiden experimentieren mit einem Hebelarm herum, verschieben mal auf der einen Seite die Gewichte, mal auf der anderen. "Entdecken, Erfinden, Erforschen" heißt das Fach, kurz EEE. "Die Kinder sollen naturwissenschaftliche Gesetzmäßigkeiten erkennen und anwenden", erklärt Lehrer Steffen Einenkel. In seinem schwarzen Outfit und mit der sorgsam rasierten Glatze und dem Kinnbärtchen könnte der 34-Jährige auch als Galerist durchgehen.

Einenkel klemmt einen Bleistiftstummel an das eine Ende einer mit Scharnieren verbundenen Konstruktion aus Holzleisten. Dann fährt er mit einem Holzstift, der an der anderen Seite des Gestells befestigt ist, die Konturen einer gezeichneten Micky Maus nach. Wie von Zauberhand geführt, malt auch der Bleistift die Comic- Figur. "Das ist ja eine Kopiermaschine", sagt Franziska staunend. "Genau!", sagt Einenkel. "Und ihr versucht das jetzt mal nachzubauen." Als es zur Pause klingelt, schiebt Janek die Unterlippe vor und stöhnt: "Mööönsch, war gerade so spannend!"

Mit Schach, Yoga und Arabisch zum Erfolg

Von außen betrachtet wirkt die Schule alles andere als spannend. Der weiß getünchte Plattenbau duckt sich unauffällig an eine Ausfallstraße im Leipziger Nordosten. Früher grübelten hier Wissenschaftler über die Energieversorgung der DDR. Heute wird hier Arabisch und Englisch ab der ersten Klasse unterrichtet, Französisch ab der dritten. EEE, dazu Theaterspielen und Schach, Tanz, Kreatives Schreiben und der Umgang mit dem PC – an der BIP-Kreativitätsschule gehört das ganz selbstverständlich zum Lehrplan. Wobei BIP so viel heißt wie Begabung, Intelligenz, Persönlichkeit.

Mit jedem der Fächer verbinden die Schulgründer Hans-Georg Mehlhorn, 66, und Gerlinde Mehlhorn, 63, eine Absicht: Schach und Informatik sollen das strategische Denken lehren, Tanz und Musizieren die Sinne aktivieren, die Beschäftigung mit den arabischen Schriftzeichen die Zusammenarbeit der Hirnhälften stimulieren. Die Mehlhorns hoffen, dass die Absolventen später etwa als kreativ denkende Ingenieure oder Manager die Gesellschaft voranbringen.

Bereits zu DDR-Zeiten hatte sich das Ehepaar mit den Themen Begabung und Kreativität befasst. Die beiden entwickelten ein Lehr-Konzept und probierten es zwischen 1988 und 1993 in Leipziger Kindergärten und Grundschulen aus. Mit großem Erfolg: Die Kinder, die durchgehend gefördert worden waren, erwiesen sich in Tests als erheblich leistungsfähiger, intelligenter und kreativer als die der Vergleichsgruppen – völlig unabhängig von der sozialen Herkunft.

Hochbegabte fühlen sich wohl

Die 23 privaten Kindertagesstätten und Schulen, die sie inzwischen in Sachsen, Thüringen, Berlin und Brandenburg gegründet haben, laufen prächtig. Familie Kilian-Wiedensohler hat sogar all ihre fünf Kinder in den Einrichtungen der Mehlhorns untergebracht: Annika, 7, und Simon, 10, besuchen die Grundschule, Nico, 11, das Gymnasium, Florian, 6, die Vorschule und Daniel, 4, den Kindergarten, wo schon die Kleinsten tanzen und Theater spielen, englische Lieder singen und Yoga üben. Die Plätze in den Einrichtungen werden streng nach Anmeldung vergeben; Auswahltests gibt es nicht, allerdings Schulgebühren von durchschnittlich etwa 300 Euro pro Monat und Kind.

"Die Schulen der Mehlhorns lassen Talente erkennen, von denen wir nie etwas geahnt hätten", sagt Birgit Kilian. Von Schach etwa haben sie und ihr Mann relativ wenig Ahnung. Dennoch sind heute vier ihrer fünf Kinder begeisterte Schachspieler; schon ab der Vorschule wird das Spiel unterrichtet. "Auf die BIP-Einrichtungen kamen wir durch Simon", erzählt die 44-Jährige. "Er redete zu Hause ganz normal. Aber in seinem damaligen Kindergarten wollte er einfach nicht sprechen."

Die Eltern beschlossen, ihren Sohn in die Vorschulgruppe des Kreativkindergartens zu geben. "Simon taute schon nach wenigen Wochen auf, das vielfältige Angebot begeisterte ihn", schwärmt Kilian. Kurz darauf schulten sie auch den ältesten Sohn an die BIP-Grundschule um. Inzwischen arbeitet Birgit Kilian dort als Lehrerin, ihr Mann Alfred Wiedensohler ist Mitglied im Elternrat.

Simons 4e ist eine ganz spezielle Klasse. "Das sind unsere Hochleister", sagt Karola Schöppe, die Leiterin der Leipziger Grundschule. "Manche von ihnen sind hochbegabt, andere einfach hochmotiviert."

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik SchulSPIEGEL
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Wissen
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
Fotostrecke
Privates Schulmodell: Entdecken, Erfinden, Erforschen

Social Networks